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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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Editorial 

Zur Vermittelbarkeit 

trage: Sind die jüngsten Anschläge auf Perso - 
. icn in der BRD-Bevölkerung politisch vemitt¬ 
elbar? 

Antwort: Der Einfluß der Gewaltvideos auf 
die Terroristenszene und große Teile der Be¬ 
völkerung hat ein neues »Wir«-Gefühl er¬ 
zeugt. Die Identifikation des Konsumenten 
nit dem für Abwechslung sorgenden Aktivi¬ 
sten ist sehr hoch. Politische Argumentationen 
könnten dem nur schaden! 

Wer von uns erwartet, daß wir in dieser 
Nummer auf Sinn oder Unsinn der letzten 
j\nschlagc von RAF und einigen sich inzwi¬ 
schen ähnlich antiimperialistisch gebärden¬ 
den Schein-RZ’s cingehcn, wird nicht ent- 
äuscht werden. Wenn wir es nach 6 Jahren 
£f wieder tun (cs gab in der Nullnummcr 
ichon einmal eine Kritik an RAF und Staat), 
dann nicht weil wir glauben, daß wir auf die 
RAF oder auf die antimpcrialistischcn Hard¬ 
liner cinwirkcn könnten, sondern weil wir 
jioffcn jede Menge Leute zu erreichen, die 
mangels Alternativen und angeekelt von der 
sich etablierenden Politik der GRÜNEN, 
sich von der Militanz der RAF, ihrer Schei- 
icffizicnz und ihrer »revolutionären Kampf- 
Attitüde« faszinieren lassen könnten. 

Dabei stört uns nicht so sehr die Analyse 
die BRD sei ein imperialistischer Staat, denn 
las ist sic zweifellos! Es stört uns das über 
-.eichen gehen, der Fanatismus, die alte Ka¬ 
dermoral, die politische Sackgasse des Kon¬ 
zepts, der Stclivcrtrcterkricg, - am meisten 
stört uns die Ausnutzbarkeit der RAF durch 
(len Staat. Eine Entwicklung, die seit dem 
jjeginn der RAF-Stratcgie durchschlägt und 
tm Verlauf der Jahre allein ein Hinterfragen 
flcr Strategie innerhalb der RAF hätte her¬ 
vorbringen müssen; ein Diskussionsprozeß, 
{icr von seiten der RAF nie geführt wurde. 
Die Liste kann fortgesetzt werden: z.B. mit 
(lern »Kronzeugen«: Wären 2 Jahre befristete 
(Regelung die Zeit gewesen, die ein V-Mann 
braucht um als RAF-Kader wiederaufzutau- 
ihen, auszupacken und mit neuer Identität 
versehen zu werden? Wer bestimmt die RAF- 


Politik, die falschen oder die richtigen Kader 
(- vgl. die Roten Brigaden)? 

Die Antwort werden uns die nächsten Jah¬ 
re geben. Die Loslösung von der übrigen Lin¬ 
ken ist die Voraussetzung für solche Ver¬ 
dachtsmomente. An dieser Situation haben 
sich alle beteiligt, die Isolationsstrategie des 
Staats, die Distanzierungs- statt Auscinan- 
dcrsctzungswelle in der Linken und die elitä¬ 
re Politik der RAF. Wir können nur für die 
Auseinandersetzung mit den Inhalten sorgen, 
wollen aber keinesfalls an denen der RAF 
kleben bleiben, weil cs eben nicht unsere In¬ 
halte sind. 

Dazu legen wir zwei Beiträge vor: einmal 
ein Papier von Frankfurter Autonomen , das 
unseres Erachtens viele richtige Kritikpunkte 
enthält und wert ist (kontrovers) diskutiert zu 
werden. Vorausschicken wollen wir, daß die 
SF-Rcdaktion diese Kritik dennoch für unbe¬ 
friedigend hält, weil cs den bewaffneten 
Kampf als solchen trotz allem, gleichsam ge¬ 
gen die RAF zu retten versucht. Doch das 

■ sind revolutionsromantisch Gcdankenspicle- 

■ rc icn, die vor allem als negatives Abziehbild 

■ zur parlamentarischen Linken zu verstehen 
sind. Wir lehnen diese Art des politischen 
Kampfes hier und heute schon deshalb ab, 
weil siedas Denken der Beteiligten einengt: 
es wird so getan, als hätten wir in der Politik 
dieselben Spielregeln wie etwa im Boxring: es 
gibt den Feind und wenn er am Boden liegt, 
haben wir gewonnen, also auf ihn, prügeln 
wir darauf los. . , Dabei ist cs nur unsere 
Ohnmacht, die uns »zurück«-prügcln läßt! 
Ein wesentlicher Unterschied zu RAF und 
STAAT, die beide die Feindbilder aufbau¬ 
schen, alles vereinfachen, um den »Feind« 
leichter zum Abschuß freizugeben, beide be¬ 
sitzen dicssclbc machtpolitischc, zweckratio- 
nalc Denkstruktur. 

INHALT: 

Titclphoto: Wide World Photo 

FLI-Hcrbsttreffcn: 

“Gentcchnologic/Antipädagogik/Manner- 

sprachc/ 

“Int er nationalismus/soziale Bewegungen/ 

“Sozialtcehnologicn/Anarchafeminismus/ 

Neokonservatismus 

Libertäre Zcntrcn/A-Szene 

Kern: Anarchafeminismus/Appelscha-Zeltla- 

ger 

Lib. Initiative: Neokonservatismus 

SF/Linke Bulas: § 130a 

Kamann: Kesseltreiben 

Frankfurter Autonome: Kritik der RAF 

SF/Frcunde des Blues: Das Konzept Spaßgu- 

crrilla 

A-Kongreß in Australien 

Totalvcrwcigercr 

Kurzmcldungen/Tcrminc 

Anberg: Spanienfilme 

Müller: Von der FAUD zur NSDAP 

Hug: Zu Robert Reitze! 

Bücher: Zum Opiumkrieg, zu Landauer 
zu Stowasser, zu Hans Popper, zur RAF 
u.v.a. 

Diskussionsteil: 

Kritik an den Libertarians/am Frccnctwork 
Kritik an Pohrt-Thcsen (SF-22) 

Kritik ■ an Bittermann’s Stairrmheim-Rezen- 
sion(SF-21) 


Eine Alternative muß anders aussehen, 
muß Verhalten verändern können, muß ein¬ 
gefahrenes Denken verunsichern, muß für 
Überraschungen gut sein, muß Repression 
unterlaufen anstatt im Wechselspiel mit ihr zu 
agieren. Die Zeit der Blutrache ist vorbei, 
auch wenn es uns emotional manchmal noch 
so gelüstet, einem von denen die Fresse zu 
polieren. Macht besiegt man besser durch 
subversives Denken und Handeln als durch 
bewaffneten Kampf. 

Unser alternativer Beitrag beschäftigt sich 
deshalb mit Thesen gegen den Mythos vom 
bewaffneten Kampf. Für Spaß-Gucrrilla! 

Und was wir eigentlich wollen findet ihr in 
den Artikeln zum FL /-Herbst treffen und zu 
den Libertären Zentren. 






HK 


Impressum 

HERAUSGEBER: komm für libertäre Informatio¬ 
nen (FLl) 

V.i.S.d.P.: Herby Stichs, Moosweg 165, 5090 Lever¬ 
kusen, namentlich gezeichnete Beiträge stehen unter 
der Verantwortlichkeit der Verfasser und geben nicht 
die Meinung der Herausgeber oder gar des presse¬ 
rechtlich Verantwortlichen wieder. Eingesandte Arti¬ 
kel sind erwünscht, vorherige telefonische Absprache 
ist sinnvoll; über einen Abdruck entscheiden Mitglie¬ 
der der Redaktion; ein Anspruch auf Veröffenili- 
c ß n g besteht nicht; Honorare bleiben auch unsere 
Wunschvorstellung. 

Nachdrucke gegen Quellenangabe sind ausdrücklich 
erwünscht! 

KNASTkREIEXEMPLARE bleiben solange das 
Eigentum des Verlags, bis sie den Gefangenen ausge¬ 
händigt sind. Eine “Zur-Iiabe-Nahme " ist keine A us¬ 
händigung! 

Auflage: 2400 Exemplare; Redaktion und Lay Our 
hi, Herby, Horst, Uli und Wolfgang; Satz und Ver- 
tneb: Trotzdem-Verlag, Grafenau; Druck: Druck- 
cooperative Karlsruhe; Weiterverarbeitung: Libellus- 
Verfag, Stuttgart zusammen mit Kollektiv^ (Beates 
Wunschbezeichnung) aus der Druckcooperative, der 
Redaktion und freiwilligen Helfern aus der Leser¬ 
schaft. 

Erscheinungsweise: vierteljährlich; Photos: unge¬ 
zeichnete Photos aus dem ST-A n hiw 
Abonnementsgebühre n : 15.-DM 1‘iir 4 Nummern 
{Bezahlung im voraus; automatische Vorlangeruni» 
nach Ablauf des ABO-Zcilraums. d.h. hiue acht 
uns schriftlich Bescheid, wenn ihr den SF nicht mehr 
beziehen könnt oder wollt.) Anzeigenpreise: 1 Spal¬ 
te 100.-DM + MWST; 1/2-Scite: 200.-DM- I Seite- 
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Anarchistische und alternative Kleinverlagc erhal¬ 
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Redaktionsanschrift: SCHWARZER FÄDLN. 
Postfach, 7031 Grafenau-I: Tel.- 070V. - 44 VV 
ISSN: 0722-8988. 

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Anzeigenschluß Nr. 24: 10.4.87 








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Hier nun die Ergebnisse bzw. Schwerpunkte 
der Diskussion im einzelnen: 

Die AG Aniipädagogik hat bislang zwei 
Stränge an denen sie arbeitet, In dem einen 
Fall'verfolgt und analysiert sie die antipäd¬ 
agogischen Diskussionen und Veröffentlich¬ 
ungen. Sie trägt eigene Thesen und Beiträge 
in öffentliche Diskussionszusammenhänge. 

Der andere Strang ist die Beschäftigung 
mit dem Schul-, insbesondere dem Freien 
Schulwesen. 

Unser Ansatz bei diesem Treffen war die 
Analyse der Argumentation der Befürworter 
von Staatsschule und Schulpflicht. Wie sie 
unter anderem bei dem Treffen der Freien 
Schulen (Bonn) im Oktober oder beim »Bil¬ 
dungstag ’86« in Frankfurt benutzt wurde. 
Die Arbeit hatte das Ziel Antithesen zu ent¬ 
wickeln. Von den Pro-Schul oder Schulpflicht 
Argumenten scheinen uns allerdings nur die 
folgenden von Bedeutung: 

Durch Schule und/oder Schulpflicht werden 

1. Zukunftschancen gewährleistet; 

2. wird Kinderarbeit verhindert, 

3. Schule ist eine soziale Errungenschaft, 

4. nur der Staat garantiert gleiche Bildung, 

5. durch Öffnung des Bildungswesens wird 
der Zugriff konservativer Kräfte möglich. 

Die Antithesen lassen sich mit wenigen Wor¬ 
ten und daher stark verkürzt so formulieren: 
Zu 1: Da »Zukunftschancen« immer durch 
die herrschende Klasse definiert sind, sind 
diese für uns gar nicht relevant. Die durch 
uns definierte Zukunftschancc wird nur 
durch selbstbestimmtcs Lernen möglich. Die 
Staatsschulc ist immer systemkonform und- 
staatserhaltcnd. 

Zu 2: Schule verhindert den Mißbrauch von 
Kinderarbeit nicht, sondern bereitet die Aus¬ 
beutung des Menschen durch die herrschen¬ 
den Klassen vor. Sie beraubt den Menschen 
um Jahre lebendiger Erfahrung. Ausnützung 
von Kinderarbeit kann nur durch Umvertei¬ 
lung der Produktionsmittel verhindert wer¬ 
den. 



Zu 3: Schule ist nachweisbar immer Werk- 
zeug der Herrschenden gewesen und höch¬ 
stens durch die französische Revolution als 
partiell soziale Errungenschaft zu bezeich¬ 
nen. Hier war es die Forderung der Revolu¬ 
tionäre nach »Bildung für alle«, die als soziale 
Errungenschaft bezeichnet werden könnte. 
Spätestens seit der Einführung der Schul¬ 
pflicht anfangs des 19. Jahrhunderts darf es 
als asoziale Errungenschaft bezeichnet wer¬ 
den. 

Zu 4: Es wird suggeriert der Staat garantiere 
»gleiche Bildung«. Tatsächlich gibt es keine 
gleiche Bildung, da Menschen biologisch und 
soziologisch verschieden sind. Der Staat ver¬ 
hindert Bildung gemäß eigener Bedürfnisse 
und Interessen und verkrüppelt Anlagen und 
Fähigkeiten. 

Zu 5: Die Öffnung des Bildungswesens er¬ 
möglicht es erst den abgelutschten Normie¬ 
rungsanstalten etwas entgegenzusetzen und 
das staatliche Bildungsmonopol anzugreifen. 

Wer sich intensiver mit den dargestellten 
Antithesen beschäftigen will, kann bei der 
FLI-Rundbriefstelle gegen Porto- und Ko¬ 
pierkosten ein Papier über die Diskussion in 
der Arbeitsgruppe erhalten. In naher Zu¬ 
kunft soll auch überlegt werden, wie wir uns 
bei der nächsten Volksuni in Bochum einbrin- 
gen wollen. Außerdem, wie wir »hier und 
heute« mit einem anarchistischen Bildungs¬ 
angebot beginnen können. Eine Idee war 
z.B. Lernen und Leben in bestehenden Pro¬ 
jekten oder auch bei Einzelpersonen zu er¬ 
möglichen. Hierzu wurden besonders die An¬ 
wesenden aufgefordert sich gefälligst Gedan¬ 
ken dazu zu machen! 



AG Internationalismus/Transnationalfsmius 

Diese AG wurde durch mehrere Beiträge im 
letzten Rundbrief angeregt. Da sich im Rah¬ 
men der FLI-Treffcn zum erstenmal eine 
Gruppe mit diesem Themenkomplex be¬ 
schäftigte, kam sic zunächst kaum über eine 
konstituierende Diskussion hinaus. Als Ar¬ 
beitsbereiche für künftige Treffen wurden ge¬ 
nannt: 

a) die Beziehungen zwischen 1. und 3. Welt, 
Geschichte und Funktionieren des »Weltwirt- 
schaftssystcms«; 

b) der Begriff »Nation«; Nationalismus als 
abstrakte Identifikationsbewegung und damit 
immer Abgrenzung/Ausgrenzung von ande¬ 
ren; seine Psychologie und Funktion; damit 
zusammenhängend 

c) unsere Position zu nationalen Aufstands¬ 
bewegungen oder separatistischen Bewegun¬ 
gen; zur »Ausländerfragc«; 

d) Kolonialismus - seine Auswirkungen am 
Beispiel von »Kaffee« 

Alle', die sich auf diese Diskussionen wei¬ 
ter vorbereiten wollen, können sich an die 
/XZ-Kontaktudrcsse in Frankfurt wenden. 
Ein Tip zum Einstieg: der Artikel »Faschis¬ 
mus, Nationalismus, Antifaschismus« von 
Hans-Jürgen Degen in SF-15. 


AG Gentechnologie und Reproduktionstcch- 
nologien 

In dieser Arbeitsgruppe haben wir zunächst 
die uns bekannten Reproduktionstcchnolo- 
gien und ihre Anwendungsgebiete aufgcli- 
stet: 

A: Hier kann der Alltag jeder Frau betroffen 
sein: 

- im Bereich der sogenannten Schwanger¬ 
schafts »Vorsorge« z.B. die Amniozentese 
(Fruchtwasseruntersuchung zur Chromoso¬ 
menanalyse), Ultraschalluntersuchung 

- im Bereich der sogenannten »vorgeburtli¬ 
chen Medizin« medizinische Eingriffe an Em¬ 
bryonen 

~ im Bereich der sog. »frühgeburtlichen Me¬ 
dizin« medizinische »Betreuung« und Experi¬ 
mente mit zu früh geborenen Föten (jede 
Frau, die sich dagegen zur Wehr setzen woll¬ 
te, gelte als Mörderin) 

- im Bereich der Geburtsmedizin die Tech¬ 
nisierung des Geburtsvorgangs. 

Diese Eingriffe gehören bereits zum medizi¬ 
nischen Alltag, und bestimmen das Krank¬ 
heitsbild von der Schwangerschaft. 



duane michals 


B: Das »Leben aus der Retorte«, durch 

- künstliche Befruchtung : 

a) im Körper der Frau mit dem Samen des 
E/temannes, 

b) mit dem Samen eines anonymen Spenders 
von der Samenbank (nur für verheiratete 
Frauen!), 

c) in-vitro-Fertilisierung (Befruchtung einer 
Eizelle durch die Samenzelle außerhalb der 
Gebärmutter mit anschließender Einpflan¬ 
zung in die Gebärmutter. Vorbereitung 
durch Superovulation) 

- Embryonentransfer 

- Embryonenselektion 

- sogenannte »Leihmütter«. 

Allzu deutlich ist, daß mann hier nur an 
Frauen experimentiert, obwohl es doch vor¬ 
dergründig um die Erfüllung eines beidseiti¬ 
gen Kinderwunsches geht. 

Das Thema Kinderwunsch und gesell¬ 
schaftliche Rollenerwartung wollen wir noch 
ausführlicher diskutieren. Bereits angespro¬ 
chen haben wir den Aspekt der Eugenik , der 
in all diese Techniken Eingang findet; sind sic 
doch laut Propaganda dazu da, Behinderun¬ 
gen auszuschließcn und »Wunschkinder« zu 
ermöglichen. Behinderung wird in diesem 
Zusammenhang auch nur als genetisch be¬ 
dingt angesehen; sozial bedingte (z.B. Ver¬ 
haltensstörungen) oder umweltbedingte 
(Strahlenschäden) oder gerade durch die 
frühgeburtliche Medizin verursachte fallen 
bei dieser Begriffseinschränkung vom Tisch- 










5 



5) Landwirtschaftlich produzierte »Rohstof¬ 
fe« sollen tendenziell die knapper werdenden 
fossilen Rohstoffe ersetzen, und ermöglichen 
andererseits den Industrieländern eine größe¬ 
re Unabhängigkeit von den Rohstoffquellen 
‘ der 3.Welt. 


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Die neuen Reproduktionstechniken, die vor 
geblich die einzelnen Frauen beruhigen so] 
len, schieben ihnen so die alleinige Verant 
wortung für das Dasein behinderter Men 
sehen zu. 


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Der latente Rassismus, der sich in der Rea¬ 
lität der Anwendung in der 3. Welt zeigt, 
kommt vor allem in der massenhaften 
Zwangssterilisation von Frauen dort zum 
Ausdruck, die mit dem Überbevölkerungs¬ 
mythos gerechtfertigt werden. Bevölkerungs- 
kontrollc wird im Sinne von Selektion betrie¬ 
ben. Die Möglichkeiten der Geschlechtsvor- 
hcrbcstimmungen führen zur massenhaften 
Abtreibung weiblicher Embryonen (Indien). 
Welche Interessengruppen stehen nun hinter 
diesem umfassenden Zugriff auf die weibli¬ 
che Natur? 

In der Arbeitsgruppe nannten wir: 

1) die sexistische Gynäkologie, welche ver¬ 
sucht, die Frau industriell zu verwerten (vgl. 

Retortenkliniken) 

2) das Bestreben der patriarchalisch organi¬ 
sierten Industriegcscllschaften nach Möglich¬ 
keiten einer Reproduktionskontrolle. Dieses 
geht Hand in Hand mit der zunehmenden 
Zerstörung der natürlichen Lebensgrundla¬ 
gen. Wird in Zukunft unsere Abhängigkeit 
von diesen Technologien so weit sein, daß 
nur noch die künstliche Fortpflanzung gesun¬ 
de Voraussetzungen für Leben garantiert? 
(siehe z.B. die Entwicklungbei Arbeitern in 
hochbelasteten Industriezweigen, die, weil 
sie eventuell zeugungsunfähig werden kön¬ 
nen, Samen auf Samenbanken deponieren, 
um zum gegebenen Zeitpunkt ihr »Wunsch¬ 
kind« erzeugen zu lassen) 

Für uns - die teilnehmenden Frauen - 
wurde als persönliche Konsequenz vor allem 
deutlich, daß wir versuchen müssen, uns der 
männlichen Gynäkologie zu entziehen, und 
zwar nicht erst dann, wenn wir in eine persön¬ 
liche Abhängigkeitsituation zu geraten dro¬ 
hen. D.h. wir wollen uns informieren über fe¬ 
ministische Gesundheitszentren, uns wenn 
möglich am einer Vernetzung beteiligen. Ge¬ 
rade auch für uns als Anarchistinnen ist es 
wichtig, gemeinsam diese unsere ureigensten 
Probleme anzugehen, da sie von den Män¬ 
nern in unseren Gruppen nicht wahrgenom¬ 
men werden, weil sie sie nicht betreffen. 
Kontakte: Waltraud Kern, FLI-Rundbrief- 
stelle und Friederike Kamann , SF-Redaktion. 


AG Gentechnologie und die Folgen für die 
Welternährung, Landwirtschaft 

Die Diskussion in dieser Arbeitsgruppe ver¬ 
suchte aufzuzeigen: 

1) Die heutige Landwirtschaft ist strukturell 
in hohem Maße abhängig von großen Kon¬ 
zernen. Das äußert sich einerseits darin, daß 
sich die Landwirtschaft von einigen wenigen 
Hochertragssorten und -rassen abhängig ge¬ 
macht hat, und andererseits die Multis die 
Bauern durch das-»Hochertragssaatgut mit 
besonderen Ansprüchen« zur Abnahme von 
agrartechnischen Gütern zwingen (z.B. Her¬ 
bizide, Insektizide, Maschinen). Hierbei liegt 
die Saatgutherstcllung bislang bei vielen Kul¬ 
turpflanzen noch bei sogenannten mittelstän¬ 
dischen Betrieben, was sich durch die kapita¬ 
lintensive gentechnologische Herstellung un- 
serei Pflanzen schnell ändern wird. 

2) Diesselben Konzerne (vor allem Pharma-, 
Chemie- und Ölmultis) haben große Anteile 
an der Nahrungsmittel verarbeitenden Indu¬ 
strie, sind also zunehmend auch Abnehmer 
der Produkte und Vertreiber. Die Tendenz 
besteht darin, sich die absolute Macht über 
die gesamte menschliche Nahrungskette an¬ 
zueignen. 

3) Der wissenschaftliche Forschungsansatz in 
der Gentechnologie ist nur auf den Bereich 
hin ausgerichtet, der Profitmaximierung ver¬ 
spricht. (Z.B. die Erzeugung von herbizidre¬ 
sistenten Pflanzen, um im Paket die Herbizi¬ 
de weiter gut verkaufen zu können) 

4) Durch die Gentechnologie läßt sich die 
Herstellung von Nahrungsmitteln aus land¬ 
wirtschaftlich gewonnenen »Rohstoffen« for¬ 
cieren. Also statt des gewohnten fertigen Pro¬ 
dukts »Kartoffel« werden nur noch Stärke, 
Kohlehydrate, Vitamine mittels eigens dazu 
gen technologisch spezialisierter Pflanzen 
produziert. Die eigentliche Nahrungsmittel¬ 
produktion findet im Labor der Multis statt 
(Food Design, Fast Food Ketten) und wird 
vom Boden weitgehend unabhängig. Da¬ 
durch wird auch die Toleranz gegenüber der 
zunehmenden Verseuchung erhöht. 


6) Die gentechnologische Schaffung neuer ! 
Kulturpflan zen und Tierrassen ist ein Ein- \ 
griff in die elementarsten Kreisläufe der Na- | 
tur, der von niemandem kontrolliert werden | 
kann, da die Wechselbeziehungen völlig un- ; 
genügend bekannt sind. 

7) Die Propaganda für die Gcntcchnologie 1 
arbeitet mit dem Gespenst des Hungers in der : 
3. Welt und dem Mythos der Übcrbcvölke- j 
rung. Tatsache ist jedoch, daß der Hunger 
nichts mit sogenannter Überbevölkerung zu ! 
tun hat,, sondern damit, daß zwar weltweit i 
genügend Nahrungsmittel produziert wer- j 
den, aber eben nicht dort, wo die Menschen | 
leben, und wenn, dann nicht für die Men- i 
sehen , die dort leben. Produziert werden in I 
der Landwirtschaft der 3.Welt Rohstoffe für i 
die Verwertungsintercsscn der Multis. Nah- : 
rungsmittel müssen in diese Länder stattdes- 
sen für teure Devisen importiert werden oder 
fehlen ganz einfach. Und dann herrscht Hun¬ 
ger. 

8) Welche Möglichkeiten bestehen für uns, . i 
diese Abhängigkeitsbezichungcn zu durch- j 
brechen? Zunächst sollten wir uns unsere ei- I 
gene alltägliche Abhängigkeit durch unsere \ 
Konsumgewohnheiten einmal deutlich ma- j 
chen. Was essen wir, wo wird es wie produ¬ 
ziert; wer verdient? 

9) Die Direktvermarktung, der Zusam¬ 

menschluß mit Lebensmittelproduzenten, die I 
sich aus diesem Abhängigkeitsverhältnis he- | 
wußt{\) lösen wollen (z.B. Bio-Bauern) wäre 
eine Möglichkeit. Zu beachten ist dabei, daß 
hier der Geldkreislauf nicht durchbrochep ! 
wird, und wir uns so eventuell neue »grüne j 
Kleinkapitalisten« heranziehen, (siehe Bio- j 
Läden, Bio-Großhändler) ; 

In der Gruppe wurden folgende Arbeits- ! 
Schwerpunkte beschlossen: ! 

- Verflechtungen in der Landwirtschaft j 
(EG; Funktion von Genossenschaften) 

- wirtschaftliche Verflechtungen der Multis i 

- Zusammenhang mit Bevölkerungspolitik, I 

also Reproduktionstechnologien ! 

Kontakt: FLI Frankfurt und SF Redaktion | 














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AG Neokonservatismus 

Die AG kam.leider nur am Rande dazu, sich 
mit ihrer eigentlichen Themenstellung zu be¬ 
fassen. Zu viele Begriffsklärungen waren vor¬ 
ab nötig, weil die Teilnchmcr/-inncn recht 
unterschiedliche Diskussionsinteressen hat¬ 
ten. 

So nahm breiten Raum die Darstellung 
neoliberaler Strömungen ein, die einen expli¬ 
ziten Vorbehalt gegenüber staatlicher Wirt¬ 
schaftsförderung und -lenkung vertreten. 
Diesen Kreisen sind u.E. auch die Liberia- 
rians zuzurcchncn, welche sich in letzter Zeit 
verstärkt bestimmten anarchistischen Kreisen 
um die Mackay-Gcscllschaft, Frci-Gcld- und 
Frci-Markt-Thcorctikern als Gesprächspart¬ 
ner anbictcn, u.a. auch im Rahmen eines 
»Freenetwork « zu vernetzen suchen (vgl. da¬ 
zu auch die bisherigen Beiträge im SF zur 
Theorie des Monetarismus [Friedman, 
Hayek] sowie der Gescllianer, [von Horst 
Blume in Nr. 13]). Diskutiert wurde in der 
AG ebenfalls das Wiedererstarken sogenann¬ 
ter Konservativer Institutionen wie Familie, 
Kirche. Dies wurde einerseits in Beziehung 
gesetzt zu umsichgreifendcn gesellschaftli¬ 
chen Ohnmachtserfahrungen, denen schnell 
der Rückzug ins Private, in spirituelle und 
Psychokultc, in Zweierbeziehungen, Kon¬ 
sum- und Freizeitvcrhaltcn folgt, sowie eine 
allgemeine Abkehr von der Politik. Dieses 
Verhalten erscheint auch bedingt durch die 
forcierte technologische Entwicklung, der 
sich dcr/dic Einzelne nur noch passiv teilneh¬ 
mend ausgesetzt sieht. Andererseits ist die 
Entwicklung auch Ausdruck einer gezielten 
staatlichen Propaganda der»Versöhnung«, 
welche — und hier kamen wir nun endlich 
doch zum Neokonservatismus - die über¬ 
kommenen Keimzellen der Hierarchie im In¬ 
teresse der Herrschaftssicherung bewußt the¬ 
matisiert. Vor allem betreiben die Neokon¬ 
servativen aber die Entwicklung einer gerade 
auf den neuen Technologien basierenden 
starken Exportgescllschaft mit ausgeprägter 
nationaler staatlicher Förderung und Len¬ 
kung. Gefordert ist dabei auf der gesellschaft¬ 
lichen Ebene die absolute Flexibilität aller 
Abhängigen, (vgl. dazu den Beitrag in dieser 
Nummer) Diese Zusammenhänge neokon¬ 
servativer Vorstöße will die AG weiter unter¬ 
suchen. Sie hat sich folgende - auch ncolibe- 
ralistischc Ansätze thematisierende - Ar- 
beitsschwerpunktc vorgenommen: 

1) der Konservatismus in Geschichte und 
Gegenwart 

2) Konservatismus und Neokonservatismus 

3) die Nähe von bestimmten anarchistischen 
Strömungen zum Faschismus 


4) Internationale Verflechtungen 

5) Subsidiarität und Sozialethik (vgl. letzten 
Rundbrief) 

6) Libcrtarians, Frccnetwork usw. 

7) Zusammenhang von-Konservatismus und 
Faschismus 

8) Neokonservatismus und neue Technolo¬ 
gie 

Kontakt: FLI Köln 


AG Sprache und Herrschaft 

Arbcitsgrundlagc für diese Gruppe waren ein 
Thesenpapier zur »Verankerung patriarchali¬ 
scher Herrschaftsstruktur in der Sprache (an- 
gclchnt an Marielouise Janssen-Jurrcit: Se¬ 
xismus, Über die Abtreibung der Frauenfra¬ 
ge, Fischer Tb) sowie die Thesen der femini¬ 
stischen Linguistin Luise F. Pusch (fomuliert 
in: Das Deutsche als Männersprache, ed. 
suhrkamp). Anhand unzähliger Beispiele der 
Ausgrenzung und Stigmatisierung von Frau¬ 
en in der Sprache, die wir alle gelernt haben, 
wurde deutlich, wie tief das Patriarchat in un¬ 
serem Bewußtsein verankert ist. Das Allge¬ 
meine ist immer das Männliche, von Frauen 
wird schon durch die Regeln der Grammatik 
erwartet, daß sic ihre Identität aufgeben, sich 
unterscheiden. (Bsp.: 86 Studentinnen und 1 
Student = 87 Studenten!) Frauen sind zum 
größten Teil tatsächlich nicht gemeint! Wenn 
sie sich in die Öffentlichkeit einbringen wol¬ 
len, sind sie gezwungen, laufend von sich 
selbst zu abstrahieren. Man tut, denkt, lebt, 
wie mann es vorschrcibt. 

Um in gesellschaftliche Prozesse eigene, 
feministische Maßstäbe einbringen zu kön¬ 
nen, bedarf cs also zunächst der Infragestel¬ 
lung unserer Gewohnheit der sprachlichen 
Ausgrenzungsstrukturen, gerade auch in der 
Linken! Die gesellschaftliche Realität von 
Frauen . - bestimmt durch ailgegenwärtuge 
Gewalt - wird gerade über die Sprache oft 
nur als Randthema, Nebenwiderspruch zuge- 
Iasscn. 



Im Rahmen des FLI wollen wir zunächst 
gemeinsam versuchen, an den Sprachrcgcln 
des »man« der »Teilnehmer« zu rütteln. Arti¬ 
kel im SF sollen in Zukunft daraufhin abge¬ 
klopft werden. Ansätze eines anderen, egali¬ 
tären Sprachgebrauchs wollen wir weiter dis¬ 
kutieren und versuchen umzusetzen. (Kon¬ 
takt: Waltraud Kern, FLI Hunsrück) 

Im Laufe unseres Gesprächs wurden uns 
aber auch noch weitere sprachliche Ausgren¬ 
zungsmechanismen deutlich — gegen z.B. 
Behinderte (»idiotisch«), psychisch Kranke 
(die Inflation des Wortes »schizophren«) und 
Ausländer (»getürkt«). Gerade für linke 
Frauen und Männer, die sich zu gerne eines 
Jargons bedienen, wäre es wichtig, bewußter 
zu sprechen , fordert das dochein bewußteres 
Denken, Theorocnbildung statt abgedrosche¬ 
nen Parolen vom »Schweinesystem« usw.! 
Soweit die Arbeitsgruppen! 












Plenumsdiskussionen 


Thema 1: Soziale Bewegungen: 

Das Thema wurde angeregt durch folgendes 
Thesenpapier des FLI-Frankfurt: 

»Die neuen sozialen Bewegungen? — Neu? — 
Sozial? — Bewegungen? 

Wie weit sind wir mit unseren Einschätzun¬ 
gen, wie kann es weitergehen? 

Thesen, die Zwischenstation unserer Diskus¬ 
sion offenlegen: 

—Neu — verleugnet bzw. verdrängt die kol¬ 
lektiven Erfahrungen bisheriger Wider¬ 
standsbewegungen (Arbeiterbewegung). So¬ 
mit nimmt das »neue« die heutigen Bewegun¬ 
gen (Friedensbewegung, Startbahn West, 
Anti AKW) aus der Tradition des Wider¬ 
stands heraus. Tradition des Widerstands 
meint die Sensibilität gegenüber immer wie¬ 
der erfahrbaren Integrationsversuchen der 
Macht. Neu als Produkt für wen? von wem? 
—Die »soziale« Frage als Gesamtheit aller 
Faktoren, die unser Zusammenleben in die¬ 
ser Gesellschaft bedingen wird nicht gestellt. 
(Arbeits-, Wohn-, Familien-, Bevölkerungs-, 
Kultur-, Minderheitenpolitik) Isolation. 

—Eine »Bewegung« , die sich als sozial be¬ 
greift, ohne dabei über die punktuelle Aus¬ 
einandersetzung mit konkreten Projekten 
von Seiten des Staates hinaus weiterführende 
Konsequenzen für unsere Gesellschaft zu 
entwickeln, bliebt als Ein-Punkt-Bewegung 
isoliert und mangels Analyse und Sensibilität 
einnehmbar durch klare, ideologisch fertige 
Intercssenverbände (Parteien, Kirchen, 
Wohlfahrtsmafia). Eine Ausnahme ist die 
Anti-AKW-Bewegung. 

— Wir meinen, daß in Zukunft intensiver als 
bisher die unterschiedlichen politischen Ein¬ 
schätzungen diskutiert und offengelegt, unse¬ 
re Positionen klarer eingebracht werden müs¬ 
sen gegenüber Ansätzen, die auf die Verbes- 
scrungswürdigkcit, Beiehrbarkeit mittels In¬ 
formation und moralischer Integrität zielen 
(siehe Arbeit der GRÜNEN heute) - mit 
dem Glauben diesen Staat lebenswerter ma¬ 
chen zu können. Davon wird abhängen, ob 
wir uns weiterhin unter Reaktionszwang stel¬ 
len wie bisher und damit die Mutlosigkeit und 
Spaltung forcieren. Bauen wir verstärkt unse¬ 
re Infrastruktur und Kommunikation aut. 
Gewaltfreiheit und Militanz, mit Verstand 
gegcn’s Vaterland! Küßt die neue soziale Be¬ 
wegung wenn Ihr sie trefft!« 


In der Diskussion über diese Thesen, die 
aufgrund fehlender Begriffserklärungen teil¬ 
weise sehr zäh und mißverständlich verlief — 
ergaben sich folgende Schwerpunkte, an de¬ 
nen bis zu den nächsten Treffen weitergear¬ 
beitet werden könnte. 

1) Die Klärung des Begriffs sozial steht noch 
aus. Also, was ist an den sogenannten sozia¬ 
len Bewegungen überhaupt sozial? Ist es 
nicht vielleicht eine falsche Bezeichnung für 
etwa die Friedensbewegung, die Anti-Start- 
Bahnbewegung usw.? 

[»Sozial« nach innen, d.h. auf das Selbstorga¬ 
nisieren bezogen, auf das Umgehen mitein¬ 
ander, das Feeling, die wachsenden Zusam¬ 
menhänge unter den beteiligten Menschen, 
auf einen neuen kommunikativen Alltag viel¬ 
leicht, - Erklärungsvorschlag eines zuhause 
gebliebenen SF-Setzers] 

2) Ausführlich wurde das wellenförmige Auf- 
und Ab der Ein-Punkt-Bewegungen beschrie¬ 
ben, bei denen auch linksradikale Individuen 
und Gruppem ohne eigene Analyse der 
Grenzen und Machbarkeiten von einem Aus¬ 
einandersetzungspunkt zum nächsten hüpf¬ 
ten. Die Möglichkeiten an Militanz, Massen¬ 
mobilisierung, absoluter Friedfertigkeit wur¬ 
den jeweils scheinbar ausgeschöpft, und den¬ 
noch nichts erreicht! Ziel war immer der Ver¬ 
such, durch Druck auf die Regierungspolitik 
einen Kurswechsel herbeizuführen. Aüch die 
Radikaleren fügten sich um Spaltungen zu 
vermeiden, dem jeweiligen Minimalkonsens, 
trugen ihre Widersprüche nicht öffentlich 
vor, geschweige denn aus. So wurde eine 
Theoriebildung im eigentlichen Sinne verhin¬ 
dert. Jede Bewegung setzte wieder bei »Null« 
an. 

Dieses immer gleiche kommt natürlich ir¬ 
gendwann auch der/dem Ausdauerndsten 
perspektivlos vor. Mensch will schließlich 
auch mal zu was kommen - also folgt irgend¬ 
wann der Rückzug aus der Politk in den All¬ 
tag, oder die Verlagerung der Anstrengungen 
auf die Realpolitk der Machbarkeiten (Sog zu 
den GRÜNEN). So wird natürlich eine Kon¬ 
tinuität, ein gemeinsamer Kontext unmög¬ 
lich. Die .Erfahrungsvcrmittlung fehlt. Wo 
sind die vielen »Alten«, die auch schon mal 
auf der Straße waren? 

3) Daraus ergab sich für uns in der Diskus-, 
sion vor allem die Notwendigkeit von Struk¬ 
turen; eigenen Strukturen für antistaatliche 
Theoriebildung. Strukturen aber auch für je- 
de/n im Alltag. Wo die Infrastruktur zerfallen 


ist, zerfallen auch die Beziehungen unterem- | 
ander und die Individuen zerbrechen. Wir ( 
müssen neue selbstbestimmtc Zusammen¬ 
hänge schaffen, um nicht auf vermarktete i 
Freiräumc angewiesen zu bleiben, was zu den i 
bekannten wellenförmigen Frustphasen j 
führt. 

4) Wie können wir in Ein-Punkt-Bcwcgun- ! 
gen, in soziale Bewegungen das antistaatliche ] 
Element einbringen? Wobei wichtig ist, die j 
Qualität der Bewegung nicht nur am Stand j 
der Auseinandersetzung in Wackersdorf zu j 
messen. Kontakt: FLI Frankfurt 
Lesetip: Joachim Raschkc (Uni HH), Soziale | 
Bewegungen, Campus-Verlag; ein harter j 
Brocken und sehr teuer; wer traut sich den- i 
noch? Hilft sicherlich die Gcschichtslosigkcit 
anzugehen. 


Thema 2: j 

Soziale Technologien j 

Das Plenum griff die Diskussion des Waldcck | 
Treffens auf, wobei sich wieder nachteilig | 
auswirkte, daß das FLI Wien - als Initiator | 
des Themas — nur schriftlich anwesend war. i 
So ging es zunächst noch einmal darum, ob ! 
wir das Referat auch im Sinne des Referenten 
verstanden hatten. Daher nochmals der Ver¬ 
such einer Definition des Begriffs (mühsam 
im Hin und Her erarbeitet): j 

m 













8 


Soziale Technologien meint all die Institutio¬ 
nen, Strukturen und Alltagsmechanismen mit 
und in denen Menschen beherrschbar ge¬ 
macht werden. Diese weite Definition 
schließt sowohl die institutionelle Einflu߬ 
nahme auf das menschliche Innenleben ein 
(Patriarchat, Schule, Militär) wie die vom 
FLI Wien vorgetragene These von der Aus¬ 
dehnung der Warenproduktion auf das In¬ 
nenleben, die von uns sogenannte »Vermark¬ 
tung der Befindlichkeiten«. 

(Ein wichtiger Hinweis für die weitere Dis¬ 
kussion machte deutlich: wir operieren hier 
mit dem Begriff einer omnipotenten Ware , 
den wir bislang nicht hinterfragt haben.) 

Oder als Frage: Welche gesellschaftlichen 
Mechanismen und Initiativen führen dazu, 
daß die gegenwärtige Umstrukturierung 
durch die Neuen Technologien nur so wenig 
zu spüren ist? Dabei geht es nicht nur um ge¬ 
steuerte Prozesse mittels der Tcchnologien- 
der Anpassung sondern auch darum, wie wir 
I uns an veränderte soziale Bedingungen an¬ 

passen, also jede/r einzelne selbst an einer 
Normalisierung im Sinne einer Normierung 
beteiligt ist. 

Im Laufe der Diskussion einigten wir uns 
darauf, das komplexe Thema aufzuteilen in 
zwei große Bereiche: 

A: die Strategien und Techniken der Aus¬ 
sonderung, Ausgrenzung und Vernichtung 
(Polizeitaktik, Psychiatrie, Knast) 

B: die Strategien der Einpassung, Normali¬ 
sierung, die zunehmend über Markt- und Wa¬ 
renstrukturen als »Hilfestellungen« transpor¬ 
tiert werden. 

Übergreifend ist beiden Bereichen der Ef- 
f fekt einer allgemeinen Demoralisierung, be¬ 

vor cs überhaupt zu Widerstand kommt. Um 
folgende Schwerpunkte haben sich Lese- und 
Arbeitsgruppen gebildet: 

- der Raum als Prozeß (Architektur, Raum 
und Städteplanung etc.) 

- Medizin als soziale Technologie 

- die Rolle der Wohlfahrtsvcrbändc 

- Arbeitsprozesse (Thesen der Jobberauto¬ 
nomie) 

- Ausgrenzungsprozessc (Dcliantcn, Delin- 

j quenten) 

- Aufstandsbekämpfung (Polizeistrategien; 
wie die kürzlichc Massenverhaftung 

! von diesmal 408 (!!!) Leuten in Göttingen!) 

| — der Psychomarkt 

i Kontakt: FLI Köln und FLI Hunsrück 


Thema 3: 

Anarchafeminismus 

Hier überschnitten sich zwei Interessen: das 
der anwesenden Frauen an einer speziellen 
Arbeitsgruppe, die die vorhandenen Ansätze 
aufarbeitet — und daneben das Interesse an 
dem »Projekt Anarchica «, initiiert vom Cen- 
tro Studi Libertari Milano , das auf einen Kon¬ 
gress in Lyon Mitte 1987 hin zielt, und zu dem 
bereits ein Aufruf als Diskussionsgrundlage 
vorlag. Es kam der Vorschlag, die anwesen¬ 
den Frauen könnten doch - falls sie Lust hät¬ 
ten und sich bereits in der Lage fühlten - ei¬ 
nen Beitrag dazu vorbereiten. Diesem Vor¬ 
schlag wurde von den Frauen mit einigem 
Unbehagen begegnet, u.a. auch aufgrund be¬ 
stimmter Formulierungen in dem Papier aus 
Milano. 

Wir Frauen stellen also fest: 

1) Wir stehen als Frauen im Patriarchat unter 
einem Zwang/Gewaltmonopol, das völlig an¬ 
ders geartet ist, als der Zwang, dem sich 
Männer ausgesetzt sehen. Wir können dieser 
Gewalt nicht ausweichen, sie durchzieht un¬ 
seren Alltag - Männer können sich aber ent¬ 
scheiden, ob sic die Rolle des Machtausüben¬ 
den einnehmen wollen oder nicht. Noch 
mehr, die patriarchalische Gewalt, die uns 
angetan wird, ist nicht allein eine Frage 
männlichen Willens. Sie setzt sich in Struktu¬ 
ren des Denkens, der Männerphantasien un¬ 
terschwellig fort. Von dieser Gewalt können 
sich Frauen nur selbst befreien, in ihrem All- 
tag. 

2) Wir betrachten die Diskussion um den 
Anarchafeminismus mit Mißtrauen. Wird 
dort nicht vielleicht der Feminismus nur in¬ 
strumentalisiert als technisches Hilfsmittel 
zur Analyse von Hierarchie? Ist es vielleicht 
so, daß der Anarchismus, der bislang immer 
vor allem eine Bewegung von Männern war, 
sich aufs neue feministischer Erkenntnis be¬ 
dienen will, ohne dabei die Frauen in ihrem 
Kampf zu unterstützen? (Wie schon gesche¬ 
hen bei den Narodniki Frauen, vgl. SF-I6, 
Beitrag von Barbara Köster) Der Feminis¬ 
mus ist keine Philosophie sondern gehört in 
unscrenwciblichcn Alltag! 

3) Wenn wir also einen Beitrag zur Anarchi¬ 
ca ausarbeiten, dann in diesem Sinne! Kon¬ 
takte und Material zu Anarchafeminismus: 
Waltraud Kern , FLI Hunsrück und Friederike 
Kamann, SF-Redaktion. 



Nun, wie geht’s nach diesem Treffen weiter? 
Als erstes droht allen passiven Karteileichen 
des FLI , die sich nie rühren, nie zahlen, aber 
einen Großteil der Adrcssenliste ausmachen, 
im Januar \87 die Ausmistungsaktion. Wer 
bis zum 31.1.87 seinen Beitrag für 1987 von 
20.-DM nicht gezahlt hat, oder sich sonst ir¬ 
gendwie bei der Rundbriefkontaktstelle 
(NICHT: SF-Red.!), LID , Dörrwiese 4, 5552 
Morbach-Merscheid , gemeldet hat, fliegt 
raus! 

Wir wollen was von einander haben und 
sind kein Unterstützungskomitce für die 
Bundespost! Die Art der Rundbriefe — in 
letzter Zeit durch dicke Papiere zu sehr auf¬ 
gebläht (zu teuer) — soll sich auch ändern: 
Beiträge (ruhig weiterhin umfangreich!) an 
das LID schicken; die lieben Menschen dort 
erstellen dann liir den Rundbrief eine Liste 
der vorliegenden Materialien, die gezielt mit 
beigelegtem Rückporto und Kopierkosten 
zur Arbeit bestellt werden können! 

Anarchiv 

Das Anarchiv hat sich konstituiert! Wir alle 
sind eifrige Zeitungslcscr/-innen und sam¬ 
meln nun für unsere Freunde mit. Eine Liste, 
wer sich mit was beschäftigt und deshalb ent¬ 
sprechende Artikel zugeschickt haben will, 
sollte im Rundbrief veröffentlicht werden. 
Weitere Infos gibt es bei Hans , FLI Köln. 

Das FLI Köln will zudem eine lokale AG bil¬ 
den: Thema wäre: »Reaktion auf dem Vor¬ 
marsch«. 

Ein erstes FLI-Regionaltrcffen West findet 
vom !.—3.Mai *87 auf der Dörrwiese statt. 
Vom 8.—W.April 87 findet in Portugal ein 
Anarchistischer Kongreß statt. Wie in Vene¬ 
dig '84 wird es dort für ausschließlich deutsch 
sprechende Menschen Sprachproblemc ge¬ 
ben. Wer sich deshalb vorberciten möchte, 
sei an das FLI Köln verwiesen, das über die 
Vorabveröffentlichungen der dort angekün¬ 
digten Referate verfügt. 

Vom 17.—21.Juni ’87 ist das nächste bundes¬ 
weite FLI-Treffen auf der Waldeck, das hof¬ 
fentlich wieder genauso viel Spaß macht wie 
das über welches ich jetzt berichtet habe. Vor 
allem die aktive Teilnahme vieler toller Frau¬ 
en hat mich ermutigt! 

Kontakte: 

Alle gewünschten FLI-Kontakte bitfe über 
die Rundbriefkontaktstelle erfragen. Eure 
Briefe werden dann an die entsprechenden 
Gruppen weitergeleitet. (Rückporto wäre je¬ 
weils hilfreich!) 











Schafft Libertäre Zentren!! 






ISP yopWollgang Haug] 


funktionierende Kommunikationszusammen¬ 
hänge und kontinuierliche Diskussion ermög¬ 
lichen der anarchistischen und autonomen 
Bewegung ohne starre Organisationsformen 
auszukommen. Um der systemimmanenten 
Vereinzelung jedoch sinnvoll entgegenzuwir¬ 
ken und ebenso, um libertäre Konzepte, Zu¬ 
sammenhalt und Aktionsvorschläge etc. zu 
entwickeln, brauchen wir lokal Libertäre 
Zentren, bzw. als Vorstufen Libertäre oder 
Autonome Plenen, bundesweit mehrtägige 
regelmäßige Treffen FLI-Treffen, Autonome 
Treffen, FÖGA-Treffen, FAU-Pfingstkon« 
greß etc. können als erste Schritte gesehen 
werden. 

Die Erfahrung der letzten Jahre hat die 
Schwäche anarchistischer Einzelner oder klei¬ 
ner Gruppen oft genug verdeutlicht: in den 
großen sozialen Bewegungen (BI-, Anti- 
AKW-, Friedens-, VOBO, Häuserkampf 
etc.) wurden zwar die meisten aktiv und ar¬ 
beiteten lokal, aber cs gelang nur selten, der 
Bewegung einen bewußt libertären Inhalt zu 
geben und somit über den konkreten Ansatz¬ 
punkt hinaus allgemein gesellschaftliche Wir¬ 
kungen in unserm Sinne zu erzielen. Wenn 
dies beim Häuserkampf anders war, dann vor 
allem, weil sich die herkömmlichen Politgrup- 
pen wenig an diesen Auseinandersetzung¬ 
punkt (cs ging ja immerhin ums »heilige« Ei¬ 
gentum) herantrauten und das Feld den auto¬ 
nomen und anarchistischen Militanten weit¬ 
gehend überließen. Ansonsten zeigte sich, 
daß die vielen — anarchistisch orientierten — 
Beteiligten in den Bewegungen mit ihren In¬ 
halten, Denk- und Aktionsansätzen untergin¬ 
gen, weil sic zumeist als einzelne auftraten, 
unterschiedliche Meinungen vertraten, nichts 
vordiskutiert hatten — kurz der Organisa¬ 
tion- und Kommunikationszusammenhang 
fehlte. In der Folge setzten sich die Mitglieder 


der GRÜNEN, der DKP, kirchlicher Grup¬ 
pen etc. besser durch und der A-Szene blieb 
nur der »Schwarze Block«, Sein Auftauchen 
bereitet zwiespältige Gefühle: ist er doch so¬ 
wohl Ausdruck der Isolation und des Ghetto- 
daseiris innerhalb einer Protestbewegung wie 
auch zugleich Anzeichen für die gestiegene 
Attraktivität anarchistischer Vorstellungen 
vom Bruch mit diesem System. D.h. es gibt 
eine wachsende Zahl von Menschen, die sich 
auch auf Demos zusammenfinden, aber es ge¬ 
lingt (fast) nie, daß sich diese Haltung auch in 
Worte, Konzepte etc. fassen läßt, die auch 
über die Gruppe hinaus Einfluß nehmen. 
Ausnahmen wie bei der Startbahn-West-Be- 
wegung, der Sare-Demo (aufgrund des Frank¬ 
furter Libertären Zentrums!) und der Hanau¬ 
er Demo gegen Nukem/Alkcm lassen immer¬ 
hin hoffen, daß wir uns mit dem »Schwarzen 
Block« allein nicht zufrieden geben, sondern 
unsere politischen Überzeugungen auch an¬ 
deren gegenüber für attraktiv halten . . . 

Es ist unnötig zu sagen, daß eine libertäre 
Perspektive diese Offenheit braucht und es ist 
ein Faktum, daß wir dazu erst uns selbst we¬ 
nigstens soweit organisieren sollten, daß wir 
nicht unsere Privatmeinung, sondern eine 
Konsensmeinung zum besten geben, sobald 
wir irgendwo öffentlich Einfluß nehmen. 

Doch nicht nur um die wie auch immer ver¬ 
standene Öffentlichkeit gellt es, sondern das¬ 
selbe Dilemma erwartet uns in vielen »inner¬ 
linken« Auseinandersetzungen. Nehmen wir 
die derzeitige Repressionsdiskussion: Da wir 
an diesem empfindlichen Punkt anscheinend 
besonders schwach sind, soll dies als (eines 
von vielen) Begründungsbeispiel(en) für die 
Notwendigkeit libertärer Zentren .ausgeführt 
werden: Ob in Duisburg, Wuppertal, Ham¬ 
burg etc. - jedesmal, wenn irgendjemand aus 
irgendeinem Grund einen Prozeß angehängt 


bekommt bzw. Zwangsbekanntschaft mit Po- j 
lizeipräsidium und Knast machen muß, fin- j 
det, anstelle dcrnatürlichcn Solidarität und j 
der Forderung nach »Freilassung für . . .« ei- \ 
ne Dreiteilung statt: Die Staatsintegrierten 1 
(Grüne, Jusos, DKPIer) fragen, ob die Hand- ! 
lungswcisc der Angeklagten ihrem öffentli- j 
chcn Image nicht etwa schaden könne, bevor j 
sic sich zum jeweiligen Fall äußern; wenn sic » 
sich doch äußern, dann aus humanitären I 
Gründen . I 


Die Hilflosen (Graswurzlcr, Anarchos, un¬ 
dogmatische Linke, Autonome, Punks) wol¬ 
len zwar den Bruch mit dem System, ob als 
Verweigerung, Sclbstorganisation oder Sabo¬ 
tage [stop, §130a, falsches Wort! heißt in Zu¬ 
kunft »Entsorgung«] aber die Kosten für pot¬ 
entiell politisch Verfolgte sollten so niedrig 
wie möglich bleiben; d.h. diese selbst sollen 
alles zu ihrer Verteidigung mögliche tun (dür¬ 
fen!) - die »draußen« unterstützen die »drin¬ 
nen« politisch durch Öffentlichkeitsarbeit 
(und zwar durch solche, die den Angeklagten 
nicht schadet - durch radikale Worthülsen 
u.a, blabla). Diese natürlichste Antwort, die 
zum Ziel hat, die Genossen/-inncn möglichst 
schnell wieder aus den Knüsten, Gerichtsver¬ 
handlungen herauszubringen, ist fast schon 
genauso in den Hintergrund gedrängt wor¬ 
den, wie eine alte, fast «vergessene« Aktions¬ 
form: die »massenhafte Selbstanzeigc«. Um 
diese »als naiv« denunzierte, aber dennoch 
richtige Politik wiederzubeleben, muß sie ge¬ 
gen die Hardliner (Antiimps, Revolutionsro¬ 
mantiker, etc.) durchgesetzt werden, die zu¬ 
meist viel kompakter auftreten und ihre »wie 
immer richtige Linie« gut vordiskutiert ha¬ 
ben. Ihnen geht es in üblicher Weise um ein 
Schwarz-Weiß-Denken, das als Schema allem 
zugrundegelegt wird und als moralische Er¬ 
pressung der »Szene« eingesetzt wird: 


l 


s 
















IO 


»Kampf dem Schweinesystem« oder »Inte 
gration/Teil des Schweinesystems 
und weil keine/r gern »Teil« ist, verfängt die 
se plumpe Masche immer wieder, so abge 
nutzt und unpolitisch sie eigentlich ist. Ihnen 
geht es dann im ersten Atemzug (Flugblatt) 
auch um die »Zusammenlegung aller politi 
sehen Gefangenen bzw. mit denen aus RAF 
und Widerstand«. Unterschlagen wird, daß 
Repression ein Problem ist, das über die poli 
tischen Gefangenen hinausgehen dürfte, daß 
Widerstand breiter ist und sein muß, als der 
der sich mit der RAF identifizieren läßt. Es 
ist natürlich zwangsläufig sehr verkürzt von 
Parolen auszugehen, trotzdem verdeutlicht 
die originär anarchistische Parole »Freiheit 
für alle Gefangenen« wie groß die politischen 
Unterschiede und Lebensauffassungen sein 
müssen. Und dennoch setzen wir diese Auf 
fassungen (wobei wir in anderen Diskussio 
nen unter uns klären müssten, wie eine frei 
heitlich organisierte Gesellschaft mit vorsätz 
liehen Mördern, Vergewaltigern etc. umzu 
gehen hat) zumeist nicht offensiv durch 
überlassen es den Hardlinern den politischen 
Kämpfer zu beschwören, der/die auch im 
Knast weiterkämpft. Über die Widerwärtig 
keit mit Märtyrern »Politik« zu machen, will 
ich mich nicht weiter auslassen. Doch zum 
We/terkämpfen: es wäre lachhaft, wenn’s 
nicht den traurig-ernsten Hintergrund des 
Knasts hätte. Der Knastkampf ist nichts wei 
ter als ein Mythos; er findet ganz einfach 
nicht statt bzw. wird zwangsreduziert auf den 
eigenen Kopf des Knastinsassen. Dieser 
»Kampf« kann nur darin bestehen, seine/ihre 
Identität möglichst zu bewahren, zu retten 
. . . Wofür? Um irgendwann »draußen 
wirklich wieder Ellbogenfreiheit zu bekom 
men, um zu leben. Denn Leben heißt Kamp 
fen (!) in einer lebensfeindlichen Umwelt 
Der Knast ist keine Umwelt. Und betrachtet 
man es genau, so arbeiten die Hardliner dem 
Staat in die Hände, der am selben Mythos ba 
stelt. Auch ihm war es äußerst wichtig, von 
der »Schaltzentrale Stammheim« zu reden, 
um undemokratische Methodenwie den 
Hochsicherheitstrakt, die Kontaktsperre, die 
totale Kontrolle einer »demokratisch den 
kenden« Öffentlichkeit zu verkaufen. Späte 
stens der Tod Meinhofs, Baaders, Ensslins 
Raspes müßte der RAF und anderen Weiter¬ 
kämpfern klar gemacht haben, daß diese Ar 
gumentation selbstmörderisch ist und dem 
Staat alle Optionen frei läßt, den Gefangenen 
jedoch keine. 

Demzufolge müssen die Leute raus, muß 
dem nächsten Hungerstreik (ä la der nächste 
Winter kommt bestimmt) die Amnestiede~ 0 , „ r + o 

batte entgegengesetzt werden. Müssen Hamburg, Hafenstraße 
imperialistische Flugblätter, die vom Kampf 





Foto:arguS 


draußen und drinnen sprechen als für die Ge¬ 
fangenen gemeingefährliche Wortradikalis¬ 
men bekämpft werden. 

Uralte Politmythen neuer Kadergruppen 
können von einer anarchistischen Bewegung 
nur dann mit sinnvollen politischen Konzep¬ 
ten bekämpft werden, wenn sie selbst aus ih¬ 
rer Vereinzelung herausfindet. 

Neue Libertäre Zentren!! 

Seit Sommer 1986 gibt es in Moers ein Liber¬ 
täres Zentrum und eine »Zeitschrift für allge¬ 
meinen Wohlstand und Kritik der Laufenden 
Ereignisse«. Die Initiatoren/-innen sind sehr 
an Zusammenarbeit und Informationsaus¬ 
tausch — im Sinne von Liebe, Luxus, Kom¬ 
munismus — interessiert. Es existieren Ar¬ 
beitsgruppen zu Volkszählung, neue Sicher- 


heitsgesetze, computerlesbarer Ausweis, 
Aufarbeitung linker Positionen. 

Kontakt. Initiativenhaus Essenberger Straße 
100 e. V.!Libertäres Zentrum, Essenberger 
Straße 100, 4130 Moers, Tel 0288 1503942 


Am 11.9. wurde in Aachen die Zollernstr. 19 
besetzt . Das Haus stand seit 2 Jahren leer und 
wird jetzt zum Autonomen Jugend - und Kul¬ 
turzentrum - Günter Sare-Haus - ausge¬ 
baut. Aus dem Flugblatt der Besetzer: »Uns 
geht es nicht darum, einen Personenkult um 
Günter Sare zu machen oder ihn als Märtyrer 
darzustellen. Jeden von uns hätte es treffen 
können. Die bürgerlichen Medien und die 
Polizei haben Günter als Gewalttäter darge¬ 
stellt. Das hat nur einen Zweck, nämlich zu 
verschleiern, von wem die Gewalt ausgeht, 


und Günter war schließlich kein Einzelfall: 
1986 starben Erna Silka (62 1 und Alois Sonn¬ 
leiter in Wackersdorf nach Polizeieinsätzen.« 
Im ersten Stock wird das Kurt-Möller-Cafe 
eröffnet. Kurt Möller ist tot. (Vgl. SF-Nach- 
ruf Nr.21). Ein Leben läng (über 80 Jahre) 
hat er, ein Anarchist aus Aachen, auch wäh¬ 
rend der NS-Zeit kämpfend an der Idee des 
Anarchismus festgehalten. Kurt war unser 
Freund, er wird nicht vergessen. Die 2. Etage 
ist für verschiedene Projekte vorgesehen. 
Gruppen, die keinen Raum haben, werden 
Raum bekommen. In den restlichen zwei 
Etagen wollen wir Wohnungen für die Beset¬ 
zer, Leute mit wenig Geld einrichten. Die un¬ 
teren zwei Etagen werden in einen lebenden 
Kulturbetrieb verwandelt, in dem Theater 
gespielt wird, Musikgruppen auftreten, Kin¬ 
der spielen und sich Projektgruppen zu allem 














Möglichen treffen. Im Keller des Hauses be¬ 
findet sich ein spanisches Restaurant. 



Seit Oktober gibt es in Hamburg ein Libertä¬ 
res Zentrum , initiiert von der Hamburger 
FAU (Anarchosyndikalisten) und unabhän¬ 
gigen Libertären. 

»Bisher planen wir ein Libertäres Aktions¬ 
plenum und eine Frauengruppe um entschie¬ 
dener Sozialrevolutionäre, autonome und an¬ 
archistische Ansätze in soziale Bewegungen 
und Kämpfe einzubringen. In unseren Räu¬ 
men (geöffnet zunächst: Mi (16.30—19.30; 
Do 16.30-18.30 Uhr) bieten wir eine Aus¬ 
wahl von Büchern; Zeitungen und Zeitschrif¬ 
ten, die einen Einblick geben in die Theorie, 
Geschichte und Praxis der internationalen 
anarchistischen Bewegung. Wir wollen regel¬ 
mäßig Veranstaltungen organisieren, die die 
soziale Situation bei uns und international 
aufzeigen und angreifen. (...) Alle Gruppen 
und Leute, die mit uns Zusammenkommen 
wollen, sind uns herzlich willkommen.« 
Kontakt: Libertäres Zentrum , Lagerstr. 27, 
2000 Hamburg 6; Tel. 430 13 96 (S-Bahn 
Sternschanze), 

Ein altes (libertäres, autonomes) Zentrum in 
Schwierigkeiten! 

Die Stadt hat dem Eschhaus in Duisburg den 
Nutzungs-Vertrag zum 31.3.1987 gekündigt. 
Vorgeschobener Grund ist die Lärmbelästi¬ 
gung der Anwohner. Dazu die Zeitung des 
Zentrums Eschhausblatt: »Das Zentrum hat 
bezüglich des Lärmproblems alles getan was 
möglich war, ohne die Inhalte der eigenen 
Arbeit zu gefährden (z.B. Aufforderung an 
die Besucher über Flugblätter und Handzet¬ 
tel nicht mehr auf der Niederstraße zu par¬ 
ken. Die Vorschläge des Hauses nach Einbau 
sinnvoller Lärmschutzmaßnahmen (seit 1979) 
wurden von der Stadt systematisch boykot¬ 
tiert mit der Begründung das Haushaltsbud¬ 
get lasse dies nicht zu.« 

Dabei meint die SPD-Stadtverwaltung of¬ 
fiziell, daß »Duisburg eine solche unabhängi¬ 
ge Einrichtung brauche« und bietet als Alter¬ 
native »ein gänzlich heruntergekommenes 
Gebäude in der Hochfelder Sanierungswüste 
gelegen, in unmittelbarer Nähe zur Kupfer¬ 
hütte, das ganz nach eigenen Vorstellungen 
und mit eigenen Mitteln gestaltet werden dür¬ 
fe«. 

Ein Diskussionsthema der Selbstverwal¬ 
tungsaktivisten heißt deshalb nicht umsonst 
»Freiraum oder Abschiebeghetto«. Erste 
Veranstaltungen zur Rettung des Eschhauses 
sind inzwischen angelaufen, weitere Unter¬ 
stützerkreise sind gefragt, allerdings solche, 
die sich nicht wie der Verband soziokulturel- 
ler Zentren hinter der »Wir sind die Leute, 
die ehrenamtlich für andere Sozialarbeit und 
Kulturarbeit machen«-Anbiederungsparole 
verstecken wollen. 


Libertäre Tage — Ostern 1987 in Frankfurt!! 
(16.4.-20.4.) 

»Auf unsere vorsichtigen Anfragen wie denn 
das Interesse an »Libertären Tagen« so sei, 
kamen erstaunlich viele Antworten. Die In¬ 
formations- und Diskussionstage finden also 
statt! Die Räume sind gemietet. Unsere bis¬ 
herige Planung ist folgende: Eine Reihe von 
Veranstaltungen werden im Plenum stattfin¬ 
den und es werden Diskussionsbeiträge zu 
bestimmten Themen vorbereitet, die in Ar¬ 
beitsgruppen ausgearbeitet und vervollstän¬ 
digt werden können und damit als Grundlage 
der Diskussion dienen. Themenangebote 
sind mittlerweile schon eine Menge zu den Li¬ 
bertären Tagen da. AG’s gibt es zu: 
Perspektiven sozialer Bewegungen - Medien 

— libertäre Medien — Ökonomie und Organi¬ 
sation - l.Mai - Frauen - Bullenwaffen am 
Beispiel Nordirland/Erste Hilfe. 

Weitere Themen Vorschläge sind: 
Volkszählungsboykott — Knast/Schwarze 
Hilfen - Anarcha-Feminismus - Libertäre 
Pädagogik - Aktuelle Kämpfe in der BRD - 
Ökonomische Kämpfe - 35-Stunden-Woche 

- Anarchosyndikalismus - Beiträge zu Spa¬ 
nien, Griechenland, Ost-Europa, Irak/Iran, 
Japan. 

Wenn Ihr noch weitere Vorschläge/Ideen 
habt, bzw. schon zu einem Thema etwas ar¬ 
beitet oder Euch bei der Vorbereitung der 
Diskussionspapiere beteiligen wollt, dann 
schreibt an die FAU/Libertäres Zentrum. 

Außerdem wird’s noch eine Kulturgruppe 
geben, die Theater spielen wollen, Videos, 
Volksküche und für die »Mini-Anarchos« 
wird auch gesorgt werden. Pennplätze wer¬ 
den für die Organisatoren und Mithelfer be¬ 
sorgt, für die Leute von außerhalb, die zu den 
Libertären Tagen kommen, wird’s eine Liste 
von preiswerten Übernachtungsmöglichkei¬ 
ten in Frankfurt und Umgebung geben, die 
Ihr bei der FAU/Lib. Z. bekommen könnt. 

Ein Fest gibt’s natürlich auch, Sa 18.4. und 
Praxistraining für alle, die bis dahin wieder 
»lebendig« sind, ist Sonntag angesagt. 

Zum Abschluß der Libertären Tage wär’s 
gut, wenn eine Plattform zustande käme. Un¬ 
ser Wunsch ist eine Positionsbestimmung der 
libertären Bewegung in der BRD als Ergeb¬ 
nis zu sehen, aber auch bessere Handlungs¬ 
möglichkeiten zu entwickeln, im besten Fall 
eine bessere Organisierung zu erreichen. 
Kontakt: Libertäres Zentrum , Kriegkstr. 38, 
6000 Frankfurt« 


Treffen anarchistischer Studentengruppen 

Däs Wissen von Recht und Unrecht ist das 
soziale Bewußtsein im Menschen. 

Erich Mühsam 

(Nachdem der letzte Bericht im SF anschei¬ 
nend unautorisiert war, nun eine aktuellere In¬ 
formation, SF-Red.): 

Vom 28.5. bis 2.6.86 hat in Berlin das zweite 
Treffen von Pulverfass stattgefunden. Inhalt¬ 
liche Schwerpunkte bildeten neben Organisa¬ 
tionsfragen Arbeitsgruppen zu den Themen 
Südafrika, WAA/AKW-Widerstand und der 
Stellung zu Autonomen und Antiimps. Diese 
Themen sollen auf den nächsten Treffen wei¬ 
ter aufgegriffen werden. (Das 3. Treffen fand 
in Köln, 21.11.-23.11 statt). 

Die neue Kontaktadresse ist: Kommuni¬ 
kationsreferat (ASTI), Asta FU Berlin, Kie¬ 
bitzweg 23,1000 Berlin 33. 


TROTZDEM ☆ VERLAG 

i 

Im Trotzdem ☆ Verlag werden Bücher 
und Broschüren veröffentlicht, die sich ' 
mit Themen des Anarchismus, Minder- ! 
heiten, Umwelt, linksradikaler Literatur ^ 
beschäftigen. In einer eigenen Reihe »Li- j 
bertäre Wissenschaft« veröffentlichen wir l 
Magister-, Diplom-, Staatsexamensarbei¬ 
ten und Dissertationen, die sich mit liber¬ 
tären Themen beschäftigen oder Herr- . 
schafts-Wissenschaft kritisch hinterfra- 1 
gen. Die genauen Bedingungen für diese ! 
Reihe, u.a. den Satzkostenzuschuß der i 
Autoren, bitte im Einzelfall nachfragen. | 

Lieferbare Titel u.a.: | 

★ Es lebt noch eine Flamme - I 

Anarchosyndikalisten im Rheinisch- j 
Bergischen Land 1919-1945; (Reihe j 
Libertäre Wissenschaft) 356 S., 32.- j 
DM von Ulrich Klan und Dieter Nelles j 

★ Vorsicht Anarchist! - Lebense- ; 
rinnerungen von Augustin Souchy, i 
17.-DM 

★Erich Mühsam - Schriftsteller der 
Revolution von Wolfgang Haug, 12.- 
DM 

★Theorie und Praxis anarchisti- ; 
scher Erziehung - am Beispiel der j 
Schulversuche von Robin, Faure und | 
Wintsch von Hans-Ulrich Gründer, j 
(Reihe Libertäre Wissenschaft) 20- j 

★ In Vorbereitung befindliche Ti- j 
tel: 

★Die Diggers - eine frühsozialisti- j 
sehe Siedlerbewegung in der Engli- ' 
sehen Revolution (Reihe Libertäre ! 
Wissenschaft) von Gernot Lennert, , 
25.-DM (Februar 1987) 

★ Knastarchitektur - Die Suche 
nach dem richtigen Vernichtungsbau 1 
(2. Auflage, lange vergriffen) von Win- j 
fried Reebs, 5.-DM (Februar 1987) 

★ Nacht über Spanien - 3. Auflage j 
im Trotzdem-Verlag, von Augustin I 
Souchy, 16.-DM (Januar 1987) 

★ Revolution für die Freiheit -Sta¬ 

tionen eines politischen Kampfs 
Moskau/Madrid/Paris von Clara und 
Pavel Thalmann, Neuauflage im j 
Trotzdem-Verlag, 20.-DM (März j 
1987) i 

Im Vertrieb wurde neu aufgenom- i 
men: j 

★Ciao Anarchici - Photoband zum \ 
Anarchokongreß in Venedig, herge- j 
stellt von Communidad, Stockholm j 
mit der Beteiligung von Edizioni An- 
tistato, Mailand und anderen, 38- 
DM, ital./engl. (Rand-)Begleittexte. 

Trotzdem Verlag 
Postfach 
7031 Grafenau-1 









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Ein Wort zuvor: Die bunte Vielfalt der Teil¬ 
nehmer in Appelscha (vgl. Bericht in SF-22) 
sowie die Versicherung, daß über Feminis¬ 
mus keine Grundlagen zu erwarten wären 
und die Tatsache, daß die Mischung der Zu¬ 
hörer nach Art, Alter und Geschlecht ebenso 
bunt und vielfältig sein würde, ließ es mir not¬ 
wendig erscheinen, eine breite Basis zu schaf¬ 
fen, damit auch die HERRlichkeil des linken 
Spektrums, die sich ja nur allzu gerne für 
nicht betroffen erklärt, wenn Frauen auch aus 
diesen Reihen (!) ihre Situation (zu) beklagen 
(wagen), eine Verständnismöglichkeit hätte. 

Ich habe also die historische Seite ausführ¬ 
licher behandelt als in diesem Beitrag mit 
dem Erfolg, daß bald nach dem Erreichen der 
Gegenwart die Diskussion einsetzte, und der 
Rest teilweise in Antworten noch drankam, 
teilweise auch unterblieb. Einiges, was ich 
gerne diskutiert hätte, konnte nicht behan¬ 
delt werden - na ja, inzwischen hat sich auch 
für mich noch manches weiter geklärt und 
meine Position verändert, was im Folgenden 
schon zum Tragen kommt. . . 
und nun zur Sache: In bezug auf Feminismus 
müßte eigentlich die Betroffenheit aller Men¬ 
schen, für die das A und O (= A im Kreis!) 
ihres Lebens Glück und Freiheit bedeutet, es¬ 
sentieller und existentieller sein als bei jedem 
Sachthema, geht es dabei doch um die Unter¬ 
drückung der »anderen« - weiblichen - 
Hälfte der Menschheit. Anders als bei der 
Unterdrückung z.B. rassischer oder religiöser 
Minderheiten wird hier die Feindin des HER- 
RENmenschentums (vertretungsberechtigt 
für GottVater, Sohn & Co.) auch noch sexu¬ 
ell beHERRscht. Auch die »reine« Jungfrau 
Maria ist nur als das sterile, reine Gefäß (Ret¬ 
orte) zum Empfang geistiger Genmanipula¬ 
tion zu betrachten. 


Als der Zwölf-Männer-Bund (Jünger) die 
christliche Religion stiftete, war für ihn die 
höchste Form männlichen Schöpfertums das 
»Mysterium der Dreieinigkeit«, die zu errei¬ 
chen nicht menschenmöglich schien - im 
»Klonen« ist sie heute denkbare und bald 
machbare Realität geworden, genauso wie 
die Leihmutterschaft bereits in der »Jungfrau 
Maria« vorgedacht worden war. 

In dem Augenblick aber, wo eine Heils¬ 
botschaft ihre physische Machbarkeit er-, 
reicht, hat sie sich selbst überlebt, da ihr ge¬ 
samter Glaubensinhalt verwirklicht (oder 
verwirklichbar geworden) ist. 

Kleiner Mann, was nun? . . . möchte man/ 
frau fragen . . . Auf der Suche nach neuen 
Göttern stößt mensch dann vielleicht auf die 
uralte »Große Göttin«, lebensspendend, näh¬ 
rend, schützend und flüchtet sich - aufs neue 
geborgen fühlend - in ihre All-umfassenden 
Arme. Dann ist Feminismus eine feine Sache: 
als Ersatz für abgewirtschaftete Männertheo¬ 
rien, als Wahlkampfstrategie, als, als, als . . . 
so universell die Unterdrückung war, so ist es 
jetzt die Ausnutzung für alle möglichen Tak¬ 
tiken und Ziele. Diese neue - alte - Reli¬ 
gion aber bemüht sich Mary Daly z.B. in ih¬ 
rem neuesten Werk »Reine Lust« (Verlag 
Frauenoffensive München) als Öko- und bio¬ 
logische Naturnotwendigkeit für »wilde 
Weibsen« und andere willige Menschen 
glaubhaft zu machen . . .sie füllt darin neuen 
(Erklärungs-)Wein in alte (Hierarchienleh- 
ren-)Schläuche ... ob das der Sache der 
Frauen heute dienlich sein wird, muß und 
wird sich zeigen. Ob aber das Leben, so wie 
es damals war (mindestens in einigen der 
nachgewiesenen Matriarchate), heute wieder 
anstrebenswert wäre, ist wohl sehr die Frage. 
Wie es war, davon liefert uns das Buch »Müt¬ 


ter und Amazonen« auf 320 SeitenBcispiele. 
(Sir Galahad; Non Stop Verlag , München und 
Berlin 1975) Ein Ausspruch des ägyptischen 
Philosophen Pta-Hotep von etwa 3200 vor 
Beginn unserer Zeitrechnung mag genügen: 
»Wenn du weise bist, so behalte dein Heim, 
liebe deine Frau und streite nicht mit ihr. Er¬ 
nähre sie, schmücke sic, salbe sic. Liebkose 
sie und erfülle alle ihre Wünsche, solange du 
lebst, denn sie ist dein Gut, das großen Ge¬ 
winn bringt. Hab acht auf das, was ihr Begehr 
ist, und das, wonach der Sinn ihr steht. Denn 
auf solche Weise bringst du sie dahin, es wei¬ 
ter mit dir zu halten. Opponierst du ihr aber, 
so wird es dein Ruin sein.« (S. 245) 

Tauschen wir die Pronomen bzw. das Ge¬ 
schlecht der Adressatin, so sind wir im Hier 
und Heute! - daraus wird eigentlich deutfich, 
daß das Rollenverhaltcn der Geschlechter 
von der jeweils herrschenden Sozialstruktur 
und der damit verbundenen Sozialisation ab¬ 
hängt (siehe hierzu auch Mütter und Amazo¬ 
nen u.a.). 

Das Primat (so wie in der oben skizzierten 
Art) der Mütter und Töchter muß irgend¬ 
wann so übermächtig geworden sein, daß das 
unterdrückte Geschlecht revoltierte und nun 
mit unglaublicher Brutalität das Patriarchat 
einführte und immer perfekter durchführte. 
Da der Männerwelt wohl stets die unbewußte 
Angst im Nacken sitzt, daß die Frauen wieder 
die Oberhand gewinnen könnten, werden 
jegliche Befreiungsbestrebungen der weibli¬ 
chen Hälfte der Menschheit von vornherein 
unterdrückt durch eine entsprechende Erzie¬ 
hung. Durch gesellschaftliche Mechanismen, 
Schulstrukturen und kirchliche Erziehung 
werden Mädchen und Frauen zu Rivalinnen 
gegeneinander abgerichtet. Dadurch entsteht 
zwangsläufig Vereinzelung (der sicherste Ort 



















für Frau ist beim nährenden und schützenden 
Ehemann) der Frauen und die Unmöglich¬ 
keit einer schwesterlichen Solidarisierung. 
Bisher jedenfalls funktionierte die Sozialisa¬ 
tion des Wcib(ch)e(n)s nach des/der HER¬ 
REN Wunsch ausgezeichnet. . . 

Aus der Geschichte der letzten 150 Jahre 
wird auch immer wieder deutlich, daß Frau¬ 
en, wenn sic sich Handlungsspielraum/Frei- 
heiten erkämpfen/nehmen, sie die »Soziale 
Aktion« wählen, um wirksam zu werden, wie 
z.B. die Narodniki-Frauen (siehe SF-Nr.16) 
oder die Mujcres Libres im Spanischen Bür¬ 
gerkrieg (siche taz v.4.8.86 und SF-Nr.21). 
Auch Ansätze, wie die von Otto Groß 
(1877-1920) (siche SF-Nostalgienummer) 
oder die Forderungen und Aktionen der 
Frauengruppcn der Rheinischen FAUD-Syn- 
dikalislen nach »Muttcrsiedlungen und sexu¬ 
eller Freiheit der Frau« (siehe SF-Nr.19) sind 
grundsätzlich ähnlicher Art. 

Zunächst finden alle diese Initiativen Un¬ 
terstützung und Hilfe der organisierten Män¬ 
ner, teilweise nutzen die letzteren die ent¬ 
standenen Strukturen (schamlos?) aus, um 
sic dann, wenn sic wirksam (bedrohlich?) 
werden, lächerlich zu machen und zu unter¬ 
drücken mit Hinweis entweder auf ihre politi¬ 
sche Irrelevanz oder Sprüchen wie: wir müs¬ 
sen doch gemeinsam kämpfen, Splittergrup¬ 
pen schwächen die Bewegung, wir wollen 
doch alle die Anarchie etc. und schon sind die 
Frauen und ihre spezifischen Vorgehenswei¬ 
sen wieder vereinnahmt. Oft verlieren Frau¬ 
en dann den Mut und resignieren. Andere, 
die sich zwar der Sozialen Aktion oder mehr 
oder weniger radikal-feministischen Frauen¬ 
gruppen anschlicßcn würden, werden dann 
gar nicht mehr aktiviert . . . Dies scheint eine 
(durch)gängigc Methode, weibliche Initiati¬ 
ven »mundtot« zu machen. Aber: warum nur, 
zum Kuckuck, lassen oder liessen sich so viele 
von uns immer wieder zum Schweigen brin- 
gen?(Gcdankcn hierzu würden diesen Rah¬ 
men sprengen - vielleicht wann anders oder 
von einer anderen?) 

Welche Merkmale kennzeichnen denn nun 
weibliche Art und Aktion im Unterschied zur 
männlichen Verhaltensweise? Mir scheint, 
daß - außer der sozialen Aktion - z.B. die 
Frauenwiderstandscamps wie in Greenham 
Common oder im Hunsrück mit der über lan¬ 
ge Monate funktionierenden »Mahnwache 
gegen Wahnwachc«, von einer, manchmal 
auch zwei Frauen durchgehend besetzt, vor 
dem .Haupttor der Todesbasis Hasselbach 
solche Qualität haben: weibliche Präsenz, die 
dauernd die tödlichen Spielplätze der Män¬ 


ner bewacht und beobachtet, jede Bewegung 
verfolgend . . . was nützt’s? . . . nützt’s was? 
werden viele denken oder fragen — jedenfalls 
war es dem »big brother« in Hasselbach so 
unangenehm, daß er die erste Möglichkeit 
nutzte als die Mahnwache einmal leerstand 
(weil die beiden im Camp waren!), diese zu 
räumen . . . andere haben dort Blumen ge¬ 
pflanzt, um dem Tod das Leben vor Augen zu 
stellen . . , und vieles andere mehr. 

Manch eine von den Radikaleren belächel¬ 
te solcherlei nur mitleidig: »Aber was soll uns 
denn so etwas? Wir haben keine Zeit mehr! 
Wir müssen kämpfen!« - »Ja?« - »Kämp¬ 
fen? wie die Männer? mit welchen Waffen? 
wie die grünen Parlamentarierinnen? von un¬ 
ten und innen die Hochburgen der Männer 
stürmen? - Oft berichten Frauen dann, daß 
sie makerhaftes Verhalten annehmen müs¬ 
sen, um überhaupt Gehör zu finden, (siehe 
Graswurzelrevolution, Bericht zu Venedig 
’84). Oder im täglichen »Kleinkrieg« die 
männlichen Partner auf gewisse Makerallü¬ 
ren hinzuweisen . . . und . . . und . . . und er/ 
schöpfend ... so daß für schöpferisches (Ei¬ 
gensein oder Aktionen) keine Kraft mehr 
bleibt . . . 

Spätestens dann wenden sich Frauen er¬ 
müdet ab von den männlichen Makern und 
ziehen sich zurück und finden vielleicht 
gleichgesinnte Schwestern zum »Spinnen«, 
wobei langsam, Solidarität wachsen kann. 
(Fast) Jede von uns hat wohl zu irgendeiner 
Zeit ihres Lebens so einen Aufwachpunkt in 
Bezug auf ihre spezifische Unterdrückung in 
der Dreieinigkeit von Staat, Kapital und Pa¬ 
triarchat erfahren und macht sich auf die Su¬ 
che nach neuen Seinsweisen, nach Schwe¬ 
stern. 

Je nachdem, welches der Ausgangspunkt 
für den Ausbruch von frau aus dieser einigen 
Dreifaltigkeit war, wird sich ihre Suche ge¬ 
stalten: vielleicht wendet sie sich radikal ge¬ 
gen alles Männliche, wird Lesbe bis hin zu 
der Forderung »alle Männer müssen weg«, 
was freilich den Fortbestand des Menschen¬ 
geschlechtes genauso wenig gewährleistet wie 
der umgekehrte Wunsch, die Mütter über¬ 
flüssig zu machen. Hier führen beide Extre¬ 
me eindeutig in eine Sackgasse und werden 
absurd. (Diese radikale, weibliche Forderung 
wird z.B. von Mary Daly erhoben in »Gyn/ 
Ökologie« (Frauenoffensive München 1981) 
oder auch in dem Büchlein »Anarcha-Femi- 
nismus« von P. Kornegger [Libertad-Verlag, 
Berlin 1982]). Vielleicht findet sie auch ande¬ 
re, ihre gemäße Wege . . . 


GRASWURZELREVOLUTION NR. 109 ; 

Männergewalt 1 

Täglich tausendfach werden Frau¬ 
en von Männern bedroht, geschla¬ 
gen,gequält, mißhandelt und ver¬ 
gewaltigt. I 

O Patriarchat und Militarismus' 

O Gewalt und Sprache 

O Männer gegen Männergewalt 

O Knast für Vergewaltiger!? 

_. i 

O Wider eine männerorientierte 

Gewaltfreiheit 
O Der schwangere Mann 

Die GRASWURZELREVO.LUTION er - j 
scheint jeden Monat, ist die 
Zeitung des gewaltfreien Anar H 
chismus und wird herausgegeben ] 
von der Föderation Gewaltfreier, 
Aktionsgruppen. 

Probeheft für DM 3,60 in Brief L 
marken bei GWR, Nernstweg 32, 
2000 Hamburg 50. j 


Als Frage bleibt: was wollen (wir) Frauen 
erreichen, wie kann eine vernünftige Zukunft 
aussehen? (Aber bitte nicht: die Zukunft ist 
weiblich oder gar nicht!) 

Mögliche Schritte sehe ich zunächst darin, 
daß Frauen ihr erzogenes Rivalinnendenkcn . 
ablegen und in schwesterlichem Miteinander, | 
jede von ihrem Standort aus beginnt aul ihre j 
Weise diese HERRlichc Welt umzukrem- j 
peln. : 

Wenn wir erst einmal begriffen haben, daß ! 
unser ganzes persönliches Sein politisch w/, I 
egal wie wir es einsetzen: eshat negative Wir- j 
kungen, wenn aus der »Weibchcn«-Mcntali- j 
tat die Politik »den Männern überlassen wird, ; 
weil die es ja soviel besser wissen . . .« (und I 
sie vor allem für sich definiert haben, was Po- I 
liitik ist und was nicht) oder positive, wenn wir j 
lernen, bewußt einzugreifen durch unsere j 
Handlungen (z.B. mit einem Gebärstreik) 
und solidarisch Zusammenhalten, dann ist 
schon eine Menge gewonnen. 

Laßt uns in Gesellschaftsstrukturcn und - 
Praktiken, in Kultur,Humor und Witz, Spra¬ 
che, Launen etc. nach den Unterdrückungs¬ 
mechanismen suchen und laßt uns versuchen, 
Möglichkeiten zu entwickeln diese abzuäri- 
dern. 


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ropa erhielt, so daß viele unnötige und typi- 

»Wenn ich hier nicht tanzen kann, will nisiert, mal zu reglementiert. Trotzdem 


ich nicht bei eurer 
machen« 

Anarchistische 100-Jahr-Feier in Melbourne, 
Australien vom 1.-4. Mai 1986 

Zwei Artikel liegen uns für die Berichterstat¬ 
tung vor, der eine von Horst Stowasser (An¬ 
archistisches Dokumentationszentrum Wetz¬ 
lar), der schon in der taz vom 13.5.86 abge¬ 
druckt war und einer von dem Organisations¬ 
komitee in Melbourne selbst. Beide Berichte 
nehmen sich nicht nur positiv aus und vorne¬ 
weg scheint klar, daß es in Australien nicht 
gelang, die Diskussionen von Venedig 1984 
weiterzutreiben. Mehr noch: es dürfte eher 
das Treffen einer großen Familie von Ideali¬ 
sten gewesen sein, - schön, bunt, vielfältig 
und nicht ohne Konsumangebote. 

Der australische Bericht gibt dabei ein ent¬ 
täuschteres Fazit als dies Horst Stowasser als 
Gast wohl wollte. 

»Am Mittwoch (31.4.) brachte die Mel- 
bourner Tageszeitung »The Age« zwei er¬ 
staunliche und untypische Artikel über anar¬ 
chistische Geschichte, das Filmfestival und 
Mujeres Libres. Am gleichen Tag sprach die 
Welt über die Katastrophe von Tschernobyl. 
Während für viele, die diese Neuigkeiten la¬ 
sen das Gefühl der Ohnmacht vorherrschte, 
machen wir, die Anarchisten, uns auf, eine 
neue Welt zu organisieren. Müssen wir das 
auf den Trümmern der alten tun? Geht das 
überhaupt?« 

Begonnen werden sollte am Donnerstag 
(1.5.) mit einer Maidemonstration. 400 ka¬ 
men zusammen, verteilten Flugblätter und 
schleppten Fahnen und verarschende Figuren 
mit sich. Die Polizei regelte den Verkehr, wie 
überhaupt in Australien noch liberale Ver- 


Revolution mit 

(Zitat Emma Goldmans 
über einem Eingang während 
der Melbourner Veranstaltung) 


einige nicht einsehen wollten und lieber ganz 
anarchisch bis zum Morgengrauen laute Mu¬ 
sik hören wollten, gab’s Knatsch: 

»Einige Leute kooperierten nicht und sie 
wurden aufgefordert zu gehen. Waren sie die 
Unterdrücker oder die Unterdrückten?« 
fragt der Berichterstatter etwas scheinheilig. 

All das wirkte sich lähmend auf den Frei¬ 
tag aus. »Die einzigen, die sich mit voller 
Energie in den Freitag stürzten, waren die 
Kinder.« (Die überhaupt den Kongreß geret¬ 
tet zu haben scheinen!) Ganze 20 Genossen/- 
innen fanden sich zur Diskussion darüber ein, 
warum die Mehrheit anscheinend nur konsu¬ 
mieren wollte. Immerhin stieg der Besucher¬ 
strom in den Ausstellungen und Filmvorfüh¬ 
rungen. 

Am Abend fanden dann doch noch Ar¬ 
beitsgruppen und Diskussionsplenen statt. 
Themen: Medien und Anarchismus (von der 
Resonanz/Hetze in den bürgerlichen Medien 
bis zu Freien Radios und kollektiven Drucke¬ 
reien), Anarchismus und Marxismus , »was 
als akademischer Vortrag präsentiert wurde 
und einige Teilnehmer frustierte, weil sie sich 
nicht ein bringen konnten«. Dritte Welt , 
Kriegsdienstverweigerung , australische Ge¬ 
sellschaft und Staat , Kritisiert wurde das Feh¬ 
len von Feminismus-Arbeitsgruppen und so 
erhielt das Thema Anarchismus und Ge¬ 
schlechterkampf den meisten Zulauf. (Etwas 
frei übersetzt vielleicht, es hieß >anarchism 
and gender politiesc, wh). 

Was irritiert ist, daß die Organisations¬ 
gruppe scheinbar wenig Unterstützung von 
erfahrenen Organisationsmitgliedern aus Eu- 


scheint der Vorwurf ans Publikum ebenfalls 
richtig: zu passiv, konsumorientiert und oft 
sich selbst lähmend durch den Zwang Kon¬ 
sensbeschlüsse zu fällen, wo cs pragmatische¬ 
re Lösungen für alle wesentlich schneller ge¬ 
geben hätte. Mit eine Ursache dürfte die zah¬ 
lenmäßige Schwäche der Organisatoren ge¬ 
wesen sein; eine Erkenntnis, die sich all dieje¬ 
nigen merken sollten, die (mit Venedig im 
Kopf) planen 1987 nach Portugal zu fahren. 
Da die Infos aus Portugal sehr spärlich ge¬ 
worden sind, ist damit zu rechnen, daß das 
Vorhaben nicht so einfach zu realisieren ist. 
Was blieb also von Melbourne? 

Horst Stowasser: »Ein überaus gut besuchtes 
anarchistisches Filmfestival (über die Filme 
im nächsten SF mehr) bot den Rahmen für 
ein nicht zu bewältigendes Programm libertä¬ 
rer Spurensuche, Standortbestimmung und 
Kursdebatte (. . .) So dünn das Netz alterna¬ 
tiver Betriebe in den Städten auch im Ver¬ 
gleich zu Deutschland sein mag, so groß ist 
das Erfahrungsfcld und fantastisch sind die 
Möglichkeiten von Landkommunen und - 
Projekten im Hinterland. Teilweise glich das 
Melbourner Treffen einer Messe von Sicd- 
lungsprojekten.« 

Organisationsbericht: ». . . ein anarchisti¬ 
sches Schwarzkreuz (Gcfangcncnuntcrstüt- 
zungsorganisation) wurde gegründet, ein na¬ 
tionaler Wahlboykott verabredet, einige 
spontane Arbeitsgruppen mit weitergehender 
Perspektive entstanden.« 

Stimmung die zum Tanz einlädt, so scheint 
es, war vorhanden, allerdings nicht bei den 
arbeitswilligen Organisatoren, die lieber 
mehr für die Revolution getan hätten. Für 
diese »richtige« (?) Stimmung sorgten dann 
einige Marxisten mit einer Fahncn-Klau-Ak- 
tion. Dann war action, denn diese Fahnen 
wurden mit großem körperlichen Einsatz zu- 
rück-»erobert« . . . und zwar alle. Da warf 
sich einer sogar auf die Kühlerhaube eines 
Fluchtautos . . . 

wh 


hältnisse zu herrschen scheinen. Demo-Ziel 
war ein Arbeiterbewegungs-Denkmal. 

»Melbourne war der Ort an dem zuerst der 
8-Stunden-Tag erzwungen wurde, 1856, und 
das Denkmal wurde gebaut um die Vorbeige¬ 
henden an den Kampf zu erinnern. Es steht in 
der Nähe der Trades Hall - dem Sitz der re¬ 
formistischen Gewerkschaft.« Ein richtiger 
Zielpunkt, denn seit Jahren haben diese Ge¬ 
werkschaften die Maidemonstrationen auf 
den ersten Sonntag im Mai verlegt; damit’s 
niemanden stört. 

Doch schon abends begannen die Enttäu¬ 
schungen: Mangels organisatorisch tätiger 
Menschen war nichts vorbereitet* worden, 
man hatte lediglich Micros aufgebaut und 
vertraute nun in die Improvisationsgabe und 
Phantasie der Gäste. Lediglich die Kinder er¬ 
griffen dann die Gelegenheit mit diesen Spiel¬ 
zeugen Krach zu machen. Gegen 21.30 Uhr 
gelang über einen lokalen Rundfunksender 
immerhin eine Direktschaltung zu US-Anar- 
chisten in Chicago, die gleichzeitig eine 100- 
Jahr-Feier zum Haymarket abhielten. Da¬ 
nach spielten Punkbands, offensichtlich nicht 
zum Geschmack der Organisatoren (zu laut!) 
und das hatte Folgen. Um 23 Uhr war (wie 
mit dem Hallenbesitzer im Mietvertrag ver¬ 
einbart) schon wieder Schluß; und weil das 



Photoband zum Kongreß in Venedig 


Photo: Ciao Anarchiei 









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von Gruppe Libertäre InitiativeWbingm 1 ^^^^ 


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Technokratischer Neokonservatismus 
Eine Skizze am Beispiel Lothar Späths 

Die Reaktion ändert ihr Geischt. Die Polizei- 
knüppcl bleiben zwar die gleichen, doch an 
die Stelle grobschlächtig auftrumpfender 
Machtfanatiker Straußscher und Zimmer¬ 
mannscher Prägung tritt mehr und mehr eine 
Riege »ausgewogener Herren«. An der 
Speerspitze des Fortschritts stehend geben sie 
vor die Lösung der Probleme unserer Zeit in 
Angriff zu nehmen. Scheinbar modern ge¬ 
sinnt greifen sie fortschrittliche politische Im¬ 
pulse als Schlagwörter auf und verarbeiten 
diese zur Hochglanzverpackung einer altbe¬ 
kannt einfallslosen Politik. In diesem auf¬ 
kommenden »technokratischen Neokonser¬ 
vatismus« verbindet sich eine von eloquenten 
Nebelwerfern gut verkaufte Pseudo-Moder¬ 
nität mit der offensiven und radikalen Unter¬ 
werfung unter eine kapitalistische-technokra- 
tische Logik. Betrachtet man diese Politik¬ 
konzeption aus einer gesamt-gesellschaftli¬ 
chen Perspektive, so kann sie als Versuch ei¬ 
ner technokratischen Antwort auf Struktur¬ 
probleme der gegenwärtigen Gesellschafts¬ 
und Machtformation verstanden werden. 

Aspekte des Spätkapitalismus 

Das Späthsche Projekt läßt sich als neokon¬ 
servative Antwort auf eine Krise der spätka¬ 
pitalistischen 

(Wir halten den Begriff »spätkapitalistisch« für un¬ 


glücklich; obwohl cs sich gut als Sprachspicl mit 
Späth anbictct, würden wir cs lieber mit Neudefin¬ 
ition des Kapitalismus umschreiben. Wir stellen fest, 
daß nun seit 1920 vom Spätkapitalismus gesprochen 
wird, daß von rätckommunistischcr Seite bereits in 
den 30crn die »Todeskrisc des Kapitalismus« für si-, 
eher gehalten wurde und halten das Wort deshalb 
für einen durch nichts zu rechtfertigenden Optimis¬ 
mus, der dahingehend mißverstanden werden kann, 
als käme der Kapitalismus wirklich zu einem Ende; 
dabei bedeutet eine Krise - gerade nach der Erfah¬ 
rung des Faschismus und des 2. Weltkriegs - für 
den Kapitalismus gerade noch lange kein Ende, 
sondern lediglich eine Transformation der gegen¬ 
wärtigen Fornv, SF) 

Gesellschaftsformation begreifen und scheint 
in diesem Sinne in keinem prinzipiellen Ge¬ 
gensatz zu den Vorstellungen eines Bieden¬ 
kopf, Riesenhuber, Genscher, Rau oder 
Glotz zu stehen. Die in unserem Jahrhundert 
vorherrschende Form des Spätkapitalismus 
unterscheidet sich nun schon wesentlich von 
dem, was man noch im alltäglichen Sprachge¬ 
brauch mit »Kapitalismus« assoziiert: 

Daß das Verhältnis von Lohnarbeit und 
Kapital das zentrale Strukturmoment der Ge¬ 
sellschaft ist, welches die Organisation und 
Regulation der Gesellschaft über Marktme¬ 
chanismen hinsichtlich der Kapitalverwer¬ 
tung und der Klassenherrschaft ermöglicht. 
Hierbei wird dem Staat die Rolle eines Ga¬ 
ranten für die innen- und außenpolitische 
Aufrechterhaltung der Kahmenbedingungen 
des marktgeregelten Verwertungsprozesses 
des Kapitals zugeschrieben. Mit dieser zen¬ 
tralen Rolle des selbstregulierten Marktver¬ 
kehrs ist auch eine Ideologie nach dem Mot¬ 


to: >Jeder ist seines Glückes Schmicd< ver¬ 
bunden. Damit wird behauptet, daß alle, die 
»Leistung« bringen, auch einen entsprechen¬ 
den Gegenwert bekommen. Die vom Kapital 
definierte Leistung lohne sich, dem Tau¬ 
schmechanismus des Marktes wird so etwas 
wie Gerechtigkeitzugesprochen. Die Produk¬ 
tionsverhältnisse können sich somit auf ideo¬ 
logischer Ebene durch sich selbst legitimieren 
und sind nicht an eine Legitimation durch ei¬ 
ne übergeordnete politische Instanz gebun¬ 
den. Verdeckt wird hierbei, daß die Klassen¬ 
herrschaft als die Struktur der Produktions¬ 
verhältnisse sowohl durch direkt politische 
Repression wie auch durch wirtschaftliche ‘ 
Repression aufrechterhalten und reprodu- ! 
ziert wird. 

Diese Merkmale skizzieren allerdings eine ; 
liberalkapitalistische Gesellschaftsform, wie j 
sie bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahr- I 
hunderts vorherrschte. I 

Der sogenannte Spät-Kapitalismus unter- j 
scheidet sich nun vom liberalen vor allem da- \ 
durch, daß die Verwertung des Kapitals, : 
(. . .) immer stärker staatlich organisiert j 
wird. Mit dieser zunehmenden Organisation i 
der Kapitalverwertung durch den Staat geht 
auch, neben der Ausbildung eines Welt¬ 
markts, ein Konzentrationsprozeß der Unter- 
nehemn, die Ausbildung eines öffentlichen 
Sektors der Produktion wie auch die Ver¬ 
flechtung des privaten mit dem öffentlichen j 
Sektor einher (vgl. Jürgen Habermas , Die Le - 
gitimationsprobleme im Spätkapitalismus , j 
Frankfurt 1973) Die organisierende Funktion | 














des Staates bleibt aber beschränkt auf das 
Füllen von Funktionslücken des Marktes. 

Habermas: (Der Staat ersetzt den Markt¬ 
mechanismus) ». . . durch »Stärkung der na¬ 
tionalen Wettbewerbsfähigkeit^ durch Orga¬ 
nisation übernationaler Wirtschaftshlöckc, 
durch imperialistische Sicherung der interna¬ 
tionalen Schichtung usw., 
durch unproduktiven Staatskonsum (Rü- 
stungs- und Raumfahrtindustric); 
durch strukturpolitische Lenkung des Kapi¬ 
tals in marktautonom vernachlässigte Sekto¬ 
ren; 

durch Verbesserung der materiellen Infra¬ 
struktur (Verkehrs-, Schul- und Gesundheits¬ 
systeme, Erholungszentren, Stadt- und Re¬ 
gionalplanung, Wohnungsbau etc.); 
durch Verbesserung der immateriellen Infra¬ 
struktur (allgemeine Wirtschaftsförderung, 
Investitionen in Forschung und Entwick¬ 
lungstätigkeiten, Vermittlung von Patenten 
usw.) 

durch Steigerung der Produktivkraft mensch¬ 
liche Arbeit (allgemeines Bildungssystem, 
Berufsbildungssystem, Ausbildungs- und 
Umschulungsprogrammc usw.) 
durch die Ablösung sozialer und sachlicher 
Folgekosten privater Produktion (Arbeits¬ 
losenunterstützung, Wohlfahrt, Umwcltschö- 
dcn).« 

Die immer zentraler werdende Rolle des 
Staates ändert jedoch nichts daran, daß die 
Investitionsentscheidungen, anstatt aus der 
Perspektive volkswirtschaftlicher Einsicht, 
ausschließlich nach Kriterien einer betriebs¬ 
wirtschaftlichen Rentabilität gefällt werden. 
Denn das, was jeweils als gesamtgesellschaft¬ 
liche Priorität propagiert wird, wird nur als 
Nebenfolgc einer privaten Unternehmens- 
Strategie hcrausgcbildet und nicht aus dem 
Versuch vernünftiger Einsicht in gesamtge- 



sellschaltlichc Notwendigkeiten. 

Der Spätkapitalismus läßt sich also da¬ 
durch kennzeichnen, daß der Staat, der den 
Anspruch zu verkaufen sucht, durch Wahlen 
legitimiert, die Interessen seiner Bevölke¬ 
rung zu vertreten, sich immer stärker in der 
organisatorisch-adminstrativen Unterstüt¬ 
zung einer allein marktorientierten Konzern¬ 
politik engagiert. 

Diese Politik bringt jedoch einen für den 
Spätkapitalismus zentralen, strukturellen Wi¬ 
derspruch mit hervor, der in dem Konflikt um 
die Atompolitik zur Zeit wohl am deutlich¬ 
sten zumAusdruck kommt. Es ist der Wider¬ 
spruch zwischen einer durch hohen Staatsan¬ 
teil zunehmend vergesellschafteten Produk¬ 
tion, die sich ja permanent auf die formale 
Legitimation durch Wahlen beruft und den 
nicht vcrallgcmcincrungsfühigen Interessen, 
für die produziert wird. Die gesellschaftlich 
legitimierte staatliche Politik und Produktion 
steht im Dienst der privaten Interessen von 
kleinen Macht-Cliquen. (. . .) Dem Grund¬ 
widerspruch einer vergesellschafteten Pro¬ 
duktion für nicht verallgemcinerungsfähige 
Interessen begegnet nun das durch formal¬ 
demokratische Verfahren (Wahlen) legiti¬ 
mierte administrative System dadurch, daß es 
versucht, sich von der legitimierenden und 
kontrollierenden öffentlichen Willensbildung 
möglichst unabhängig zu machen. 

». . . durch Pcrsonalisicrung von Sachla¬ 
gen, dem symbolischen Gebrauch von Anhö¬ 
rungsverfuhren, Expertenurteilcn, juristi¬ 
schen Beschwörungsformeln usw. (. . .) Die 
legitimationswirksam hergestellte Öffentlich¬ 
keit hat vor allem die Funktion, die Aufmerk¬ 
samkeit durch Themenbereiche zu strukturie¬ 
ren, d.h. andere Themen , Probleme und Ar¬ 
gumente unter die Aufmerksamkeitsschwelle 
heruntcrzuspiclcn und dadurch der Mei¬ 
nungsbildung zu entziehen.« (vgl. Luhmann, 
in Habermas, s.o.) 

Das administrative System bleibt also auf 
Legitimation bezogen, jcodch nicht auf die 
von demokratisch partizipierenden Men¬ 
schen, sondern auf eine Legitimation durch 
möglichst d i ff u s e Massenloyalität. Diese 
soll gewährleisten, daß die Menschen sich ei¬ 
nerseits nicht um die jeweiligen spezifischen 
Probleme kümmern, sic delegieren und dabei 
jedoch andererseits von diesem adminstrati- 
ven System (Verwaltung) kalkulierbar, steu¬ 
erbar und überwach bar bleiben. Zwei Kon¬ 
fliktlinien lassen sich also festhalten: 

Einerseits der traditionelle, jedoch durch 
den sozialstaatlichcn Kompromiß verdeckte 
und auf die Dritte Welt abgewälzte Konflikt 
zwischen «Arbeit und Kapital«. Andererseits 
ein Konflikt, der sich aus den Legitimations- 
Problemen einer formai-lcgitimierten, verge¬ 
sellschafteten Produktion für nicht vcrallge- 
mcincrungsfähige Interessen ergibt. (. ) 

Die heutigen sogenannten Krisenmomente 
treten an diesen Linien auf. Denn einerseits 
gerät der sozialstaatliche Kompromiß, der 
den Klassenkonllikt verdecken soll, ins Wan¬ 
ken und andererseits keimt in der Öffentlich¬ 
keit (leichte) demokratische Regsamkeit 
wachsen Einstellungen und Werte, die sich 
dem marktgerechten technokratischen Zu¬ 
griff des politisch-administericllcn Manage¬ 
ments entziehen. ' 

Späths Antworten auf Krisenmomente des 
Spätkapitalismus 

(Das zuietztgenannte Krisenmoment, nicht 
beliebig Massenloyalität erzeugen zu können,, 
gestiegene partizipatorischc Interessen in der 
Bevölkerung beruhigen zu müssen wird von 


links als »Legitimationskrise«, von rechts als 
»Unregierbarkeit« cingcschätzt; SF-Zusam- 
menfassung; vgl. Helmut Dubiel , Was ist Neo¬ 
konservatismus?, Frankfurt I9H5) 

Diesem Problem scheint Späth, neben der 
Entwicklung polizeistaatlicher Strukturen, 
wie sie schon bundesweit unter Mithilfe der 
SPD Mitte der 60er Jahre cinsetzte, auf zwei 
Ebenen begegnen zu wollen. Einerseits auf 
der Ebene einer diffuse Loyalität schaffenden 
Propaganda für die sogenannte «Versöh¬ 
nungsgesellschaft«, in die er alles, was gerade 
so an modernen Sehlagwörtcrn durch die Me¬ 
dien geistert, zusammenfaßt. Die andere 
Stoßrichtung liegt auf der Ebene einer Bil- 
dungs- undKulturpolitik, die sowohl die Ent¬ 
wicklung einer demokratischen Kultur unter¬ 
binden wie sie auch der Forcierung einer 
Technologiepolitik unterordnen wilh Doch 
nicht nur die Bildungspolitik, sondern auch 
die Wirtschafts-, Sozial-, und Gesellschafts¬ 
politik werden alle aul die Forcierung des 
technischen Fortschritts bezogen, der als 
Heilsbringer fast wie von selbst mit allumfas¬ 
sendem Zugriff unsere Probleme lösen soll. 
Denn läuft erst einmal der Karren der High- 
Tech so richtig, dann werden auch alle ande¬ 
ren Probleme lösbar sein und es kann gna¬ 
denlos versöhnt werden: die Ökonomie mit 
der Ökologie, die Technik mit der Arbeits¬ 
welt, die Technik mit der Kultur, der Sozial¬ 
staat mit der Solidargcmcinschaft, die Ratio¬ 
nalität mit der Irrationalität, die Notwendig¬ 
keit der Arbeit mit kreativem Spiel, der wis¬ 
senschaftliche Erkenntnisdrang mit musi¬ 
schen Ausdrucksvermögen. etc. (vgl SPIE¬ 
GEL, Nr.84). 

Wie man/frau sich diese Versöhnung vor¬ 
zustellen hat, sagt uns Späth glücklicherweise 
selbst, beispielsweise hinsichtlich des Ver¬ 
hältnisses von Technik und Natur: «Doch die 
sich qualitativ und wese nt- 













lieh zu wandeln. Sic schreitet auf dem Weg 
von der Naturverlctzung über die Umwelt¬ 
schonung zur (biogenetisch gesteuerten) Na¬ 
turproduktion unaufhaltsam voran.« ( Lothar 
Späth, Wende in die Zukunft) 

Wenn man/frau sich hierzu dib bisherige 
Entwicklung der Gentcchnologie vergegen¬ 
wärtigt, so ist erstens klar, daß die Entwick¬ 
lung und Verwendung der Gentcchnologie 
entsprechend den Gesetzmäßigkeiten von 
marktförmigen (. . .) Mechanismen verläuft, 
und daß zweitens diese sogenannte »Versöh¬ 
nung« von Technik und Natur als die Ver¬ 
nichtung der Natur im Versuch ihrer künstli¬ 
chen Reproduktion zu verstehen ist. (. . .) 


Doch dieses drohende Klima geistiger 
Leere bei technokratischer Effizienz scheint 
gerade dasjenige zu sein, in welchem sich 
Späth wohlfühlt: 

»Als ich vor 5, 6 Jahren an die Universitä¬ 
ten ging und dort sprach, wurde ich immer 
von zahllosen Sichcrheitsleutcn begleitet. Sie 
haben dafür gesorgt, daß ich unter riesigen 
Tumulten gelegentlich das Mikrophon er¬ 
wischte. Unsere Themen waren im wesentli¬ 
chen studentische Vertretung, Rüstungsab¬ 
bau und die Frage, wie es in Chile. Nicara¬ 
gua, El Salvador oder Vietnam weitergeht . — 
Wenn ich heute Universitäten besuche, kann 
ich mich kaum retten vor Diskussionen über 


_ I X 1 

Opfer der kapitalistischen Krisendynamik 
von Verelendung zu bewahren,sucht 

- daß sie mit staatlicher Produktion von Gü- : 
tern und Dienstleistungen Funktionslücken > 
des Marktes füllt 

- daß sic duch Anerkennung der Gewerk- ' 

schäften diese in die »gesamtgesellschaftliche 
Verantwortung« cinbczieht (vgl. Helmut Du- \ 
biel,s.o.)(. . .) I 

Wie man unschwer festst eilen kann, tref- i 
feil diese Bedingungen nicht mehr zu: »Bei 
einem Übergang an Rationalisierungsinvesti¬ 
tionen, bei extremen Budgetdefiziten, einer i 
monopolistischen Preisgestaltung in weilge- \ 
hend vermachteten Märkten, bei der starken : 



Um die intendierte »Versöhnung« von Tech- unsere wirtschaftlich-strukturelle Zukunft. Weltmarktintegration nationaler Ökonomien i 

mk und Kultur richtig zu verstehen, muß Als ich kürzlich zur Kunstakademie in Stutt- stößt der »Konsens« an seine ökonomischen j 

man/frau sich nur an Späths Abwertung der gart kam, drehte sich die Diskussion um die Grenzen.« (vgl. Duhiel) 

Geisteswissenschaften zu »Diskussionswis- Frage, inwieweit wir Design-Studiengänge Die Späthsche Antwort auf diese Proble- i 

Seilschaften« (vgl. Vorfrag Späth: Die ord- entwickeln können, um die Industrie partner- me bewegt sich in den üblichen Bahnen neo- | 

nungspolitische Rolle des Staates in der sozio- schaftlich zu unterstützen und gleichzeitig konservativer Politik-Konzeptionen. Wäll- ; 

len Marktwirtschaft) erinnern, denen Späth neue Arbeitsplätze zu schaffen. An der rend sozialdemokratische Konzeptionen j 

stattdessen die Funktion von Legitimation- Kunstakademie! 5 Jahre zuvor hätten sie dort (kcyncsianisch) bisher stärker bei der »Nach- ! 

beschaffeni für den technischen Fortschritt günstigenfalls über die Frage der zulässigen frage« ansetzten und durch eine beschäfti- I 

(Akzeptanzwissenschaften) zuschreiben will. Abstraktion in der Malerei diskutieren kön- gungsfördernde Arbeitsmarktpolitik, öffent- I 

Doch dies wird, aufgrund des spezifischen nen. Das hat sich alles geändert. Die jungen liehe Aufträge, sozialpolitische Maßnahmen 

Reproduktionsmodus von kulturellem Wis- Leute sind prima!« (vgl. Lothar Späth, Vor- etc. die Verwertungsbedineungen des Kapi- ' 

sen, unweigerlich zur Zerstörung von leben- trag). tals indirekt zu verbessern suchten, setzten ' 

iger Kultur, Traditionen und Überlieferung, Das andere zentrale Krisenmoment des (neo-)konservative Politiker direkt bei der I 

zugunsten einer über Medien verbreiteten, Spätkapitalismus, dem Späth zu begegnen Verbesserung dieser Verwcrtungsbcdingun- ! 

künstlich-manipulativ produzierten und an sucht, ist die Krise des »wohlfahrtsstaatlichen gen an, sic stärken also die »Anaebotsscite«. ■ 

die technokratischen Erfordernisse angepaß- Kapitalismus«, der durch den sozialstaatli- Für Späth bedeutete dies vor allem, die ! 

ten Wissens führen. Denn kulturelles Wissen chen Kompromiß gekennzeichnet ist. Diese Entwicklung neuer Technologien (z.B. Infor- ! 

reproduziert sich auf der Alltagsebene in für die Nachkriegszeit in Europa typische mationstechnik, Optoelektronik wie Glasfa- j 

ommunikativen Strukturen, seine Repro- Form des wirtschaftspolitischen Manage- ser und Sensorentechnik, Lasertechnik. Gen- j 

duktion ist angewiesen auf eine lebendige ments wird gemeinhin mit dem Begriff des und Biotechnik, Erforschung neuer Werk- j 

Auseinandersetzung. Kulturelles Wissen »Keynesianischen Konsensus« umschrieben:, Stoffe) zu fördern. Dies bedarf einer Politik 

kann, um den Preis der Selbstzerstörung gekennzeichnet dadurch: die sowohl die Infrastruktur für die Produk- 

111 . von c,ncr Verwaltung objektiviert und - daß sie bei Bedarf durch staatliche Initiati- tion von High-Tech bereitstellt (veränderte j 

zu irgendeinem Zweck strategisch eingesetzt ven gestützt wird Abschreibungspolitik, Forschungspolitik, j 

Wcr cn * ~ daß sie durch soziale Hilfe die jeweiligen Förderungsprogramme) wie sie auch die ver- j 














schiedenen Firmen bei der aggressiven Er¬ 
schließung von Exportmärkten unterstützen 
soll. 

Hieraus resultieren die zwei Grundpfeiler 
von Späths Politik, die extreme Exportorien¬ 
tierung und die Förderung der Entwicklung 
von High-Tech. Hinsichtlich des technischen 
Fortschritts nimmt Späth eine typisch neo¬ 
konservative Haltung ein. Konservativ mit 
»Neo-« bedeutet heutzutage nicht mehr, im 
Unterschied zur überkommenden konservati¬ 
ven Haltung, die Erhaltung von Traditions¬ 
beständen, Lebensformen, Moral etc., son¬ 
dern es bedeutet nun ein konservatives Ver¬ 
hältnis zur Struktur destechnisch-industriel¬ 
len Fortschritts: 

»Die von Neokonservativen emphatisch 


hängig betrachtet werden. Dementsprechend 
meint Späth mit Hilfe der Entwicklung neuer 
Basistechnologien die derzeitigen ökonomi¬ 
schen Probleme überwinden zu können. 

In diesem Zusammenhang stellt sich dann 
die Entwicklung von neuen Technologien als 
ein Sachzwang dar, dem man/frau sich nicht 
mit vernünftigen Argumenten entziehen kön¬ 
nen soll. Hierbei ist jedoch festzuhalten, daß 
eine Argumentation, die sich auf der Basis 
von Sachzwängen und deren ideologischer 
Verbrämung bewegt, als irrationale und anti¬ 
demokratische einzustufen ist. 

Sie. ist irrational und antidemokratisch, 
weil sie sich ihre Prämissen von einer kleinen 
Minderheit unhinterfragt vorgeben läßt, die 
sich mitnichten an vernünftigen Überlcgun- 


Export prägt zwar schon die gesamte deut¬ 
sche Wirtschaft seit dem zweiten Weltkrieg, 
sie soll jedoch nach Späth, analog zur techno¬ 
logischen Entwicklung, zur Überwindung der 
momentanen wirtschaftlichen Probleme noch 
stark forciert werden. (...): 

»Nun ist Weltoffen heit aber in dem kom¬ 
menden informationstechnischen Zeitalter 
die wahrscheinlich wichtigste Grundbedin¬ 
gung zur Selbstbehauptung von Nationen. 
Wirtschaftlich wird auf Dauer nur Erfolg ha¬ 
ben, wer in ausländische Märktcoffcnsiv hin¬ 
eingeht und sich in Kultur, Tradition und 
Mentalität anderer Völker einzufühlcn weiß« 
(Wende in die Zukunft) 

Mit dieser sogeannten Wcltoffenheit wird 
außenpolitisch die »Garantie der Kapitalvcr- 



verteidigte, in der soziologischen Gcsell- 
schaftstheorie zu ihrem Selbstbewußtsein ge¬ 
kommene »bürgerliche« Rationalität wird im 
wesentlichen durch die folgenden Werte und 
Institutionen verkörpert: zunächst durch ei¬ 
nen von kulturellen und politischen Zweck¬ 
setzungen entbundenen Selbst lauftech 
nologischer und sozialtechnisch 
e r Entwicklung, sodann durch eine Produk¬ 
tionsweise, die das Privateigentum an Pro¬ 
duktionsmitteln auch unter den Bedingungen 
hoher Grade von Vergesellschaftung nicht 
antastet, durch eine prohibitive Ethik, die 
moralische Motive mit den funktionalen Er¬ 
fordernissen der Produktion kurzschlicßt, 
und schließlich durch ein von gesellschaftli¬ 
chen Gruppen strikt getrenntes politi¬ 
sches System, in dem formal legitimierte pro¬ 
fessionalisierte Eliten kollektive Entschei¬ 
dungen beraten und durchführen.« (vgl. Du- 
biel) 

Der technische Fortschritt wird zu einem 
unausweichlichen Geschick hochstilisiert, 
von dessen Erfolg alle anderen Momente der 
Gesellschaft, Kultur, Erfüllung von Glücks¬ 
vorstellungen, Lebensstandard etc. als ab¬ 


gen zur Lösung realer Probleme im Sinne ei¬ 
ner sogenannten freiheitlich-demokratischen 
Gesellschaft leiten läßt, sondern allein an 
Profitmaximicrung interessiert ist. (Antide¬ 
mokratisch zudem, weil sie die Entscheidun¬ 
gen der öffentlichen Meinungsbildung ent¬ 
zieht und von »gcheimbündlerischcn Exper¬ 
tenzirkeln« beschließen läßt; gekürzte SF- 
Fassung) 

Späth setzt auf die an sich schon irrationale 
Sachzwangargumentation noch einiges drauf, 
indem er die technologische Entwicklung mit 
einem Mythos von Evolution umgibt und sie 
damit zu einer Naturgesetzlichkeit (macht), 
sie gar noch als moralisch verpflichtend hin¬ 
stellt: 

»Die neuen Technologien sind für alle 
Völker, die sie anwenden und fortentwickeln 
können ein aus Vernunft und Gewissen abge¬ 
leiteter Auftrag dies auch zu tun.« (Wende in 
die Zukunft) 

Elegant läßt er in seine schwülstigen Sätze 
auch eine Rechtfertigung aggressiver Export¬ 
politik einfließen, des zweiten Grundpfeilers 
seiner Politik. Die starke Orientierung am 


Wertung ganz eng mit der Sicherung und dem 
Ausbau der (relativen) imperialistischen Hc- 
gemonialstellung der Bundesrepublik ver¬ 
knüpft«. Andererseits bringt sie innenpoli¬ 
tisch einen »steigenden ökonomisch-sozialen 
Druck zur Anpassung an verdänderte Kon¬ 
kurrenzbedingungen auf dem Weltmarkt.« 
(vg/. Joachim Hirsch: Der Sicherheitsstaat. 
Das >Modell Deutschland<, seine Krise und 
seine neuen sozialen Bewegungen, Frankfurt 
1980) 

Denn wenn der Staat immer stärker in die 
Mechanismen des Weltmarktes hineingezo¬ 
gen wird, dann muß er innenpolitisch je nach 
Markterfordernissen eine Anpassung durch 
ökonomisch-soziale Restrukturierungen 
möglichst reibungslos durchsetzen können. 
Er muß es fertigbringen, die Arbcits- und Le¬ 
bensbedingungen der Bevölkerung auf die je¬ 
weiligen Erfordernisse des Weltmarkts hin zu 
formen. 

(Gekürzte SF-Fassung: Um diese hohe 
Flexibilisierung zu erreichen entsteht der 
Verschleierungsbedarf einer »Vcrsöhnungs- 
gesellschaft«, denn:) 

— der Staat muß die Arbeiterschaft einbin- 




und disziplinieren (sozialstaatlicher 
Kompromiß, Verbot politischer und sponta¬ 
ner Streiks, § 116 usw.) 

— die Verlagerung von lohnintensiver Pro¬ 
duktion ins Ausland, Rationalisierungspro- 
zessc, Ausdehnung struktureller Arbeitslo¬ 
sigkeit im Inland. 

— den Ausbau lebensbedrohender Indu¬ 
strien, die >inncrc Kolonialisierung< und die 
Beeinträchtigung natürlicher und gesell¬ 
schaftlicher Lebcnsbedingugen (Umwelt- 
und Stadtzerstörung) wird andauern. 

Späths Instrumentarien 

Zunächst: Späths Politik unter dem Gesichts¬ 
punkt der Einbindung der arbeitenden Bevöl¬ 
kerung und der Problematik struktureller Ar¬ 
beitslosigkeit. 

Allein die möglichst umfassende Entwicklung 
neuer Technologien und die Forcierung des 
Exports bieten nach Späth eine Chance zur 
Überwindung der strukturellen Arbeitslosig¬ 
keit, wobei er aber nicht aufzeigen kann, wie 
diese Überwindung vonstatten gehen könnte. 
Er argumentiert eher ausgehend von dem sei¬ 
ner Ansicht nach alternativlosen Sachzwang 
der Hochtechnisierung und des Exports. Er 
sucht durch ideologische Propaganda (z.B. 
»Versöhnung von Arbeit und Spiel«) die 
Hoffnung zu wecken, daß die Unterordnung 
unter die Exportlogik und die technologische 
Entwicklung schon irgendwie das Problem 
der Arcbcitslosigkcit lösen werde. Dies be¬ 
deutet jedoch zunächst einmal den Anstieg 
von Arbeitslosigkeit, denn entsprechend dem 
vorgeblichen Zwang zur Hochtechnisierung 
spricht sich Späth gegen jegliche Förderung 
alter Industrien aus (z.B. Werften, Stahl, 
Kohle). 

Das Problem, auf welche Weise mehr Ar¬ 
beitskräfte in den Produktionsprozeß einge¬ 
bunden werden können, als eigentlich für 
dessen Aufrechtcrhaltung notwendig sind, 
will Späth auf eine Weise lösen, die schon in 
der Dritten Welt von verschiedenen Konzer¬ 
nen praktiziert wird. Auch hier kann man/ 
frau ablcsen, wie die propagierte »Versöh¬ 
nung« der Gesellschaft, die eine Spaltung in 
einen arbeitenden »Kern« und eine nicht ar- 
beitcndc»Peripherie« verhindern soll von- 
statten zu gehen hat. 

Späths Antwort auf diese drohende Spal¬ 
tung ist das Programm einer permanenten Z / 
r k ul ad o n von Arbeitskräften , wobei Ar¬ 
beitslosigkeit durch Wcitcrbildungsprogram- 
me etc. übcrbrückt werden soll. Die verlok- 
kende Vorstellung des lebenslangen Lernens 
wird von Späth zur Bereitschaft lebenslanger 
Anpassung an neue Technik uminterpretiert: 

»Auf Arbeitnehmerseite ist die Bereit¬ 
schaft notwendig, staatliche und private Wei¬ 
terbildungsangebote intensiv zu nutzen, be¬ 
fristete oder Teilzeitarbeitsverhältnisse als 
Übergangslösung zu akzeptieren und eventu¬ 
ell Formen einer Teilselbständigkeit im 
Dicnstleistungsbcreich zu erproben.« (Wende 
in die Zukunft) 

Mit diesem Programm der Fluktuation 
und der Teilsclbständigkeit scheint es mög¬ 
lich, trotz weniger Arbeitsplätzen, mehr 
Menschen noch intensiver und kontrollierter 
in den Produktionsprozeß einzubinden. Da¬ 
mit verbunden kann eine noch weitgehendere 
Desintegration der Gesellschaft, als sie heute 
schon vorliegt, ewrwartet werden. Das Kon¬ 
zept der Teilsclbständigkeit (z.B. Heimarbeit 
am Terminal + Herumrennen als Unterneh- 
mer/-in um Aufträge zu suchen)[Unqualifi- 
ziertcr (?) Einspruch: nur so ist die Produk¬ 
tion dieser Zeitschrift möglich, äh?hm! — die 


Kontrolle ist also relativ unhd ausnutzbar! 
wh]) wird ein übriges dazutun die Arbeiten¬ 
den weiter zu entsolidarisieren und zu anony¬ 
misieren. 

(. . .)Zum Zweiten: Späths Politik unter 
dem Gesichtspunkt der inneren Kolon ialisie- 
rung< des Ausbaus lebensbedrohender Indu¬ 
strien und der Verwüstung natürlicher und ge¬ 
sellschaftlicher Lebensbedingungen. 

Ein Bilderbuchbeispiel für >innere Koloniali- 
sierung< ist Späths Hochschulpolitik im Rah¬ 
men der Schaffung einer Technologie und 
wirtschaftsfreundlichen Forschungsinfra¬ 
struktur. Die naturwissenschaftlichen Fächer 
sollen direkt eingebunden werden in den Ver¬ 
wertungsprozeß des Kapitals, d.h. die letzten 
Reste einer wissenschaftlichen Autonomie 
werden im Dienste eines scheinbaren techno¬ 
kratischen Fortschritts zerstört, indem die 
Grundlagenforschung administriell auf die 
Bedürfnisse des Marktes hin zugeschnitten 
werden soll. Mit dieser Politik wird nicht nur 
verhindert; daß sich die Forschung der Lö¬ 
sung wirklich realer und existenzbedrohender 
Probleme unserer Zeut zuwendet (z.B. auf 
dem Gebiet der Landwirtschaft: angesichts 
der fortschreitenden Zerstörung des Bodens 
kaum Forschung für ökologischen Landbau, 
statt dessen Gentechnologie), sondern auch 
das umfassende , forschungsimmanente Fra¬ 
gen wird durch diese Funktionalisierung hin 
auf kurzsichtige Marktinteressen untergaben. 
Daß diese langfristig das Ende jenes noch 
einigermaßen akzeptablen Niveaus von For¬ 
schung bedeutet, liegt auf der Hand. 




Der gleiche Zusammenhang zeigt sich bei 
der Funktionalisierung der Geisteswissen¬ 
schaffen, die entweder zu Akzeptanz - wie 
z.B. die Philosophie oder zu Exportförde¬ 
rungswissenschaften wie z.B. die Japanologie 
oder Sinologie degradiert werden sollen. 

Ein nur zu bestirnten Zwecken, sei es die 
Akzeptanz von Technologie oder sei es auch 
>nützliches< Wissen für die Erschließung aus¬ 
ländischer Märkte, aufbereitetes und strate¬ 
gisch eingesetztes kulturelles Wissen stirbt 
notwendigerweise ab. Der Geist lebendiger 
Auseinandersetzung weicht dem toten Kalkül 
der Technokraten. Doch auch hinsichtlich 
der Verwüstung der Umwelt und eines welt¬ 
politischen Amoklaufs zeigen sich deutlich 
die Konturen von Späths Politik. Die absolu¬ 
te Gemeingefährlichkeit einer solchen rein 
technokratischen Politikkonzeption erweist- 
sich an Späths Eintreten für SDI im Dienste 
von Daimler und dessen technologischen In¬ 
novationen. In diesem Sinne fördert Späth 
auch offensiv die Fusion großer Betriebe, 


z.B. von Daimler, Dornicr, MTU, AEG. In-' 
nenpolitisch zeigen sich die Folgen dieser in i 
devoter Weise den großen Konzernen un-; 
barmherzig den Weg ebnenden technokrati-! 
sehen Verwüstungspolitik beispielsweise in' 
Boxberg (Daimler-Teststrecke), sic werden 
sich zeigen am Bodcnscc (Dornicr). Von so- i 
genannten bautechnischen infrastrukturcllcn , 
Maßnahmen, sprich der hemmungslosen' 
Straßenbauorgie ganz zu schweigen. Zur' 
Durchsetzung dieser Politik »technokrati-1 
scher Flurbereinigung« (Begriff v. Fritz Kuhn j 
(Grüne) in Kommune 3(86 »Das Projekt-' 
Späth-Kapitalismus«) versucht Späth eine der 1 
demokratischen Kontrolle möglichst entzöge- 1 
ne, zentrale und effektive -Verwaltung zu i 
schaffen (Bulling-Kommission). Als Ziel die- j 
ser Politik kann man/frau sich eine mit mo- j 
dernster Informationstechnik und einem' 
möglichst unbegrenzten Datenfluß versorgte ^ 
zentrale Verwaltung vorstcllen, die ein effek- i 
tives Management technokratischer Politik ; 
durchzuführen sucht, - abgesichert durch ei¬ 
ne mit Propaganda erzeugte diffuse Massen- ' 
loyalität. (...) 

(SF: Wie bereitet Späth diesen Weg kon-i 
kret vor?) 

Z.B. durch ein System des Technologietrans¬ 
fers, das »eine rasche Vermittlung von For- : 
schungsergebnissen in die Wirtschaft und ein! 
schnelles Beratungswesen der Wirtschaft! 
durch die Universitäten und Fachhochschu -1 
len ermöglicht.« (vgl. Kuhn, s.o.) Des weite-! 
ren versucht Späth mit seiner Tcchnologicpo-! 
litik den Mittelstand (Zulieferung) und die! 
Großindustrie aufeinander abzustimmen. Ein j 
eher plakatives Element zur Erzeugung einer j 
Aufbruchsstimmung scheinen die sogenann¬ 
ten Technologieparks für High Tech orien-' 
tierte Jungunternehmer zu sein. I 

Als letzte Maßnahme bleibt noch das Ein- j 
treten für eine Bankenfusion zu nennen, j 
Späth braucht für sein Exportgeschäft eine ! 
Bank, in der das Land Mchrheitscigner ist 1 
und die in Sachen Risikofinanzierung keine 1 
allzu großen Probleme macht. (...) | 

i 

[Der Autor dieses Beitrags ist Lchramtsstu- j 
dent, aufgrund dessen, daß schon andere SF-! 
Autoren allein aufgrund ihrer Artikel in Ba- j 
den-Württemberg mit Ausbildungsvcrbot - j 
Ausschluß aus dem Referendariat - belegt j 
wurden, sieht er sich gegen seinen Willen ge- I 
zwungen sich hinter der Tübinger Gruppe Li- | 
bertäre Initiative , in der er Mitglied ist, »zu 
verbergen«. 

- Auch wenn es Stimmen in der A-Szcnc 
gibt, denen es selbstverständlich geworden 
ist, sich nur unter Pseudonymen zu Wort zu j 
melden, bzw. die es lächerlich finden, daß ; 
sich Anarchisten über Berufsverbote und , 
ähnliches beschweren, so will der SF grund- 
sätzlich das Recht der Anarchisten auf eine * 
legale Öffentlichkeit verteidigt wissen. Wir I 
werden alles dafür tun, uns gerade nicht in 
die Illegalität - ins verstärkte Ghetto - ab- J 
drängen zu lassen! Es ist etwas anderes, sich 
diesem Staat bewußt zu verweigern, oder auf- ! 
grund politischer Überzeugung einige der wc- ! 
nigen verbliebenen Rechte cinbüßen zu müs- ; 
sen. Da der Staat das Ausbildungsm onopo ! 

1 für Lehrkräfte absichert, gibt es keinen an- * 
deren Ausbiidungsweg. Eine politische Stcl- | 
lungnahme im SF gegen Berufsverbote (vgl, | 
SF-13) zielt also nicht darauf ab, für Anarchi- ■ 
sten die Beamtenlaufbahn verteidigen zu j 
wollen, sondern greift das Monopol des Staa- : 
tes an - dies an die Adresse einiger »Wortra- ] 
dikaler« (wie z.B. Michael Leisching in ■ \ 
DFGNr.13114]) 











§ T30a StGB 


(Bmher) 
Lesen ihm fcf 
dumm & 

gewalttätig 

In eigener Sache: 

In verdächtiger Eile wird wieder einmal ein 
sogenanntes Terroristengesetz durch den 
Bundestag gepeitscht. Innerhalb von nur 3 
Monaten wird eine Bestimmung wieder ein¬ 
geführt, die schon einmal nach langem 
Kampf der wirklich demokratischen Öffent¬ 
lichkeit wieder zurückgezogen wurde. Unter 
dem irreführenden Namen »Anleitung zu 
Straftaten« soll unter der Hand wieder einmal 

ZENSURundSELBSTZENSUR 

eingeführt werden. 

Die Entwicklung um den »Kronzeugen« 
als Bestandteil dieses Pakets macht zweierlei 
deutlich, einmal bestätigt sie den Verdacht, 
daß die Geheimdienste ihre Leute innerhalb 
der RAF haben könnten und ihnen ein lega¬ 
les, öffentliches Auftauchen, Denunzieren 
und finanziell abgesichertes Verschwinden 
ermöglichen wollten. Zum anderen (falls er- 
steres noch nicht durchsetzbar ist) und das ist 
nun zur Realität geworden, lenkt diese recht¬ 
lich völlig umstrittene Regelung Juristen und 
öffentliche Meinung von dem »Rest«-paket 
ab, das um so einfacher passieren kann und 
zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Num¬ 
mer wohl Realtität geworden ist. 

Dieses Restpaket ist mehr als ein »Lex Ra¬ 
dikal«, denn daß selbst die Vertriebswege 
und Verkaufststellen (linke Buchläden) be¬ 
reits unter »altem« Recht durchsucht, ange¬ 
klagt etc. wurden, ist ja eine Tatsache; aller¬ 
dings stehen in Zukunft auf solche »Taten« 
(das Auslegen einer Zeitschrift im Zeitschrif¬ 
tenregal!) bis zu 3 Jahre Knast! Die Selbst¬ 
zensur wird also viele Orte haben: den Ver¬ 
fasser/die Verfasserin (sofern überhaupt noch 
gewagt wird mit richtigem Namen zu unter¬ 
zeichnen), den Verleger einer Zeitschrift, die 
Redaktion und den »Deppen der Bewegung« 
(will sagen presserechtlich Verantwortli¬ 
chen), die Drucker, den Vertrieb, den linken 
Buchhändler und Wiederverkäufer. Wielan- 
ge unter diesen Umständen eine kritische und 
tabufreie Gegenöffentlichkeit möglich bleibt, 
wird sich erst noch zeigen müssen. Es dürften 
jedoch sehr viel mehr Prozesse auf die linke 
Szene zukommen, als konkrete »Anleitungen 
zu Straftaten« veröffentlicht werden können. 
Wir fordern deshalb alle auf, sich überall, wo 
sich Initiativen gegen diesen Zensurparagra¬ 
phen bilden, zu beteiligen (und schon mal 
Prozeßgelder für arme Redaktionen, Buchlä¬ 
den usw. zur Seite zu legen). 


Der Wortlaut des Gesetzes: 


Einige linke Buchläden haben bereits ein 
Flugblatt verfaßt aus dem wir einige Passagen 
hier wiedergegen: 

Nach § 130 wird folgende Vorschrift eingefügt: 

§ 130 a 

Anleitung zu Straftaten 

(1) Wer eine Schrift (§ 11 Abs. 3), die geeignet ist, als Anlei¬ 
tung zu einer in § 126 Abs. 1 genannten rechtswidrigen Tat 
zu dienen und nach ihrem Inhalt bestimmt ist, die Bereit¬ 
schaft anderer zu fördern oder zu wecken, eine solche Tat 
zu begehen, verbreitet, öffentlich ausstellt, anschlägt vor¬ 
führt oder sonst zugänglich macht, wird mit Freiheitsstrafe 
bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft 

(2) Ebenso wird bestraft, wer 

1. eine Schrift (§ 11 Abs. 3), die geeignet ist, als Anleitung 
zu einer in § 126 Abs. 1 genannten rechtswidrigen Tat zu 
dienen, verbreitet, öffentlich ausstellt, anschlägt vor¬ 
führt oder sonst zugänglich macht oder 

2. öffentlich oder in einer Versammlung zu einer in § 126 
Abs. 1 genannten rechtswidrigen Tat eine Anleitung 
gibt, um die Bereitschaft anderer zu fördern oder zu 
wecken, eine solche Tat zu begehen. 

(3) § 86 Abs. 3 gilt entsprechend. 

3. In § 140 wird die Verweisung „§ 126 Abs. 1 Nr. 1 bis 6" 
durch die Verweisung „126 Abs. 1“ ersetzt 

4. In § 308 Abs. 1 werden nach dem Wort „Schiffe" die 
Worte „Personen- oder Lastkraftwagen, Baumaschi¬ 
nen ‘ eingefugt. 


In den § 129 a neu eingefügt werden sollen die § 315 Abs. 
1 (gefährliche Eingriffe in den Bahn-, Schiffs- und Luftver¬ 
kehr) und § 316 b Abs. 1 (Störung öffentlicher Betriebe) wie 
Bundesbahn, Post, Öffentlicher Nahverkehr, Energie-Ver- 
sorgungsuntemehmen (im Gesetzestext halbfett). 


Bestraft werden soll mithin nicht mehr nur das, 
was Schwarz & Weiß auf dem Papier steht, son¬ 
dern auch das, was im Kopf des Lesers Vorge¬ 
hen konnte: Gesinnung wird zur Straftat. 
Gegenüber der Fassung von 76 erweitert der 
Entwurf der 80er auch den Tatbestand der Anlei- 
tung erheblich. Während es in der alten Bestim¬ 
mung nur darum ging, jemand zu belangen, der 
(die bereits bestehende) „Bereitschaft” zur Be¬ 
gehung eines Delikts bei einem anderen förder- 
te, ist nun auch das „Wecken“ dieser Bereit¬ 
schaft unter Strafe gestellt. Damit ist der Straftat¬ 
bestand noch weiter aufgeweicht, den Verfol¬ 
gungsbehörden eine nahezu beliebig auslegba- 
re strafrechtliche „Generalklausel” an die Hand 
gegeben. 


Auseinandersetzung, aber bitte! 

Die vom geplanten § 130 a StGB drohende Ille¬ 
galisierung jedweder praktischer und effektiver 
Auseinandersetzung in Schrift und Bild über Ur¬ 
sachen der zunehmenden Zerstörung von 
Mensch und Natur durch dieses System einer¬ 
seits und wirksamen Widerstandsaktionen da- 
gegen andererseits trifft uns, die linken und al¬ 
ternativen Buchiäden besonders. Gleichwohl 
denken wir, daß für uns der § 130 a StGB und 
das dort geplante Diskussionsverbot, die dort 
geforderte Selbstzensur für öffentliche Orte, an 
denen Flugblätter, Zeitungen, Bücher und Pla¬ 
kate zu den unterschiedlichsten Widerstandsfor¬ 
men vom Streik bis zur Strommastbesetzung in¬ 
formieren, nicht allein das Problem ist. 

Nach unseren Erfahrungen speisen sich die 
Weiien von staatlicher Repression und bewaff¬ 
netem Kampf am Verbot der diskursiven Debat- 


Ein Blick zurück 

Der§ 130 a hat mittlerweile eine Geschichte. Am 
22.4.1976 verabschiedeten SPD und FDP — da¬ 
mals noch in einer sozial-liberalen Koalition ver¬ 
eint— das 14. Strafrechtsänderungsgesetz, das 
über die seinerzeit neuen §§ 88 a und 130 a 
StGB die „Befürwortung“ und „Anleitung zu 
Straftaten“ unter Strafe stellte. Der Grund der 
neuen Gesetze lag seinerzeit „in der Gefähr¬ 
dung der Allgemeinheit durch die Schaffung ei¬ 
nes psychischen Klimas, in dem schwere Ge¬ 
walttaten gedeihen und nachgeahmt werden. 
Die Vorschrift dient darüber hinaus dem Zweck, 
die öffentliche Sicherheit, aber auch das Gefühl 
der Rechtssicherheit, zu schützen” — so die 
offizielle Begründung. 

Verschärfte Versionen 
Der jetzt vorgelegte Entwurf des § 130 a enthält 
gegenüber der 1981 aufgehobenen Fassung 
noch eine Reihe von Verschärfungeh. Sah die 
alte Fassung eine Bestrafung vor, wenn eine 
Schrift bereitgehalten wurde, die „die Anleitung 
zu einer in § 126 I bis VI rechtswidrigen Tat ent¬ 
hält”, so sollen nach der christlich-liberalen For- 


• ..-—“ ’ 'JJ ■ vi^i ( Z.. LJ. VVIIU 

aus vielen Gründen und von vielen Seiten tabui¬ 
siert. Es ist allemal leichter, sich überden staatli¬ 
chen Repressionsapparat zu erregen als sich 
über die Formen eines effektiven langen Wider- 
stands zu verständigen. Es ist allemal leichter, 
allein die Show am Bauzaun mitzumachen als 
sich mit Perspektiven zu befassen, die die ge¬ 
sellschaftliche Entwicklung insgesamt mitdenkt, 
jepraventive Illegalisierung von Menschen im 
Widerstand durch den Staatsapparat schafft ihm 
se ks* auch die Legitimation, diese Diskussion 
zu behindern. 

Wir vom VLB wollen der staatlichen Strategie 
von Entpolitisierung und Illegalisierung, Diskus¬ 
sionsverboten und Tabus entgegentreten. 

Die Auseinandersetzung umWege und Möglich¬ 
keiten, den katastrophalen Zug der Industriege¬ 
sellschaft zum Halten und zum Kurswechsel zu 
bringen, weiter treiben durch unser öffentli¬ 
ches, jederman zugängliches und am Diskurs 
orientiertes Informationsangebot. 

Aragon-Buchhandlung, Hornberger Str. 
30,4130 Moers, Tel. (02841) 29772, Kon¬ 
takt: Ernst Schwarz 


mulierung nunmehr Schriften inkriminiert wer¬ 
den, die geeignet sind, „als Anleitung zu 
rechtswidrigen Taten.. zu dienen.” Damit wird 
es gar nicht mehr notwendig sein, daß eine et¬ 
waige Anleitung sich aus dem jeweiligen Text 
selbst ergibt, sondern aus den jeweiligen politi¬ 
schen Umständen muß eine solche Interpreta¬ 
tion möglich sein. 

Dieses Vorgehen ist für die deutche Justiz nicht 
neu. Der 1981 wieder abgeschaffte § 88 a StGB 
verschärfte etwa die Bestimmungen des älteren 
§ 93 StGB a.F., der in den 50er und 60er Jahren 
die Strafbarkeit der für die KPD-Verfolgung so 
bedeutsamen „staatsverräterischen Schriften” 
regelte. Die im Zuge dieser Rechtssprechung 
entwickelten Grundsätze werden beim neuen 
§ 130 a StGB wieder zur Geltung kommen. So 
urteilte der Bundesgerichtshof etwa beispiel¬ 
haft: „Bei der . . .Beurteilung des Inhalts der 
Schrift sind daher auch solche Gedanken zu be¬ 
rücksichtigen, die der verständige Leser er¬ 
kennt, selbst wenn sie nur zwischen den Zeilen 
stehen.“ (BGHSt 16, 53) 


Der Andere Buchladen, Zülpicher Str. 
197, 5000 Köln 41, Tel. (0221) 416325, 
Kontakt: Christoph Meertens 

Buchhandlung BiBaBuZe, Aachener Str. 
1, 4000 Düsseldorf, Tel. (0211) 340060, 
Kontakt: Günter Offermann 

ßuchladen, Regentenstr. 120, 
Monchengladbach, Tel. (02161) 
23640, Kontakt: Rainer Tribe 

Der Andere Buchladen, Dionysiusstr. 7, 
4150 Krefeld, Tel. (02151) 66842, Kontakt: 
Joachim Kurscheid 

Provinzbuchladen, Hamelingerstr. 10, 
4900 Herford, Tel. (05221) 58765 

Der Andere Buchladen, Glasstr. 80 ,5000 
Köln 30, Tel. (0221) 520579 







21 


itreit> en 

— 


An »südamerikanische Zustände« fühlten 
sich viele angesichts des »Hamburger Kes¬ 
sels« erinnert. Inzwischen hat sich diese Me¬ 
thode, Demonstranten »Schach-Matt« zu set¬ 
zen und als »Schwerverbrecher« gefangen zu 
nehmen, als durchaus deutscher Umgang mit 
dem Demonstrationsrecht erwiesen. 

Massenfestnahmen werden bei jeder mitt¬ 
leren Demonstration von der Polizeiführung 
als Erfolgsziffern verbucht, vor allem in den 
exemplarischen Auseinandersetzungen um 
die Atomenergie in Wackersdorf und Brok¬ 
dorf. Je mehr die Akzeptanz für die aggressi¬ 
ve Mehrwertpolitik der bundesdeutschen 
Atomlobby abbröckclt (verkauft als Zukunft 
sichernder Fortschritt), desto mehr Ohn¬ 
machtserfahrungen versucht die Polizei der 
verbreiterten Protestbewegung durch Gewalt 
und Wiilkürmaßnahmcn beizubringen. 

Da werden schon phantasievollc Aktionen 
wie »Trödelblockaden« im Rahmen der 
WAAckerland Aktionstage vom 16./17.10.86 
von der Polizei behandelt, wie eine gefährli¬ 
che Zusammenrottung von entflohenen Sträf¬ 
lingen: 

»Am 16.10. machten wir mit ca. 30 Radfah¬ 
rern eine Trödel block ade auf der B 85 von 
Amberg nach Schwandorf. Wir fuhren im 
Schritttempo; die Länge der Fahrradstaffette 
betrug ca. 70 Meter, so daß wegen des dichten 
Nebels mit nur ca. 50 Meter Sichtweite nie¬ 
mand überholen konnte. Es bildete sich ein 8 
km langer Stau. Von Anfang an wurden wir 
von einer Zivilstreife, später auch von zwei 
Polizeistreifen mit Blaulicht eskortiert . . .« 

An der Abzweigung nach Schwarzenfeld 
verhinderten zwei Polizeiwagen die Weiter¬ 
fahrt auf der B 85. Als der Treck versucht ab- 
zubiegen, wird auch hier der Weg von überho¬ 
lenden Polizei wagen blockiert. Daraufhin 
kehren die Radfahrer auf die B 85 zurück und 
fahren dort wie gehabt weiter. Um ca. 10 Uhr 
sperrt die Polizei dann die gesamte B 85 ab, 
auch für den Gegenverkehr, mit dem Ziel, dlie 
Radfahrer fcstzunchmen. Ca. 15 von ihnen 
können wenden und über Feldwege zurück¬ 
fahren, woran sie Polizisten durch Handgreif- 
lichkeitcn zu hindern suchen. Diese 15 wer¬ 
den nach ca. 20 Minuten von etwa 20 BGS 
Fahrzeugen eingeholt und auf einem Feldweg 
gestellt. Alle werden sofort verhaftet , ohne 
Angabe von Gründen! Die Räder werden auf 
einen cintreffcndcn BGS-LKW verfrachtet, 
die Gefangenen auf die Polizeiwache nach 
Amberg gebracht, durchsucht und in Zellen 
gesteckt. Nach und nach werden sie vernom¬ 
men und ED behandelt . . . 

Dieser Bericht ist kein Einzelfall! Eine 
Reutlinger Gruppe fand sich nach einer ähnli¬ 
chen Aktion in Polizeiwannen auf dem WAA- 
Geländc wieder, wo sie die gleichen Behand¬ 
lungen über sich ergehen lassen mußten. 

Diese Vorfälle sind typisch für ein polizei- 
taktisches Vorgehen, das Demonstrationen 
nur noch als überwachte Rituale tolerieren 
möchte. Da nummerierte und mit den Perso¬ 
nalien versehene Tcilnahmescheine sich aber 
(noch) nicht durchgesetzt haben, besorgt man 
sich diese bei der dem Kesseltreiben folgen¬ 
den ED-Behandlung. 


Es dauerte zwei verregnete Stunden bis die i 
Eingekesselten in die Gefangenentransporter 
verladen waren, und weiPs anscheinend nicht • 
genug waren, wurde sogar noch ein fotogra¬ 
fierender Schüler von außerhalb des Kessels 
geschnappt. i 

Die Betroffenen berichteten von zahlrei- i 
chen Schikanen und Mißhandlungen: Tritte, : 
Zerren an Haaren, stundenlanges Warten, j 
Gang zur Toilette verweigert, überfüllte Zel¬ 
len, schlechte Luft, durchnäßte Kleidung, 
Ungewißtheit, Verweigerung der Kontaktauf¬ 
nahme mit Eltern und Anwalt, ED-Behand- \ 
lung ohne Vorwurf einer Straftat. Ernicdri- 1 
gung. 

Und diese »Prävention« bei 450 Dcmon- ! 
stranten, denn mehr waren aufgrund der vor- j 
hergehenden Einschüchterungen in der Pres¬ 
se nicht gekommen, und 1000 rund um das ! 
Hilton-Hotel postierten Polizisten! Laut Poli- • 
zeibericht sollen 2/3 der Festgenommenen j 
dem »antiimperialistischen Bereich und dem j 
RAF-Umfeld zuzuordnen« sein. Ein Wunsch- j 
Feindbild mehr nicht! Allerdings eine Seliau- 
crgemälde dem die lokale Presse Allgemeine 
Zeitung noch ein weiteres Märchen hinzuzu¬ 
fügen wußte: der Ort der Einkesselung sei 
wegen einem Restaurant zustandegekom- , 
men, in dem die Demonstranten ein (!) Mit- I 
glied der ATA-Tagung vermutet hätten. Das j 
ist keine Fehlleistung eines desinformierten ! 
Journalisten, denn: vom Gebäude der All ge- j 
meinen Zeitung hat man Blickkontakt mit j 

v dem Einkesselungsort. 

So auch beim Mainzer Kessel vom 16.9.86: j 

»Der Demonstrationszug (anläßlich einer Ta- j 

gung der Atlantic Treaty Association, einem 
Dachverband der nichtstaatlichen Vereinigun¬ 
gen in den NATO-Mitgliedstaaten, in der 
BRD die DAG - Deutsch Atlantische Gesell¬ 
schaft ; benötigt vor allem zur Propaganda für 
die NATO , anwesend u.a Rogers, Nitze , Car¬ 
ring ton, Pym , Wörner, Kohl ’ Genscher ; Efun¬ 
ke; Motto: Informationsdefizite bei der Ju¬ 
gendbeseitigen!!!) glich einem Gefangenen¬ 
transport (eben dieser Jugend!): Vorne, hin¬ 
ten, rechts und links Schwerbewaffnete Uni¬ 
formierte.« {Friedlicht, Nr. 23, in ihm auch fol¬ 
gender Augenzeugenbericht:) »Hinter dem 
Schillerstraßeneingang der Kinopassage stan¬ 
den plötzlich einige Polizisten, im Eingang 
selbst keiner. Logisch, daß der Zug hier ab-- 
bog und auf der Langgasse ankam. Von dort 
gingen wir geradeaus in die Fußgängerpassa¬ 
ge, um in die Lotharstraße zur Großen Blei¬ 
che abzubiegen, aber auch hier standen wie¬ 
der Polizisten; der Zug stockte kurz und ging 
dann geradeaus. An der nächsten Kreuzung 
standen dann 3 Streifenwagen, so daß kein 
Durchgang mehr da war. Allerdings stoppte 
uns die Polizei vorher, sie bildete im Halb¬ 
kreis eine Kette, so daß die Zugspitze festsaß. 

Es wurde der Versuch unternommen, durch¬ 
zubrechen, aber er mißlang. Da die Polizei¬ 
kette nur ein Halbkreis war, zog der Zug nach 
hinten ab, dann doch auf die Große Bleiche. 

Als die Spitze des Zuges auf der anderen Stra¬ 
ßenseite war, schloß sich vor ihnen wieder die 
Polizeikette, diesmal drehte man ohne Kraft¬ 
probe um, aber hinten wat auch schon zu. 

Und schon saß man im Kessel. 

Inzwischen läßt sich aus bezeugbarem Ver¬ 
halten der Polizei und Aussagen auf der Poli¬ 
zeikonferenz (»Die Ingewahrsamnahme war 
seit langem vorgesehen«) schließen, daß die 
Kesselung schon ab 18.40 Uhr (Ende der 
Kundgebung) feststand, und daß die Polizei 
den Zug lenkte; die Große Bleiche war ver¬ 
mutlich geplant um eine günstige Zufahrts¬ 
möglichkeit für die Zellenbusse zu haben.« 


'Be.hccmof L ( 
VoLLzuc 


U . 

//ßc le. 




rH? \ x 


Persönlichkeitszerstörung durch 
Psyclwpharmaka, Isolationshaft und Reizentzug 
unter Mitliilfe von Medizinern und Psycho¬ 
logen - sauber,subtil und - fast - ohne Blut. 
Gefangene - Objekte der Forschung - besciirei- 
ben die Funktion der Gefängnisse, ihre Auswir 
kungen und Nßgliclikeiten zur Abschaffung - 
für eine Gesellschaft ohne Knäste,Heime,Lager 
Psychiatrien! 

in 11 ABER FELD .Zeitschrift für Ausge¬ 
grenzte und Weggeschlossene, zu bestellen bei 
R.Hallama, Sackgasse 4,7147 Nussdorf. 
Jahresabo kostet 30.-EM 





22 

Folgende Auseinandersetzung wurde von 
Frankfurter Autonomen verfaßt und dem SF 
als Diskussionsbeitrag überlassen. 

^ 

Wir haben es satt, aus falscher Ehrfurcht 
und verhängnisvoller Mythologisierung des 
bewaffneten Kampfes das Maul zu halten. 
Für Viele von uns verkörpert die RAF nur 
noch unseren blinden Haß, jedoch schon lan¬ 
ge nicht mehr unsere Utopien von einer herr¬ 
schaftsfreien Gesellschaft! 

| Es ist längst überfällig, den Knoten aus 

| moralischer Verpflichtung, bedingter Solidar- 
| ität und eigener Feigheit zu durchschlagen, 
das wirklich Gemeinsame zu benennen, das 
Trennende klar und eindeutig zu formulieren. 
Es liegt an uns, ehrlich zu sein, gerade was 
das »sich-verhalten-zu-müssen« und »irgend- 
wie-solidarisch-zu-sein« angeht. Diese diffuse 
Haltung täuscht eine Solidarität und eine 
Front vor, die es seit Jahren nicht gibt. Ein 
Großteil der moralischen Solidarität bezieht 
sich nicht auf die Inhalte und Ziele der RAF, 
sondern auf die Gewaltverhältnisse, denen 
sie — im besonderen Maße — unterworfen ist. 
Diese moralisch geprägte Solidarität drückt 
sich vor einer radikalen Auseinandersetzung 
mit den politischen Inhalten der RAF; sic 
wird entfacht und erzeugt zu Beginn jedes 
Hungerstreiks. Und jedes Mal sagen wir uns, 
daß es notwendig ist, über den Hungerstreik 
hinaus, eigene antiimperialistische Positionen 
zu erarbeiten — doch wenn der Druck weg ist, 
verläuft sich dieAuseinandersctzung und wir 
selbst, - bis zum nächsten Hungerstreik! 

1 Die Kritik an der RAF-Politik ist also zu¬ 

gleich eine Kritik an uns selbst; eine Kritik, 
die unsere Schwäche miteinbezichen muß, 
uns offensiv mit der RAF -Politik auseinan¬ 
derzusetzen (. . .) 

Die RAF war notwendig als Versuch, den 
| bewaffneten Kampf zu entwickeln, zu einem 

; Zeitpunkt, wo es pure Spekulation gewesen 

wäre, über die Erfolgsaussichten bewaffneten 
Kampfes zu mutmaßen. Sie ist entstanden, 
als es darum ging, Konsequenzen aus den an¬ 
tiimperialistischen internationalistischen 
Kämpfen der Studentenbewegung zu ziehen. 
Der bewaffnete Kampf war sowohl eine Ant¬ 
wort auf das Scheitern und den Zerfall der 
Studentenbewegung, als auch eine radikale 
Absage an den »Marsch durch die Institutio¬ 
nen«. 

Doch nun existieren 14 Jahre Erfahrungen 
von bewaffnetem Kampf und wir fragen uns: 
Wo konnte sich die Guerilla ausdehnen, wo 
Fuß fassen? Wo gelang cs ihr politisches Be¬ 
wußtsein zu verbreitern, Sympathien und 
Menschen zu gewinnen? Wo hat sich bewahr¬ 
heitet, daß »die Entwicklung der Klassen¬ 
kämpfe selbst das Konzept (Stadtguerilla) 
durchsetzen wird«? 

I Doch wenn wir ehrlich sind, wissen wir 

auch nicht, woran wir die heutige RAF mes- 
J sen können. Auf welche politische Theorie 

bezieht sie sich? Haben für sie die grundle¬ 
genden Konzept- und Strategiepapierc der 
• 70er Jahre noch Gültigkeit? Begreifen sie sich 

auch inhaltlich in dieser Kontinuität? Welche 
! inhaltlichen Neubestimmungen haben sich in 

| den letzten 14 Jahren ergeben? Davon wissen 

wir verdammt wenig und die heutige RAF of¬ 
fensichtlich auch nicht. 

Doch wenn wir davon ausgehen, daß diese 
Konzeptpapiere in ihren Grundzügen noch 
Gültigkeit haben, dann können wir nur ent¬ 
setzt sein, wie wenig die RAF dazu bereit ist, 
ihre heutige Politik an ihren eigenen Prämis¬ 
sen zu messen. Es hat sich einfach nicht be- 















wahrheitet, »daß die Guerilla sich ausbreiten j 
wird, Fuß fassen wird, daß die Entwicklung j 
der Klassenkämpfe das Konzept durchsetzen , 
wird.« (Der bewaffnete Kampf in Westeuropa , ' 
S.402 ). Fakt ist doch, daß mehr RAF-Mitglie- i 
der tot, im Knast oder ins Ausland geflüchtet i 
sind, als hier in der BRD kämpfen. (...) j 
Fakt ist doch, daß die Sympathie, die die 
RAF noch vor 14 Jahren zumindest in kleinen 1 
Teilen der Bevölkerung genoß, geschwunden ‘ 
ist, anstatt zu wachsen. (...) j 

1972 hat die RAF formuliert: »Die RAF j 
redet vom Primat der Praxis. Ob es richtig ist, i 
den bewaffneten Widerstand jetzt zu organi- ' 
sicren, hängt davon ab, ob cs möglich ist, ist j 
nur praktisch er ermitteln.« (S./354) j 

Darauf müßte heute ein Antwort möglich j 
sein. Dabei spielen spektakuläre Einzelaktio- j 
nen nicht die Rolle, sondern die errungene | 
Fähigkeit, sich im Volk-zu verankern. Aus- I 
drucks des Widerstands im Volk (und) eine rc- | 
volutionärc Alternative gegenüber dem herr- j 
sehenden System zu sein. 

Wenn die Parole der RAF »Dem Volke die- ! 
nen« auch ein Stück Wirklichkeit meint, dann 1 
muß sic auch von denen angenommen wer- j 
den, für die die RAF kämpft. Doch von all 
dem ist die RAF weiter denn je entfernt. 

(. . .) Der RAF bleibt nur die Anonymität I 
der Großstädte und das Ausland. Da diese j 
Anonymität nun auch allmählich zu schwin- j 
den droht, das »Volk« sie eher denunziert als , 
schützt, beginnt eine neue Fluchtbewegung, ' 
die politisch als »neue Qualität« desbewaffne- j 
ten Kampfes verkauft wird: die westeuropäi- ' 
sehe Guerilla. Doch was hier propagandi- j 
stisch als neue Phase des Angriffs bezeichnet 
wird, ist erst mal nicht mehr als eine Übcrle- ; 
bensfrage. Denn nicht nur die RAF weiß zu ! 
gut, daß es oft einfacher ist, im Ausland unter- 1 
zutauchen, als in Deutschland selbst. Doch j 
wer sich im Ausland sicherer fühlt als im cigc- , 
nen Land, der muß nach 14 Jahren endlich die ; 
eigenen Politik grundsätzlich hinterfragen , an- ! 
statt die nationale Schwäche durch die Euro- I 
päisicrung der Schauplätze zu vertuschen. J 
(...) : 

Die westeuropäische Guerilla 

! 

So sehr es objektiv stimmt, daß die Interna- I 
tionalisierung der »Innenpolitik«, der Rcprcs- j 
sionsstrategien und Kapitalakkumulation ei¬ 
ne Intcrnationalisierung des Widerstands ver¬ 
langt, so' sehr lenkt gerade der Zusammensch¬ 
luß von AD, CCC und RAF von der subjekti¬ 
ven Unmöglichkeit ab, den bewaffneten i 
Kampf auf ein »qualitativ höheres Niveau« zu ! 
heben. Nicht der Zusammenschluß also, son- | 
dern das, was mit diesem vorgetäuscht wer- | 
den soll, halten wir für einen Bluff, der töd- i 
lieh sein wird. Denn natürlich werden alle Si- j 
cherheitsorgane dieser Länder diese » neue 
Stufe des internationalen Terrorismus« als Ali- ! 
bi begierig aufgreifen. (An dieser Stelle fehlte ! 
aufgrund der schlechten Kopie eine Passage; | 
es ging wohl darum, daß sich die Effizienz ei- ; 
ner Gruppe oder Bewegung nicht daran mes- ! 
sen läßt, wie groß der Repressionsapparat ge- ■ 
gen sie wird; eine Feststellung, die sich auch ! 
als Selbstkritik der Autonomen, Anarchisten ! 
etc. lesen läßt; SF). 

Wie wir auch versuchen »zurückzuschla- ! 
gen«, es ist nie »angemessen«. Je mehr wir S 
dennoch versuchen, angemessen zu reagic- j 
ren, destomehr verlieren wir das aus dem Au- j 
ge, worum es eigentlich geht: den Kampf um : 
ein befreites Leben aus den eigenen, kollekti- j 
ven Erfahrungen und Möglichkeiten zu ent¬ 
wickeln, anstatt ihn der militärischen Logik | 
des Feindes zu opfern. Dies würde zuallererst i 











a<4 

bedeuten, die oft Schwindel erregende Kluft 
zwischen staatlichem Gewaltmonopol und 
dem Niveau massenhaften Widerstandes zu er¬ 
kennen, anstatt sie wortradikal zu überwin¬ 
den. (. . .) Die Kluft zwischen wachsendem 
staatlichen Gewaltapparat und den Erfahrun¬ 
gen und Möglichkeiten massenhaften Wider¬ 
stands Läßt sich weder durch militanteres Vor¬ 
gehen, noch durch die Zusammenlegung iso¬ 
lierter Guerillazellen auf europäischer Ebene 
zuschütten. (. . .) 

Das »imperialistische Gesamtsystem« 
oder die politische Analyse als Form der Selb¬ 
stentwaffnung 

In den letzten Jahren tauchte bei der RAF im¬ 
mer häufiger die magische Zauberformel 
vom »imperialistischen Gesamtsystem« auf. 
Ein Begriff wie ein Mülleimer , in den man al¬ 
les rcinschmcißen kann. Man könnte achtlos 
daran vorübergehen, doch je öfter wir uns in 
die Quere kamen, desto klarer wurde, daß 
dieser Begriff nicht nur eine Zauberformel, 
sondern auch ein Schlüssel für das antiimpe¬ 
rialistische Weltbild der RAF darstellt. 

Was ist also dieses »imperialistische Ge¬ 
samtsystem«? 

». . . der Begriff der veränderten Bedingung 
ist: die Ausbildung des Gesamtsystems mit 
seinem Kern ... der NATO . . . d.h. Ge¬ 
samtsystem, das unter der unaufhebbaren 
Hegemonie des US-Kapitals die konkurrie¬ 
renden Interessen von Teilfraktionen des 
Ganzen, ob national oder ökonomisch als 
Teilfraktion definierten der umfassenden Kri¬ 
se der Kapitalverwertung reguliert und gegen 
den weltweiten revolutionären Prozeß zur Ag¬ 
gression, d.h. zum Versuch der Sicherung der 
Herrschaft auf neuer Stufe zusammenfaßt 
. . .« {Gefangener aus der RAF, 10.4.81) 

Eine imperialistische Weltordnung, die ein 
klares oben und unten hat, einen Chef, eine 
Zentrale, einen Plan, ein Ziel, viele Handlan¬ 
ger, Lakaien und Marionetten. Ein imperiali¬ 
stisches Wcltgcfüge mit entwaffnender Per¬ 
fektion, mehr Hollywood als Pentagon, ohne 
innere Widersprüche, ohne Führungskämpfe, 
ohne unterschiedliche Strategien, ohne inne¬ 
re Konkurrenz. Ein Feind , so märchenhaft 
und unwirklich wie sein Gegenbild: die west¬ 
europäische Guerillafront! 

So gern auch wir uns oft eine klare Front, 
einen eindeutigen Feind wünschen, so klar 
müßten wir uns auch sein, daß dieser Wunsch 
eher unserer Unfähigkeit als der Wirklichkeit 
entspringt. Dieses anti-imperialistische Welt¬ 
bild sitzt in verhängnisvoller Weise dem 
Schein, der Ideologie der imperialistischen 
»Einheit« auf, - anstatt innerhalb ihrer Wi¬ 
dersprüchlichkeiten offensiv zu agieren, den 
Schein imperialistischer Geschlossenheit zu 
zerstören, anstatt sich selbst daran aufzurich¬ 
ten. Vielleicht genügen einige spektakuläre 
Ereignisse der letzten Jahre, um deutlich zu 
machen, daß eine solche Einheit unter dem 
Oberkommando des US-Kapitals möglicher¬ 
weise erwünscht, aber noch lange nicht Reali¬ 
tät ist: 

- der versuchte US-Boykott gegen Lybien 

- der versuchte US-Boykott des Erdgasröh¬ 
rengeschäfts zwischen europäischen Staaten 
und der UdSSR 

~ der gescheiterte Versuch, die EG bei der 
US-Invasion auf Grenada auf Linie zu be¬ 
kommen 

- die unterschiedlichen Positionen der EG 
und der USA zur Nicaragua-Frage 

- die unterschiedlichen Wirtschafts- und Fi¬ 
nanzstrategien zwischen der EG und den 
USA 


Photo: Manfred Kampschulte. 

(...) Was an der Gesamtsystem -Th e o r ie 
aufstößt, ist das macro-politische Weltbild, 
das kosmo-politischc Flair, das zur Mystifizie- 
rung des Feindes beiträgt, indem er unver¬ 
wundbar anstatt angreifbar gemacht wird. 
(. . .) Wo die Analyse Unterschiede, Risse, 
Brüche und Widersprüchlichkeiten aufdecken 
und entfalten soll, da schrumpfen sie in der 
Gesamtsystemanalyse zu Unscheinbarkeiten 
und Nichtigkeiten - als käme es auf so hoher 
Stufe des Klassenkampfes nicht darauf an, 
die erste Stufe überhaupt erklommen zu ha¬ 
ben. Ganz nach dem Motto: Das Große, 
Ganze im Auge behalten und am kleinen er¬ 
blinden! 

Auch hier wiederholt sich dasselbe Dilem¬ 
ma auf erweiterter Stufenleiter: die Kritik 
und Strategie wird nicht aus der sozialen, poli¬ 
tischen und wirtschaftlichen Situation des 
Landes heraus entwickelt, die »Heimat« der 
Analyse ist die Globalität und Universalität, 
der Feldherrenhügel. Die existierenden politi¬ 
schen, sozialen und kulturellen Widersprüche 
innerhalb des imperialistischen Blocks wer¬ 
den miniaturisiert, um militärisch klare Ziele 
zu bekommen. 

Das ist der Tod der Guerilla als revolutio¬ 
näre Befreiungsbewegung. 

Denn an der Unterordnung der Politik un¬ 
ter militärische Gesichtspunkte , an einer Poli¬ 
tik, die nur noch als Rechtfertigung für militä¬ 
rische Strategien dient, erkennt man den re¬ 
aktionären Feind, aber nicht (mehr) eine 
Guerilla. Die Militarisierung der Politik führt 
konscquenterwcisc dazu, sich dem Feind an- 
zupassenanstatt den »Unebenheiten« der po¬ 
litischen und sozialen Verhältnisse. 

(Noch einmal konkreter:) Es gehe um die 
»Anglcichung der Bedingungen« zwischen 
den Ländern des imperialistischen Blocks, 
um »ihr(en) Zusammenschluß zum homoge¬ 
nen konterrevolutionären Block« {Erklärung 
der Gefangenen aus der RAF 1977). Auch hier 
wieder der starre Blick auf den Kaiser (USA, 
BRD, Frankreich) und die Blindheit dem Hof 
gegenüber (Portugal, Irland, Griechenland). 
Eine Wahrnehmungs- und Denkweise, die 
hierarchische Strukturen offensichtlich bereits 
so verinnerlicht hat , daß sic das explosive Ge¬ 
fälle gar nicht mehr benennen kann. Anstatt 
dieses ökonomische und machtpolitische Ge¬ 
fälle zwischen den Kern- und den Peripherie¬ 
staaten bloßzulegen, um es gegen das »Euro- 
poaprojekt« zu wenden, wird dieses schlicht- 
weg eliminiert. Eine Feldschlachtlogik, die 
vor lauter feindlichen Uniformen den Unter¬ 
schied zwischen Generälen und Soldaten 
nicht mehr machen kann! 


Natürlich konzentriert sich das Kapital, zen¬ 
tralisiert sich die ökonomische Macht auf 
multinationaler Ebene, gibt es engere Zusam¬ 
menarbeit der Staaten. All das ist weder neu 
noch spektakulär, sondern die innere Logik 
von Kapitalakkumulation. Doch neben die¬ 
ser tatsächlichen »Angleichung der Bcdin- 
gungen« vollzieht sich eine Entwicklung, die 
von der RAF (und den Antiimps) fast voll¬ 
ständig unterschlagen oder ignoriert wird. 
(. ; •) Widersprüche brechen doch dort unver¬ 
mindert auf, wo sich die »Alliierten« auf in¬ 
ternationalem Markt als Konkurrenten unver- 
sönlich gegenüberstchen. Was auf der einen 
Seite die Öffnung und Erschließung neuer 
EG-Märkte garantiert, führt auf der anderen 
Seite zur Schließung ganzer nationaler Indu¬ 
striezweige, die dem gesteigerten internatio¬ 
nalen Konkurrenzdruck nicht mehr gewach¬ 
sen sind. Da gibt es keine Einigkeit und ge¬ 
meinsame Ideale und Werte, sondern nur Sie¬ 
ger und Besiegte. Die Europäsisierung der 
Märkte, das verschärfte Konkurrenz- und 
Ausbeutungsverhältnis im internationalen 
Maßstab, führt also gerade zu wachsenden 
Ungleichheiten und Unglcichzeitigkeiten. 
Die Öffnung europäischer Märkte wird also 
die Unterschiede zwischen den Kernstaaten 
und den Peripheriestaaten eher vergrößern 
als verkleinern. Die Schließung oder Stille¬ 
gung der »unrentablen« englischen Kohlcgru- 
ben, großer Stahl- und Werltunternehmcn, 
der Niedergang der französischen Stahlindu¬ 
strie, die Zerstörung billiger Agrarbinnen¬ 
märkte (Spanien, Portugal), der »Weinkrieg« 
sind sehr wahrscheinlich nur ein Vorge¬ 
schmack auf die wachsenden Spannungen in¬ 
nerhalb der EG. Wenn da die RAF von der 
»Angleichung« redet, erliegt sie der Ideologie 
der EG. Anstatt den Menschen den (AIp- 
)Traum vom vereinten Europa zu nehmen, 
treibt sie ihn auf die Spitze! 

Nicht weniger peinlich ist die Analogie von 
der »Angleichung der Bedingungen für das 
europäische Proletariat« {Zusammenschluß 
ßerklärung AD und RAF). Man muß kein 
Wirtschaftsexperte sein, sondern nur auf¬ 
merksamer Tourist. um die zum Teil krassen 
Unterschiede zwischen z.B. einem portugiesi¬ 
schen und einem westdeutschen Bauern, zwi¬ 
schen dem Klassenbewußtsein italienischer 
und westdeutscher Arbeiter, zwischen spani¬ 
scher und deutscher Arbcitcrkultur mitzube¬ 
kommen. Die Unterschiede haben sich in den 
letzten 15 Jahren nicht verringert, sondern¬ 
verschärft! (...) Denn dort, wo die hoch- 
technologisierten Kernstaaten zum Nachteil 










. 


m 


'Globalanalyse zu dem Schluß kommt, daß die 
»Militärstrategie zum Angelpunkt geworden 
ist, die Politik gestorben ist«, dann verleugnet 















sie nicht nur die blutige Zerschlagung der re¬ 
volutionären Befreiungsbewegungen in die¬ 
sen Ländern (Tupamaros, ERP, Montone- 
ros), sondern auch die Fähigkeit des Imperia¬ 
lismus und der nationalen Bourgeoisie, die 
Volksbewegung weitgehend politisch zu inte¬ 
grieren, um so vor allem einer revolutionären 
Alternative den Boden zu entziehen. 

So sehr also die RAF den Reformismus 
weltweit gescheitert sicht und für tot erklärt 
[vielleicht eine Erklärung , warum sie Reformi¬ 
sten wie v. Braunmühl aussucht? Was nicht tot 
ist , wird tot gemacht? SF-Setzer ], so lebendig 
ist er nicht nur in den Köpfen der Herrschen¬ 
den, sondern gerade auch in den Köpfen der 
Volksorganisationcn. Nicht wenige der noch 
lebenden Guerilleros/-as sehen in der Demo¬ 
kratisierung von oben eine Chance von un¬ 
ten, den gewonnenen Spielraum für gesell¬ 
schaftliche Veränderungen zu nutzen. In ei¬ 
ner Erklärung der Tupamaros nach Abschluß 
ihres ersten öffentlichen und legalen Kongres¬ 
ses 1985 halten sie diesbezüglich fest: 

»Es besteht Einigkeit darüber, daß wir jetzt 
unsre Politik im Rahmen der Legalität fortset¬ 
zen werden. Wir werden nicht nur die Legalität 
respektieren , sondern auch keine Aktivitäten 
unternehmen, die für die Feinde des Volkes 
Anlaß sein könnten, ihre organisierte Gewalt 
wieder gegen das Volk zu richten!« 

(...) Man vergleiche dazu die heroisieren¬ 
den Worthülsen der RAF: »In Lateinameri¬ 
ka, das sie 10 Jahre mit Militärdiktaturen 
überzogen haben zur planmäßigen Liquidie¬ 
rung der gesamten Linken, weil die Guerilla 
dort eine Massenbasis hatte, sind sie jetzt mit 
neuen Kämpfen konfrontiert und mit Men¬ 
schen, die sich keine »Scheinlösungen« mehr 
bieten lassen, die vor dem Faschismus keine 
Angst mehr haben, weil ihr Widerstand aus 
dieser Erfahrung kommt.« (Gef. aus der 
RAF, April 1985). 

Ganz falsch; denn gerade die Angst vor 
dem Faschismus, vor einem neuen Militär¬ 
putsch bewegt ganz offensichtlich die Mehr¬ 


heit der Menschen dort, sich erst einmal mit 
dem Sturz der Militärdiktatur zufrieden zu ge¬ 
ben. (Eine vergleichbare Entwicklung war im 
Spanien nach Franco zu beobachten, wo zu¬ 
nächst - aus rein taktischen Gründen - die 
Mehrzahl der Bevölkerung eine konservative 
Regierung wählte; SF-Rcd.) Und wenn man 
weiß, daß in diesen Ländern nicht die Militär¬ 
regimes zerschlagen wurden, sondern sie 
Guerillabcwegungcn, dann kann man auch 
verstehen, warum das Volk mit einer »Schein¬ 
lösung« zufrieden ist, anstatt die »neuen De¬ 
mokratien« offensiv und revolutionär anzu¬ 
greifen. 

Hinzu kommt: Die Zerschlagung der Gue¬ 
rilla in diesen Ländern lag nicht nur an der mi¬ 
litärischen Überlegenheit des Feindes: » Wir 
haben in dt r Vergangenheit Fehler begangen. 
So maßen w, r einer einzigen Kampfform, dem 
bewaffneten Kampf zuviel Bedeutung bei; wir 
waren zuwenig in den Massen , in ihren ge - 
wachsenenOrganisationen verankert.« (Erklä¬ 
rung der Tupamaros , Dezember 1985) 

Anstatt aus den Fehlern anderer Guerill¬ 
abewegungen zu lernen, macht die RAF aus 
diesen Fehlern eine Strategie. (. . .) 

»Für diese Art der Vernichtungspolitik bedarf 
es keiner Gaskammer mehr, die Luft zum At¬ 
men soll durch die Totalität der Isolation sy¬ 
stematisch abgedreht werden. Es ist das Ge¬ 
sicht des offenen Faschismus. Es ist so zuge¬ 
spitzt, weil sic jetzt aus der ganzen Entwick¬ 
lung aufs Ganze gehen wollen. Der Hinter¬ 
grund des eskalierenden staatlichen Terrors 
überall, liegt in der Ausdehnung des Wider¬ 
stands in den letzten Jahren . , .« (Eine Ge¬ 
fangene aus der RAF, Januar 1984) 

Auch auf die Situation in der Metropole 
bezogen also derselbe Kurzschluß: Unser und 
ihr Widerstand ist so stark, daß der Feind nur 
noch mit den Methoden des offenen Faschis¬ 
mus überleben kann. 



STATT EINLENKEN 

MEINEN AUCH DIE ANDEREN 


„Die Zeitschrift Kommune hat 
sich zu einer der Publikationen 
entwickelt, denen man regelmä¬ 
ßig Interesse entgegensieht 
. . / — Frankfurter Rundschau , 
Rainer Erd 

„Beinahe unentbehrlich gewor¬ 
den für alle, die sich mit aktuellen 
Fragen gründlicher beschäftigen 
wollen.“ — die tageszeitung 

„Anders, also nach außen, 
schreibt die Kommune“. — DIE 
ZEIT, Matthias Greffrath 

„Nachdem die Modernen Zeiten 
das Zeitliche gesegnet haben, ist 
es der Kommune gelungen, sich 
als neues Diskussionsforum zu 
etablieren “ — Stadtblatt Mini¬ 
ster 

„Kommune versucht aktuelle 
politische und kulturelle Themen 
aufzugreifen und zur Diskussion 
zu stellen. Das alles auf einem ho¬ 
hen Niveau und ohne akade¬ 
misch zu sein. Hervorzuheben ist 
noch die gute Gestaltung und 
Lesbarkeit der Hefte. — Stadt¬ 
magazin Augsburg 

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Wenn sich in den letzten Jahren irgend etwas 
ausgedehnt hat, dann doch nicht ihr (oder un¬ 
ser) Widerstand, sondern schlimmstenfalls 
die militaristische Vision der RAF, vor der 
»Entscheidungsschlacht« zu stehen. Was 
zwingt denn den Staat auf’s Ganze zu gehen? 
Die überwiegend toten, in Knästen und im 
Untergrund isolierten Kader der RAF? Die 
militante Linke? Die Friedensbwegung? Das 
Proletariat? 

Wie wenig hat der Krieg der RAF mit die¬ 
sen Verhältnissen und vorallem mit den Men¬ 
schen darin zu tun, daß sic sich bereits in der 
letzten Etappe des Krieges wähnt. . . Warum 
berufen wir uns denn noch auf bestimmte de¬ 
mokratische Rechte, warum verteidigen wir 
gewisse demokratische Errungenschaften, 
wenn der »offene Faschismus« bereits an der 
Macht ist? Warum zielen so viele soziale Be¬ 
wegungen darauf ab, bestimmte Projekte 
»politisch nicht durchsetzbar« zu machen, 
wenn das Politische längst gestorben ist? 

Oder aber: Ist die Faschismus-These der RAF 
ein Versuch, die eigene Liquidierung des Poli¬ 
tischen zu rechtfertigen? 

(. . .) Wie erklärt sich also die RAF, daß 
der überwältigende Teil der Friedensbewe¬ 
gung nicht den Krieg bekämpfen, sondern 
den Frieden sichern , sicherer machen will? 
Belegt nicht gerade die Friedensbewegung 
die Tatsache, wie viele Menschen nach wie 
vor an diesem Frieden fcsthalten wollen, an¬ 
statt diesen Frieden für diese Kriege verantw¬ 
ortlich zu machen? So schmerzlich und be¬ 
drohlich das auch ist: Der Alltag ist für die 
Mehrheit der Bevölkerung nicht imperialisti¬ 
scher Krieg an allen Fronten - dieser Krieg 
ist für sic noch weit weg, im Fernseher, ir¬ 
gendwo auf der Welt, nur nicht hier. Die Kluft 
zwischen der Wirklichkeit ihrer Kriege und 
der Wirklichkeit ihres Friedens läßt sich nicht 
militaristisch überspringen, sondern nur poli¬ 
tisch bekämpfen. Eine Kluft, die deutlich 
macht, wie (. . .) stark nach wie vor die politi¬ 
sche Akzeptanz des Systems in den Köpfen 
der Menschen verankert ist. Eine politische 
Akzeptanz, die nackte Gewalt überflüssig 
macht (. . .) 

Konsequenzen aus dem angeblichen Tod des 
»Politischen« 

Wenn das Politische Gestorben ist, dann zäh¬ 
len nur noch die toten Uniformen. Der US- 
Air-Basc-Anschlag war demnach alles andere 
als ein »Ausrutscher«; er ist die logische Um¬ 
setzung jener fatalen Fronttheorie und führt 
zur Unkenntlichmachung revolutionärer Poli¬ 
tik. 

Als wir von dem Anschlag auf einen Park¬ 
platz innerhalb der Airbase erfuhren, glaubte 
niemand von uns an eine RAF-Urheber- 
schaft. Selbst als über Radio und Fernseher 
der gemeinsame Bckcnnerbricf der RAF und 
AD bekannt gemacht wurde, vermuteten wir 
dahinter eine perfekt inszenierte counter-in- 
surgcncy-Aktion des BKA. Als schließlich 
das BKA einen Zusammenhang zwischen 
dem US-Airbase Anschlag und der Ermor¬ 
dung eines GI’s in Wiesbaden konstruierte, 
dachten wir vollends an psychologische 
JGicgsführung. Denn dieses Horror- und Ter¬ 
ror-Gemälde entsprach doch viel mehr den 
Anleitungen aus dem CIA-Handbuch für die 
Co nt ras in Nicaragua, als dem - wenn auch 
rissigen Bild - der RAF. Zwischen funda¬ 
mentalen Widersprüchen und schlichtem 
Wahnsinn wollten wir immer noch unterschei¬ 
den (. . , 


Aii zu mafiosihaft rekonstruierte das BKA 
den Ablauf: Ein Gl wird in einer Wiesbade¬ 
ner Discothek, in der bevorzugt GI’s verkeh¬ 
ren von einer Frau angemacht. Gemeinsam 
verlassen sie die Diskothek. Sie gehen in ei¬ 
nen Park für Liebespaare. Dort wird der Gl 
später tot aufgefunden, mit einem Schuß ins 
Genick. Nur seine Identitätskarte fehlte. 
Früh morgends fährt jemand mit dieser ID- 
Karte auf’s Airbase-Gelände, stellt kurz vor 
Arbeitsbeginn das Auto dort ab. Um 7.50 
Uhr explodiert das Auto, ein x-beliebiger US- 
Angehöriger wird getötet, mehrere verletzt. 

So pervers dieser Zusammenhang auch 
war, so eindeutig bekannten sich RAF und 
AD zu diesem Tatablauf: sie ließen der Presse 
die ID-Karte des hingerichteten GFs zukom¬ 
men. Und um die letzten Zweifel auszulös¬ 
chen, kam einige Tage später eine 2. Erklä¬ 
rung der RAF, die sich auf die Kritik der radi¬ 
kalen Linken bezog und auch damit in Ram¬ 
bo-Manier abrechnete: »Für uns sind die US- 
Soldaten in der BRD nicht Täter und Opfer 
zugleich, wir haben nicht diesen verklärten 
sozialarbeiterischen Blick auf sie.« (2. Erklä¬ 
rung der RA F vom 25.8.85) 

Unmißverständlicher kann man Hard-Co- 
re-Politik nicht auf den Punkt bringen. Wer 
mit der Präzision einer Schrotflinte »alle Sol¬ 
daten, die im Headquartcr oder sonst wo ih¬ 
ren Job machen« zur Zielscheibe revolutionä¬ 
rer Politik macht, der täuscht mit soldatischer 
Härte nur radikale Konsequenz vor, hinter 
der sich nichts anderes verbirgt als maßlose 
Schwäche. Wer seine Angriffsziele so genau 
bestimmt, daß es alle Soldaten trifft, der 
nimrnt wahllos Opfer in kauf. Wer unter¬ 
schiedslos alles Personal auf US-Territorium 
zum Tod verurteilt, der ist nicht revolutionär, 
sondern terroristisch. (Hinzugefügt sollte an 
dieser Stelle werden, daß solch eindeutiger 
Terrorismus etwa Bombenanschläge auf 
Bahnhöfe, Münchner Oktoberfest etc. in der 
älteren .und jüngsten Geschichte nie von links 
praktiziert wurde, ein echtes Novum also- 
SF). 


»Wir wollen aber testhalten, daß die Revo¬ 
lutionäre Aktionen vermeiden müssen, die 
der Feind gegen sie ausspiclen kann: z.B. ci- ' 
nen Mann zu töten, nachdem sic ihn gefan- ; 
gengenommen hatten. Wir haben dererlei nie 
getan, wie empört wir auch über die Grau¬ 
samkeit des Feindes waren; . . . denn cs ist 1 
ein Fehler, sich der Methoden zu bedienen, j 
die die öffentliche Meinung dem Feind zu- j 
schreibt . . . {Fidel Castro , Rede vom , 
13.3.1967, bezugnehmend auf die Ermordung \ 
eines Funktionärs der venezuelanischen Regie- t 
rung durch die Nationale Befreiungsarmee Ve- j 
nezuelas) l 

Der K r i e g als schmutziges, hartes Gc- , 
schüft muß bei der RAF für etwas herhalten, 1 
was ihr in ganz entscheidendem Maße fehlt: ! 
revolutionäre Moral und politische Stärke. | 
Oder hat die Guerilla in EI Salvador auch j 
diesen verklärten, sozialarbeiterischen . 
Blick, wenn sie sehr wohl zwischen Offizieren 
und einfachen Soldaten unterscheidet, wenn 
sie jedem Soldaten beste Bchandluung zusi¬ 
chert, der sich ergibt, wenn sic einzelne Sol- | 
daten auch dadurch entwaffnet, indem sie ih- , 
nen eine menschliche Behandlung garantiert, ! 
die sic innerhalb der Regicrungsarmec nie er- ' 
fahren haben? Zeugt cs von militärischer I 
Schwäche oder politischer Stärke, wenn die | 
von der Guerilla gefangcngcnommcnc Toch- j 
ter Duartcs nicht ermordet, sondern durch ! 
die von der Luftwaffe bombadierten und zer¬ 
störten Dörfer geführt wird, damit sie nach 
ihrer Freilassung vor der nationalen und inter¬ 
nationalen Presse etwas mit eigenen Augen 
bestätigt, was ihr Vater und das gesamte Mili¬ 
tär unentwegt leugnen: der ungebrochene, j 
mörderische Krieg gegen die Zivilbcvölkc- j 
rung, auch und gerade unter einer zivilen, j 
christdemokratischen Regierung. Spielt nicht • 
gerade die Politik des revolutionären Bei- 1 
spiels eine entscheidende Rolle bei der Dcscr- I 
tation, bei dem rapiden Verfall der Kampfmo- j 
ral innerhalb des salvadorischcn Heeres? Die j 
moralische und politische Zersetzung des 
Feindes — gearde auch durch das eigene, bei- j 
spielhaftc Verhalten, ist eine viel wirkungs- ! 
vollere Waffe als der Genickschuß. (. . .) 





2 S 



RAF und Widerstand — eine Front-Attrappe 


»Die imperialistischen Staaten können aus 
ihrer substanziellen Instabilität und dem fort¬ 
schreitenden Verlust ihrer Legitimität nur 
noch ihre Potenz zu Herrschen dcmonstric- 
| rcn. Sic sind heute mit der Tatsache konfron¬ 

tiert, daß sie für keine einzige ihrer Maßnah¬ 
men einen passiven Konsens haben.« (Ge¬ 
meinsame Erklärung der RAF und AD). 

Entwaffnender kann die RAF kaum noch 
formulieren, daß sie mit dem »Widerstand« 
nichts zu tun hat. Wer in der Globalität der 
Kriegsschauplätze zuhause ist, der ist sich of¬ 
fensichtlich dafür zu schade, Eindrücke und 
Erfahrungen vor Ort zu machen. Denn wenn 
cs eine ganz zentrale Erfahrung in unserem 
Widerstand gibt, dann die, daß viele - auch 
| von uns — noch lange nicht mit diesem Sy¬ 

stem gebrochen haben. Die Massenbewegun¬ 
gen, ob AKW, Frieden oder Startbahn sind 
nicht alleine an der Brutalität des staatlichen 
Gcwaltmonopols zerbrochen, sondern an un¬ 
serer Unfähigkeit, den Bruch mit diesem Sy¬ 
stem massenhaft zu vollziehen. Der passive 
Konsens, die Sicherheiten des bürgerlichen 
Lebens, die Angst, einen Schritt weiter zu ge¬ 
hen, die Annehmlichkeiten, die das System 
trotz aller Krisen bietet, waren meist doch 
stärker, als unser Versuch, unser Leben auf al¬ 
len Ebenen zu radikalisieren. Wieviele sind 
denn noch im Widerstand, die 1968 gegen das 
Establishment revoltierten, die 1970 revolu- 
j tionäre Betriebsarbeit gemacht und 1972 
j Häuser besetzt hatten? Machen wir uns doch 
nichts vor, die Mehrzahl ist schon lange nicht 
mehr im Widerstand, sondern auf dem Weg 
ins Establishment oder auf dem Weg zur Ar¬ 
beit! Während die Utopien wie schwarze Le¬ 
derjacken auf dem Bügel hängen, . . .»klin¬ 
geln morgens wieder verstärkt die Wecker bei 
den Linken, gähnen unausgeschlafene Ge¬ 
sichter in die blinden WC-Spiegel, stellen 
muffige Anarchos fest, daß die Welt morgens 
um 7 Uhr alles andere als in Ordnung ist. Und 
dann rennt sic los, die verpennte Ex-Bewc- 
gung, mit Fahrrad und U-Bahn und all ihren 
Ansprüchen von Freiheit und Abenteuer im 
Hirn.« (Anagan, Nr.3) 

; Dieser passive, verschwiegene Konsens 

hat unsere Reihen mehr gelichtet, als die 
Knüppelschlägc, Knaststrafen ... Es sind 
die»inneren« Niedelagen, die viel mehr ver¬ 
wunden und schmerzen, als die »äußeren« 

. . . und wenn wir ehrlich sind, ist die Situa¬ 
tion der Autonomen innerhalb sozialer Bewe¬ 


gungen noch nie so desolat, orientierungslos 
und unorganisiert gewesen wie zur Zeit (dar¬ 
an ändern auch die letzten AKW-Schlachten 
und die fetten Schlagzeilen nichts). Wir sind 
aus den Hochzeiten der Bewegung nicht ge¬ 
stärkt hervorgegangen, haben uns in unseren 
Lebensbereichen nicht verankert . . . übrig 
geblieben ist ein Häufchen von Verschwore¬ 
nen ... hin und hergerissen zwischen »Hau 
drauf, Tango« und ungewohnten Selbstfin- 
dungsprozessen. 

Doch als ob die RAF all das nichts angin¬ 
ge, krönt sie ihre »Analyse« mit der Feststel¬ 
lung: »Die Offensive jetzt ist auch deshalb zur 
Entscheidungsschlacht geworden, weil die re¬ 
formistische Variante, Sozialdemokratismus 
und verdeckter Krieg auf allen Ebenen aufgc- 
laufcn ist.« ( Gefangene aus der RAF, April 
1985) 

Lebt die RAF noch hier? Womit sind wir 
als radikales, autonomes oder anrchistischcs 
Spektrum innerhalb sozialer Bewegungen 
konfrontiert, wenn nicht mit der reformisti¬ 
schen Variante? Wogegen rennen wir denn an 
- oft mehr aktionistisch als inhaltlich über¬ 
zeugend - wenn nicht gegen reformistische 
Strategien innerhalb sozialer Bewegungen? 
Was ist denn das Konzept der Gewaltfreiheit, 
wenn nicht das reformistische Programm ei¬ 
nes Großteils der Repräsentanten der Bewe¬ 
gung? Warum haben denn diese Vertreter 
(incl. grüne Parteifunktionäre) einen nach 
wie vor großen Einfluß auf Inhalte, Vorge¬ 
hensweisen und Strategien innerhalb des Wi¬ 
derstands? 

So sehr die RAF auch den Reformismus, 
den passiven Konsens mit ihrer Analyse liqui¬ 
diert sicht, so sehr sind wir damit konfron¬ 
tiert. Und dort, wo die RAF die Politik ge¬ 
storben sicht, müssen wir überhaupt erst rich¬ 
tig ansetzen: den passiven Konsens mit die¬ 
sem Staat politisch massenhaft zu durchbre¬ 
chen: Vorstellungen, Lebensformen und 
Strukturen entwickeln, die unseren Bruch 
nicht nur auf der Demo oder sonntags son¬ 
dern jederzeit spürbar machen! 



(. . .) Wer dem Feind mehr Aufmerksam- 
keit widmet als den sozialen Bewegungen, 
wer sich am Feind mißt, anstatt an den sozial- 
revolutionären Ansätzen, wer seine Strategie 
an der Strategie des Feindes bestimmt und 
nicht an den Entwicklungsprozessen von Mas¬ 
senbewegungen, wer mehr Worte über die 
Ziele des Feindes findet und über die eigenen 
kein einziges Wort (mehr) verliert, der 
schenkt der Waffe mehr Vertrauen als den 


Menschen. »Gegengewalt läuft Gefahr zu Ge¬ 
walt zu werden, wo Brutalität der Polizei das 
Gesetz des Handelns bestimmt, wo ohnmäch¬ 
tige Wut überlegene Rationalität ablöst, wo 
der paramilitärische Einsatz der Polizei mit 
paramilitärischen Mitteln beantwortet wird.« 
(Ulrike Meinhof Mai 1968) 

Doch das ist nicht nur ein Problem der 
RAF, über das sie zutode stürzt, während wir 
darüber stolpern. Denn das, was die RAF im 
Großen macht, wiederholen wir auf niedrige¬ 
rem Niveau: bei Fighter- und Putzdemos, wo 
unsere Helden ihre Schlachten und Sympat¬ 
hien gewinnen. Das Scheitern der RAF und 
unsere Schwäche als autonome Bewegung hat 
einige gemeinsame Wurzeln: 



1 Allzuoft orientieren sich unsere Wider¬ 
standsformen am Vorgehen des Feindes und 
nicht an unseren eigenen Entwicklungspro¬ 
zessen und viel zu selten an unseren Utopien 
und Zielen 

2 Allzuoft ist unser Widerstand nur an spekta¬ 
kulären Projekten des Feindes fixiert, anstatt 
langfristig und weiträumig die soziale und 
ökonomische Infrastruktur anzugreifen. 

Nicht selten ersetzen ritualisierte Militanz 
(schwarze Lederjacke und A-Kappe) und 
symbolisierte Härte (Holzknüppel und Stei¬ 
ne) langfristige Vorbereitungen, effektive Ak¬ 
tionen (ohne viel Lärm und Mediengewitter). 
Es gibt auch zuvicle Autonome, die mann/ 
frau eher an der A-Kappe erkennt, als am so¬ 
lidarischen Umgehen miteinander. 

4 Auch wir lassen uns viel zu sehr vom Spek¬ 
takulären blenden (»Schwere, blutige Stra¬ 
ßenschlacht«, »Sturm auf . . .«). sonnen uns 
in einer Wertschätzung, die sie diktieren, an¬ 
statt die unter uns mager verteilte Bestäti¬ 
gung und Ermutigung an unsere Wert Vorstel¬ 
lungen zu knüpfen. Es gibt gerade unter uns 
eine Hierarchie der Wertigkeit, die zutiefst re¬ 
aktionär ist, die die Widersprüchlichkeit zwi¬ 
schen Angsthasen und Furchtlosen. Drücke¬ 
bergern und Frontkämpfern. Wasserträgern 
und Fightern nicht aufhebt, sondern vertieft 
und kult-mcri. (Vorrang der soldatischen vor 
den weiblichen Tugenden.) 

Auch wir machen unsere Stärke gelegent¬ 
lich zu stark und ungenau an den materiellen 
Verlusten des Feindes fest und vergessen da¬ 
bei, daß die größten Verluste des Feindes die 
sind, die nicht reparabel und ersetzbar sind. 
(. . .) Kaputte Fensterscheiben, brennende 
Wannen lassen sich ersetzen, aber nicht zer¬ 
störte Rechtsgläubigkeit und Staatsloyalität. 
Neben dem (zer-)störenden Charakter unse¬ 
rer Handlungen müssen wir uns verstärkt 
nach dem gewinnenden Charakter unseres 
Vorgehens orientieren. Etwas pathetisch ge¬ 
sagt: Es muß uns um die Herzen der Men¬ 
schen gehen, die wir gewinnen wollen. 


Die Entwicklung einer neuen revolutionären 
Strategie 

Sicherlich legt die Kritik an der RAF und an 
uns selbst nahe, an der Sinnhaftigkcit und 
Notwendigkeit revolutionärer Strategien 
überhaupt zu zweifeln. Die Legalisten einer 
»friedlichen« Veränderung innerhalb des Sy¬ 
stems stützen sich ja mit beiden Armen auf 
das Scheitern der RAF und auf die offensicht¬ 
liche »Erfolglosigkeit« militanter Strategien 
der letzten Jahre. Es liegt an uns jenen Reprä¬ 
sentanten etwas entgegenzusetzen, die davon 
leben, die Entfaltung revolutionärer Strate¬ 
gien zu verhindern, um die Unzufriedenheit 
für die Modernisierung des Systems abzu¬ 
schöpfen. Es liegt an uns, über die oft bruch¬ 
stückhaft geübte Kritik und Selbstkritik hin¬ 
auszugehen, eigene Vorstellungen von revo¬ 
lutionären Strategien zu entwickeln, die end¬ 
lich wieder mehr mit uns, unseren Erfahrun¬ 
gen und Phantasien zu tun haben. (. . .) 

Es spricht für sich selbst, daß kaum einer 
von uns »Revolution« mit der BRD verbin¬ 
det, schon eher mit Südafrika oder Mittcl- 
amerika. Vielleicht bis 1972 hatten die Unru¬ 
hen noch etwas mit Revolution, Umsturz und 
Sozialismus zu tun . . . Ob wir selbst nicht 
längst - mehr oder weniger heimlich - revo¬ 
lutionäre Vorstellungen im eigenen Land be¬ 
graben haben, weil wir von der Aussichtslo¬ 
sigkeit instinktiv überzeugt sind? 

All das, was den Befreiungskampf in der 3. 
Welt ausmacht, fehlt uns anscheinend: ein re¬ 
volutionäres Volk, der unumstößliche Glaube 
an die Revolution und den Sieg, Rückzugs- 
Terrain ä la befreite Gebiete usw. (...) (Der 
Artikel deshalb kommt zum Schluß, daß eine 
militärische Option Selbstmord oder Wahn¬ 
sinn ist, - denn: man muß nur El Salvador 
zum Vergleich hcranziehen,wo es trotz aller 
revolutionären Bedingungen nur zum militä¬ 
rischen Patt reicht und die Guerilla auf die po¬ 
litische und soziale Ausdehnung setzt; SF) 

(Eine revolutionäre Bewegung in der 
BRD muß sich deshalb) in den Gefühlen, Er¬ 
fahrungen, Utopien der Menschen und deren 
Möglichkeiten »frei« bewegen (können. Sie 
ist) hier in viel stärkerem Maße von den »Frei¬ 
räumen« abhängig, die die Massenbewegun¬ 
gen ständig schaffen, erhalten und ausdehnen 
müssen. Eine revolutinärc Strategie müßte 
auf jeden Fall zumindest die Sympathie und 
Unterstützung derer besitzen, die den Wider¬ 
stand gegen dieses System tragen (z.B. Anti- 
Atomanlagen-Bcwegung etc.). (Befreite Ge¬ 
biete in Lateinamerika stellen eine lebendi¬ 
ges Beispiel der Gcgengesellschaft vor, dies 
gewinnt die Sympathien, beantwortet die Fra¬ 
ge nach der neuen Lebensweise, Gesell¬ 
schaftsordnung konkret, nimmt Ängste und 
Vorurteile, gibt Selbstbewußtsein [— gekürz¬ 
te inhaltliche Wiedergabe - SF]): Hier ist 
und wird es nicht anders sein: auch hier sitzt 
die Angst vor »Anarchie und Chaos« tiefer, 
als die Angst vor einem ungelebten, versarg- 
ten Leben. Jede revolutionäre Bewegung hier 
wird sich das Vertrauen selbst schaffen müs¬ 
sen. Und da es auf absehbare Zeit in der 
BRD keine exterritorialen »befreite« Gebiete 
geben wird, müssen wir andere Wege finden, 
die Keime einer neuen Gesellschaft sichtbar 
zu machen. Die Strukturen dieser Gegen¬ 
macht werden jedenfalls innerhalb dieser Ge¬ 
sellschaft liegen, ein »außerhalb« wird es in 
der allscitig-erschlossenen BRD nicht geben. 
Umso wichtiger wird hier die Waffe des eige¬ 
nen Beispiels sein, umso entscheidender wird 
es sein, Strukturen von Gegenmacht inner¬ 
halb und über soziale Bewegungen hinaus 
dauerhaft zu entwickeln. (. . .) 



(Ausgangspunkt in der BRD ist auch aber 
weniger die materielle Armut, weniger das 
Klassenbewußtsein [- gekürzte Wiedergabe, 
SF]. Denn:) Der »klassenlose« Konsum als 
Lebensersatz und Beweis für Gesellschaftsfä¬ 
higkeit, der fast völlige Verlust von sozialer 
Kultur, die neuen Technologien als Lebens¬ 
programmierer, die Ohnmacht selbstbc- 
stimmt zu handeln - sie tragen zur Aufrech¬ 
terhaltung der Ordnung viel wirksamer bei, 
als die mit offener Gewalt erzwungene Loya¬ 
lität und Unterordnung. Die ökonomische 
und politische Stabilität des »Modell 
Deutschland« zeichnet sich gerade dadurch 
aus, daß es nicht gegen die Menschen, son¬ 
dern durch sie hindurch greift; man regiert 
nicht gegen die Gewerkschaften, sondern 
durch sie hindurch, man verbietet nicht die 
grüne Partei, sondern bindet sie mit ein, man 
vermeidet offene Gewalt - wo es geht - und 
gießt sie stattdessen in neue Techniken der 
Kontrolle, Überwachung und Verfolgung. 
Die allseitige Erfassung und Zurichtung er¬ 
folgt schon lange nicht mehr nur in der Fabrik 
bzw. am Arbeitsplatz; der Zugriff erfolgt auf 
alle unsere Lebensäußerungen und gerade 
dort, wo wir uns anscheindend unkontrolliert 
und frei fühlen. Ein Befreiungskampf also, 
der sich auf die ökonomische und militärische 
Gewalt fixiert, verharrt und beharrt auf einer 
historischen Entwicklung, die das Kapital in 
den Metropolen längst qualitativ überschrit¬ 
ten hat. Ein Befreiungskampf hier würde in 
einem viel stärkeren Maße bedeuten, die so¬ 
ziale Identität, Kultur und Lebensräume und 
-Zusammenhänge zurückzuerobern bzw. neu 
zu entwickeln. Nicht umsonst können wir mit 
der Geschichte, Kultur, dem Land BRD 
nichts oder gar nichts anfangen, während die 
Befreiungskämpfe in der 3. Welt gerade mit 
der Geschichte ihres Landes ihre Identität 
verknüpfen.(»Patria libre o morir«)[Darin 
dürfte allerdings keineStärke zu finden sein, 
denn eine Gegenkultur und Widerstand hier, 
richtet sich ja nicht allein gegen die Regie¬ 
rung, die Macht, sondern auch gegen dieses 
Deutschtum an sich; SF] 

Auch müssen wir davon wegkommen, mili¬ 
tantes Vorgehen an den Mitteln festzuma¬ 
chen, sei’s ein Stein, eine A-Kappe, ein Molli 
oder eine Knarre. Die ganze dämliche Ge¬ 
waltdiskussion hat offensichtlich auch bei uns 
Spuren hinterlassen: oft unbewußt und unaus¬ 
gesprochen setzen wir Militanz mit Putz und 
Randale gleich und reduzieren sie damit 
selbst auf ihre bürgerliche Interpretation. 
Doch was schlimmer ist: wir selbst fangen an. 



S9 | 


die Gewaltfrage zur Trennungslinie unter uns ! 
und gegenüber anderen zu machen. Wer »ge- ! 
waltfrei« ist, hat Schiß und verdient besten- \ 
falls ein mildes, mitleidiges Lächeln; wer da- j 
gegen den Zoff mit den Bullen sucht, ist mili¬ 
tant, kurzum gut drauf. Doch cs geht gar ! 
nicht um die Frage, wer »gewaltfreies« oder I 
»gewalttätiges« Vorgehen befürwortet, son- j 
dern darum, welches Ziel damit verfolgt wirdl j 
Wenn wir aber nicht mehr das Ziel zurTrcn- 
nungs- und Konfrontationslinic mit anderen 
Teilen der Bewegung machen, dann machen 
wir um selbst zu dem, wie uns andere allzugcr- j 
ne sehen möchten: Stahlkugclfraktion. Wenn , 
mann/frau uns vorallem an der A-Kappe er- ' 
kennt und nicht mehr an unseren Zielen, ; 
wenn mann/frau sicht, daß wir wie elektrisiert i 
auf jeden Bullen reagieren, anstatt das anzu- | 
greifen, was hinter Bullenkctten geschützt j 
werden soll, dann messen wir uns mit denen, 
anstatt mit unseren Zielen. 


(Ende des Beitrags, cs existiert noch ein 
Nachtrag zur RAF-Einschützung nach dem 
Autonomen-Treffen im August 1986, wobei 
sich die Diskussion auch um die Beckurts-Er- 
mordung drehte. Ergänzend — und wohl 
auch auf v. Braunmühls Ermordung bezieh¬ 
bar — wird ausgeführt:) »Wer die Kritik an 
der WAV-Politik teilt und die Praxis , die Bek- 
kurts-Ermordung Spitze findet, der verleug¬ 
net nicht nur das Selbstverständnis der RAF, 
der bleibt auch inkonsequent und politisch 
wenig glaubwürdig. Denn so lange die RAF 
die Beckurts-Ermordung aus demselben poli¬ 
tischen und ideologischen Selbstverständnis 
heraus bestimmt wie die Pimental-Hinrich- 
tung und den Airbase-Anschlag, bleibt die 
Beckurts-Ermordung - als Ausdruck einer 
politischen Strategie — konterrevolutionär. 
(...) 

Die »Politik der Liquidation« ist auch eine 
Frage des Mittels. Sie hat eine Tradition: die 
der Freicorps in der Weimarer Republik, der 
SS/SA-Kommandos in der Nazi-Zeit und der 
Todesschwadronen in Mittel- und Südameri¬ 
ka. Diese Tradition lebt noch heute in der fa¬ 
schistoiden Bürgerwehr - und »Kopf ab«- 
Mentalität anständiger Bürger. Gerade des¬ 
halb ist Liquidation nicht eines von vielen 
Mitteln, (...) Denn gerade hier in der BRD, 
wo das Mittel der Liquidation mehr als faschi¬ 
stoide Lynchjustiz, als als revolutionäre Ge¬ 
gengewalt begriffen wird, müssen wir alles 
daransetzen, eben nicht mit den Mitteln des 
Feindes identifiziert und gleichgesetzt zu wer¬ 
den. (. . .) 


| 

I 













30 


Vielleicht aber hat auch die »klammheimli- 
:he Freude« vielmehr mit dem Fehlen einer 
evolutionären Utopie, mit der fehlenden 
Hoffnung auf eine »Revolution der Massen« 
zu tun als mit der RAF?\. Eine Freude, die 
aus unserer Schwäche kommt und eben nicht 
aus unserer Stärke. Wenn wir eh nicht mehr 
daran glauben, in diesem Land eine Mehrheit 
für einen revolutionären Prozeß zu gewinnen, 
dann kann’s uns auch scheißegal sein, was sie 
über dies und jenes denkt - Hauptsache, es 
erwischt wenigstens auch ein paar von denen. 
Nach uns die Sintflut ... Ich denke unsere 
Freude hat viel mit diesem Gefühl zu tun, ein 
Gefühl, das gelegentlich auch unsere Aktio¬ 
nen prägt, Hauptsache, es ging gut ab. Mag 
sein, daß wir eine Revolution hier vergessen 
können. Vielleicht gerade deshalb ist es wich¬ 
tig, unsere Vorstellungen und Utopien jetzt 
zu leben, sie gemeinsam zu entwickeln und 
unser Handeln daran zu messen - gerade 
dann, wenn wir auf ein schwarz-rotes Morgen 
nicht zu warten brauchen. 

Wir machen es uns zu einfach, wenn wir 
die Kritik an der »Stahlkugelfraktion« nur je¬ 
nen zuordnen, die eh ein anderes, sprich re¬ 
formistisches und legalistisches Ziel oder be¬ 
reits einen Amtssessel unter’m Arsch haben. 
Denn diese Kritik haben auch jene, die mit 
uns ein gemeinsames Ziel teilen, die radikale 
Veränderung des Systems. Wenn also die Ak¬ 
tiven der Graswurzelrevolution und die Pazifi¬ 
sten Schwierigkeiten mit unseren Aktionsfor¬ 
men haben (und nicht wenige Autonome ha¬ 
ben das auch, auch wenn wir kaum offen dar¬ 
über reden - mann/frau macht dann einfach 
nicht mit), dann wird es höchste Zeit, diese 
Kritik ernst zu nehmen. Dabei geht .es nicht 
darum, inwieweit der Putz andere gefährdet 
bzw. andere Aktionsformen defacto aus¬ 
schließt oder dominiert. 



Unsere Selbstkritik 
müßte vielmehr dort ansetzen, w r o das Mittel 
selbst zum Ziel bzw. dessen Ersatz wird. 
Denn an einer fundamentalen Schwierigkeit 
der letzten Jahre kommen wir nicht mehr vor¬ 
bei: die konkrete Bestimmung dessen, wie 
wir unserem Ziel näherkommen wollen. Es 
genügt eben nicht, ein richtiges Ziel zu haben, 
wir müssen auch sagen können, wie wir dor¬ 
thin kommen. Außer »Hau weg den Scheiß« 
haben wir kaum etwas an Alternativen gebo¬ 
ten bzw. den »Realos« entgegengesetzt. Doch 
darum geht es, wenn man uns auch an den 
besseren Argumenten und Vorschlägen er¬ 
kennen soll. 

Klar müßte sein, daß »gewalttätiges« Vor¬ 
gehen nur eine Möglichkeit von vielen dar¬ 
stellt, militant zu handeln. Doch gerade auf 
Demos erkennt mann/frau uns nicht an der 
Vielfalt unserer Aktionsformen, sondern an 
der Einfalt - und das oft schon von weitem! 

Der letzte Punkt betrifft die Orte und die 
Kontinuität unseres Widerstands. Gerade au¬ 
tonome Politik hat sich in den letzten Jahren 
vorallem an den »Brennpunkten« festge¬ 
macht, ob AKW, Internationalismus, Volks¬ 
zählung etc., wechselten wir das Projekt und 
das Thema - autonome Feuerwehrpolitik 
(die Startbahn ist da wirklich eine tolle Aus¬ 
nahme). Wenn es aber nicht nur um das Pro¬ 
jekt gehen soll, sondern gerade auch darum, 
Zusammenhänge zuschaffen, Strukturen auf¬ 
zubauen, eine Region unregierbar zu ma¬ 
chen, d.h. lebenswert, dann müssen wir uns 
auch viel langfristiger, kontinuierlicher und 
alltäglicher engagieren, als wir das bisher gte- 
an haben. Die wenigen festen autonomen Zu¬ 
sammenhänge und Gruppen in den einzelnen 
Städten drücken ja aus, wie aktionsgebunden 
unsere Strukturen sind und wie selten sie aus 
einem gemeinsamen Alltag herauswachsen. 

Und je weiter die Orte des Widerstands 
von unserem Alltag entfernt sind, desto sonn¬ 
täglicher wird unser Widerstand. Ein Sonntag 
macht noch lange keinen Revolutionär, wenn 
er/sie sich werktags wie ein Arsch verhält. 


lupus ★ 

(Der Text umfaßte 30 Mamis- 
kriptseiten und mußte etwas gekürzt werden, 
wir haben uns bemüht ihn inhaltlich trotzdem 


korrekt wiederzugegen), SF-Red. 


Kleinanzeigen 




Die Zeitung Die Vergessenen ist in Schwie¬ 
rigkeiten. Es soll kein Geld mehr an das Pro¬ 
zeßhilfekonto Darmstadt geschickt werden, 
sondern nur noch Schecks, Briefmarken, 
Scheine an die Redaktion, Mainzer Landstra¬ 
ße 147, 6000 Frankfurt!M. 

* Traums Theater Püro sucht: Infos über Leo¬ 
pold Kampf und sein Stück „Am Vorabend“; 
Infos über die Bibliographie von dem Stück 
»Im Namen des Volkes« von Bernhard Blume 
(etwa 1920-30). 

Kontakt: Wörthstr. 43, 8000 München-80 Tel 
089/448 99 47. 

* Spanischer Bürgerkrieg 36—39. Neue Tex¬ 
te, Bilder, Gedanken v. Souchy, Ballester, Al- 
berti u.a. 64 S. 5.-DM bei: 

Traums Theater Püro, Wörthstr. 43, 8000 
München-80. 


* Suche SF Nr.0,1,2, (Berliner) RADIKAL 
einzeln oder komplett, oder sonstige A-Publi- 
kationen. Angebote an: Robert Kaiser ; Brun - 
nenstr. 84, 8501 Schwanstetten-1. 

ABO-Geld ohne Adresse: Ahmet aus Köln - 
du hast überwiesen, wir hoffen, daß du den SF 
irgendwie in die Finger bekommst und uns 
deine Adresse mitteilen kannst. 

Der angekündigte Titel «Souchy; 
Bauern von Aragon« erscheint auf¬ 
grund dieses für unsere Verhältnisse 
»großen« Produktionsprogramms 
und wegen zu wenig Subskriptions¬ 
aufträgen aus finanziellen Gründen 
vorerst nicht. 



Ende November erscheint Nr.40 der 
Wildcat/Karlsruher Stadtzcitung 

Aus dem Inhalt: 


Arbeitslose ohne Bewegung - 
Bewegung aufm "Arbeitsmarkt"? 

* BRD * Italien * Frauenarbeit 

Frankfurter Geschichte Teil H: 
Repression, Reformismus, 
Bewaffneter Kampf 

Wapping/England: 
noch n Abwehrkampf ? 

Silicon Valley/USA: 

Arbeit in der Elektronik-Industrie 

Walter Alasia, die Mailänder Ko¬ 
lonne der Roten Brigaden (Buch¬ 
vorstellung) 

Ab sofort: dieses Buch und H Like 
a Summer with a thousand Julys“ 
(über die Revolten in England 
8r) können über uns bezogen 
werden (je Buch 8.- Mark incl. 
Porto und Verpackung) 

Das Einzelheft kostet 3,30 DM, 
das Abo 10 Mark für 4 Nummern; 
Förder-Abos ab 20 DM (alles ein¬ 
schließlich Porto und Verpackung). 
Bestellung durch Überweisen auf 
Konto-Nr. 1257 03-755 Postgiro 

Klrh. Die Bestellung kann inner¬ 
halb einer Woche schriftlich wider¬ 
rufen werden. 


Karlsruher Stadtzcitung 
Postfach 36 44 7500 Karlsruhe 

Tel.: 0721/85 64 61 



Seit ca. einem Jahr müssen wir immer wieder 
durchaus abdruckenswcrte Beiträge auf eine 
spätere Nummer »schieben« oder ablehnen. 
Wir wollen aber keine Mitarbeiter/-innen 
verlieren oder abschrcckcn. 


auch, ohne 

Vorauswahl blieben diesmal die in Frage 
kommenden Texte so zahlreich, daß der SF 
eigentlich 90 Seiten hätte haben müssen. Auf 
die nächste Nummer wurden deshalb ver¬ 
schoben: 

Wolfgang Haug: Perspektiven und Gefahren 
einer Rekommunalisierung der Energiewirt¬ 
schaft 

Herby Sachs: Wurzeln - eine Auseinander¬ 
setzung mit Carl Otten 

Harald Steiner: Interview mit P.M. (Autor 
von Weltgeist Superstar und bolo-bolo) 



3 1 







Thesen für die Spaßguerrilla 


Wenn also der Funktionsmechanismus des 
Systems zerstört werden soll, dann setzt das ei¬ 
ne Veränderung der Psychen der Menschen 
voraus. Politisch sinnvolle Betätigung muß 
deshalb hier ansetzen. Eine solche Verände¬ 


keitsmodell, das sich auf die Verinnerlichung 
der Legitimationsmuster des Kapitals grün¬ 
det, ist die autonome (nach eigenen Gesetz¬ 
mäßigkeiten lebende) Persönlichkeit. 

Aber, dies gilt lediglich für so fragwürdige 
Anarchisten ä la Pessoa, die es wenigstens 
zum anarchistischen Bankier gebracht haben 
müssen (vgl. neustes Wagenbach-Buch, der¬ 
selbe Verlag, der übrigens das Spaßguerrilla- 
Buch, aus dem wir hier zitieren, nicht veröf¬ 
fentlichen wollte; auch ein »linkes Bewußt¬ 
sein«, wie wir meinen.) 


1 Wir leben in einer Welt, die in zwei Systeme 
geteilt ist, wobei der Funktionsmechanismus 
des einen denjenigen des anderen bereits an¬ 
satzweise hervorbringt. 

»Funktionsmechanismus« soll dabei hei¬ 
ßen: Regelung, mit der das jeweilige System 
sein — zunächst rein wirtschaftliches — Über¬ 
leben organisiert. Diese Redeweise bedeutet 
aber nicht, daß irgendwelche »Organisato¬ 
ren« als Personen verantwortlich gemacht 
werden können. Die jeweilige Regelung des 
Systems erfolgt im Gegenteil durch scheinba¬ 
re »Sachzwänge«, auf die sich die Verwalter 
der Herrschaft berufen können und berufen. 

»Zunächst rein wirtschaftlich« will sagen, 
daß auch alle nicht-wirtschaftlichen sozialen 
Teilsysteme in dem betreffenden System so 
organisiert sein müssen, daß sie dessen wirt¬ 
schaftliches Überleben zumindest nicht ernst¬ 
haft gefährden. 

2 Der Funktionsmechanismus des jeweiligen 
Systems ist in erster Linie ein Funktionsme¬ 
chanismus der Psychen der unter dem System 
lebenden Menschen . . . das Funktionieren 
dieser Menschen garantiert den Bestand des 
Systems. 


rung findet im Alltag und dessen eingeschliffe¬ 
nen Gewohnheiten statt, denn dort ist der 
Ort, an dem sich Herrschaft stabilisiert. 

Zerstörung des Funktionsmechanismus des 
Systems i s t also Veränderung des Alltagsle¬ 
bens! 

3 Die beiden Systemtypen unserer Welt sind 
Kapitalismus und Etatismus' (Staatsherr¬ 
schaft). 

Der Kapitalismus produziert sein Überle¬ 
ben mittels Konkurrenz anonymisierter Ein¬ 
zelkapitalien auf dem Markt. Im Kapitalis¬ 
mus dominiert die Ökonomie die Politik und 
den Alltag. 

Die Krisenform des Kapitalismus, die in 
seinem Funktionsmechanismus bereits ent¬ 
halten ist, äußert sich ökonomisch als Über¬ 
produktionskrise. Der Kapitalismus gewinnt 
die Zustimmung der unter ihm lebenden 
Menschen durch seine formal gleiche Be¬ 
handlung der Menschen als freie Wareneigen¬ 
tümer. »Formal gleich« soll heißen: gleich vor 
Recht und Gesetz; diese Konstruktion wird 
auch durch einen Teil der zu machenden Er¬ 
fahrungen bestätigt. Dieser Teil erzeugt die Il¬ 
lusion von »Freiheit und Abenteuer«, von 
Vorstellungen über die Gesellschaft, sich 
selbst und die eigene Situation, die der Wirk¬ 
lichkeit nicht entsprechen. Das Persönlich- 


Der andere Teil der unter dem Kapitalis- 
mus zu machenden Alltagserfahrungcn be- ! 
steht in der materiellen Ungleichheit der 
Lohnabhängigen, in der schicksalshaft auf 
Lohnabhängigkeit angewiesenen Situation 
gegenüber dem (anonymen und potentiellen) I 
Käufer ihrer Arbeitskraft. Mißerfolgscrleb- j 
nisse trotz rationalem Verhalten auf dem j 
Markt widersprechen dem Legitimationsmu- j 
ster des Kapitals. Konkurrenz »überstimmt« 
die Gleichheit der Chancen. 1 

Wegen dieser gegensätzlichen Alltagser- ! 
fahrungen befindet sich die autonome Person- j 
lichkeit in einer schwelenden Krise, da die | 
Legitimationsmuster der kapitalistischen 
Herrschaft durch den schizoiden Alltag eben- * 
so bestätigt wie in Frage gestellt werden. j 

Der Etatismus produziert sein Überleben 
mittels Planung durch anonyme Bürokratie 
mit politischer Spitze. (Planung und Bürokra¬ 
tie existieren zwar auch im Kapitalismus, blei- \ 
ben aber von untergeordneter Bedeutung, so i 
sehr sie den Kern des Systems auch in Frage j 
stellen; ihr Überhandnehmen führt außer- j 
dem zu Gegenbewegungen: gerade in ausge- ( 
prägt kapitalistischen Staaten wie den USA, I 
mit großer Verbreitung der kapitalistischen ! 
Ideologie kommt es zur Staatskritik feigent- j 
lieh Bürokratiekritik] von rechtsl Das bietet j 
uns eine Erklärung für die »Rückbesinnung« 







32 



rung des Alltagslebens vor. Die käme dann 
wie aus dem Nichts. Denn die Eigenschaften, 
die der traditionelle Politiker braucht — ob 
sie nun parlamentarisch oder militärisch sind 

werden »dann« jedenfalls nicht mehr ge¬ 
braucht. 

Die Haltung der traditionellen Politik in 
systemgegnerischer Absicht beachtet nicht, 
wie sehr sie selbst jener Veränderuung des 
Alltagslebens entgegensicht, die sic subjektiv 
anstreben mag. 

(Wenn deshalb traditionelle Politik irgend¬ 
wann und irgendwo zu einer Zerstörung der 
Systeme führen würde, dann käme diese 
nicht wegen, sondern trotz ihr zustande. Und 
hätte den Erfolg anderen Kräften zu verdan¬ 
ken, die sich in den Revolutionsprozeß cin- 
mischten.) i 

5 Die Spaßguerrilla geht aus dem täglichen 
Widerstand hervor und setzt den Funktions¬ 
mechanismus der Systeme außer Kraft. Sie 
richtet sich nicht nur gegen die traditionelle 
Politik, die die Systeme bestenfalls ineinan¬ 
der übergehen läßt, sondern gegen alle Tren¬ 
nungen, die die Menschen psychisch für Herr¬ 
schaft empfänglich machen. 


4 Der ansatzweise Übergang der Funktions¬ 
mechanismen der Systeme ineinander äußert 
sich sozialpsychisch als Übergang von auto¬ 
nomer und heteronomer Persönlichkeit, wor¬ 
auf sich eine - subjektiv als Angriff auf »das 
System« verstandene Haltung traditioneller 
Politik gründet. 


Die Haltung traditioneller Politik wird 
nicht nur von manchen Gegnern des jeweili¬ 
gen Systems eingenommen, sondern auch - 
und immer - von dessen Verwaltern und 
Verteidigern. 

Die Verwalter und Verteidiger des Sy¬ 
stems müssen darauf setzen und hinarbeiten, 
daß die Befehle, die sie geben, befolgt und 
dadurch die Entscheidungen, die sie treffen, 
verwirklicht werden. 

Traditionelle Politik geht explizit oder im¬ 
plizit von einem Gesellschaftsbild aus, wo¬ 
nach an der Spitze der Gesellschaft einige - 
oder eine Gruppe von — Drahtziehern sitzen, 
die die Gesellschaft zum - materiellen oder 
psychischen — Schaden (oder Nutzen) ihrer 
Untertanen kommandieren. 

Dieses Gesellschaftsbild ist - so sehr es in 
beiden Systemen eine reale Illusion ist - 
falsch, weil Herrschaft sich über Verinnerli¬ 
chung von Legitimationsmustern herausbildet 
und befestigt ; nur weil diese Legitimations- 


Traditionelle Politik, die das System an¬ 
greifen will, von dem sie sich ein falsches Bild 
macht, nimmt nun an, daß es in einem ersten 
Schritt darum gehe, die »Drahtzieher an der 
Spitze der Gesellschaft« zu entfernen. »Ent¬ 
fernen« kann heißen: töten (bewaffneter 
Kampf) oder ahwählen (parlamentarischer 
Kampf). 

Beiden Kampfmethoden ist gemeinsam - 
und das ist entscheidender als der Unter¬ 
schied der gewählten Mittel daß sie sich 
Politik noch als »Krieg« zwischen klar er¬ 
kennbaren Fronten vorstellen, den sie mit 
Argumenten oder Waffen führen wollen. 

»Politik als Krieg« spielt mit den Psychen 
der Menschen so wie sie sind, ohne sie zu ver¬ 
ändern. 

»Wenn der Krieg vorbei ist«, stellen auch 
traditionelle Politiker sich — sofern sie das 
System bekämpfen wollen - eine Verände- 


»Täglicher Widerstand« soll heißen: jene - 
spontanen — Verfremdungen, zu denen die 
Menschen Zuflucht nehmen, um ihren wider¬ 
sprüchlichen Erfahrungen zu entgehen. Die¬ 
se können vielfältig sein: im Kapitalismus ist 
es die Vielfalt vongegensätzlichen Anschau¬ 
ungen, Meinungen und Gefühlen, im Etatis¬ 
mus die von oben gesetzte Normierung von 
Anschauungen, Meinungen und Gefühlen 
die die autonome bzw. heteronome Persön¬ 
lichkeit zu einem Nichts zu machen drohen. 
In beiden Fällen ist es aber letztlich derselbe 
Rationalismus (der weißen Rasse, am 
deutlichsten vergegenständlicht in dem calvi- 
nistischen Sendungsbewußtsein des »Macht 
euch die Welt untertan«), der die Welt als 
Produkt seines Denkens darstellen und ge¬ 
stalten will. Aus diesem Denken geht ein 
Handeln hervor, das die Welt und die Men¬ 
schen in Gegenstände und Gruppen trennt 
und dessen Trennungen auch die Psychen der 
Menschen durchziehen und zerstören. 

Es geht nun nicht darum, den Rationalis¬ 
mus in Irrationalismus aufzulösen sondern 
darum, die Trennung zwischen Rationalem 
und Irrationalem abzuschaffen. 


der »reinen« Kapitalisten ä la Neoliberale, Li- 
bertarians etc.) 

Im Etatismus dominiert die Politik über die 
Ökonomie und den Alltag. 

Die Krisenform des Etatismus, die in sei¬ 
nem Funktionsmechanismus angelegt ist, äu¬ 
ßert sich als Mangelkrise. 

Die Zustimmung der unter ihm lebenden 
Menschen erlangt er durch ihre Behandlung 
als gleiche und freie Produzenten, denen eine 
gemeinsame Aufgabe gestellt ist. »Gleich« 
soll hier heißen: Gleich vor Recht und Gesetz 
und der Aufgabe zur optimalen Teilnahme an 
der Produktion des gesellschaftlichen Reich¬ 
tums. Auch hier leiten sich Illusionen über die 
eigene Bedeutung in der Gemeinschaft etc. 
ab; auch hier werden die Erfahrungen die ei¬ 
gene Rolle teils bestätigen, teils widerlegen. 
Als Persönlichkeitsmodell sehen wir die hete¬ 
ronome (von fremden Gesetzlichkeiten ab¬ 
hängende) Persönlichkeit, die die Legitima¬ 
tionsmuster der etatistischen Bürokratie ver¬ 
innerlicht hat. Im Etatismus bleibt das mark¬ 
torientierte Verhalten untergeordnet. 


muster bestehen - und so lange sie bestehen 
- lassen sich Befehle mit scheinbaren »Sach¬ 
zwängen« legitimieren. Nur solange es eine 
»radikale kleine Minderheit« bleibt, die den 
Legitimationsmustern nicht mehr folgt, kann 
deren Kriminalisierung und Marginalisierung 
durch einen Ausbau des Polizeistaats gelin¬ 
gen. 

Die »Sachzwänge« im Kapitalismus erge¬ 
ben sich aus der stets unvollständigen Infor¬ 
mation über den Markt. Die »Sachzwänge« 
im Etatismus ergeben sich aus der gemeinsa¬ 
men Arbeit an einer zu lösenden Aufgabe, 
deren »Lösung« durch die Art und Weise, 
wie sie bewerkstelligt wird, sich selbst verhin¬ 
dert (etwa: »Aufbau des Sozialismus« bei in¬ 
nerer Tendenz zur Hierarchisierung. Oder: 
»Bewältigung der ökologischen Krise bei in¬ 
nerer Tendenz ihrer ständigen Reproduk¬ 
tion«). 






33 



Verfremdungen können sich gegen die Sy¬ 
steme wenden, wenn sie z.B. Eindeutigkeit 
zerstören und so dem Rationalismus Grenzen 
setzen. Kritische Verfremdungen setzen Re¬ 
geln außer Kraft, gerade indem sie sich darauf 
einlassen! 

Genau dies tut die Spaßguerrilla: sie setzt 
jede bürokratische Organisation außer Kraft 
— sei es durch Modellstreik, sei es durch pas¬ 
sive Resistenz, sei es durch Imitation einer 
Bürokratie, die Anordnungen herausgibt, die 
von ihr nicht erwartet werden können. 

Damit entwickelt die Spaßguerrilla ein 
wirksames Instrumentarium zum Lahmle¬ 
gung jeder Bürokratie, wie es im Etatismus 
spontan entsteht. Dieses Instrumentarium ist 
auch auf bürokratisierte Bereiche des Kapita¬ 
lismus übertragbar: Betriebe, staatliche Ver¬ 
waltung . . . 

Aber auch die Obstruktion im Parlament, 
das Argumentieren gegen die Strich in Fern¬ 
seh- und allen beliebigen anderen Diskussio¬ 
nen bis zu den Aufführungen verfremdender 
Darstellungen in beliebigen Alltagssituatio¬ 
nen zerstören die Rationalität, auf der die Sy¬ 
steme sich gründen. 

Wo immer die Herrschaft des Rationalen 
sich errichtet, hat die Spaßguerrilla ihren An¬ 
satzpunkt. 

Die Spaßguerrilla verhindert nicht nur den 
Übergang des einen Systems in das andere, 
sondern sie ermöglicht es den Menschen, sich 
gegen alle Trennungen zu wehren. Sie wird so 
lange möglich sein, wie diese Trennungen 
existieren: bis zur Anarchie. 

Spaßguerrilla wendet sich gegen die Herr¬ 
schaft des Rationalen, nicht gegen Rationales 
an sich! Auch in der Anarchie wird - unbü¬ 
rokratisch - gemeinsam diskutiert, geplant 
und gehandelt werden müssen. Das bringt 
immer die Gefahr des Rückfalls in traditio¬ 
nelle Politik mit sich. Wo immer solche Rück¬ 
fälle auftreten, kann Spaßguerrilla erneut 
einhaken. 

Die Spaßguerrilla unterscheidet sich von 
der Haltung traditioneller Politik, weil sie an 
die alltägliche Identitätsverwirrung anknüpft, 
diese methodisch aufnimmt und den Funk¬ 


tionsmechanismus der Systeme zerstört, in¬ 
dem sie hier"und heute schon ein spieleri¬ 
sches, die Trennung zwischen Rationalem 
und Irrationalem überwindendes Verhalten 
voraussetzt und einübt. 

Traditionelle Politik verbleibt dagegen in 
der Auswegslosigkeit des Rationalismus. 
Deshalb wird sie auch stets vom Irrationalen 
eingeholt. Neue Mythen, Religionssekten, 
Körperkult etc. decken den Bedarf, den ein 
überrationalisiertes »linkes« Denken bewirk¬ 
end führen zu neuen Trennungserfahrun¬ 
gen. 

Formen der Spaßguerrilla 

Spaßguerrilla-Aktipnen sind denkbar vielfäl¬ 
tig: Sie können sein: 

- Selbstdarstellung der Bewegung 

- Kampfmittel 

- Ausweitung der Bewegung auf soziale 
Konfliktbereiche 

- sie eignen sich sehr gut als politische Ant¬ 
wort auf Bekämpfungsstrategien, die die Be¬ 
wegung eingrenzen will. 1 In jüngster Vergan¬ 
genheit z.B. unter den Schlagworten »Ju¬ 
gendbewegung«, »Kriminelle«, »Wohnungs¬ 
politik«, »Umfeld« etc. 

Der große Kunstgriff der Spaßguerrilla ist 
die Verfremdung. 

». . .Verfremdung um eine besondere 
Wahrnehmung des Gegenstands zu bewirken 
... um die Wahrnehmung vom Automatis¬ 
mus zu befreien . . .« (Victor Sklovskij, 
1917). 

Verfremdung muß also die gewöhnliche 
Wahrnehmung stören, indem sie ein Bild, ei¬ 
nen Gedanken, eine Situation mit anderem 
Gegensätzlichen zusammen bringt. Im Ge¬ 
gensatz zur Werbung, deren Verfremdung 
beruhigt, bestätigt und einlullt, muß subversi¬ 
ve Verfremdung beunruhigen, schockieren, 
verunsichern. 


Ein geglücktes (1) und ein mißglücktes (2) 
Beispiel: j 

(1) Der Auftritt von Herr und Frau Müller im ! 
Schweizer Fernsehen am 15.7.1980 in einer | 
Diskussion über die »Jugendrevoltc« mit Po- j 
litikern. ( 

Auch zwei Vertreter der Züricher Bewe- ' 
gung waren eingeladen. Es erschienen zur ! 
großen Überraschung zwei geschniegelte und j 
adrette Karikaturen von braven Spießern. j 


„Herr Müller : Ich möchte noch einmal auf 
diesen Polizeieinsatz eingehen. Das stand ja 
zur Diskussion. Wir müssen uns die Situation 
nochmals vergegenwärtigen. Zuerst dieses 
Flugblatt: man erwartete, daß da viele mili¬ 
tante Leute auf die Straße gehen. Und dann 
kommt plötzlich Polizei, gibt ihnen eine Mi¬ 
nute, gibt ihnen eine Minute lang die Mög¬ 
lichkeit, wieder zu verschwinden. Dann gibt 
es einen Einsatz. Und jetzt müssen sie alle ge¬ 
nau hinschauen. Mit solchen Gummipatrön- 
chen! (Er hält eine Gummipatrone vor die 
Kamera). Das einzige was man dazu sagen 
kann: sie sind acht Gramm schwerer gewor¬ 
den seit dem letzten Krawall. Aber mit derar¬ 
tigen Gummipatrönchen kann man doch 
nicht ernsthaft solche militanten Leute ver¬ 
treiben. Die Gummipatrönchen, die in Irland 
verwendet werden, die sind etwa so lang (er 
zeigt das ungefähre Maß mit der Hand) und 
etwa so dick. Darüber kann man reden, ob 
das nicht sinnvoller ist. Jetzt habe ich da noch 
etwas . . . Moment ... (er packt aus einem 
Zeitungspapier eine CB-Granate aus) das ist 
so eine CB-Granate, von der ja dauernd be¬ 
hauptet wird, sie sei krebsfördernd. Hoffent¬ 
lich ist sie’s, hoffentlich ist sie krebsfördernd! 


i 


! 

i 


! 


Frau Müller: Sie soll auch zu Depressionen ' 
anregen, zu anderen Zuständen ~ also ich 1 
finde es eigentlich zu harmlos. Ich wäre da- j 
für, daß man das nächste Mal zu Napalm j 
greift... , 


(Wird durch Zwischenrufe unterbrochen) 















3a 

Herr Müller'. Noch zu diesem Polizeieinsatz: 
j Im Laufe der Auseinandersetzungen ereigne- 

• ten sic h J a Dinge, die jetzt die Demonstranten 

I wieder gegen die Polizei verwenden wollen. 

1 Es wird zum Beispiel gesagt, die Polizei habe 
| auf einem Kinderspielplatz ausländische Kin- 
j der mit Tränengas beschossen. Oder Leute 
1 beschwerten sich darüber, wie sic im Nieder¬ 
dorf oder auch im Kreis 4/5 von der Polizei 

| zusammcngcschlagcn wurden, bei Vcrhaf- 
| tungen zum Beispiel. Dann wurde auch ge- 
| sagt, die Polizei sei in Wohnungen eingedrun- 

• g en und habe dort Leute herausgeholt, die 
sich vor der Polizei versteckten. Medien- 
schaffende sagten, sie seien bei ihrer Arbeit 
behindert worden. Und so weiter und so fort. 
— Aber wenn man doch sieht, was die Ju¬ 
gendlichen im Sinn hatten an diesem Wo¬ 
chenende, dann sind das ja alles ganz lächerli¬ 
che Vorwürfe. Was wir heute brauchen, ist 
die Armee! (Die Schweiz hat »nur« ein Miliz¬ 
system, keine Armee!) Ich kann nur dafür 
plädieren: Ohne Armee werden wir dieser 
Jugendbewegung nicht mehr Meister - sonst 
steht morgen die Revolution vor der Tür und 
dann haben wir den Dreck! 

(Wird durch Zwischenrufe unterbrochen!) 

! 

j Frau Müller : Und ich finde, das nächste Mal, 
j wenn man wirklich wieder gegen jemanden 
Vorgehen will wie (gegen) diese Kinder, dann 
| sollte man mit Salzsäure oder so etwas vorge- 
| hen, also wirklich. In dieser Stadt Kinder zu 
j haben, das wollen wir doch alle nicht. Ich wä- 
j re dafür, daß wir alle dezimieren . . . 

| Fünf Schilling (Sozialdemokrat ): Ich wollte 

' nur sagen: unsere beiden sympathischen Gä¬ 
ste aus der Jugendbewegung zeigen, wie viel¬ 
fältig diese Jugendbewegung ist, das politi¬ 
sche Spektrum geht offensichtlich von ganz 
links bis ganz rechts. 

! 

j Frau Müller : Also nein, wir wollen uns ganz 
entschieden distanzieren von solchen linken 
! Leuten wie hier, das sind Extremisten, ver- 
| stehen sie . . . 



Moderator. Die Diskussion hat offenbar auch 
für sie gezeigt, daß der Dialog . . . 

Herr Müller: Moskau! 

Moderator . . . noch ein wenig schwierig ist 
in der jetzigen Situation, danke vielmals und 
auf Wiedersehen. 

Herr Müller Moskau! kann ich nur sagen, 
Moskau!“ 



! 


i 


i 

I 


Lieberherr (Stadtrcitin): Wir - Extremisten? 
Nach allem was geschehen ist, können wir 
keine unbcwilligten Demonstrationen mehr 
dulden . . . 

Herr Müller Und reißt endlich mal die alten 
Häuser ab, damit sich die nicht immer zusam¬ 
menrotten können in ihren Kommunen und 
Wohngemeinschaften. Und man sollte auch 
die Kinderspielplätze endlich leeren. Dann 
gibt es mehr Parkplätze . . . 

Lieberherr: . . . Ich habe gesagt, ich habe ge¬ 
sagt, es dürfe keine unbewilligte Demonstra¬ 
tion mehr geben . . . 

Herr Müller ... an die Wand stellen, an die 
Wand stellen! 

Frau Müller Richtig! Richtig! 

Moderator: Meine Damen und Herren, unse¬ 
re Zeit ist leider zu Ende, ich danke ihnen 


Herr Müller: An die Wand stellen! An die 
Wand stellen! 



Frau Müller: An die Wand stellen, ja! Und 
Gewehre! Und KZ’s! Könnten sie doch mal 
bauen! 





Die Verunsicherung 

Herr und Frau Müller machten also ernst 
mit dem Scheinangebot einer Diskussion un¬ 
ter GLEICHEN. Normalerweise — und das 
erklärt die Bereitschaft der Medien und herr¬ 
schender Politiker - ist natürlich keine 
Gleichheit gewahrt; es kommt nicht auf die 
besten Argumente an, nicht auf das »mora¬ 
lisch recht haben« usw. Das Fernsehen arbei¬ 
tet mit der Manipulation, recht hat der, der 
sich am besten in Szene setzt, der den besten 
Eindruck hinterläßt. In wirklich inhaltlichen 
Diskussionen hat nur der eine Chance, des¬ 
sen Auffassung eh der vorherrschenden Mei¬ 
nung entspricht. Vertreter der Bewegung 
wurden also eingeladen, um den »Dialog mit 
der Jugend« zu verkaufen, man erwartete von 
ihnen, daß sie die Bewegung verteidigen. 
Man wollte sich als Rechtsstaatspolitiker und 
rational gegen deren »Irrationalität« profilie- 
rcnAllc waren darauf vorbereitet als Angrei¬ 
fer - als Delegierte des »gesunden Volks- 
empfindens« aufzutreten, die Bewegung soll¬ 
te sich dagegen rechtfertigen. Von vornherein 
steht in solchen Fällen also die Masse der 
Fernsehzuschauer auf der Seite der Spießer. 
Der schlechte Eindruck und damit der »Ver¬ 
lierer« steht natürlich medienpolitisch schon 
fest. ^ 

Herr und Frau Müller haben diese Rollenver¬ 
teilung genau umgekehrt. Indem sie die Poli¬ 
tiker in ihren Angriffen auf die Bewegung 
noch überboten haben, wurden sie die An¬ 
greifer. Die als Vorurteile kursierenden An¬ 
griffe gegen die Bewegung wurden in ihrer fa¬ 
schistoiden Spitze gegen die »gemäßigten« 
Politiker gekehrt. D.h. sie spielten genau die 
»Stimme des Volkes«, mit der die Politiker 
meist ihre reaktionären Inhalte durchsetzen. 
Dadurch gerieten die Politker in eine 
Zwangslage: entweder sic standen zur Härte 
ihrer Maßnahmen gegen die Bewegung - 
dann entlarvten sie sich als autoritäre Schwei¬ 
ne . Oder sic gingen in die Verteidigung - 
dann mußten sie sich als Linksextremisten be¬ 
schimpfen lassen'oder riskierten nach ihrer 
eigenen Überzeugung Druck seitens der »ge¬ 
sunden Volksseele«, die sie als allzu schwach 
empfinden könnte. Beides war ihrem Image 
und ihrer Politik abträglich; einen Ausweg 
fanden sie nicht, sie standen nur noch lächer¬ 
lich da. 

Eine geglückte Verfremdung setzt Leute unter 
Handlungszwang. Sie müssen sich verhalten 
und können es nicht. Ein Ergebnis , das die 
Lächerlichkeit , Borniertheit unserer Politiker 
auf zeigt, untergräbt deren gewichtige Machts¬ 
tellung grundsätzlich mehr als wenn sie sich - 
beispielsweise als bedrohte Opfer mit 10 Leib¬ 
gardisten — wichtig fühlen können und als 
solch (ge-)wichtigePersönlichkeiten auch 
überall auffallen. 





(2) Eine mißglückte Vorstellung des unsicht- ’ 
baren Theaters: j 

! 

Im Oktober ’81 sollte Lummer auf einer I 
CDU-Versammlung im Rathaus Schöneberg 
nach dem Muster von »Herr und Frau Mül- ; 
ler« ausgetrickst werden. Da plante z.B. ei- ! 
ner aus einer unsichtbaren Spaß-Gruppe 
nach vorne zu gehen und eine offen faschisti¬ 
sche Rede zu halten. Am Ende wollte er nur 
noch Parolen rufen. So lange, bis sic ihn ab¬ 
geführt hätten. Aber in dem Moment, wo er 
den Saal betreten hatte, sah alles anders aus 
als in der Fantasie: Ein Viertel der Zuhörer 
waren bunt bemalte Hausbesetzer. Sie hatten 
die Bullenkontrollen am Rathauscingang 
passiert, sofern sie einen Ausweis vorzcigcn j 
konnten. Und die waren ganz »aufrecht« ! 
drauf. Gingen zum Mikro und versuchten mit j 
Lummer zu diskutieren. Machten ihm Vor¬ 
würfe. Und bekamen von ihm Gegenvorwür¬ 
fe. Klar, die Spaßleute hatten schon recht mit ■ 
ihrer Einschätzung, daß da andere Methoden | 
besser geeignet wären. Aber sie waren ver¬ 
wirrt. Schon beim Reingehen waren sie — bc- ! 
sonders schnieke gekleidet von den Beset- ! 
zern beschimpft worden. Und nun sollten sic j 
»rechte« Reden schwingen. Würden sic sich j 
damit nicht gegen die eigenen Leute stellen? j 
So sah sich der »Faschist« veranlaßt, seinen 
Redebeitrag gar nicht erst zu halten. Das hat- ' 
te wiederum zur Folge, daß die anderen, die j 
auf seinen Beitrag warteten, aus dem Kon- j 
zept kamen. Ihr Theater hätte dann erst seine 
Wirkung voll entfaltet, wenn ein Wilzbcitrag 1 
nach dem anderen gekommen wäre. So daß ! 
die CDU hätte einsehen müssen: mit diesen 
Leuten läßt sich nicht diskutieren. Einige ver- : 
suchten den Besetzern Lachsäcke zuzustek- 
ken, damit sie mitstören konnten und gleich¬ 
zeitig sahen, auf welcher Seite diese »vornch- ! 
men« Leute standen. »Was, du hast einen ; 
Lachsack?« war die erstaunte Reaktion eines 
Besetzers... 


★ 






Dann wurde die Situation noch kompli¬ 
zierter; der F.J.-Strauß-Verschnitt brachte 
die Besetzer zum Toben (»Warte nur, nach¬ 
her auf'der Straße«), während ein paar Leute 
von der Wiking-Jugend beifällig nickten - 
die waren nämlich auch noch da. 

Als dann die »Tunte« auftrat, fanden die 
Besetzer das komisch. Das hatten sie also 


scheinbar die gesamte Diskussion um Wider¬ 
stand auf den Widerspruch Gewalt — Gewalt¬ 
freiheit oder Parlamentarismus- Terroris¬ 
mus zu orientieren scheint. Widersprüche, 
die zudem oft mehr aus moralischen als aus 
politischen Gründen ausgefochten werden. 
Für Anarchisten sind das aber Nebenwider¬ 
sprüche! 


verstanden, und nun hätte z.B. improvisiert 
werden müssen: durch irgend einen szeni¬ 
schen Gag die Verbindung zwischen »Tunte« 
und »Strauß« herstellen. Die Tunte hatte sich 
Äpfel als Titten unter die Bluse gesteckt und 
sie hatte zu Lummer gesagt, daß sie geil auf 
starke Männer ist. Wie wäre es gewesen, 
wenn sich jetzt Tunte und Strauß abge¬ 
knutscht hätten, Strauß sich einen der Äpfel 
aus der Bluse der Tunte gegriffen hätte, kurz 
abgebissen und beide Äpfel dann auf Lum¬ 
mer geworfen hätte? 

Aber wäre dann nicht eine Saalschlacht zwi¬ 
schen Wiking-Jugend und Besetzern entstan¬ 
den? Solche verzwickte Situationen können 
beim unsichtbaren Theater entstehen, man 
muß improvisieren können, alles ist nicht vor¬ 
auszusehen. 

Wichtig bleibt zudem eine gut vorbereitete 
Nachbereitung für Medien, auch für die taz, 
die bisher selten sofort verstanden und ver¬ 
breitet hat; es kann noch nicht vorausgesetzt 
werden, daß die Medien, gerade auch die ir¬ 
gendwie linken, solche Aktionen erwarten 
und richtig kommentieren. Andererseits ist 
ihre Verbreitung als »Propaganda der Tat« 
gerade im Moment sehr wichtig, wo sich 


Vorliegender Beitrag nimmt als Grundlage Aus¬ 
schnitte aus dem Buch Spass Guerrilla. das 1983 von 
den Freunden der Erde, Mehringhof, Gneisenaustr. 
2 , 1000 Berlin-61 verlegt wurde. 

Bcstclladrcssc: A urorA - Verlagsauslieferung, Kno¬ 
belsdorff Straße 8, 1000 Berlin-19; Tel. 03013227117. 
Im SF bereiten wir einen weiteren Beitrag zur Ver¬ 
fremdung vor. 





37 




Informationsdienst zur Situation inhaftierter 
Totalverweigerer 

(Die »Initiative gegen Wehrpflicht« hat uns 
gebeten im SF regelmäßig über neue Urteile 
gegen Totalvcrwcigcrcr und ihre Situation zu 
berichten. Wir entsprechen dieser Bitte, die 
gleichzeitig eine Aufforderung an viele Leser/ 
-innen ist, solidarische Briefean die Betroffe¬ 
nen zu senden, in dieser und kommenden 
Ausgaben des SF; wir wünschen uns aller- 
dings neben den Fallschildcrungen auch ab 
und zu zumindest Ausschnitte aus der inhalt¬ 
lichen Diskussion der Gruppen, sowie Ver- 
haltcnsüberlcgungcn, sobald sich staatlicher- 
seits etwas verändert.) 

Im Knast befinden sich derzeit (Stand vom 
16.9,86): 

Daniel Ekthiari, JVA Peincrstr.33, 3167 
Burgdorf. Er sitzt 6 Monate ohne Bewährung 
wegen Zivildienst flucht ab, nachdem er in der 
3. Instanz vom OLG Celle verurteilt worden 
war. 

Stefan Philipp, Balthasar-Ncumann-Str. 41, 
7000 Stuttgart-40. Er wurde inzwischen (nach 
226 Tagen Bundeswehrarrest und Knast, 4 
Verhandlungen, insgesamt 15 Monaten) auf 
Halbstrafc aus dem Knast entlassen. 

Kai Kauz, Anzbcrgstr. 23, 7000 Stuttgart 1. 
Er wurde auf 2/3 entlassen. Er ist als Total¬ 
vcrwcigcrcr für den ersten Freispruch in I. 
Instanz wegen einem Delikt bei der Bundes¬ 
wehr bekannt geworden und wurde auch in 
dem zweiten Strafverfahren vom AG Idar- 
Obcrstein freigesprochen. Das LG Bad 
Kreuznach erkannte nun auf 14 Monate ohne 
Bewährung wegen Fahnenflucht und Gehor¬ 
samsverweigerung. Es berücksichtigte weder 
schuldausschließende Gewissensgründe noch 
Doppelbestrafung. Kai Kanz hat ja bereits ei¬ 
ne 8-monatigc Halbstrafe abgesessen. Bleibt 
das Strafmaß bestehen, hätte Kai Kanz als 
Totalvcrwcigcrcr bislang die höchste Strafe 
bekommen. 



Prozesse laufen gegen: 

Stephan Büchner, Höfeweg la, 4800 Biele¬ 
feld; in 1. Instanz zu einer (!) Woche Jugen- 
darrcst verurteilt, wohl aufgrund seiner Ar¬ 
gumentation des »Gewissens als höchster In¬ 
stanz«. Berufung der Staatsanwaltschaft vor¬ 
dem LG Nürnberg. 

Christoph Kopp, Huberweg 27, 7630 Lahr; 
LG Ravensburg: Wegen Befehlsverweige¬ 
rung. Die Verhandlung vom 18.7.1986 wurde 
vertagt, der Richter wolltew überprüfen, ob 
die Bestimmungen zum Zivildienst verfas¬ 
sungsgemäß sind! 

Andreas Linder, Wortwerkstatt Durlcsbach, 
7967 Bad Waldsee 1; AG Ravensburg: We¬ 
gen Dienstflucht (Ersatzdienst nach 17 Mo¬ 
naten abgebrochen), bisheriges Ergebnis: 40 
Tagessätze ä 20.- DM. 

Thorstan Mai, Gcismarlandstr. 25b, 3400 
Göttingen. Prozeß vor dem LG Göttingen 
wegen Dienstflucht (1. Instanz lautete auf 8 
Monate mit Bewährung). 

Urs Marquardt, Am Mühlrain 24d, 6903 Nek- 
kargmünd; AB Heidelberg, wegen Dienst- 
Bucht (Ersatzdienst nach 8 Monaten abge¬ 
brochen). 

Markus Klein, Melissenweg 130, 5000 Köln 
80; AG Köln wegen Zivildienstabbruch. Sein 
Richter Becker brüstet sich damit, daß unter 
seiner Amtsführung die Zahl der Totalver¬ 
weigerer in Köln zurückgehe. 

Jens Schneiderheinze, Handorferstr.55, 4400 
Münster 5; AG Düsseldorf wegen Dienst¬ 
flucht. 

Martin Heeg, Nitschestr. 6, 6800 Mannheim; 
AG Mannheim wegen Dienstflucht. (Ersatz¬ 
dienst nach 1 Monat abgebrochen). 

Andreas Misol, Römerstr. 9, 7000 Stuttgart; 
Ersatzdienst 6 Wochen vor Ende abgebro¬ 
chen, erhielt jetzt neue Einziehung für 6 Wo¬ 
chen! Er verweigert sie. 

Jost Christian Richter, Schulzcngassc 5. 6900 
Heidelberg; AG Heidelberg wegen Dienst¬ 
flucht, (nach 12 Monaten Ersatzdienst abge¬ 
brochen). 

Tom Mischo, Lichtenbcrgplatz 4, 3000 Han¬ 
nover; soll ein 2. Mal wegen Zivildienstver- 
weigerung vor Gericht. 

»Beendete« Verfahren: 

Christoph Roscnthal, PF 3201. 3400 Göttin¬ 
gen; LG Itzehoe; die revision wurde zurück¬ 
gezogen, das 1. Urteil: 9 Monate auf Bewäh¬ 
rung für Fahnenflucht und Gehorsamsver¬ 
weigerung von beiden Seiten akzeptiert. 

Andreas Peters, Unter den Eichen 24, 4830 
Gütersloh II; vom AG Wuppertal zu 6 Mo¬ 
naten Haft wegen Fahnenflucht verurteilt. 
Keine Berufung eingelegt. 

Siegfried Schierie, Köberlc 14, 7170 Schwä¬ 
bisch Hall-Gelbingen; 6 Monate ohne Be¬ 
währung im Bundeswehrknast nach dem Ur¬ 
teil des LG Marburg. Keine Berufung einge¬ 
legt. 



Neue Total Verweigerer: 


Andreas Speck, Friemcrsheimer Sir. 20. 4100 
Duisburg 46; 

aus dem Offenen Brief an das Bundesamt für 
Zivilschutz vom 22.8.1986: 

»Sic vom Bundesamt versuchen möglichst 
viele Zivildicnstleistendc in Dienslunlerkünf- 
te einzuweisen, da man sic dort besser unter 
Kontrolle hat. Eine aktive, staatskritische 
Friedensarbeit oder andere politische Arbeit 
soll sogar in der Freizeit fast unmöglich ge¬ 
macht werden; Friedensarbeit im Dienst ist 
sowieso verboten. 

Die meisten anerkannten Zolldienststel¬ 
len befinden sich im sozialen bzw. im Ge- 
sundheitsbcrcich, aus zwei Gründen: 

' Die Kosten der Gesundheitsversorgung 
werden gesenkt, wodurch Mittel für die Rü¬ 
stung frei werden. Ohne tausende von Zivil- 
dicnstleistendcn in Krankenhäusern und Al¬ 
tenheimen ließe sich die Gesundheitsversor¬ 
gung so billig nicht au frech terhaltcn. Der Zi¬ 
vildienst hilft also dem Staat, den Mythos 
vom Sozialstaat aufrechtzuerhalten. 

2 Viele Zivildienstleistende werden in Pllege- 
diensten ausgcbildct und können im Kriegs¬ 
fall von dort Eingezogene ersetzen. Entspre¬ 
chende Planungen existieren, Auszug aus S24 
EZSG vom 14.11.84: 

Die kreisfreien Städte und Kreise ermitteln den 
voraussichtlichen Bedarf von Personal , Mate¬ 
rial und Gütern , der für den Betrieb der Ein¬ 
richtungen der gesundheitlichen Versorgung 
im Verteidigungsfall erforderlich ist. 

Das Bundesamt für den Zivil dien st hat Zi¬ 
vildienstleistende , die ihren Dienst in einer 
Einrichtung der gesundheitlichen Versorgung 
abgeleistet haben , den kreisfreien Städten und 
Kreisen für einen Einsatz in Einrichtungen der 
gesundheitlichen Versorgung zu benennen. 

(. . .) Das Weißbuch zur zivilen Verteidigung 
der BRD des BMI von 1972 führt zu den Auf¬ 
gaben der zivilen Verteidigung folgendes aus: 
»Aufrechterhaltung der Staats- und Regie¬ 
rungsfunktionen. Schutz der Menschen, Si¬ 
cherstellung der lebenswichtigen Versorgung 
und die zivile Unterstützung der Streitkräfte« 
und weiter: 

»Die Streitkräfte können ihren Verteidi¬ 
gungskrieg nur erfüllen, wenn auch die zivile 
Seite zur Operationsfreiheit beiträgt. Die 
Unterstützung besteht vor allem in der Be¬ 
rücksichtigung militärischer Belange bei den 
zivilen Planungen. Zahlreiche Maßnahmen 
der zivilen Verteidigung dienen direkt oder 
indirekt auch der Herstellung der militäri¬ 
schen Verteidigungsbereitschaft.« 

(. . .) Deshalb verweigere ich seit dem 
21.8.86 auch die Ableistung des Zivildien¬ 
stes, ich habe meine Dienstunterkunft an die¬ 
sem Tag geräumt und die Dienststelle verlas¬ 
sen . . i« 

Infos erteilt auch das regelmäßige Totalver - 
weigerer-Info »OHNE UNS« (ABO 30.- 
DM) f bei: Martin Stettner-Ruff Im Lindach 
T 7170 Schwäbisch Hall. 










Ein Blick zurück allein ist nicht genug 


von Jörg Auberg 




Über den damaligen wie heutigen politischen \ 
Standpunkt der Filmemacher/-innen 

»So viele Tote — aber 20000 Bücher! Spanien, 
das war doch wirklich eine Hoffnung «, sagte 
Clara Thalmann, als sie sich des masscnhaf- i 
ten literarischen Niederschlags erinnerte, derl 
vom spanischen Bürgerkrieg ausgclöst wurde { 
(SF-21). So viele Tote - und über 500 Filme, r 
die sich mit dem gleichen Thema auscinan- 
i dersetzen: Spiel- & Dokumentationsfilme, \ 
aus Wochenschauen zusammcngestelltc j 
Kompilationsfilmc; faschistische & antifa¬ 
schistische Filme; Hollywood-Kitsch & mili¬ 
tantes Kino . . . Das Kino war von jeher eine 
Zeitmaschinc, mit der der homo cinematicus j 
eine Reise in eine fremde oder vergangene i 
Zeit antreten konnte, und Filme über den | 
spanischen Bürgerkrieg wirken zuweilen 
nicht weniger phantastisch als Le Voyage ä 
travers Vimpossible von Georges Mclies, wo 
| Menschen bis zur Sonne reisten und wieder 
1 zurückkehren mußten. Kinobesuche sind 
I Reisen mit Unterbrechungen, die zur Refle- 
jxion des Vergangenen und Gegenwärtigen 
leinladen, und die subjektiv geprägten »trave- 
I logues« sind notwendigerweise fragmenta- 
Irisch, da mensch auf Reisen niemals alles 


Photo: Manfred Kampschulte 


I. 

Ein historisches Dokument aus der Zeit des 
spanischen Bürgerkriegs ist der Film The Spa- 
nish Earth (1937) von Joris Ivcns, John Ferno 
& Ernest Hemingway, der in erster Linie zur 
Unterstützung in den USA gedacht war, sich 
also an das zahlungsfähige liberale Publikum 
wandte. Zum einen behandelt der Film die 
Verteidigung von Madrid und die der umlie¬ 
genden Dörfer, die die Hauptstadt mit Le¬ 
bensmittel versorgten; zum anderen doku¬ 
mentiert er die Landreform, den Bau von Be¬ 
wässerungssystemen, die intensive Feldbe¬ 
stellung, die einen wichtigen Beitrag für die 
Verteidigung Madrids darstclltcn. Ivcns zeigt 
die kollektive Anstrengung der einfachen 
Landbevölkerung, bei der es keine Hierar¬ 
chien gibt, aber dennoch ist die Verantwort¬ 
lichkeit zwischen den Landarbeitern und dem 
Bürgermeister des Dorfes Fucntcducna, auf 
das sich der Film konzentriert, klar verteilt. 

Das Land hat früher einmal den Gro߬ 
grundbesitzern gehört und wurde den Bauern 
vorcnthaltcn, doch nun können es die Bauern 
bestellen, um die Verteidiger der Hauptstadt 
(und sich selbst) zu ernähren. Aber jegliche 
Andeutung von Kollektivierung, sei sie nun 
freiwillig oder zwangsweise, wird von seiten 
der Filmemacher bewußt vermieden, um das 
liberale Publikum in den USA nicht zu ver¬ 
schrecken. Der Film reflektiert die populisti¬ 
sche Orientierung, wie sic von der US-ameri¬ 
kanischen Kommunistischen Partei (CPU- 


SA) in ihrer Volksfrontpolitik vertreten wur¬ 
de, wo es nicht mehr um den Kampf des So¬ 
zialismus gegen den Kapitalismus, sondern 
um jenen der Demokratie gegen den Faschis¬ 
mus ging. »Demokratie« war das Zauber¬ 
wort, auf das sich die CPUSA cinschwor; bei 
dieser seltsamen Metamorphose begann sic, 
Sternenbanner statt rote Fahnen zu’schwen- 
ken, gab konservativ-patriotische Parolen aus 
wie: Der Kommunismus sei der »Amerika¬ 
nismus« des 20. Jahrhunderts und vermied 
wohlweislich Vokabeln wie »Klassenkampf« 
und »Revolution«. Mit dieser für dicCPUSA 
letztendlich fatalen Strategie restaurierte sie 
die bürgerliche Kultur, verteidigte deren 
Werte von Freiheit und Gleichheit und schuf 
so selbst den Nährboden für ihre spätere Zer¬ 
schlagung. Auch im Film ist nie die Rede von 
»Revolution«. Stattdessen präsentiert er KP- 
Funktionäre wie Jose Diaz. Dolores Ibürruri 
(La Passionaria), den KP-General Enrique 
Lister, der innerhalb von sechs Monaten des 
Bürgerkriegs, wie es im Film heißt, »vom ein¬ 
fachen Soldaten zum Kommandeur einer Di¬ 
vision« aufgestiegen sei. (Die CNT nannte 
ihn ironisch den »Helden vieler Schlachten«: 
»Wir wissen es, weil die Kommunistische Par¬ 
tei uns das gesagt hat.«) Zudem taucht auch 
noch der deutsche Schriftsteller Gustav Reg¬ 
ler auf, »der nach Spanien kam, um für seine 
Ideale zu kämpfen«, wie es im Filmkommen¬ 
tar heißt. Worin allerdings diese Ideale be¬ 
standen, wird nicht näher erläutert. 


Der Film impliziert eine illusionäre Ein¬ 
heit der Republikaner und läßt bewußt die le¬ 
bensbedrohlichen Spannungen zwischen Sta¬ 
linisten und Anarchisten/POUMisten außen 
vor. Es wurde ausdrücklich vermieden, ein¬ 
deutige Positionen zu beziehen: »Die Filme¬ 
macher begriffen zweifellos, daß ein Film, 
der sich um eine Massendistribution und Ele- 
anor Roosevelt bemühte, sich nur dann auf 
die kommunistische Führung im kommunisti¬ 
schen Madrid (im Gegensatz zum anarchisti¬ 
schen Barcelona) konzentrieren konnte, 
wenn diese Akzentuierung verschleiert wur¬ 
de. Deutliche politische Kennzeichen kom¬ 
plizierten die auf einer breiten Basis beruhen¬ 
den Volksallianzen, die das Hauptziel der 
Volksfront waren.« (vgl. Thomas XVaugh , Jo¬ 
ris Ivcns and the Evolution ofthe Radical Do- 
cumentary, 1926—1946; Diss. Columbia 
Univ.; New York 1981) Während TheSpanish 
Earth natürlich sehr positiv von der CPUSA- 
Prcssc aufgenommen wurde, kritisierte sie 
sehr heftig den Film Fury over Spain , weil 
dieser die Rolle der Anarchisten in Barcelona 
sehr wohlwollend beschrieb. 

Je weniger das Filmpublikum über die Zu¬ 
sammenhänge des spanischen Bürgerkriegs 
erfährt, um so mehr dominiert der Heining- 
wayeske Hcldenkodex von Mut, Integrität 
und Ausdauer. Hemingway, der Ivens und 
den Kameramann John Ferno während der 
Aufnahmen begleitete, sprach einen von ihm 
geschriebenen, fast emotionslos vorgetrage- 





39 


ncn Kommentar, der oft mit den für Heming¬ 
way typischen Verallgemeinerungen über 
den Krieg arbeitet. Ein Soldat erscheint im 
Bild, und Hemingway erzählt, daß dieser 
Stunden nach der Aufnahme tapfer im 
Kampf gefallen sei. Diese Beschwörung des 
männlichen Heldentums gereicht dem Film 
eher zum Nachteil, denn sie reduziert den 
spanischen Bürgerkrieg zum bloßen Hinter¬ 
grund, zur Gelegenheit, in der tapfere Män¬ 
ner im Kampf ihren Mut und ihre Selbstau¬ 
fopferung beweisen können. Ähnlich ist He¬ 
mingway dann später in seinem Roman Wem 
die Stunde schlägt (1940) verfahren. 

Ivens hatte gehofft, daß der Film Auswir¬ 
kungen auf Roosevclts Außenpolitik haben 
würde. Der US-Präsident nahm ihn bei einer 
Vorführung im Weißen Haus zwar positiv 
auf, doch die Nicht-Interventionspolitik wur¬ 
de beibehaltcn. Es gelang, einige Tausend 
Dollar zu sammeln, wovon Krankenwagen, 
Medizin und Bekleidung gekauft und nach 
Madrid verschifft wurden. Es war Ivens’ Ab¬ 
sicht, mit diesem militanten Dokumentarfilm 
das Filmpublikum zu agitieren und zu mobili¬ 
sieren, doch dieser Versuch erwies sich als 
fruchtlos. 

II. 

Im Sommer 1936 machten sich ungefähr 600 
Schweizer auf die Reise nach Spanien, um für 
die Republik zu kämpfen. 150 bis 200 von ih¬ 
nen starben dort. Und als die überlebenden 
Bürgcrkricgstcilnchmer drei Jahre später in 
die Schweiz zurückkehrten, waren sie der 
Verfolgung durch die Justiz ausgeliefert, 
denn laut damaligem Gesetz war es den 
Schweizern verboten, in einer fremden Ar¬ 
mee zu kämpfen. Im Jahre 1974 beschäftigte 
sich der schweizerische Dokumentarfilmer 
Richard Dindo mit diesem Thema, das lange 
Jahre in der Schweiz tabuisiert war. Ziel des 
Films Schweizer im spanischen Bürgerkrieg 
war cs, an die Ereignisse des Bürgerkriegs zu 
erinnern, auf die besondere Rolle der anar¬ 
chistischen Bewegung hinzuweisen, Kritik an 
der Heroisierung der Interbrigaden zu üben, 
die stalinistischc Repression ins Gedächtnis 
zu rufen und die Rolle der Schweiz zu be¬ 
leuchten. Die kritische Betrachtung stieß bei 
manchen Spanienkämpfern auf Ablehnung, 
denn für sie war, sagt Dindo, »der spanische 
Bürgerkrieg ein Jugendtraum, den sie wie ei¬ 
ne Glaskugel hüten, als etwas rundes, abge- 
schliffcncs, kristallines, fleckenloses, das sie 
nicht zerbrechen lassen wollen. Es ist nicht 
einfach für gewisse alte Genossen zu sehen, 
daß die Sowjetunion nicht mehr das »Vater¬ 
land der Arbeiten ist, daß sie es schon 1936 
nicht mehr war, oder: daß sic in jenen Jahren 
daran war, cs nicht mehr zu sein . . .« 

Der Film verzichtet auf jeglichen voice- 
over-Kommentar und besteht aus Interviews 
mit ehemaligen Interbrigadisten, die auch 
1974 noch ähnliche Ansichten wie zur Zeit 
des Bürgerkiregs vertreten, und mit Leuten, 
die damals in anarchistischen Einheiten 
kämpften; aus historischen Filmsequenzen, 
deren Material aus The Spanish Earth 
stammt; aus Dokumenten (wie beispielsweise 
alten Photographien) und Reisen zum 
Schlagbaum von Le Perthus an der spani¬ 
schen Grenze, die Dindo laut Weisung der 
Faschisten nicht überschreiten darf. Der Film 
verknüpft das Vergangene mit dem Gegen¬ 
wärtigen, die revolutionären Ereignisse von 
Barcelona mit dem heutigen kleinbürgerli¬ 
chen Alltag. Da schwenkt die Kamera bei¬ 
spielsweise über Photographien einer Arbei- 
tervcrsammlung in Barcelona, worauf ein 


Schwenk über die Fassade eines Mietshoch- 
hauscs folgt, in dem das anarchistische Paar 
im Jahre 1974 lebt. Diese Aufeinanderfolge 
von »Revolutionärem« und »Kleinbürgerli¬ 
chem« wird lediglich festgestellt, doch nicht 
kritisiert, was Dindo auch nicht ansteht und 
er auch nicht will. 

»Der Film ist linear und elliptisch mon¬ 
tiert, >passiv< in einem Sinne«, erläutert Ri¬ 
chard Dindo. »Eine »aktive«, komplexe Mon¬ 
tage, die ständig ein Element mit einem ande¬ 
ren verbindet, von einem Punkt zu einem an¬ 
dern springt, um am Ende auf eine »Synthese« 
zu kommen, hätte vorausgesetzt, daß man 
vom Bürgerkrieg eine lichtklare, eindeutige, 
nicht umzuwerfende Analyse hätte machen 
können.« So werden die Widersprüche, die 
aus dem Kontrast der Aussagen der Inter¬ 
viewten mit dem dokumentarischen Material 
entstehen können, nicht aufgehoben, son¬ 
dern das Filmpublikum muß mit ihnen arbei¬ 
ten. Die autoritäre Stimme eines voice-over- 
Kommentars, die dem Publikum sagt, wie cs 
war (oder ist), ist eliminiert. Allerdings kann 
hieraus das Problem entstehen, daß Filme¬ 
macher und Filmemacherinnen ihre »»eigene 
Stimme« verlieren und andere für sich reden 
lassen. Die Aussagen der Interviewten müs¬ 
sen nicht der Meinung entsprechen, die die 
Filmemacher vertreten. Auch Dindo hat ein¬ 
geräumt, daß die Interviewten nicht unbe¬ 
dingt seine Meinung Wiedergaben. Wenn er 
beispielsweise einen Anarchisten bittet, dem 
Publikum zuerklären,.was Anarchismus be¬ 
deute, so heißt das nicht, daß Dindo dessen 
Auffassung teilt und selbst Anarchist ist. 
Aber lctztendlich liegt es doch im Machtbe¬ 
reich der Filmemacher, Aussagen von Zeit¬ 
zeugen zu relativieren oder gar zu manipulie¬ 
ren. 

Die Bürgerkriegsveteranen reflektieren 
aber nicht nur über die Vergangenheit, son¬ 
dern auch über den Zustand der Schweiz heu¬ 
te. »Was ist Demokratie?« fragt Dindo die 
Spanienkämpfer. »Demokratie ist eigentlich 
nur ein Schlagwort, das in allen Farben schil¬ 
lert«, erwidert Helmut Zschokke. »In der 
Schweiz haben wir die bürgerliche Demokra¬ 
tie, die ist gekennzeichnet dadurch, daß die in 
der Verfassung verankerten Rechte und die 
Freiheiten eigentlich nur von dem wahrge¬ 
nommen werden kann, der Geld hat . . .«' 
Für Lola Nüssler-Roja ist Demokratie Revo¬ 
lution, wie sie sic im Sommer 1936 in Barce¬ 
lona erfahren hat. »Demokratie an sich exi¬ 
stiert nicht«, meint Pa uh Thal mann. »Demo¬ 
kratien sind immer an bestimmte Klassen- 
und Besitzverhältnisse gebunden. Wir haben 
eine bürgerliche Demokratie, wo die Bour¬ 
geoisie die Macht hat.« Johnny Linggi fordert 
eine Demokratie für den Werktag, denn die 
Schweizer Demokratie sei lediglich eine für 
den Sonntag. »Demokratie? Voilä - ein lee¬ 
res Wort«, gibt Fernand Jossevel zur Ant¬ 
wort. »Ich habe den Eindruck, daß das ein 
leeres Wort ist, das überhaupt nichts sagen 
will.« 

Diese Definitionen der Schweizer Demo¬ 
kratie überschritten aber die.Toleranzschwel¬ 
le der dortigen TV-Gewaltigen, die kurzer¬ 
hand diese Stellen vor der Ausstrahlung des 
Films im deutsch-schweizerischen Fernsehen 
herausschneiden ließen. Der Verantwortliche 
Eduard Stäuble sprach in einem Zeitungsarti¬ 
kel, in dem er gegen Dindos Film geiferte, 
von »»gemeinen Terrormethoden«, von »Lü¬ 
gen«, von »Hinterhältigkeit« und von einem 
»niederträchtigen Rufmord«. Er bescheinigte 
Dindo, »geistigen Terror« auszuüben, der 
sich vom »»Terror der Gewalt« nur darin un- 










terscheide, daß diese geschleuderten »Grana¬ 
ten« vordergründig aus Papier beständen. Al¬ 
lerdings bestritt Stäuble heftig, jemals be¬ 
hauptet zu haben, die Zuschauer seien zu 
dumm, um die Demokratiedefinitionen ertra¬ 
gen zu können. Diesen Amoklauf der Ver¬ 
walter der »öffentlichen Meinung« löste Din- 
do allein dadurch aus, daß er cs wagte, Ge¬ 
schichte nicht einfach abzuhaken, sondern 
Bezüge der Vergangenheit zur Gegenwart 
herzustellcn. Damit verlieh er seinem Film ei¬ 
ne außerordentliche Qualität, die anderen 
Filmen dieses Genres zuweilen verlorcngcht. 

III. 

»Am 19. Juli jährte sich der Tag, an dem eine 
Rotte militärischer Abenteurer sich gegen 
das republikanische Regime in Spanien erhob 
und mit der Hilfe ausländischer Mächte und 
fremder Truppen das Land in einen blutigen 
Krieg stürzte«, schrieb Rudolf Rocker 1937. 
(Rudolf Rocker; Die spanische Tragödie, Ka¬ 
rin Kramer Verlag, Berlin 1976) 

Es waren deutsche Flugzeuge und Piloten, 
die Francos Afrikaarmee auf das Festland 
transportierten. Einer dieser Piloten taucht 
vier Jahrzehnte später in dem Dokumentar¬ 
film Unversöhnliche Erinnerungen (1979) von 
Klaus Volkenhorn, Johann Feindt und Karl 
Siebig auf und erweist sich als ein Widerling 
übelster Sorte. Der Film porträtiert zum ei¬ 
nen den General a.D. Henning Strümpell, 
der aus deutschnationalen Kreisen stammt, 
von der reaktionären Reichswehr aus der 
Zeit der Weimarer Republik geprägt ist, mit 
der Legion Condor im spanischen Bürger¬ 
krieg sein Unwesen trieb, im zweiten Welt¬ 
krieg als Jagdflieger Städte bombardierte und 
inder Bundeswehr zum General aufstieg. Da 
die Filmemacher offensichtlich nur Abscheu 
für diese Person empfinden, aber anderer¬ 
seits auf die Bedingung eingehen müssen, 
Strümpells Aussagen ohne Veränderung und 
ohne voice-over-Kommentar im Film erschei¬ 
nen zu lassen, kontrastieren sie den Lebens¬ 


lauf des Generals mit dem des proletarischen 
Antimilitaristen Ludwig Stillgcr, der 1933 ge¬ 
zwungen war, ins Exil zu gehen, 1936 in den 
Interbrigadcn kämpfte, im zweiten Weltkrieg 
in Frankreich und Belgien interniert war, 
nach dem Krieg die Remilitarisierung in der 
BRD zu verhindern suchte und heute Invali¬ 
de ist. 

Die beiden Männer stehen für zwei diame¬ 
tral entgegengesetzte Positionen in der deut¬ 
schen Geschichte. Alle Bemühungen des Ar¬ 
beiters, die Verhältnisse in seinem Sinne po¬ 
sitiv zu verändern, scheiterten, und auch 
wenn er eine hohe moralische Integrität auf¬ 
weist, ist er lctztendlich ein Verlierer. Der 
deutsche Militarismus und Faschismus fand 
auch nach den Nürnberger Prozessen seine 
Fortsetzung. In dem Jahr, als die ersten jun¬ 
gen Männer von der Bundeswehr rekrutiert 
wurden, verschwanden die Kommunisten aus 
dem Blickfeld der deutschen Öffentlichkeit 
(KPD-Verbot 1956). Auf der anderen Seite 
steht der General, ein Vertreter der reaktio¬ 
nären, kricgstrcibcrischen Kräfte in der 
BRD, als Sieger da. Auch nach 1945 verstand 
er es, sich rasch auf die Seite der Sieger zu 
schlagen, wie cs so viele Deutsche taten, die 
plötzlich gegen jede Art von Totalitarismus 
waren. Hurtig wie sie waren hängten sic sich 
kurzerhand das Etikett »Demokratie« um 
den Hals - nicht weil sic verstanden hätten, 
was dieses Wort* bedeutet oder weil sic De¬ 
mokratie praktizieren wollten, sondern weil 
es für sie opportun war, sich als Demokraten 
zu verkleiden. Mit der Anpassungsfähigkeit 
eines Chamäleons verwandelten sie sich in 
die eifrigsten Verfechter der »Demokratie«, 
und wer nicht in ihren Trichter paßte, wurde 
aussortiert. Dieser erneuten Selektion fielen 
Leute wie Ludwig Stillgcr zum Opfer. »De¬ 
mokratie« wurde zur Normalität erklärt, und 
jegliche kritische Abweichung vom Modell 
des »demokratischen« Obrigkeitsstaats konn¬ 
te in keinem Fall toleriert werden. Kommuni¬ 
sten und andere »Radikale« waren »abnorm« 


und mußten von der übrigen Gesellschaft ab¬ 
geschottet werden, während die alten Faschi¬ 
sten die Parlamentsbänke drückten oder gar 
wie Lübke , der Pläne für KZ-Baracken ent¬ 
worfen hatte, zum Bundespräsidenten ge¬ 
wählt wurden. »Demokratie - Made in Gcr- 
many« - das bedeutet vor allem die Maßnah¬ 
me zur systematischen Repression jeglicher 
Veränderung »von unten«, die Etablierung 
der Herrschaft, der bestehenden Machtver¬ 
hältnisse, der Unterdrückung. Die Remilita¬ 
risierung der BRD steht als Beispiel für den 
erbärmlichen Zustand der bundesrepublika¬ 
nischen »Demokratie«: Ein Referendum zur 
Wiederaufrüstung (wie es etwa die Schweizer 
Verfassung zugeiassen hätte) wäre in jener 
Zeit sicherlich von der Mehrheit der Bevölke¬ 
rung in der BRD - auf Grund ihrer Erfah¬ 
rungen — mit »Nein« beantwortet worden. 
Doch die konservativen Politiker, die Vertre¬ 
ter der Kirchen und ihre Agenten bei Presse 
und Rundfunk verstanden es, die Mehrheit 
zu überzeugen, daß die Remilitarisierung 
notwendig sei. Nützlich dabei war die Angst 
vor »dem Russen«, der bekanntlich alle deut¬ 
schen Frauen vergewaltigte und auch sonst 
nur subhumane Kennzeichen aufwies. Die 
antisemitische Demagogie fand in der Dämo- 
nisierung »des Russen« (insbesondere in der 
Wahlwerbung) ihre Fortsetzung. »Mit der 
Wiederbewaffnung, die anfangs der 50er Jah¬ 
re noch auf schroffe und große Ablehnung 
stieß, haben sich die Eingeborenen vonTrizo- 
nesien abgefunden«. {Ulrike A7. Meinhof, 
Die Würde des Menschen ist antastbar, Wa¬ 
genbach-Verlag, Berlin 1976) Davor hatten 
sie sich mit den Verhältnissen abgefunden, 
und danach taten sie es auch, denn es geht 
weiter, immer weiter . . . 

Für den General gibt es keine Brüche. Es 
war selbstverständlich für ihn, sich für die 
Schaffung der Bundeswehr einzusetzen, um 
wieder in seinem ursprünglichen »Beruf« ar¬ 
beiten zu können. Strümpell demonstriert 
Uneinsichtigkcit und Lernunfähigkeit; er ist 











immer noch derselbe, der von Göring für sei¬ 
ne »Verdienste« in der Legion Condor ausge¬ 
zeichnet wurde. Der spanische Bürgerkrieg 
ist für ihn nur das »Abenteuer Spanien«, an 
dem er sich als »touristischer Jagdflieger« be¬ 
teiligte; er streitet energisch ab, daß die Zer¬ 
störung von Gucrnica ein Terrorangriff war 
und rechtfertigt sic als militärische Notwen¬ 
digkeit; er verurteilt nicht die neo-nazisti- 
schen Vorgänge in der Bundeswehr, sondern 
kritisiert, daß die Öffentlichkeit davon erfah¬ 
ren hat; er bedauert, daß in der Armee keine 
verschworene Kameradschaft, kein »Korps- 
Geist wie früher« mehr bestehe. »Kein 
Mensch ist gerne Soldat — kein Mensch «, be¬ 
tont Ludwig Stillgcr, und Strümpell ist von 
ganzen Herzen Soldat. 

Stillgcr lebt im grauen Arbeiterviertel von 
Remscheid, läßt sich auf der Straße, in der 
kleinen Küche und im einfach eingerichteten 
Wohnzimmer filmen, und in seinen Erzäh¬ 
lungen unterstützt ihn seine ebenfalls von den 
Faschisten verfolgte Frau mit ihrem Erinne¬ 
rungen. Strümpell dagegen lebt in einem Vil¬ 
lenviertel von Frankfurt, läßt sich fast aus¬ 
schließlich nur in seinem großbürgerlichen 
möbilierten Arbeitszimmer filmen, vor den 
Porträts seiner Offiziersfamilie und den Bü¬ 
cherregalen, in denen sich nur kriegsverherr- 
lichendc und reaktionäre Titel finden. Seine 
Frau taucht nur einmal auf, als sie mit Strüm¬ 
pell und einem befreundeten Ehepaar Karten 
spielt. Strümpell kann seine Erzählungen ar¬ 
rogant, mcdiengcrccht, ohne jegliche Selbst¬ 
kritik und mit großer Artikulation Vorbrin¬ 
gen, während die Aussagen von Ludwig Still¬ 
gcr weit weniger abgeschliffen und abgebrüht 
sind, so daß sie in weit größerem Maße ehr¬ 
lich und überzeugend wirken. Allerdings er¬ 
gibt sich aus der Kontrastierung dieser beiden 
Pcrsönlichleiten das Problem, daß die Filme¬ 
macher die Aussagen von Stillger nicht kri¬ 
tisch reflektieren, da sie ihn offensichtlich 
sehr mögen. Wenn er beispielsweise sagt, daß 


was die Verantwortlichen »da oben« anrich¬ 
teten, so kann ihm nicht zugestimmt werden. 
Hier müßte die Frage nach der Verantwort¬ 
lichkeit und Schuld des Individuums gestellt 
werden. »Es gibt keine unschuldigen Men¬ 
schen in der Welt heute«, schrieb Alexander 
Berkman im Jahre 1933, »denn jeder ist für 
die Hölle verantwortlich, in der wir leben 
. . .« (vgl. Richard u. Anna Maria Drinnon 
(Hrsg.), Nowhere at Home: Leiters from Ex¬ 
ils of Emma Goldman and Alexander Berk¬ 
man , Schocken-Verlag, New York 1975) 
Aber dennoch verdient dieser Arbeiter, der 
sein Leben lang gegen Faschismus und Krieg 
kämpfte, hohen Respekt, während Strümpell 
eine hochgradig verabscheuungswürdige Fi¬ 
gur ist, die sich jeglicher menschlicher Ein¬ 
sicht hartnäckig widersetzt. 

Strümpell ist aber nur einer von vielen 
Wehrmachtsoffizieren, die in der Bundes¬ 
wehr Schlüsselpositionen einnahmen und ein¬ 
nehmen. Und diese Bundeswehr soll das ver¬ 
teidigen, was sich selbst »demokratischer und 
sozialer Bundesstaat« schimpft. Doch viel¬ 
mehr ist sie ein Instrument zur Sicherung der 
bestehenden Herrschaftsverhältnisse, das 
nach den Notstandsgesetzen zur»Abwehr ei¬ 
ner drohenden Gefahr für den Bestand oder 
die freiheitlich-demokratische Grundord¬ 
nung des Bundes oder eines Landes«, »beim 
Schutze von zivilen Objekten und bei der Be¬ 
kämpfung organisierter und militärisch be¬ 
waffneter Aufständischer« eingesetzt werden 
kann. Jene, die für die Zerstörung von Guer- 
nica verantwortlich sind, sollen heute die »in¬ 
nere Sicherheit« gewährleisten. Eine Demo¬ 
kratisierung der BRD-Gesellschaft fand nicht 
statt. Toleranz ist heute wie früher ein 
Fremdwort für die Deutschen. 1966 beispiels¬ 
weise waren in Westberlin »Gammler« zum 
öffentlichen Freiwild erklärt worden, denn 
sie seien Angehörige der »Internationale der 
Beatniks, sind so ungepflegt wie möglich, ar¬ 
beitsscheu, leicht reizbar, betont krawallfreu- 


(' Tagesspiegel, 9.3.1966) Heute sind cs die 1 
»Chaoten«, auf die in ähnlicher Weise verbal ' 
und physisch eingeprügelt wirdiind die der j 
hauptamtliche Kopfgeldjägcr der Republik, 
XY-Zimmermann, über die Bildschirme 
hetzt. Die »Chaoten« sind die inneren Fein- ! 
de, während die »Asylanten« den äußeren i 
Feind darstcllen, gegen den es sich zu schüt- j 
zen gilt. Für Mneschen mit dunkler Hautfar- j 
be und schwarzen Haaren ist in der miefigen . 
deutschen Provinz kein Platz , weder in West¬ 
berlin noch in Schleswig-Holstein. Die Deut- I 
sehen wollen unter sich sein. Das ist das Mo¬ 
dell Deutschland, kapiert. Fremder? ! 

Der deutsche Rassismus ist offensichtlich 
nicht auszurotten. Im Gegenteil: Er ist im 
Aufschwung, wie an der »frcihcitlich-dcmo- I 
kratisch-geistig-moralisch-öffentlich-rcchtli- I 

chcn« Niedcrmetzelung der Flüchtlinge aus 
der »Dritten Welt« zu sehen ist. Da wird in 
der Stunde der »Bedrohung« wieder einmal j 
die »Gemeinsamkeit der Demokraten« be- ] 
schworen und die deutsch-deutsche Gemein- j 
samkeit der Rassisten gefunden, wenn cs um , 
die Abschottung der Berliner Mauer geht. 
Sozial-Demokraten, Frci-Dcmokratcn, 
Christ-Demokraten — alle vereint unter dem ! 
Banner des Reinheitsgebots des Deutsch- ; 
tums. 1933 machte eine SS-Forschungsgrup- j 
pe den Vorschlag, alle Roma (die sich in ihrer ; 
Hautfarbe von den »richtigen« Deutschen ! 
unterscheiden) auf das Meer zu verfrachten i 
und die Schiffe zu versenken. Ähnliche Mög- ; 
lichkeiten in bezug auf die »Asylanten« wur- | 
den sicherlich auch an diversen deutschen ■ 
Stammtischen erörtert. Es wäre ja auch über- | 
raschend, wenn sich die »kleinen Leute auf \ 
der Straße«, die 1966 »Langhaarigen und ■ 
Gammlern« Prügel androhten, sich irgendei- j 
nes Humanismus befleißigen würden.. Für 
Pogromstimmungen waren sic in diesem Lan- i 
de . noch immer zu haben. Das »deutsche j 
Volk« braucht nicht von fremdcnfcindlichcn ( 
Maßnahmen aufgehetzt werden; diese dienen : 











(d.h. »Undeutsche« zu steigern. Anläßlich 
j der Ermordung Erich Mühsams schrieb Wal¬ 
ter Merhing, daß in diesem Land die Mcnsch- 
' heit »Unsseidank« von der Menschlichkeit 
’ befreit sei. Wahrscheinlich für immer. 

IV. 

j Zurück zum eigentlichen Thema . . . Der 
| spanische Dokumentarfilm Alte Erinnerun¬ 
gen (1978) von Jaime Camino zeichnet die 
| Geschichte der Republik von 1931 bis 1939 

I nach und wirft auch einen Blick auf das Spa- 

| nien nach dem Tode Francos. Auch in diesem 
- Film dominieren Interviews mit Zeitzeugen, 
j die gelegentlich von alten Wochcnschaupas- 
I sagen unterbrochen werden. Wir treffen zwei 
alte Bekannte: Dolores Ibärruri und Enrique 
Listcr, aber auch Anarchisten wie Diego Ab- 
ad de Santillän und Fcdcriea Montseny- 

,POUMisten wie Julian Gorkin, Faschisten 

und Reaktionäre wie Gil Robles. Viele Auss- 
sagen widersprechen sich, und schon bei der 
Beschreibung der Fakten werden gravierende 
Unterschiede deutlich, die durch die jeweili- 
i ge politische Position des Erzählers oder der 
| Erzählerin bedingt sind. Da bestreitet die 
i Passionaria beispielsweise, jemals Fcdcrica 
I Montscny getroffen zu haben, worauf eine 
, Photographie gezeigt wird, auf der beide 

1 Frauen zusammen zu sehen sind. (Es ist nicht 

1 anzunehmen, daß cs sich hierbei um eine gc- 

I schichtsvcrfäischendc Photomontage han- 

I delt.) Die Passionaria verdrängt die Erinne- 
i rung an diese Begegnung - vielleicht, weil es 
! ihr heute peinlich ist, mit einer Anarchistin 
zusammengetrofffen zu sein. Auf der ande- 
j ren Seite erinnert sich Fcdcrica Montscny 
I sehr gut an diese Begegnung. 

Anfangs erscheint die Passionaria durch- 
j aus sympathisch, wenn sie zum Beispiel er¬ 
zählt, wie sic nach dem Sieg der Volksfront 
die politischen Häftlingen aus den Gefängnis¬ 
sen befreite, ohne die Weisung der zuständi¬ 
gen Stellen abzuwarten. Doch diese Sympat¬ 
hien schwenken in Unmut um, wenn sic die 
offizielle KP-Linic vertritt und verbal über 
die Anarchisten herfällt, wie cs auch Enrique 
Lister tut, der die Kollektivierungen als 
»Zwangskolicktivierungen« charakterisiert. 
Im Film gibt er eine Posse zum besten, die der 
Autor hier mit seinen eigenen Worten wie¬ 
dergibt und ein wenig ausschmückt: 

Enrique Lister kam daher, und wie er so 
seines Weges ging, traf er auf einen Bauern, 
den er argwöhnisch musterte, denn er hatte 
nicht umsonst das Kommunistische Manifest 
studiert, in dem es hieß, der Bauer gehöre 
| den Mittelständen an, die die Bourgeoisie vor 
! allem deshalb bekämpften, um ihre Existenz 
als Mittelstände vor dem Untergang zu be¬ 
wahren. Folglich seien sie nicht revolutionär, 
sondern konservativ, wenn nicht gar reaktio¬ 
när. Soweit die theoretischen Überlegungen 
des Generals. »Halt, Bauer!« rief er, als die¬ 
ser an ihm vorübergehen wollte. »Wo ist dein 
Schinken?« 

Im ersten Moment war der Bauer vön der 
seltsamen Frage des Generals verblüfft, doch 
dann antwortete er mit einem stolzen Lä¬ 
cheln: »Mein Schinken hängt in der kollekti¬ 
vierten Räucherkammer.« 

Ha! dachte Lister. Hab ich’s doch geahnt! 
Seine untrügliche Nase witterte sofort den 
j üblen Geruch der Zwangskollektivierung, 
l der hier in der Luft lag. Der General ließ sich 
von dem Bauern zu dieser ominösen Räu¬ 
cherkammer führen, und als sie dort ange¬ 
kommen waren, sagte Lister: »Zeig mir, wo 
dein Schinken hängt!« Doch der Bauer konn¬ 
te seinen nicht entdecken, denn alle Schinken 


waren einander gleich. Der General war es 
zufrieden, hatte er doch den Beweis erbracht, 
daß cs sich hier um den klaren Fall einer 
Zwangskollektivierung handelte. 

Nein, sagt Listcr im Film, er habe nichts 
gegen Kollektivierungen; allerdings müßten 
sie auf freiwilliger Basis durchgeführt und 
dürften nicht erzwungen werden. Und für ihn 
waren die damaligen Kollektivierungen ein¬ 
wandfrei »Zwangskolicktivierungen«. Das 
behauptet er jedenfalls, und crcntblödct sich 
nicht, dies an der Schinkcngcschichtc deut¬ 
lich zu machen. Listcr kommandierte damals 
die 11. Division, die mit Panzerunterstützung 
gegen die Kollektive in Aragon zu Felde zog. 
Sic fiel in Aragon wie in ein feindliches Land 
ein. Die Verantwortlichen der sozialisierten 
Unternehmen wurden verhaftet.ihre Räume 
besetzt, die Gcmcindckaufhäuser geplün¬ 
dert, die Möbel zerschlagen und die Viehher¬ 
den konfisziert. Die kommunistische Presse 
klagte über >die Verbrechen der gewaltsamen 
Kollektivierung^ 30% der Kollektive von 
Aragon wurden völlig zerstört.« (vgl. Daniel 
Guerin, Anarchismus - Begriff und Praxis , 
Suhrkamp-Verlag Frankfurt 1969) 

Alte Erinnerungen ist vor allem ein Film 
über die fatalen Fehler und Irrtümer der Re¬ 
publik, und indem er die Erinnerung daran 
wachruft und der Verdrängung entgegen¬ 
wirkt, leitet er (hoffentlich) einen Prozeß des 
Nachdenkens ein. Er gibt einen guten Über¬ 
blick über die Entwicklung der Republik bis 
zu ihrer Zerschlagung und wendet sich in er¬ 
ster Linie an solche Menschen, die nichts 
oder nur wenig über die damaligen Ereignisse 
in Spanien wissen. Auf jeden Fall ist dieser 
dreistündige Film lohnender als die zerstük- 
kelte Darstellung des Bürgerkriegs in der 
Fernschserie von Granada-TV, die mit den 
üblichen Mitteln der Fernsehdokumentation 
arbeitet. Nicht nur, daß hier der gewohnten 
TV-Ausgcwogcnhcit Rechnung getragen 
wird; es dominiert wieder einmal die veralte¬ 
te scheinbar allwissende Kommentatoren¬ 
stimme, die den Zuschauern vor den Bild¬ 
schirmen erzählt, wie es angeblich gewesen 
sein soll. Ohne einen autoritären Naseweis 
scheint cs im Fernsehen nicht zu gehen. 

V. 

In einer Geschichte des jüdischen Schriftstel¬ 
lers Isaac B. Singer erzählt ein Mann, der sich 
als »überzeugten Deterministen« bezeichnet, 
im Kino wisse er, daß er an dem, was sich 
oben auf der Leinwand abspiele, nichts än¬ 
dern könne. Der Filmzuschauer werde zum 
Fatalisten. Was ist der Effekt der »Oral Hi- 
story«-Filmc, die in der Mehrzahl neben der 
Aufdeckung einer verschütteten Geschichte 
Niederlagen beschreiben - sei es nun die Ge¬ 
schichte von Frauen in den USA, die in der 
Kriegszeit den Platz der Männer in der Indu¬ 
strie einnehmen und danach wieder an den 
ihnen zugewiesenen Platz am Herd und an 
der Wiege zurückkehren müssen, oder die 
der unkritischen, aber ehrlich überzeugten 
Kommunisten der dreißiger Jahre in den 
USA, die später der Hexenjagd ausgeliefert 
sind und für die nach den Enthüllungen Chru- 
chovs über Stalin eine Welt zusammenbrach, 
oder die der anarchosyndikalistischen Wohb- 
lies , die der Repression zum Opfer fielen, 
oder die des niedergeschlagenen Aufstands in 
Hamburg im Jahre 1923 usw. usf. {vgl. die 
Filme: The Life an Times of Rosie the Riveter 
von Connie Fields (1980); Seeing Red von Ju¬ 
lia Reichert und Jim Klein (1983); The Wohb- 
lies von Deborah Shaffer und Stewart Bird 
(1979); Der Hamburger Aufstand Oktober 


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Konflikte im Span. Bür¬ 
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1923 von Rainer Etz, Gisela l’uchtenhagen 
und Klaus Wildenhahn (1971)) 

Zweifellos wird in diesen Filmen über Ak¬ 
tion, Protest, Widerstand, Kampf gegen das 
herrschende System reflektiert, aber letz¬ 
tendlich führten all diese Anstrengungen 
nicht zu der ersehnten Veränderung der be¬ 
stehenden Verhältnisse. Können diese Filme 
nicht bei den Zuschauern/-innen den Ein¬ 
druck erwecken, daß jegliche Aktion sinnlos 
ist? (...) Oder dienen sie dazu, Anstöße zur 
Reflektion zu geben, ein geschichtliches Be¬ 
wußtsein zu schaffen, das von den Erzählun¬ 
gen und Erfahrungen der »Alten« bestärkt 
wird — daß es Widerstand gegen das System 
gab, gibt und geben muß, um Veränderungen 
herbeizuführen? Ich neige der letzten An¬ 
sicht zu, %enn diese Filme einerseits den Be¬ 


zug der Vergangenheit zur Gegenwart her- 
stellen und nicht behaupten: So war es da¬ 
mals, aber heute ist ja vieles anders - und 
besser, undwenn sie sich andererseits kritisch 
mit den Erzählungen der alten Aktivisten 
auseiriandersetzen und diese nicht wie leben¬ 
de Legenden ehrfurchtsvoll anhimmeln. Ri¬ 
chard Dindo sagt: Ȇber das traditionelle 
Bild des abbildenden Dokumentarfilms hin¬ 
ausgehen heißt, einen Zusammenhang damit 
zu schaffen, der es dem Zuschauer erlaubt, 
darin mehr zu sehen, als eigentlich darin ent¬ 
halten ist . . . Das Paßphoto eines Spanien¬ 
kämpfers schaut man nicht mehr mit den glei¬ 
chen Augen an, wenn man erfährt, daß der 
Betreffende vor 40 Jahren gefallen ist. Diese 
Art von Fiktion hängt auch mit der Erinne¬ 
rung zusammen, die eine bestimmte Art von 


Bewegtheit auslöst, die wiederum etwas auf¬ 
deckt, das versteckt worden war. Insofern ist 
diese Arbeit mit der Erinnerung auch subver¬ 
siv, weil sie in einem Sinne zur Wiederher¬ 
stellung der Wahrheit beiträgt.« Wichtig ist, 
daß mit der Erinnerung an die Vergangenheit 
gearbeitet wird, daß sie eine Dynamik erhält, 
daß Verknüpfungspunkte und Bindeglieder 
deutlich werden und daß sich die Menschen, 
die sich mit dem spanischen Bürgerkrieg be¬ 
schäftigen, nicht wie faktengeile Anthropolo¬ 
gen verhalten, die in ein Reservat einfallen 
und bei der Suche nach der Vergangenheit 
die gegenwärtigen Probleme vergessen. 

VI. 

Zehn Jahre nach seinem Dokumentarfilm 
Schweizer im spanischen Bürgerkrieg wandte 













44 

sich Richard Dindo erneut diesem Thema aus 
heutiger Sichtweise zu. Seinem neuen Film El 
Suizo — Un Amour en Espagne (1984/85) 
könnte das Etikett »Spielfilm« zugesprochen 
werden, doch die Grenzen zwischen Fiktio- 
nalem und Nichtfiktionalem sind fließend. 
»Ich möchte zur Fiktion kommen«, sagte 
Dkido 1981, »aufgrund einer autobiografi¬ 
schen Entwicklung, die sich in den Filmen 
niederschlägt, und nicht weil ich mich eines 
Tages entschieden habe, Filme mit Schau¬ 
spielern zu machen. Die Trennung Doku¬ 
mentär- und Spielfilm läßt sich sowieso im¬ 
mer weniger aufrechterhalten.« ( Zitate v. 
Dindo, aus Filmkritik 3175; Texte zum 
Schweizer Film: Max Frisch , Journal I-IU , 
Schweizerisches Filmzentrum Zürich 1981) 
Wenn der Dokumentarfilm an die Grenzen 
des Abbildbaren komme, kippe die Darstel¬ 
lung in Fiktionen um. Tn El Suizo überwiegt 
im Gegensatz zu seinen früheren Filmen das 
fiktive Element, in denen aber dieses auch 
schon zu finden war, allerdings in einer weni¬ 
ger konzentrierten Form als hier. 

Hatte sich Dindo in der Vergangenheit im¬ 
mer mit der Generation der Väter beschäf¬ 
tigt, so wendet er sich nun seiner eigenen Ge¬ 
neration, der der Söhne zu. Der Film erzählt 
die Geschichte des schweizerischen Journali¬ 
sten Hans Grimm, eines altgewordenen Ver¬ 
treters der neuen Linken. Nach dem Tod sei¬ 
nes Vaters eines ehemaligen Interbrigadi¬ 
sten, macht er sich auf die Reise nach Spa¬ 
nien und besucht die Orte, an denen sein Va¬ 
ter vor fast einem halben Jahrhundert kämpf¬ 
te. So durchstreift er mit einer Landkarte in 
der Hand das Schlachtfeld von Brunete, re¬ 
konstruiert anhand der Briefe aus dem Nach¬ 
laß des Vaters die Kampfereignisse von 1937 
und entdeckt Spuren der Vergangenheit an 
Bäumen und Ruinen. Grimm entpuppt sich 
als zeitvergessener und der Zeit entschwun¬ 
dener Archäologe, der keine Bezüge zur Ge¬ 
genwart mehr herstellen kann. Schon 1974 
wollte Dindo die historischen Schauplätze 
des Bürgerkriegs besuchen, doch die Reise 
nach Spanien wurde ihm von den dortigen 
Behgördcn untersagt. Ein Jahrzehnt später 
beobachtet er dann diesen obsessiven Spu¬ 
rensucher, der sich nicht anders als ein der 
Vergangcnheitnachspürcnder Dokumentar- 
filmer verhält. Grimm ist mit den Erzählun¬ 
gen seines Vaters über den Bürgerkrieg auf¬ 
gewachsen (. . .) er fährt an die Orte seines 
Vaters (. . .) weil er im Vergleich zu seinem 
Vater relativ geschichtslos ist. Nostalgisch 
erinnert er sich der Revolte von 1968, als Zü¬ 
rich, wie Grimm sagt, für kurze Zeit aus sei¬ 
nem Dornröschenschlaf aufgewacht sei, um 
danach wieder in den gleichen langen Schalf 
zurückzufallen. Die Generation der Väter 
riskierte viel. Sie setzte Arbeit, Familie, Le¬ 
ben aufs Spiel, um für ein Ideal zu kämpfen 
und hatte nach der Rückkehr in die Schweiz 
mit Bestrafung und Verfolgung zu rechnen. 
Auch die Generation der Neuen Linken ris¬ 
kierte einiges, doch schon kurze Zeit nach 
der Revolte verlor sie zunehmend an Vitalität 
und erscheint heute weitgehend blutleer. 

Im Gegensatz zu seinem Vater nimmt 
Grimm nicht aktiv am Geschehen teil, son¬ 
dern zieht sich als Journalist auf die Beobach¬ 
terposition zurück. »Für mich ist die Zeit des 
Handelns vorbei. Ich bin älter geworden. 
Jetzt beginnt die Zeit der Reflektion«, sagt 
Bruno Forrestier, der Protagonist in Jean- 
Luc Godards lepetitSoldat (I960), und dieses 
Statement gilt auch für Grimm. Forrestier be¬ 
dauert es, nicht in den 30er Jahren gelebt zu 
haben, als es einen spanischen Bürgerkrieg 


und »klarere Verhältnisse als heute« gegeben 
habe. Er beschreibt sich selbst als einen 
»Mann ohne Zukunft und Ideale«, und 
manchmal habe er den Eindruck seine Zeit 
schlecht zu nützen. (...) Ein Vierteljahrhun- 
dert später kommt der gleiche, wehklagende 
Selbstbetrug in El Suizo zum Ausdruck: In 
den 30er und 40er Jahren hätten die Men¬ 
schen noch für eindeutige politische Über¬ 
zeugungen kämpfen können - in den antifa¬ 
schistischen Interbrigaden im spanischen 
Bürgerkrieg, in den Widerstandsbewegungen 
gegen die deutschen Faschisten im 2. Welt¬ 
krieg. »Der Bürgerkrieg hatte den Vorteil, 
daß eine eindeutige Front vorherrschte«, sagt 
der spanische Schriftsteller Juan im Film. 
Doch heute, so lautet das Lamento, sei der 
Feind nicht mehr klar auszumachen, er lauere 
im Verborgenen, wenn nicht gar in einem 
selbst. Die Situation erscheint hochgradig un¬ 
übersichtlich. »Wir warten«, sagt Juan, »wis¬ 
sen nicht, ob auf die Revolution oder auf den 
Autobus.« 

Hans Grimm ist ein Paralytiker, der in den 
Treibsand geraten ist, und jeder Versuch an¬ 
derer, ihn dort herauszuziehen, scheitert, 
weil er solchen Versuchen gegenüber blind 
ist. Das Meer dient im Film als Metapher zur 
Beschreibung dieser trostlosen Paralyse. Es 
ist hier nicht die grenzenlose Freiheit, die das 
Meer repräsentiert, sondern die Grenze, die 
Grimm nicht überschreiten kann. Im An¬ 
fangsteil des Films steht er am Strand und be¬ 
obachtet eine Freundin, die glücklich im 
Wasser umherspringt, und am Ende steht er 
wieder am Meer, auf das er hilflos hinaus¬ 
starrt - wie ein auf eine einsame Insel ver¬ 
schlagener Schiffbrüchiger, der vor der Au¬ 
ßenwelt für immer ausgeschlossen ist. Die 
Kamera ist stets auf Distanz zum Protagoni¬ 
sten, und so verhindert Dindo die Identifika¬ 
tion mit der Hauptfigur, mit der er sich selbst 
einer kritischen Reflektion unterzieht. Der 
Journalist hat sich ebenso wie der Filmema¬ 
cher auf den sicheren Posten des Beobach¬ 
ters, Zuschauers, Intellektuellen zurückgezo¬ 
gen, bleibt passiv, läßt sich auf nichts Riskan¬ 
tes ein, hat sich selbst aus der Mitte der han¬ 
delnden Individuen verabschiedet. Indem 
Grimm sich nicht an der Veränderung der be¬ 
stehenden Verhältnisse beteiligt, zurückhal¬ 
tend und distanziert bleibt, macht er sich 
schuldig. Erträgt so zur Erhaltung des Sy¬ 
stems bei. Jeder Mensch ist für das Leben, 
das er führt, verantwortlich, und Grimm muß 
kein »blutloser«, »schlaffer«, am Rande ste¬ 
hender Mensch sein. Veränderungen liegen 
durchaus im Bereich des Möglichen. Aller¬ 
dings müßte Grimm zunächst einmal zu die¬ 
ser Einsicht kommen, sich von der Erinne¬ 
rung an den Vater und den Bürgerkrieg lö¬ 
sen, über die obsessive Spurensuche hinaus¬ 
kommen und sein Leben nicht über das beob¬ 
achten, sondern über das Handeln definie¬ 
ren. Mit der Figur Hans Grimm beschreibt 
Dindo nicht ein Einzelschicksal, sondern ein 
gesellschaftliches Phänomen, den Journali¬ 
sten, den Dokumentaristen, den in seinem 
Elfenbeinturm lebenden Intellektuellen, si¬ 
cher auch die neutrale Schweiz. 

Emma Goldman fragte sich in einem Arti¬ 
kel für Har per s Magazine (Dezember 1934): 
»Was my Life worth living?«, und sie konnte 
diese Frage mit Fug und Recht positiv beant¬ 
worten: »Wenn ich mein Leben neu zu leben 
hätte, würde ich wie jeder andere geringfügi¬ 
ge Einzelheiten ändern. Aber in allen meinen 
wichtigen Handlungen und Einstellungen 
würde ich mein Leben so wiederholen, wie 
ich es geleb* habe.« ( nachgedruckt in: Alix 


Kates Shulman (Hrsg,), Red Emma speaks , 
Wildwood , London 1979). Die Hans Grimms 
dieser Welt müßten diese Frage, sollten sic 
sie sich jemals stellen, ganz anders beantwor¬ 
ten. 

★ 


SPANIEN '36 

DER SPANISCHE BÜRGERKRIEG 
1936-1939 
und die 

internationale Solidarität der Linken 


TÜTE 

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mit Beiträgen von 
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Bemerkungen und Versuche der Erklärung 
der »Gelben Revolutionäre« 

Der sicherste Weg 
unsere Irrtümer zu vermeiden 
besteht darin, 

alles der bestimmten und strengen Erfahrung 
vorurteilslos zu unterwerfen. 

(Francisco Fcrrer) 

»In Mengede war vor einigen Jahren eine gu¬ 
te Bewegung. Die Entwicklung an diesem 
Orte ging mit Riesenschritten vom Syndika¬ 
lismus zum Anarchismus. Theorie und Praxis 
erzeugen aber vielfach Irrungen. Ein Teil der 
ehemaligen Genossen, hauptsächlich Hafer - 
stroh und seine engeren Freunde sind mit Stur¬ 
meseile den Weg gegangen, den kein anstän¬ 
diger Arbeiter sonst zu gehen pflegt. In zwei 
bis drei Jahren hat es dieser >brave Revolutio¬ 
när vom Vorsitzenden der Syndikalisten, 
vom Wortführer der Anarchisten bis zum Ha- 
kenkreuzlcr gebracht, der bei Hitler in Mün¬ 
chen zu Gaste war. Wahrscheinlich hat er sich 
dort Informationen für den letzten Streik ge¬ 
holt.« (Alarm, Nr.12/13 , 1923) 

So stand cs in der anarchistischen Zeit¬ 
schrift »Alarm«. Aus Anarchisten werden 


Faschisten?! Das schockt erst einmal. Um 
darüber Aufklärung zu bekommen, sehen wir 
uns die Geschichte der FAUD-Mengede 
doch einmal genauer an. 

Im Frühjahr 1919 wurde die »Freie Ver¬ 
einigung der Bergarbeiter und anderer Beru¬ 
fe für Mengede und Umgebung«, die sich 
nach dem 12. Kongreß »Freie Arbeiter Uni¬ 
on-Mengede« nannte, gegründet. Die Grün¬ 
dung wurde vor allem von Heinrich Oberhaus 
und Josef Rösler aus Mengede vollzogen ( vgL 
Die Schöpfung , 22.9.1921), kurz nach dem 
großen Aprilstreik der Bergarbeiter. 

Josef Rösler formulierte es Ende 1919 so: 
»Der Geist des Syndikalismus, bewußt oder 
unbewußt, bewirkt, daß man auch bei uns 
Bergarbeitern zum Denken gekommen ist. 
Man hat erkannt, daß man mit dem zentrali¬ 
stischen System aufräumen muß. . . . selbst 
mußten wir uns trotz der Zentralverbände 
unsere Rechte und Lohnzulagen in der Grube 
erkämpfen. Und das ist syndikalistischer 
Grundsatz . . . Wir wollen uns von keinen 
Führern mehr bevormunden und leitham- 
meln lassen. Erkennen wollen wir, daß wir als 
Klassengenossen und Arbeitsbrüder den ei¬ 
genen Klassenkampf selbst zu führen haben 
... Bei uns soll und muß jeder sei eigener 


Führer sein . . . Als berufene Vertreter zur 
Schaffung einer einheitlichen Kampforgani¬ 
sation kämen also nur wir selbst in Frage, in¬ 
dem wir uns in der Freien Vereinigung für 
Bergarbeiter organisieren. . . . Der letzte 
große Streik hat uns gezeigt, was wir bei eini¬ 
gem guten Willen vermögen.« (Der Syndika¬ 
list, Nr.41/1919) 

Im März und April 1919 forderte die Berg¬ 
arbeiterschaft des Ruhrgebiets mit großen 
Streiks die 6-Stunden-Schicht, die Sozialisie¬ 
rung des Bergbaus und Lohnerhöhungen. In 
der Wittener und Dortmunder Gegend 
streikte am 1. April jeder Bergarbeiter. Der 
Streik wurde mit unnachgiebiger Härte ge¬ 
führt. In vielen Zechen führten die Bergar¬ 
beiter in direkter Aktion den 6-Stundcn-Tag 
ein. So beschloß die Belegschaft auf der Ze¬ 
che Adolf von Hansemann am 24. März: 

Resolution! 

»Die heutige Belegschaftsversammlung be¬ 
schließt die sofortigeBEinführung des Sechs¬ 
stundenarbeitstages für alle Belegschaftsmit¬ 
glieder unter Tage. 

Die Seilfahrt findet wie folgt statt: Morgen¬ 
schicht: Anfahrt 1/2 6 bis 6 Uhr, Ausfahrt 1/2 
12 bis 12 Uhr. Nachmittagsschicht: Anfahrt 1/ 
2 12 bis 12 Uhr, Ausfahrt 1/2 6 bis 6 Uhr. 














46 


Abendschicht: Anfahrt 1/2 6 bis 6 Uhr, Aus¬ 
fahrt 1/2 12 bis 12 Uhr, Nachtschicht: Anfahrt 
1/2 12 bis 12 Uhr, Ausfahrt 1/2 6 bis 6 Uhr. 

Die Reparaturschicht kann auf Abend¬ 
oder Nachschicht verlegt werden. In Hinsicht 
auf die schwere Arbeit der Bergarbeiter unter 
Tage sowie der schlechten Ernährung, die ei¬ 
nen völligen Zusammenbruch der Kamera¬ 
den herbeiführen muß, halten wir die Einfüh¬ 
rung der verkürzten Arbeitszeit für unbe¬ 
dingt notwendig. Durch Belegung der vierten 
Arbeitsschicht bietet sich Gelegenheit, die 
große Zahl der Arbeitslosen unterzubringen, 
wodurch wiederum die Produktion erhöht 
und so die Einführung der Sechsstunden¬ 
schicht von großer volkswirtschaftlicher Be¬ 
deutung ist. Die Belegschaft verlangt weiter 
die Sozialisierung des Bergbaus im Sinne der 
Enteignung des privaten Kapitals, der Über¬ 
nahme der Kohlenschätze und der Produk¬ 
tionsmittel in den Besitz der Gesamtheit und 
der Verwaltung des Bergbaus durch die Berg¬ 
arbeiter.« (Der Syndikalist, Nr.1511919) 



Die Gewerkschaften nahmen notgedrun¬ 
gen die Hauptforderungen der Streikenden - 
6 Stunden Schicht - auf; die Zechenleitun¬ 
gen und die Regierung mußte schließlich am 
9. April wenigstens die 7 1/2 Stunden Schicht 
zugestehen. »Zugleich, am 7. April, wurde 
der sozialdemokratische Politiker und Ge¬ 
werkschaftsführer Carl Severing zum Staats- 
kotnissar für das Ruhrgebiet ernannt. Er 
handhabte die Befugnisse, die ihm der Aus¬ 
nahmezustand verlieh, sehr geschickt, ließ 
die Streikführer verhaften oder zu Notstan¬ 
darbeitern verpflichten und den Arbeitswilli¬ 
gen Sonderrationen von Lebensmitteln zur 
Verfügung stellen. Aber erst am 28. April - 
nach fast vier Wochen - war die Bewegung 
niedergekämpft. ( Peter von Oertzen, Be - 
triebsräte in der Novemberrevolution , 1963 , 
S.117f.) Zurück blieb eine tiefreichende Er¬ 
bitterung. Der freigewerkschaftliche Bergar- 
bei'terverband verlor von April bis Juni 1919 
ein Viertel bis die Hälfte seiner Mitglieder. 

In Dortmund gab es Zahlstellen, die weit 
»über 1000 Abmeldungen« zu verzeichnen 
hatten. So der Dortmunder Delegierte König 
auf der 21. Generalversammlung des Verban¬ 
des der Bergarbeiter Deutschlands, (15.- 
21.6.1919, Bochum). Im Raum Dortmund, 
vor allem auch in Mengede, schlossen diese 
sich der Freien Vereinigung der Bergarbeiter 
an. Am 28. August 1919 schrieb die Menge¬ 
der Ortsleitung, daß »seit dem Tag unserer 
Gründung unsere Vereinigung an Mitglie¬ 
dern gewaltig zugenommen hat« (Der Syndi¬ 
kalistt, Nr. 3711919). 

Trotz des anhaltenden Belagerungszu¬ 
stands (Engler 1919: »Wir wurden gehetzt 
wie räudige Hunde«; Kongreß der freien Ver¬ 
einigung, Berlin ), der den Syndikalisten jede 
politische Betätigung, selbst Mitgliederver¬ 


sammlungen versagte, wuchs diese Bewe¬ 
gung schnell zu einer der stärksten und ein¬ 
flußreichsten Gewerkschaften in Dortmund 
heran. Ende 1919 zählte sie in Dortmund 
über 12 000 Mitglieder, Mitte 1920 ca. 20 000! 
(vgl. 12. Kongreß der Freien Vereinigung! 
Staatsarchiv Münster-Büro Kölpin). 



FAUD-Mengede 

Kurzes zum Vereinsleben einer anarchisti¬ 
schen Massenorganisation 


Die FAUD hatte einen 11-köpfigen Vor¬ 
stand, der auf einer »Generalversammlung« 
jährlich gewählt wurde. (. . .) In der Menge¬ 
der Ortsgruppe machte sich die Erkenntnis 
breit, daß es nicht darauf ankommt, mit den 
Waffen des Gegners zu kämpfen. Dezentrali- 
tät statt Zentralisierung, Selbständigkeit statt 
Bürokratisierung, Autonomie statt Hierar- 
chisierung, Menschlichkeit statt Aggressivität 
waren Eigenschaften, die fortwährend von 
ihnen eingeklagt wurden. 

Als »Waffen des Gegners« wurden die Be¬ 
triebsräte, Knappschaftsälteste, Gewerk- 
schaftsbeisitzende, usw. angesehen und von 
ihnen als »Stützpunkte der Gesellschaft« ab¬ 
gelehnt. (Die Schöpfung , 29.9.1921) »Wer 
sich für diese Einrichtungen als Arbeiter her¬ 
gibt, steht nicht auf dem Boden der Umfor¬ 
mung der Gesellschaft. Er ist Verneiner der 
Selbständigkeit der Arbeiterschaft.« Ihre Er¬ 
kenntnis, die heute .wiederum in der linken 



Szene heftig umstritten ist: »Alle Beteiligung 
an staatlichen Einrichtungen schädigen die 
Arbeiterklasse.« (Der Syndikalist 49, 1920) 
Ebenso wurden die bewaffneten Kämpfe der 
Arbeiterschaft kritisiert. »Laßt euch nicht 
hinreißen zum Brudermord, sondern besinnt 
euch auf eure eigenen syndikalistischen Waf¬ 
fen, die geistige Aufklärung, die wissen¬ 


schaftliche Schulung und die wirtschaftlichen 
Kampfmittel«, so August Haferstroh zu den 
Ereignissen des Kapp-Putschcs 1920. (Der 
Syndikalist 19, 1920) 

Von der organisatorischen Entwicklung 
des Alten Bergarbeiterverbandes hatten sic 
gelernt: »In diesem Verband fanden zahlrei¬ 
che Führer eine gesicherte Existenz, das war 
der Untergang dieses Verbandes als Kampf¬ 
gewerkschaft . . . Die Führer entwickelten 
sich immer mehr zu Bürokraten, kosteten der 
Herrschaft Reiz . . .« 

Demgegenüber stellten die Syndikalisten 
ihre Form der Organisation, in der auch zu¬ 
gleich der Keim der neuen Gesellschaft ruh¬ 
te: 

»Die Organisation der Syndikalisten baut 
sich in folgender Weise auf. In jeder Stadt, an 
jedem Ort schließt sich der Arbeiter der Or¬ 
ganisation seines Berufes an. Die Gewerk¬ 
schaften sämtlicher Betriebe an jedem Orte 
schließen sich in einem lokalen Mittelpunkt 
zusammen — der Arbeiterbörse. Die Arbei¬ 
terbörse ist das Zentrum der lokalen Propag¬ 
anda, der Streikbewegung, der sozialistischen 



Erziehung, der praktischen Solidarität. Jede 
Arbeiterbörse ist eine Glied der großen Lan¬ 
desföderation der Arbeiterbörsen, so daß die 
Grundlage für gemeinschaftliche Aktionen 
gegeben ist. Als zweite Form der Organisa¬ 
tion besteht der Industrieverband. Jeder Ar¬ 
beiter gehört nicht nur der Organisation sei¬ 
nes Ortes an, sondern ist in derselben Zeit 
verbunden mit den Arbeitern seines Berufes 
und aller verwandten Berufe im ganzen 
Land. . . . Wenn nun heute in einem Lande, 
wo der Syndikalismus die wirtschaftliche Ein¬ 
heitsorganisation aller Arbeiter bildet, infol¬ 
ge irgendwelcher Ereignisse eine Umwälzung 
eintreten würde, wie bei uns am 9. November 
1918, so würden die Syndikalisten versuchen, 
die Sozialisierung auf folgende Art in Angriff 
zu nehmen: Jede Arbeiterbörse würde als lo¬ 
kales Organ der Arbeiterschaft an jedem Or¬ 
te Häuser, Lebensmittel, Kleidung und ande¬ 
re Gebrauchsgegenständc unter ihre Verwal¬ 
tung nehmen. Die ganze Verwaltung der Ge¬ 
meinde wäre so in den Händen der Arbeiter¬ 
schaft . . . Die Arbeiterbörse würde sich so in 
statistisches Büro verwandeln, um die Kon¬ 
sumbedürfnisse derlokalen Bevölkerung fest¬ 
zustellen, so daß die Landesföderation der 
Arbeiterbörsen leicht imstande wäre, den 
notwendigen Bedarf der Gesamtbevölkerung 
festzustellen. Damit wäre gleichzeitig die 
Grundlage für eine planmäßige Produktion 
geschaffen. Hätten die Arbeiterbörsen die 















47 


r*'" 


Aufgabe, den Konsum zu organisieren,, so 
hätten die Industrieverbände die Aufgabe, 
die Organisation der Produktion in die Hand 
zu nehmen. Sie würden sämtliche Maschinen, 
Werkzeuge, Rohstoffe usw. unter ihre Ver¬ 
waltung nehmen und die einzelnen Betriebe 
und Industrien mit den notwendigen Werk¬ 
zeugen und Materialien versorgen. Auf diese 
Art würde die Sozialisierung von unten nach 
oben durch die Arbeiter selbst vor sich gehen 
. . .« {Rudolf Rocker, in: Protokoll über die 
Verhandlungen vom 12. Kongreß der Freien 
Vereinigung Deutscher Gewerkschaften; spä¬ 
ter FA UD). 


Auch in Mengede bereitete man sich dem¬ 
gemäß auf den »Tag der sozialen Revolution« 
vor. Eine Arbeiterbörse und eine Kreisbörse 
wurden ins Leben gerufen ( Der Syndikalist 
13, 1921, Die Schöpfung, 21.7.1921), Aus¬ 
schüsse und Kommissionen gebildet. Wäh¬ 
rend der »18 Tage Arbeitermacht« in Dort¬ 
mund nach der Niederschlagung des Kapp- 
Putschcs im März 1920, gehörten viele Syndi¬ 
kalisten und Anarchisten den Vollzugsräten, 
örtlichen Ausschüssen und Kommissionen an 
und setzten so in diesen Tagen ein Stück ihrer 
sozialen Revolution in die Praxis um. (. . .) 

Daneben besaß die FAUD-Mengede ein 
reichhaltiges Vereinsleben. So konnte Josef 
Rösler schon Mitte 1920 (nach dem Belage¬ 
rungszustand — die FAUD konnte quasi erst¬ 
malig legal agieren) für die Ortsgruppe im 
»Syndikalist« (44, 1920) berichten: 

»Ein Bildungsausschuß hat eine ganze Reihe 
von Gesang- und Sportvereinen, die sich in 
letzter Zeit gründeten, zu gemeinsamer Ar¬ 
beit zusammengefaßt. Alle diese Vereine die¬ 
nen dem Zweck, der syndikalistischen Bewe¬ 
gung neue Kräfte zuzuführen, das Vereinsle¬ 
ben zu befruchten. Im bewußten Gegensatz 
zu den bürgerlichen, kirchlichen, parteipoliti¬ 
schen und zentralverbändlerischen Unterhal- 
tungs- und Sportvereinen sollen die zu einem 
Bund vereinten Gesang-, Turn-, Radler- und 
Musikvereine der revolutionären Arbeiterbe¬ 
wegung dienen.« 

Im März 1921 wurde die anarcho-syndika- 
listische Jugendgruppe »Jugendland« gegrün¬ 
det. »Seit dem 1. April wechseln nun Ausflü¬ 
ge, Vorträge und Lichtbildervorträge für >Ju- 
gendland< ab.« (Der Syndikalist 20, 1921). 
Diese Gruppe wurde lebhaft von Eltern und 
Lehrern unterstützt, deren Ziel es war, »kei¬ 
ne Erziehung zum Dogma und zum gegensei¬ 
tigen Haß, sondern in gegenseitiger Verstän¬ 


digung, in Versuchen und in der Erziehung 
zur gegenseitigen Hilfe ... die jungen Men¬ 
schen in >JugendIand< zu selbst denkenden 
Sozialisten heranzubilden.« 

Die »Freie Jugend-Föderation« Mengede 
bestand bereits seit 1919. (Freie Jugend 5, 

1919) und traf sich viermal die Woche. Sonn¬ 
tags standen Wanderungen auf dem Pro¬ 
gramm, Montags Sport- und Körperkultur 
und Donnerstags »wissenschaftliche und be¬ 
lehrende Vorträge«. Der Samstag war »Un¬ 
terhaltungsabend«. (Alarm 4,1921) »Revolu¬ 
tionäre Kunstabende« mit »Zither-, Geigen- 
und Lautenkünstlern« wurden von der Freien 


Jugend mit Hilfe befreundeter Vereine, wie 
dem Zither-Club-Datteln, organisiert. (Die 
Schöpfung, 18.8.1921) 

Diese Feiern nahmen innerhalb der 
FAUD einen großen Stellenwert ein. Seit 
dem 11.7.1920 fanden jährlich große Ge¬ 
werkschaftsfeste der FAUD statt. Konzerte, 
turnerische Aufführungen, Theater undBall 
standen dort auf dem Programm. (Der Syndi¬ 
kalist 23, 1920t 20, 1921). »Winterfeierlich¬ 
keiten«, Maifeiern, Schiffsausflüge und 
Sonnwendfeiern lösten sich in angenemher 
Reihenfolge ab. Der Besuch dieser Festlich¬ 
keiten war so groß, daß z.B: der 1. Mai 1921 
in di ei verschiedenen Sälen in Mengede ge¬ 
feiert wurde. (Der Syndikalist 13, 1921). Bei 
diesen Gelegenheiten trat dann der »Ge¬ 
mischte Chor Sänger Mengede« auf mit Ort- 
mannschen Vertonungen wie »Die Schmiede 
im Walde« (Die Schöpfung, 19.7.1921; 
30.8.1921; zu Ortmann, seinen Lieder, ein¬ 
schließlich Noten, siehe Kapitel in: KlanlNel- 
les: »Es lebt noch eine Flamme« — FAUD 
1919-1945, Trotzdem Verlag 1986). Von den 
Erlösen wurden beispeilsweise Turngeräte 
angeschafft, die Gruppe »Jugendland« unter¬ 
stützt oder neue Bücher für die Bibliothek 
besorgt. Letzteres war für die FAUD von 
zentraler Bedeutung: 

»Genossen, lest unsere Zeituhgen und Bro¬ 
schüren! Lernt selbständig Denken, um dann 
auch selbständig Handeln zu lernen bei voller 
Selbstverantwortung« (Der Syndikalist 49, 

1920). Immer wieder wurde auf die Notwen¬ 
digkeit einer eigenen Presse hingewiesen, 
wurde dieser Punkt in vielen Mitgliederver¬ 
sammlungen beraten (z.B.: Die Schöpfung, 
19.7. und 18.8. 1921). Seitdem »Die Schöp¬ 
fung« täglich erschien, wurde sie in Mengede 
per Botin zugestellt, um den häufig auftreten¬ 
den Unregelmäßigkeiten des Postbezugs vor¬ 


zubeugen. (Die Schöpfung, 19.7. und 1.8. j 

1921). Die Zeitung wurde benutzt zur »Agita¬ 
tion von Haus zu Haus«, auch zur internen 
Schulung und Auseinandersetzung^ als Infor¬ 
mationsträger für die eigenen Mitglieder ... i 

In Mengede bekam jedes Mitglied obligato- j 

risch den »Syndikalist« und später auch »Die j 

Schöpfung« zugestellt. 

| 

Der rasche Aufschwung hatte auch seine 

Schattenseiten... ] 

i 

Die Bildungsarbeit nahm nicht zufällig eine ; 
solch große Bedeutung innerhalb der Organi¬ 
sation ein. Eine Delegiertenmeinung auf dem 
12. Kongreß verdeutlicht dies sehr anschau- i 
lieh: j 

»Die Bewegung unter den Bergarbeitern, 

(. . .) ist wie aus dem Boden gewachsen. 

(. . .) Seitdem ich aus der Haft entlassen bin, 
habe ich keinen Sonntag mehr meiner Fami- j 
lie widmen können, (. . .) Unsere leitenden 
Kräfte arbeiten Tag und Nacht; aber die Be¬ 
wegung ist bei uns zu schnell gewachsen. Wir 
sind jetzt noch Herr der Situation und hoffen 
es zu bleiben.« 

(. . .) Der Anspruch der Mengeder, »daß 
jedes Mitglied die uns noch fernstehenden ; 
Kameraden aller Berufe über unr^ ; Taktik 
und Ziele aufklärt und sic unserci Vereini¬ 
gung zuführt«, (Der Syndikalist 37, 1919) j 
konnte wohl nie in die Tat umgesetzt werden. j 
Die Gebrüder Köhler aus Eving stellten in j 
der »Schöpfung« (8.10. 1921) fest: ». . . der 
Geist der Ortsgruppe war alles andere, nur 
nicht syndikalistisch. Versuchte der Vorstand j 

einmal Solidaritätsgelder abzusenden, dann j 

war der Teufel Egoismus los in der nächsten j 
Mitgliederversammlung. An Aufklärung 
konnte nicht viel geleistet werden, da die gan- I 
ze aufklärende und organisatorische Tätig- i 
keit auf 2-3 Genossen allein ruhte, die aber j 
allein nicht imstande waren, 600 Mann aufzu¬ 
klären und mit den Pflichten des Syndikalis¬ 
mus vetraut zu machen. Die Mitglieder hat- ! 
ten auch zum großen Teil kein Interesse dar- ! 
an und besuchten weder öffentliche noch Mit- j 
gliederversammlungen. Des Sonntagsmor- . 
gens konnte man sie aber in Scharen nach 



dem Herdenstal!, der Verdummungsanstalt j 
»Kirche« laufen sehen. Dagegen waren sie I 
bei Demonstrationen und Maifeiern nie zu i 
sehen.Die meiste Überzeitarbeit wurde auf I 
Zeche und Fabrik gerade von diesen »Auch«- ! 
genossen geleistet. Die größten Schmarotzer j 
auf der Arbeitsstelle waren in unseren Rei- | 
hen zu finden.« (.. .) 












48 



Um diesen Mißständen zu begegnen, wur- 
! den in Mengede innerorganisatorisch Be- 
I Schlüsse gefaßt: 

j Am 9.11.1919: wurde das Eintrittsgeld auf L- 
| Mark, die Wochenbeiträge von o,50 auf o,75 
erhöht; (Der Syndikalist51,1919) 

Nach dem Kapp-Putsch wurde aufgefordert, 
Soüdaritätsgcldcr für die Inhaftierten und 
Hinterbliebenen zu spenden; einen Monat 
später wurde, wohl aufgrund geringer Spen¬ 
den beschlossen, daß jeder aus der Mitglie¬ 
derliste gestrichen wird, »der den Solidar¬ 
itätsbeitrag nicht zahlt« ( Der Syndikalist 20 
und 49, 1920) 

Im Februar 1921: wer mit den Beiträgen über 
8 Wochen im Rückstand ist oder die Solidar¬ 
itätsmarke von 5 Mark nicht geklebt hat, wird 
ausgeschlossen; (Der Syndikalist 9, 1921) 

Am 25.3.1921: wer noch Sondervereinen der 
Saarbewohner oder Oberschlesier angehört, 
wird ausgeschlossen; weiterhin alle, »die jetzt 
die 1 1/2 Pflichtschichtcn leisten«; (Der Syn¬ 
dikalist 13, 1921) 

AM 24.5.1921: nur derjenige kann Mitglied 
werden, »der sich vorher genügend über den 
! herrschaftslosen Sozialismus durch Abonnie- 
| ren und lesen des »Syndikalist« aufgeklärt 
j und als erstes Zeichen seiner Selbständigkeit 
| seinen Austritt aus der Kirche erklärt hat.« 
| An die Mitglieder richtete sich der Ruf: ent- 
■ weder Austritt aus der Kirche oder raus aus 
i unserer Organisation.« (Der Syndikalist 23, 
j 1923) 

| Obwohl diese rigiden Verbandsbeschlüsse 
| den Grundideen der Organisations- und Um- 
| gangsformen der FAUD widersprachen (und 
| einen internen Grund für ihren Niedergang 
| abgaben, SF), läßt sich hieran gerade das Di¬ 
lemma erkennen, in welchem sich die Aktivi¬ 
sten befanden. Denn für sie stellte die FAUD 
nicht nur eine Interessengemeinschaft wie die 
anderen Gewerkschaften, sondern vorallcm 
eine Idccngcmcinschaft dar. Nach den revo¬ 
lutionären Bestrebungen 1919/1920 rückte 
sich letztere immer mehr in den Vorder¬ 
grund. Qualität vor Quantität - diese Ein¬ 
sicht setzte sich bei den Aktivisten in der 
FAUD immer stärker durch, »unsere Parole 
lautet wie bisher. »Lieber klein und rein als 
groß und innerlich faul«. (Der Syndikalist 31, 
1921) In der »Schöpfung« wurde diese Praxis 
kritisiert: »Man hört innerhalb der FAUD 
immer nur von Ausschlicßcn . . . Man 
kommt nicht als fertiger Syndikalist in die 
FAUD hinein, sondern wird cs in ihren Rei¬ 
hen . . .« (zit. nach Klan/Nellcs). 

Interessengemeinschaft contra Ideenge¬ 
meinschaft - diesen augenscheinlichen Ge¬ 
gensatz versuchte man zu lösen, indem laut 
Rösler »in Mengede eine rein anarchistische 
Gruppe zur Befestigung (!!!) der anarchosyn- 
dikalistischen Gewerkschaftsbewegung ins 
Leben gerufen werden sollte. (Der Syndika¬ 
list 45,1922). In dieser Phase beschloß jedoch 
. eine Gruppe auf der Mitgliederversammlung 
vom 28.8.1921 die vollständige Abschaffung 
der Mitgliedsbücher. Kurz darauf folgte die 
Ortsgruppe Oestrich bei Mengede diesem 
Beschluß. (Die Schöpfung, 22.9.1921) 

Faksimile 

Der Spaltung vorausgegangen waren Zu¬ 
sammenkünfte der politischen »Köpfe« der 
FAUD-Mengede. So konnte die Polizeibe¬ 
hörde Mengede Anfang September 1921 mel¬ 
den: »Seit ca. 1/2 Jahr ist . . . beobachtet 
worden, daß sich zeitweise fremde Personen 
und zwar abwechselnd in den Wohnungen 
der Bergleute Adomat, Mengede, Am- 
merstr. 56, Rösler, Mengede, Viktoriastraße 


6 und Haferstroh, Mengede, Hugostraßc 28 
aufhalten.« (Staatsarchiv Münster) An diesen 
Zusammenkünften würde »nur ein bestimm¬ 
ter Personenkreis, ca. 8-10 Personen, teil¬ 
nehmen« . Eine öffentliche Propaganda als 
Folge der Treffen sei nicht zu verzeichnen, 
was genau beredet würde, sei auch nicht fest- 
zusteilen. Bemerkenswert ist, daß alle drei 
unterschiedlichen Richtungen innerhalb der 
FAUD sich trafen: 

Otto Adomat, der der Hauptkassierer der 
Ortsgruppe war, hat zu dieser Zeit Kontakt 
zum »Anarchistischen Freibund« (vgl. Akte 
im Staatsarchiv Münster) und schließt sich 
diesem nach der Spaltung an; er vertreibt in 
Mengede die Zeitschriften »Der Freie Arbei¬ 
ter« (FKAD), »Ziegelbrenner« (Marut) und 
»Alarm« (Langer) 

Josef Rösler, Mitbegründer der Ortsgruppe, 
zu diesem Zeitpunkt ihr 1. Vorsitzender, baut 
sie nach der Spaltung im alten Stil erneut auf 
August Haferstroh, war aktiv in verschiede¬ 
nen Ausschüssen (Unterstützungskommis¬ 
sion für Inhaftierte, Pressekommission); er 
begründete nach der Spaltung zunächst die 
»Wirtschaftliche Einheitsorganisation« und 
1922 die NSDAP in Mengede mit! 


Die »anarchistische« Richtung 
innerhalb und neben der FAUD: Der Anar¬ 
chistische Freihund 

Die anarchistische und syndikalistische Be¬ 
wegung ging in Dortmund in den ersten Jah¬ 
ren nach dem »Zusammenbruch« 1918 Hand 
in Hand. Die Mitglieder des Anarchistischen 
Freibundes waren in der Regel auch Mitglie¬ 
der der FAUD, übernahmen dort auch füh¬ 
rende Tätigkeiten. Auf der Konferenz der 
Anarchistischen Föderation Dortmund und 
Umgebung führte Genosse Drewes (ein Jahr 
später verantwortlicher Redakteur der anar- 
cho-syndikalistischen »Schöpfung«, SF) am 
18.7.1920 aus, daß man den Syndikalismus 
»mit den anarchistischen Zielen in Einklang 
bringen könne«. Es wäre inzwischen »nur 
noch Wortklauberei . . , sich Syndikalist oder 
Anarchist zu nennen.« (Der freie Arbeiter 30, 
1920) Einen Unterschied machte Karl Bröder 
aus Lütgendortmund: Die Ziele der Anarchi¬ 
sten wären im kulturellen Bereich weiter zu 
fassen. (. . .) Die Anarchisten als Avantgar¬ 
de der Syndikalisten - hierin sahen die Frei¬ 
händler ihre organisatorische Daseinsberech¬ 
tigung und ihren Aufgabenbereich. Auf einer 







49 


weiteren Konferenz der Dortmunder Födera¬ 
tion am 15. Dezember 1920 in Mengede 
(. . .) ergaben sich jedoch organisatorische 
Differenzen: Als Grundlage iür jeden Akti¬ 
ven käme nur der Geist und nicht äußerliche 
Bindemittel wie Mitgliedskarten, Beiträge 
usw. in Frage. »Der Freibund der Anarchi¬ 
sten lehne jede äußerliche Verbindung ab 
und halte an der freien, durch den Geist und 
die Solidarität bewährte Zusammengehörig¬ 
keit fest.« (Staatsarchiv Münster, 1 Ra396) 

Dieser Umschwung der Freihändler hat si¬ 
cherlich mit dem Verebben ideologischer und 
kämpferischer Ansprüche in der FAUD zu 
tun. Die Kritiker sahen bald keinen Unter¬ 
schied mehr zwischen der FAUD und den 
Zentralgcwerkschaftcn. Demzufolge müßten 
sie sich nicht nur in der FAUD sondern auch 
in den Zentralgcwerkschaftcn politisch betä¬ 
tigen. 

Spätestens seit Ende 1920 muß es in Men¬ 
gede Genossen des Freibunds gegeben ha¬ 
ben, wenn nicht sogar eine Ortsgruppe. Am 

25.12.1920 hielt der Freibund eine Konferenz 
in Mengede ab, auf der auch syndikalistische 
Gäste begrüßt wurden. ( Der freie Arbeiter 52, 
1920) Diese gründete sich spätestens nach der 
Spaltung der FAUD im August 1921; am 

23.10.1921 nahmen Delegierte aus Mengede 
an einer Konferenz des Freibundes anarchi¬ 
stischer Gruppen für Rheinland und Westfa¬ 
len teil. {Staatsarchiv Münster, l Ra 396) 

Die Spaltung in Mengede wurde augen¬ 
scheinlich von den Frcibündlcrn hei beige¬ 
führt: Mitgliedsbücher und Beiträge wurden 
abgcschaftt. Carl Windhoff (einer der führen¬ 
den Syndikalisten im Ruhrgebiet aus Düssel¬ 
dorf, SF) sah Carl Langer (Redakteur des 
Alarm und Agitator für den Freibund, Ham¬ 
burg) als Urheber der »Zerstörungsarbeit in 
Mengede«. (. . .) Langer hielt zwar später ei¬ 
ne Versammlung in Mengede ab (6.11.1921), 
entscheidenden Einfluß auf die weiteren Vor¬ 
gänge in Mengede hatte er jedoch nicht. (Ne¬ 
ben der »alten« FAUD und dem Freibund 
hatte sich eine dritte Gruppe die sogenannten 
»Ncu-Syndikalisten« gebildet, au! die auch 
der Freibund nach der Spaltung keinen Ein¬ 
fluß erlangte, SF). 



Die Haltung der FAUD-Mengede zu den 
»Neu-Syndikalisten« 


Die Reaktion der FAUD-Getreuen auf die 
Absehaffung dcrBMitglicdsbüchcr durch Be¬ 
schluß der Mitgliederversammlung vom 

28.8.1921 war schon am 8.9. in det Schöp¬ 



fung« zu lesen: » . . . Eine Zusammenkunft 
beschloß nun die Weiterführung der Orts¬ 
gruppe. In den nächsten Tagen meldeten sich 
reihenweise die Genossen für ihre weitere 
Mitgliedschaft in der alten Ortsgruppe«. 

Die alte Ortsgruppe tat die »Neusyndikali¬ 
sten« als Spintisierer und Theoretiker ab. Es 
wären »jüngere, noch unerfahrene, parti¬ 
kommunistisch veranlagte Elemente« (Die 
Schöpfung 36, 1921) (. . .) Die Mitglieder der 
früheren Ortsgruppe Mengede haben an Zahl 
abgenommen, aber sie gehen ihren Weg un¬ 
beirrt weiter.« 

(Eine inhaltliche Aufarbeitung der ent¬ 
standenen Situation mißlang anscheinend 
völlig, SF) Carl Langer, der auf einer von den 
FAUD einberufenen Versammlung versuch¬ 
te, seine Ideen darzustellen, zog unverrichte¬ 
ter Dinge wieder ab; »die Versammlung war 
sehr aufgebracht«. 



Der »Wirrwarr«, den man bei den »Neu¬ 
syndikalisten« sah, führte in der Folgezeit 
noch mehr zur Unnachgibigkeit. Ihr Rat¬ 
schlag an andere Ortsgruppen war lediglich: 
»Haltet eure Bewegung rein, entfernt früh¬ 
zeitig störende Elemente aus euren Reihen!« 
Die Ortsgruppe arbeitete also im alten Stil 
weiter. Den- Versammlungsbeschluß vom 
28.8., wo 2/3 der Mitglieder die Ortsgruppe 
verlassen hatten, tat sie mit der Begründung 
ab: »Die Individualisten zwangen den Mit¬ 
gliedern ihren Willen auf und es wurde dem¬ 
gemäß beschlossen.« (Die Schöpfung 52, 
1921) Anfang 1923 zählte die Ortsgruppe wie¬ 
der (wie vor der Spaltung, SF) »ungefähr tau¬ 
send überzeugte Anarcho-Syndikalisten«. 
(Die Schöpfung 36, 1923) Ein Großteil der 
ausgetretenen Mitglieder ist mit großer 
Wahrscheinlichkeit später wieder eingetre¬ 
ten. 

Auch hatten sie in der Mengeder Arbeiter¬ 
schaft nicht an Ansehen verloren. Bei den 


VERTREIBUNGEN 




BEDROHT UND 
VERTRIEBEN 


111 

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r A Odrlt 


IDj- 



VO'vtövWiOiQ t VC/f I 

Rassenwahn, Habgier 
undLondnaub . 

— von ökologischem , . 
Rmhtoßuyon BrtbMck- 
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lelscnv&r^ßndenem 
fvrtschri 





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> 











50 


Betriebsratswahlen im März 1922 bekamen 
sie fast die Hälfte der Stimmen und stellten 
somit 8 Betriebsräte ( Mengeder Zeitung, 
1.4.1922); 1924 verbesserten sie ihr Ergebnis 
und gewannen 8 von 11; 1926 als immer noch 
stärkste Gewerkschaft 6 von 15 Mandaten. 
(Staatsarchiv Münster , Der Syndikalist 20 , 
1926). 

Ein gelegentliches Zusammengehen mit 
den alten Genossen.schlossen sie jedoch nicht 
ganz aus. So feierten sie z.B. zusammen den 
1. Mai 1922. Wohl in der Hoffnung, »daß sie 
schließlich doch wieder zur besseren Er¬ 
kenntnis kommen würden, daß sie ohne ge¬ 
genseitige Hilfe im materiellen und morali¬ 
schen Sinne das Proletariat und die Mensch¬ 
heit nie zur Befreiung kommen können.« 
(Der Syndikalist 45,1922) 


gebliebene Gruppe«, wie sie Rösler später 
darzustellen suchte, war sie mitnichten. 

(Und jetzt ein kleiner Vorgriff: SF) 

In einem Rückblick auf ihre Geschichte 
faßte die Ortsgruppe der NSDAP Mengede 
(1933) die Gründungsphase aus Anlaß ihres 
11-jährigen Bestehens wie folgt zusammen: 
»Aber was nun? Die bürgerlichen Parteien! 
Waren sie geeignet, dem Arbeiter zu helfen 
und seine Interessen wirklich zu vertreten? 
Auch das erschien uns völlig ausgeschlossen 
. . . Es (das politische Bürgertum, A.M.) 
ahnte nicht einmal, daß, die Entscheidung 
nicht im Salon oder Parlament, sondern allein 
auf der Straße ausgekämpft werden müsse. 
Auch hatten wir in unserer marxistischen Pe¬ 
riode wenigstens das eine erkennen gelernt, 
daß durch die ganze jahrzehntelange liberali- 



ERICH MÜHSAM ZUM GEDÄCHTNIS 

l<)34 

Die Heranbildung der faschistischen Rich¬ 
tung in Mengede: 

Von der Wirtschaftlichen Einheitsorganisa- 
tion zur NSDAP 

Die »besseren Syndikalisten« hatten anfangs 
Erfolg mit ihrem Vorgehen. Sie konnten auf 
der Mitgliederversammlung vom 25.8.1921 
den Beschluß herbeiführen, daß die Mit- 
gliedsbeiträgc ab nun nach eignenem Ermes¬ 
sen bezahlt werden, die Mitgliedsbücher ab¬ 
geschafft und der »Syndikalist«, der für jedes 
Mitglied obligatorisch abonniert war, abbe¬ 
stellt würde. (Quelle: Brief von Rösler an Ka¬ 
ter) Wie stark ihr Einfluß war, zeigt daß von 
den 900 Mitgliedern »weit über 600 indiffe¬ 
rent geworden« waren. Eine »kleine zurück¬ 


stisch-kapitalistische Erziehung unserer Ar¬ 
beitgeber eine echte sozialistische Gesinnung 
geradezu unmöglich war. War doch der ganze 
Liberalismus nichts anderes als die der poli¬ 
tisch ungeschulten Masse des Volkes 
schmackhaft gemachte Glorifizierung des 
nacktesten und brutalsten Egoismus, der nur 
an sich, nicht aber an alle denkt. Wir wollten 
ja nicht Almosen, wie man sie uns in den so¬ 
zialen Einrichtungen gegeben hatte, sondern 
verlangten unser Recht auf eine menschen¬ 
würdige Existenz und unsern, durch unserer 
Hände Arbeit geschaffenen Anteil aus dem 
Ertrag der Produktion. Sozialistisch waren 
wir geblieben, aber wir hatten eingesehen, 
daß die Mittel des Marxismus grundfalsch wa¬ 
ren. So saßen wir zwischen den beiden Welt¬ 
anschauungen jener Zeit, ein Häuflein ver¬ 
zweifelter, um ihre heiligsten Überzeugungen 
betrogene Menschen. Aber ein Gutes hatten 


die Erfahrungen für uns gehabt: wir waren 
frei geworden von allen Illusionen und gingen 
mit klaren Köpfen an die Aufgabe heran: 
>Wie kann dem Arbeiter geholfen werden.< 
Denn den Kampf gaben wir trotz aller Er¬ 
nüchterung und Enttäuschung nicht auf. Um 
ganz neue Wege zu suchen, gründeten wir zu¬ 
nächst einmal eine neue Gruppe, die >Wirt¬ 
schaftliche Einheitsorganisatioiu.« (11 Jahre 
NSDAP in Mengede, (Dortmund), 1933, 
auch im folgenden zitiert; siehe auch Festaus¬ 
gabe der Mengeder Zeitung v. 6.8.1933) 


Aus der Reihe: 

Critica Diabolis 


Wolfgang Pohrt 

Zeitgeist 

Geisterzeit 

Kmntnradrr & Iiuii 



Über die Krise, die Wiederkehr 
des Verdrängten, die Lage der 
Nation, die Niederlage der Kul¬ 
tur, das Ende der Alternativen 
und die Perspektive der Linken. 
»Wer aber willens ist, sich in Ra¬ 
ge zu lesen und dennoch weiter¬ 
zudenken, wer bereit ist, die So¬ 
lidität seiner Glaubensfestung 
gegen einen brillanten intellek¬ 
tuellen Guerilla-Kämpfer zu te¬ 
sten, der sollte Pohrts Schriften 
dauerabonnieren.« 

Josef Joffe, in SZ vom 16.9. 86 
Pb., 176 Seiten, 24.- DM 


Die alte 

Straßenverkehrsordnung 

Dokument? der RAF 
MU IWtrJgm von 

W. Rohrt, K. Hartung, G. Gortil*. J, Bnihn. 
K.H. Rotfi, K. Biltmtwnn 



H.r.« 

IUMVI 


Über Gewalt und Politik von W. 
Pohrt; Überlegungen zur Ge¬ 
waltfrage von K. Hartung; Über 
die Normalität der Gewalt von 
G. Goettle; Über Randale und 
Revolution von J. Bruhn; Über 
die historische Bedeutung der 
RAF von K.-H. Roth; Über die 
Arbeit des Verdrängens von K. 
Bittermann. Texte der RAF: 
»Das Konzept Stadtguerilla« 
und Ȇber den bewaffneten 
Kampf in Westeuropa« 24,80DM 


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TIAMAT t 



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51 


Was die NS-Geschichtschreibung ver¬ 
schweigt ist die Phase zwischen der Ablösung 
von den »marxistischen Parteien« hin zur 
Einheitsorganisation. 

Die Ratlosigkeit nach ihrer Trennung von 
der FAUD stellt der NS-Bericht noch sehr 
anschaulich dar. Es ist anzunehmen, daß sie 
sich kaum konkrete Gedanken darüber ge¬ 
macht hatten, welcher Organisationsstruktu¬ 
ren sic sich nun bedienen wollten. Am 16.10 
~ 1 1/2 Monate nach der Spaltung - lud Ha¬ 
ferstroh zu einer Mitglieds-Versammlung der 
FAUD-(!!!)Mcngcdc ins Lokal Reinbach 
ein. Sie solle »reichlichen Stoff zur freien 
Aussprache bieten«, (...) Näheres überden 
Verlauf dieser Versammlung ist nicht zu er¬ 
fahren — eine Einigung führte sie jedoch 
nicht herbei. Dieses Friedensangebot zeigt je¬ 
doch, die Hilflosigkeit der »Neusyndikali¬ 
sten« und die Unfähigkeit bzw. den Unwillen 
der alten FAUD’Icr hierauf einzugehen. 



Dantes Inferno verblaßt neben den 
sadistischen Raffiniertheiten; 
die sieh die Henker des Hitler 

an Arbeitern und Freiheitskämpfern er¬ 
lauben. Laßt dle r welche schaudernd der 
Mordhfille entronnen sind, nicht zugrunde 
gehen I 

Spendet der Flflchtlfngshilfe! 

Postscheck Schweiz. Vorhand des Perso¬ 
nals Öffentlicher Dienste, VIII4895 

1933 

Einen Organisationsrahmen wollten sich 
die »Ncusyndikalisten« geben. Sie beschlos¬ 
sen zuerst nur mit Listen zu hantieren (Der 
Syndikalist 40 y 1921). Man vertrat die An¬ 
sicht, daß jeder an Beiträgen geben kann, was 
er will, nur nicht unter l.-Mark. Nach kurzer 
Zeit mußten jedoch schon Ausweiskarten 
herausgegeben werden. »Wer eine einmalige 
Zahlung leistet, bekommt eine Legitimation, 
um sich auf der Arbeitsstelle Ausweisen zu 
können.« Inzwischen nannten sie sich »Ar¬ 
beiterbörse FAUD-Mengede«, nachdem Na¬ 
men wie »Freibund«, »geistige Gemein¬ 
schaft« oder »menschliche Gemeinschaft« ab¬ 
gelehnt worden waren (Der Syndikalist 15 y 
1922) Mit dieser Namensgebung dokumen¬ 
tierten sic ihre weitere ideologische Zugehö¬ 
rigkeit zum syndikalistischen Spektrum.In- 
tcressantcrweisc führten sie in ihrem Namen 
aber nicht mehr das Wort »anarchistisch«, 
obwohl es ihnen doch laut Rösler um die »rei¬ 
ne anarchistische Lehre« ginge. Es ist anzu¬ 
nehmen, daß sie sich mit der alten FAUD im¬ 
mer mehr zerstritten — gerade nach der wohl 
erfolglos verlaufenen Veranstaltung vom 
16.10.1921. 


Trotzdem wurden sie als eigenständige 
Gruppe von den Linksparteien in Mengede 
ernstgenommen. Dies zeigt besonders ihre 
organisatorische Einbeziehung in ein lokales 
Mengeder Komitee »zur Wahrung örtlicher, 
wirtschaftlicher und kultureller Interessen«, 
welches sich im Dezember 1921 bildete. Au¬ 
ßer der »Arbeiterbörse« gehörtem diesem 
an: SPD, USPD, KPD, FAUD und die Frei¬ 
denker-Vereinigung. Ziel war es »für die Idee 
der Verständigung Propaganda zu machen« 
- der Versuch, eine Verschmelzung oder zu¬ 
mindest stärkere Zusammenarbeit der Links¬ 
gruppierungen am Ort herbeizuführen. Es ist 
anzunehmen, daß dieses Komitee sogar auf¬ 
grund ihrer Initiative hin zustande kam. Laut 
Rösler hätten sie nach der Trennung von der 
FAUD Mengede »zur Gründung einer Ein¬ 
heitsfront« aufgerufen. Weiter schreibt er: 
»Wir Syndikalisten . . . wollten auch jetzt 
nichts von den Außenseitern wissen.« 



Soll euer Schicksal der Schützengraben 
sein, in den euch der Faschismus 
peitscht! Für eure Zukunft gilt es zu 
kämpfen! Weckt den Geist der Frei¬ 
heit, der Solidarität, indem Ihr für die 
Opfer des Faschismus gebt und 
sammeltl 

die Sammellisten I 

Wandert von Haus zu Haus! Opfert 
selbst! 

Postscheck SPS. Bern 11! 1930 

1933 

Die Redaktion der SPD-Zeitung »Westfä¬ 
lische Arbeiter Volks-Zeitung« mahnte ihre 
Genossen dazu, »daß die Maßnahmen und 
die Tätigkeit des Komitees der Partei- und 
Gewerkschaftspolitik nicht zuwideriaufen 
(darf), andernfalls müßte man doch seinen 
Standpunkt als Parteigenosse und Gewerk¬ 
schafter hervorheben.« Demnach nahmen 
weder die Syndikalisten noch die SPD diese 
Einheitsfrontbestrebungen wirklich ernst. 

Es ist schwer einzuschätzen, welche Wir¬ 
kungen der Zerfall des Komitees auf die Ar¬ 
beiterbörse hatte. Ihr Vertrauen in die Link¬ 
sparteien dürfte jedoch vom Ausgang dieser 
»Einheitsfront aller Enterbten und Entrech¬ 
teten gegen die Reaktion« erheblich erschüt¬ 
tert worden sein. 

Denn erst jetzt, Anfang des Jahres 1922 , 
benannte sich die »Arbeiterbörse« um in 
»Einheitsfront der Zeche Adolf von Hanse¬ 
mann«. Genaues Material über die weitere 
Entwicklung dieser Einheitsorganisation liegt 
mir leider nicht vor. In der MS-Chronik wird 
diese Phase folgendermaßen Umrissen: 

»Diese neue Vereinigung sollte von allen 
bestehenden Parteien absolut freigehalten 


werden und als Sprungbrett dienen, um die 
Arbeitskameraden zu ganz neuen Ideen zu 
bekehren ... Es waren zunächst höchstens 
15 Mann, die sich zusammenfanden, um in 
langen Debatten nach neuen Mitteln zu su¬ 
chen. Innerhalb eines Jahres stieg jedoch die¬ 
se kleine Zahl auf 1500 . . . Bis zum Jahre 
1923 hat diese Organnisation bestanden. Ihr 
erster Führer war Ernst Kuhlmann , der jetzt 
als Pg. im Saucrlandc lebt.« 

Es scheint, daß mit dieser Gründung ein 
vorläufiger Schlußstrich zu den Linksgruppen 
in Mengede gezogen worden war. Wenn man 
einigen »Revolutionären der Zeche Adolf v. 
Hansemann« Glauben schenkt, so wurde die 
Einheitsorganisation bereits »mit gütiger Zu¬ 
stimmung der Zechenverwaltung gegründet« 
(Alarm 12ll3 y 1923) Sie diente demnach aller¬ 
dings als Sprungbrett - ins rechtsradikale La¬ 
ger. 

Mitte Mai 1923 benannte die Dortmunder 



Die Freiheit -“SS 

89 den faschistischen Henkersknechten, 
Indem ihr auf dem Altar der Freiheit opfert 

Spendet der Fldchtlingshilfe! 

Postscheck Schweiz. Verband das Perso¬ 
nals öffentlicher Dienste, VIII4695 


KPD-Zeitung die »Radikalinski-Einhcitsor- 
ganisation« als eine »fast faszistischc Organi¬ 
sation« (Westfälische Arbeiter-Zeitung v. 
15.5.1923) Zu diesem Zeitpunkt war die Ein¬ 
heitsorganisation auf der Zeche immer noch 
durch Betriebsräte vertreten. 

Überall im Ruhrgebiet bildeten sich 1922/ 
23 ühnlicheBOrganisationen. In Bochum- 
Weitmar der »Einheitsverband«, auf den 
Thyssen-Werken der »Wirtschaftliche Ein¬ 
heitsverband«, in Bielefeld, Herford und 
Minden ein »Wirtschaftsverband«. 

. Der alte Bergarbeiterverband warnte sei¬ 
ne Mitglieder eindringlich vor diesen Verbän¬ 
den. »Schickt die gelben Singvögel, mögen 
sie noch so süß flöten, gebührend nach Hau¬ 
se. Es sind alles verkappte Faszistcn.« ( Berg¬ 
arbeiter Zeitung 35 y 1.9.1923) 

Die Mengeder Einheitsorganisation hatte 
ihre Funktion als »Sprungbrett ... zu ganz 
neuen Ideen« bei ihrem Verbot 1923 schon 
erfüllt. Bereits im Frühjahr 1922 »wurden wir 
durch . . . Wilhelm Moog, Nette mit der Ju¬ 
denfrage bekannt gemacht.« Die MS-Chronik 
führt aus: 










5g 

»Während dieser Zeit wurden wir durch den 
verstorbenen Wilhelm Moog, Nette, mit der 
Judenfragc bekannt gemacht, Moog, der sich 
längere Zeit als Mitglied des »Völkischen 
Schutz- und Trutzbundcs< mit diesen Fragen 
beschäftigt hatte, wußte uns für das gänzlich 
neue Gebiet so zu interessieren, daß wir mit 
heißen Herzen und glühenden Köpfen bis tief 
in die Nacht hinein um all die dadurch aufge¬ 
worfenen Probleme rangen, bis wir endlich 
durch das bekannte Buch »Die Weisen von 
Zion« Klarheit erhielten . . . Gerade in jener 
Zeit erfuhren wir auch zum ersten Male von 
einer ganz neuen Bewegung, die im Süden 
unseres Reiches, in Bayern, von einem bis 
dahin vollständig unbekannten Menschen ins 
Leben gerufen war. Was uns davon zu Ohren 
kam, erschien uns so vertraut, daß wir nichts 
eiligeres zu tun hatten, als uns nach München 
zu wenden und um Material zu bitten. Das 
wurde uns auch bald zugestcllt. In fieberhaf¬ 
ter Eile wurde cs durchgearbeitet, und da - 
lag auf einmal der Weg klar vor uns. Das war 
ja das, was wir im tiefsten Herzen gefühlt hat¬ 
ten, ohne es jedoch in die richtige Form gic- 
| ßen zu können. Nun hatten wir den neuen 
j Führer, nun hatten wir Adolf Ilitlerl Am 15. 

; Oktober 1922 war der denkwürdige Tag, an 
] welchem die erste Ortsgruppe der NSDAP 
\ hier in Mengede ins Leben gerufen wurde. 

■ Am diesem Tage versammelten sich beim 
i Wirt Rcinbach (!, SF) an der Ammerstraße 
: folgende Männer: 

j W. Moog, F. Land, E. Poganaß, I. Grebens- 
j lein, F. Bartschat, A. Haferstroh, G. Horst, 
i B. Köhler, M. Ehrens, E. Mundt, O. Terto- 
| cha, K. Krause, H. Caspeler und P. Land. 

; Von diesen Vorkämpfern wurde die Orts¬ 
gruppe, wohl die erste im Industrie-Gebiet 
überhaupt , gegründet. Einige von ihnen hat¬ 
ten sich bereits früher als Einzelmitglicdcr 
der Partei in München angeschlossen.« (Kur¬ 
sive Hervorhebungen jeweils durch SF) 

Von diesen 14 Gründungsmitgliedern ka¬ 
men mindestens sechs aus der syndikalisti- 
j sehen Bewegung. Es waren keine »Mitläu- 
j fer«, sondern scheinbar überzeugte Svndika- 



Wenn Ich das Wort KULTUR höre, 
dann greife Ich zum REVOLVER! 

So spricht der literarische Führer der 
Brandsfifterhorden HANNS JOHST. 
Kannst Du dulden, da^ diese Schlächter¬ 
moral Weltgeltung erhaltet Das soll 
nicht selnl Darum hilf uns und gib für 
die Opfer der Revolverkultur! 
Postscheck Schweiz. Verband des Per¬ 
sonals öffentlicher Dienste, VIII 489J 


1933 


listen gewesen, die zum Teil auch führende 
Positionen in der FAUD eingenommen hat¬ 
ten: 

August Hafersfroh schloß sich schon recht 
frühzeitig der syndikalistischen Bewegung in 
Mengede an. Nach dem Kapp-Putsch 1920 
gehörte er der Unterstützungskommission 
der FAUD »für die Hinterbliebenen inhaf¬ 
tierter Genossen« an. Im August 1921 wird er 
als Mitglied in die Pressekommission ge¬ 
wählt. Josef Rösler bczeichnetc ihn später als 
den »Drahtzieher« der »Neu-Syndikalisten«. 
Nach der Spaltung hat er Kontakt zum Anar¬ 
chistischen Freibund. Er spendet noch 1922 
für den Alarm 500 Mark (Alarm 9, 1922), 
bricht mit diesem aber kurz darauf und ver¬ 
klagt Otto Adomat wegen Beleidigung. Er ist 
maßgeblich am Aufbau der »Einheitsorgani¬ 
sation« beteiligt. 



Er wollte Arbeit, 1932 


Georg Horst, gcb. 16.12.1884 in Hinterstei¬ 
nau (nach Dokumenten v.BKriischedt , Dort¬ 
mund) wurde am 28.11.1920 als 2. Vorsitzen¬ 
der in den Vorstand der FAUD-Mengede ge¬ 
wählt. 

Bernhard Köhler, geh. am 8.10.1883 in Spie¬ 
ßen. Auf der Generalversammlung vom 
28.11.1920 wurde er als 1. Schriftführer in 
den Vorstand der FAUD-Mengede gewählt. 
Paul Land, eh. Krajewski (1924 einge¬ 
deutscht), gcb. am 23.1.1897 in Wanne, 1916 
kurzfristig Soldat, Okt. 1916 zur Arbeit in die 
Farbenfabrik Leverkusen geschickt, zur Uni¬ 
on-Dortmund überwiesen. Schließt sich nach 
dem Krieg der syndikalistischen Bewegung 
an. (, . .) Wird nach 8-tügigcr Ehe für 3 Wo¬ 
chen verhaftet; als er rauskommt und den 
»Ehebruch« seiner Frau feststellt, macht er 
die »freie Liebe« der Anarchisten dafür ver¬ 
antwortlich. 

Franz Land, eh. Krajewski (1924 einge¬ 
deutscht), geb. 16.2.1896 in Langendreer, 
Volksschulbildung, Soldat von 1915—17, 
schwer verwundet, EK 2, Angehöriger der 
baltischen Landwehr, aktiver Kämpfer des 
Ruhrkampfcs während der französischen Be¬ 
satzung, Ortsgruppenlciter der NSDAP- 
Mengede, Goldenes Parteiabzeichen, Gau¬ 
redner, Ratsherr der Stadt Dortmund, Mit¬ 
glied des preußischen Landtages 1932-33, 
Mitglied des Reichtages ab 1933. 

Er gehörte nach eignenen Aussagen in den 
Jahren 1919 bis Ende 1920 der SPD und 
»auch der syndikalistischen Bewegung an«. 


»Ende 1920 bin ich aber aus beiden Organisa¬ 
tionen ausgetreten und habe auch sofort Be¬ 
ziehungen zur NSDAP aufgenommen und 
zwar Mitte 1921.« (Nach Dokumenten von 
Krüschedt , Dortmund) 

Sofort nach Gründung der NSDAP wer¬ 
den neun weitere Mitglieder aufgenommen. 
Unter ihnen auch Anfon Gosch, 1920 1. Vor¬ 
sitzender der FAU-Westerfilcle, wenig später 
aber »wegen Veruntreuung von Solidaritäts¬ 
geldern ausgeschlossen«. 

Die Entwicklung eines Teils der aktiven 
syndikalistischen Bewegung in Mengede läuft 
nach ihrer Spaltung, anders als z.B. in Lüt¬ 
gendortmund oder Brackei, wo sich die ge¬ 
samten Ortsgruppen der FAUD im Oktober 
1921 dem Anarchistischen Freibund an¬ 
schlossen, steil abwärts ins national-revolu- 
tionäre-konservative Lager. Obwohl fast völ¬ 
lig identische Kritikpunkte, wie sic der Frei¬ 
bund gegenüber der FAUD äußerte bestan¬ 
den. (Mitgliedsbücher etc.) 

[Wohl nur formal, meine Interpretation 
wäre: vermutlich ging cs darum, die positiven 
Erfahrungen der Einheitsfront gegen den 
Kapp-Putsch zu verlängern, aus der Spaltung 
und dem Parteien- und Organisationsegois¬ 
mus, der ja auch später einen wirkungsvollen 
Antifaschismus verhinderte, lierauszukom- 
men. Als dies schief lief, folgte eine zweite in¬ 
nerliche und organisatorische Distanzierung 
von der gesamten Linken, als Konsequenz 
scheinen sie dann auf die angeblich »neue« 
»sozialistische« Nazibewegung re ingefallen 
zu sein bzw. haben dieser wohl in manchem 
entsprochen (Schwergewicht auf Straßen¬ 
kampf, mit Volkswohl verknüpfte Sozialis¬ 
musvorstellungen etc. Eine genaue Analyse 
wäre schon deshalb wünschenswert, weil 
auch später Anarchistcn/Anarchosyndikali- 
sten zur SA übergetreten sind und hierbei die 
Nationalisierung und Militarisierung der al¬ 
ten Organisation (KPD), die für die Übertrit¬ 
te von ganzen »Rot Frontkämpferstünnen« 
als Erklärung herangezogen wird, nicht 
greift. Wolf gang Haug\ 



haben die Satane des Görlng 
nicht geschont. Mensch! chkelt 
Ist Ihnen fremd I Sei Du denn 
menschlich und gib für die Opfer 
des Faschismusl auch wenn es 
wenig Ist, uns hüll es viel. 

Postscheck Sch welz.Verband d esPer- 
sonals Öffentlicher Dienste VIJ 4895 

1933 










53 


Die Brücke ins rechtsradikale Lager stellte 
Wilhelm Moog dar. Er war einer der sehr sel¬ 
tenen rechtsradikalen Arbeiter dieser Zeit — 
sicherlich der einzige auf der Zeche Hanse¬ 
mann. Seine Mitgliedschaft im Schutz- und 
Trutzbund dürfte er wohl nicht an die große 
Glocke gehängt haben, er hat aber augen¬ 
scheinlich versucht, Bergleute für seine Ideen 
zu agitieren. Oft rückte ersieh bei Beleg- 
schaftsvcrsammlungen in den Vordergrund 
und ergiff das Wort. (Staatsarchiv Münster , 
z.B. Versammlung v . 4.1.1920) Er machte 
sich das ideologische Vakuum der neugebil- 
deten Einheitsorganisation zunutze. 

Bereits Anfang Mai 1922 stellte die politi¬ 
sche Polizei ein Auftreten der NSDAP im 
Raum Westerfilde fest. »Schätzungsweise ge¬ 
hören der Partei 10 Personen an. Vorsitzen¬ 
der ist der Bergmann Wilhelm Moog aus Net¬ 
te.« ( Staatsarchiv Münster) Laut »Völki¬ 
schem Beobachter« vollzog sich die Grün¬ 
dung der NSDAP-Mcngede bereits am 
10.6.1922. Moog wurde sofort ihr erster Füh¬ 
rer. ( Völkischer Beobachter , 17.6.1922) 



SA in der Friedrichstrasse, 1934 


Doch zurück zu den Ex-Faud-Genossen: 

Die beiden Brüder Paul und Franz Land wa¬ 
ren nur für eine relativ kurze Phase Mitglie¬ 
der der FAUD gewesen: Schwer verwundet 
zurückgekehrt, erlebt Franz Land die Unru¬ 
hen 1918/1919 im Bergbau und kurz darauf 
die Lcbensmittelkrawalle und die machtvol¬ 
len Demonstrationen der Arbeiterschaft und 
schließt sich der radikalsten Gruppe, den 
Syndikalisten, an. Er wird zugleich Mitglied 
der SPD, also jener Gruppe, welche in offe¬ 
ner Gegenerschaft zur radikalen Bewegung 
stand. Er dürfte also einerseits von der Bewe¬ 
gung mitgerissen worden sein, sich von einer 
radikalen Umwälzung der Gesellschaft neue 
Lebensperspektiven erhofft haben. Anderer¬ 
seits empfand er diese Situation wohl als be¬ 
drohlich - es war ja nichts als eine spontane 
Massenäußerung —, so daß er dem damaligen 
Garant für Sicherheit und Ordnung, der 
SPD, beitrat, die zum Arbeitsfrieden auffor¬ 


derte, um die Revolution »Stück für Stück« 
zu verwirklichen. 

Sein Bruder Paul dürfte den Wunsch nach 
klaren Verhältnissen u.a. aus seiner »Ehe- 
bruch«-Erfahrung abgeleitet haben. 
»Sozialistisch waren wir geblieben , aber wir 
hatten eingesehen, daß die Mittel die Mittel des 
Marxismus grundfalsch waren«. Die »Mittel« 
gelten wohl als Oberbegriff für »Streik, Freie 
Liebe, Selbstbestimmung usw.« 

(Auffallend ist, daß sie als »Marxismus« 
bezeichnet werden und nicht als das, was sic 
sind — »Anarchosyndikalismus«; eine Inter¬ 
pretation wäre, daß sie »gegen den Marxis¬ 
mus« schon immer waren und so für sich 
selbst eine Scheinkontinuität aufrichteten; ei¬ 
ne andere, daß für Faschisten eh immer alles 
gleich »rot« ist, keine Unterschiede mehr ge¬ 
macht werden, wh) 

Anstatt sich z.B. mit der freien Liebe aus¬ 
einanderzusetzen, flüchten sie sich in einen 
rigiden Männcrvercin mit zentralistischem 
Aufbau statt der föderalistischen-Struktur der 
Syndikalisten. So hatte die Ortsgruppe der 
NSDAP sofort einen »ersten Führer« (Moog) 
und einen »obersten Führer« (Adolf Hitler), 
als deren »schlagkräftiges Instrument« sic 
sich begriffen. »Jedes Mitglied wurde durch 
Handschlag zum Gehorsam verpflichtet.« 
(NS-Chronik) 

(. . .) Politische Dogmen traten an die 
Stelle der anarchistischen Ideenvielfalt. »Ne¬ 
bel und Wolken verflüchtigten sich - das jü¬ 
dische Volk wurde zur >Wurzel alles Übels 
der Welt<« erklärt. 

Kann man sich den politischen Weg der 
Brüder Land, wie auch den von Gosch so 
noch notdürftig erklären, ist dies für August 
Haferstroh (und die anderen) nicht ausrei¬ 
chend. Man kann davon ausgehen, daß er 
sich mit den Ideen des Anarchismus und Syn¬ 
dikalismus eingehend beschäftigt hatte. 
Schon im Mai 1920veröfffentlichte der »Syn¬ 
dikalist« einen Beitrag zum Kapp-Putsch von 
ihm, der für ein recht hohes politisches Be¬ 
wußtsein spricht. Er‘nimmt Stellung gegen 
das taktische Vorgehen der Parteifunktionä¬ 
re, welche die Arbeiter nur für ihre Ziele, 
Kapp zu beseitigen, mißbraucht hätten. Nun 
würden sie die Arbeiterschaft wieder zersplit¬ 
tern und verheizen. Er beklagt die bewaffne¬ 
ten Kämpfe der Arbeiterschaft in den März¬ 
tagen und fordert auf, sich wieder auf die syn¬ 
dikalistische Waffe »die geistige Aufklärung, 
die wissenschaftliche Schulung und die wirt¬ 
schaftlichen Kampfmittel« zu besinnen. Hier¬ 
mit teilte er auch die Position der Berliner 
Geschäftskommission der FAUD (Kater, 
Rocker, Souchy usw.), welche den bewaffne¬ 
ten Kampf verurteilte. 

Obwohl er keine Vorstandsfunktionen in¬ 
nehatte, ist er augenscheinlich in der FAUD 
recht aktiv. Er nimmt auch Kontakt zum An¬ 
archistischen Freibund auf und abonniert den 
Alarm. Es ist anzunehmen, daß er in Frei¬ 
bund-Richtung versuchte, die Strukturen der 
FAUD positiv zu verändern. So liegt es auch 
nahe, daß er sich deshalb nie in den Vorstand 
der FAUD wählen ließ. »Führer« und »Par¬ 
teigötzen« lehnte er ab - sie würden nur zu 
ihren eigenen Gunsten in ihre eigene Tasche 
arbeiten. Er beendet seine Korrspondenz mit 
dem Satz: »Wer mit dem Leben spielt, 
kommt nie zurecht, wer sich nicht selbst be¬ 
fiehlt, bleibt immer Knecht.« ( Der Syndika¬ 
list 12,1920) 

Sein Überwechseln ins rechtsradikale La¬ 
ger geschah voll bewußt! Sämtliche rechtsra¬ 
dikale Versammlungen wurden in dieser Zeit 
sofort von linksradikalen Genossen ge¬ 
sprengt. (vgl. Versammlungsbericht NSDAP 



4.5.22 oder antisemitische Versammlung, Tei- 
noldushof 22.3.22) Auch von der Grün¬ 
dungsversammlung in Mengede hatten einige i 
SPD und USPD-Mitgliedcr gehört und ver¬ 
sucht, diese zu verhindern. Da es jedoch nur j 
4 Personen waren, konnten sie ohne großes 
Aufheben vor die Tür gesetzt werden. 

Nachbemerkung: j 

Noch immer liegen die Beweggründe dieses j 
»Szenenwechsls« im Dunkeln. Ich konnte 
bislang nur den äußeren Hergang dieses ! 
.Schauspiels darstellen, ohne das »Warum« • 
beantworten zu können. Das liegt sicherlich 
nicht zuletzt daran, daß sich meine Recher- i 

chen bislang nur auf »totes« Archivmatcrial 
beschränken. Und das entstellt und verfälscht 
oft den »wahren« Sachverhalt. Letztendlich i 

liegt es an den Menschen, die ein Stück dieser j 
Geschichte - als Beteiligte oder »Zuschau¬ 
er« — selber mitverfolgen konnten, ein wenig 
Licht in die Beweggründe dieser Leute zu I 

werfen, die einen Weg über den Anarchosyn¬ 
dikalismus bis hin zum Hakenkreuzlertum 
gegangen sind. Kontakt zum Thema: An¬ 
dreas Müller , Willem van Vlotenstr. 55, 4600 
Dortmund. . 1 

























Der arme 


von Heinz Hug 


Vom Vormärz zum Haymarket 

In einer Zeit der gewaltigen Bedrohung des 
Menschen durch die Allmacht von Institutio¬ 
nen und schwer faßbaen Kräften, auch einer 
allgemeinen Resignation, hätte die Aufarbei¬ 
tung anarchistischer Traditionen eine beson¬ 
dere Bedeutung. Außer Arbeiten zum spani¬ 
schen Anarchismus erschienen in der letzten 
Zeit aber nur wenige derartige Bücher. Ver¬ 
dienstvoll ist es deshalb, daß die Frankfurter 
Journalistin Ulrike Heider ein Porträt der be¬ 
rühmten, in Detroit erschienenen Emigran¬ 
tenzeitschrift »Der arme Teufel« und ihres 
Begründers und Herausgebers Robert Reit- 
zel (1849-1898) geschrieben hat. 

Verdienstvoll ist diese Publikation auch 
deshalb, weil im Anhang Texte von und über 
Reitzel abgedruckt werden, auch wenn die 
Auswahl einseitig erscheint, machen doch ne¬ 
ben autobiografischen Schriften Texte zur Se¬ 
xualität und Frauenfrage den Hauptteil aus. 
Daß Heiders Interesse bei Reitzeis Stellung¬ 
nahmen zur freien Liebe und zum Feminis¬ 
mus liegt, wird auch im Darstellungsteil deut¬ 
lich. Nicht zu unrecht, muten diese heute 
doch äußerst revolutionär an. Der Autorin 
gelingt dies deutlich zu machen, indem sie die 
Stellungnahmen des »armen Teufels« den da¬ 
mals üblichen Betrachtungsweisen, auch den¬ 
jenigen der eher rückständigen Sozialisten, 
gegenüberstellt. Zwar muß die von Heider 
betonte Einbettung von Reitzels Denken und 
Handeln in die übrigen kulturellen Strömun¬ 
gen seiner Zeit positiv hervorgehoben wer¬ 
den, doch insgesamt entsteht ein mangelhaf¬ 
tes und verzerrtes Bild dieses bedeutenden, 
undogmatischen Anarchisten der deutschen 
Emigrantenkreise in den USA der Jahrhun¬ 
dertwende. Dafür sind verschiedene Ursa¬ 
chen zu nennen. 

Die Zeit der monumentalen Biografien 
»großer« Persönlichkeiten (meistens waren 
es Männer) ist in der Histografie vorbei; in 
bezug aufs Methodische besteht heute eine 
erhebliche Unsicherheit. Zurecht stellt sich 
die Frage, ob Geschichtsdarstellung in Form 
von Biographien der Sache überhaupt ge¬ 
recht werden kann, als zu komplex muß aus 
der heutigen Sicht die Beziehung von Einzel¬ 
persönlichkeit und geschichtlicher Entwick¬ 


lung gesehen werden. So ist denn auch Hei¬ 
ders Studie über Reitzel in methodischer Hin¬ 
sicht völlig konzeptlos. Zwar stellt sie den 
Herausgeber des »armen Teufels« nicht iso¬ 
liert dar, doch die Bezüge zu seiner Zeit blei¬ 
ben oberflächlich, auf die tragenden histori¬ 
schen Entwicklungen finden wir keine Hin¬ 
weise. Beispielsweise hebt Heider lobend 
hervor, daß Reitzel jene Wende vieler Link¬ 
sintellektueller und Sozialisten zur »>neuen< 
antipolitischen, romantischen und elitären 
Schwärmerei« in den 90er Jahren nur ansat¬ 
zweise mitmachte, von den sozioökonomi- 
schen Bedingungen dieser Wende allerdings 
ist nichts zu lesen. Heider läßt es bei einer 
moralisierend-tadelnden Darstellung bewen¬ 
den. Das Buch besteht vorwiegend aus einem 
essayistischen Zusammentragen von mehr 
oder weniger wichtigen Informationen über 
Reitzel und seinen »armen Teufel«. Zur me¬ 
thodischen Mangelhaftigkeit gehört auch ein 
nachlässiger Umgang mit den verwendeten 
Begriffen. Reitzel wird als Bohemien be¬ 
zeichnet, doch was für eine Lebensweise, 
welche soziale Kategorie die Autorin mit die¬ 
sem Begriff verbindet, wird nirgendwo klar. 



Der neue ARME TEUFEL mit Illustrationen von Fidus. 


Teufel — 

Robert Reitzel 



Auch formale Schwächen fallen auf: Ein 
Literaturverzeichnis beispielsweise fehlt - 
keine Nebensächlichkeit: besieht man die 
Anmerkungen genauer, so fällt ein recht be¬ 
denkenloser Umgang mit den Quellen auf. 
Da gibt es (wenig) ungedrucktes Material 
(ausdem Stadtarchiv Schopfheim, Reitzels 
Geburtsstadt); Reitzel wird aus dem »armen 
Teufel« zitiert, häufiger jedoch aus bereits 
früher zusammengestellten Werkausgaben. 
Wichtiger jedoch, daß Heider sich bei den 
meisten von Reitzels Zeitgenossen — die 
»Jungen«, Nietzsche, Stirner, Panizza etc., 
(sie spielen in der Darstellung eine erhebliche 
Rolle, zeichnet Heider ihr Reitzel-Bild doch 
zu einem großen Teil aus seinen Beziehungen 
zu diesen Menschen) — auf eher zufällig aus¬ 
gewählte Sekundärliteratur abstützt. Dies 
fällt insbesondere bei Stirner ins Gewicht, 
hier übernimmt sie unbesehen die Thesen des 
rabiaten Anarchisten-»Kritikers« Hans G. 
Helms. So gelangt Heider zu sehr zweifelhaf¬ 
ten Beurteilungen, und schnelle, oberflächli¬ 
che Deutungen hat sie alleweil zur Hand, 
nicht nur wenn sie schreibt: »Sein Engage¬ 
ment für freie Liebe und gegen bürgerliche 
Moral war ein Reflex auf die kindliche Hilflo¬ 
sigkeit dem mütterlichen Schicksal gegen¬ 
über.« 















Nicht nur Sorglosigkeit und Unklarheit in 
den Beurteilungen würde ich der Autorin 
vorwerfen, auch eine Eindimensionalität ih¬ 
res Denkens. Deutlich wird sie in der Darstel¬ 
lung von Reitzcls Antiklerikalismus. Sein Zu¬ 
rückgreifen auf Christus und auf Elemente 
des Urchristentums steht für Heider in Wi¬ 
derspruch zu seiner Religionskritik, sie inter¬ 
pretiert es als ein bewußtes, trickreich-agi¬ 
tatorisches Anknüpfen ans christliche Bil¬ 
dungsgut. Daß das Christentum auch sozial- 
revolutionäre Elemente enthält, scheint Hei¬ 
der fremd zu sein. Noch augenfälliger wird 
eindimensionales Denken, wenn es um das 
von John Henry Mackay vermittelte Verhält¬ 
nis Reitzcls zum Individualanarchismus, bzw. 
um diese Komponente des libertären Sozia¬ 
lismus überhaupt geht. Mackays Weg vom 
Sozialisten zum Individualanarchisten be¬ 
schreibt Heider schlichtweg als eine Wen¬ 
dung von links nach rechts, und dann bedau¬ 
ert sie, daß die Anarchistinnen offenbar nicht 
ein Denkvermögen wie sie selber hatten: Die 
arme Emma Goldman »fiel auf Mackay her¬ 
ein und deutete seinen neuen Individualismus 
ins Progressive um. « Gerade bei Reitzel wird 
deutlich, welche Bedeutung stirnerianisches 
Denken hat, etwa in jenem Satz, den Heider 
zitiert, ihn jedoch als »falsche Stirnerinterpre- 
tation« bekrittelt: »Nur der höchste Egoismus 
kennt die höchste Wollust, nur er kennt im 
geschlechtlichen Genüsse die Liebe, nur er 
findet weit höhere Lust als in der eigenen Be¬ 
friedigung in der Beglückung des Anderen.« 
Gerade heute wäre es dringend, die Bedeu¬ 
tung Stirners für den Anarchismus zu über¬ 
denken, zu sehr haben uns geschichtliche Er¬ 
eignisse vor Augen geführt, zu welchen Kon¬ 
sequenzen die Mißachtung des Individuums 
— auch bei humanistischen Zielsetzungen — 
führen kann, welche Wichtigkeit dagegen 
starken Persönlichkeiten innerhalb jeder So¬ 
zialität zukommt. 

Unter den heutigen Umständen kann es 
nicht um die Frage gehen, welcher Anarchis¬ 
mus der richtige sei. Einer, der immer wieder 
das grundsätzliche des Anarchismus zu fassen 
und die verschiedenen Tendenzen zu vereini¬ 
gen sich bemühte, war Erich Mühsam. In sei¬ 
ner unvollendeten »Abrechnung« mit der Po¬ 
litik, die zum Ersten Weltkrieg führte, heißt 
es einmal in bezug auf das, was jemand von 


MEbBbb* 




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% 


den Anarchisten lernen kann: »Bei Pierre Jo¬ 
seph Proudhon werden ihm die Methoden, 
auf die alles staatliche Dasein gestützt ist, of¬ 
fenbar werden, und zugleich wird ihm der 
weitschauende Franzose das Bild des Sozia¬ 
lismus zeigen, wie es durch das Temperament 
eines Anarchisten gesehn ist. Im Feuergeist 
Michael Bakunin wird er den Wahn aller Au¬ 
torität zerstieben sehn, und diegewaltige Ge¬ 
ste des russischen Revolutionärs wird ihm die 
Axt schleifen, die den morschen Baum der 
Staatsknechtschaft fällen soll. Von dessen 
Landsmann Peter Kropotkin wird er lernen, 
wie gut der Boden der Erde bereitet ist, um 
die neue Saat freier Arbeitsgemeinschaft hin¬ 
einzulegen, wenn wir nur erst anfingen, statt 
für den Profit des Unternehmers für den eige¬ 
nen Verbrauch zu schaffen. Den Wert der 
Persönlichkeit in ihrer individuellen Beson¬ 
derheit wird ihn der Deutsche Max Stirner er¬ 
kennen lassen, dessen trotzigen Anarchismus 
er sich eingehen lassen mag, um der Versu¬ 
chung zu widerstehen, soziale Umwälzungen 
doch wieder im demokratischen Bevollmäch¬ 
tigungsverfahren zu verwässern.« 

Ulrike Heider: Der arme Teufel. Robert Reit¬ 
zel - Vom Vormärz zum Haymarket y Bühl: 
Elster Verlag 1986 , 194 S. 


Anmerkung der Redaktion: Wer sich nun wieder 
für Max Stirner interessiert: Bernd A. Laska hat im 
1986 LSR-Vcrlag, PF 3002, 8500 Nürnberg-1 einen 
Band mit Stirner Schriften neu ediert: Max Stirner 
— Parerga, Kritiken, Repliken. Ausgcwähll wurden 
dabei Schriften zu Schulgesetzen und zur Religion. 
Der Band enthält Anmerkungen zu den Texten, 
doch leider kein erläuterndes Vor- oder Nachwort 
zur Auswahl, zu Stirner bzw. zur Bedeutung seiner 
Gedanken oder eine Begründung für seine erneute 
Rezeption. 

Auch von Ulrike Heider erschien 1986 ein weiterer 
Band, der nebenbei ein wenig ihr oben kritisiertes, 
einseitiges Interesse an Robert Reitzel erhellen 
mag. Im Rowohlt-Taschcnbuch-Vcrlag gab sic her¬ 
aus: »Sadomasochisten, Keusche und Romantiker — 
Vom Mythos neuer Sinnlichkeit«. In ihrem für das 
Buch zentralen eigenen Beitrag »Freie Liebe und 
Liebesreligion« gibt sic eine Darstellung der Scxua- 
litätsauffassungcn in der Linken von den 60er Jah¬ 
ren bis heute und wendet sich engagiert gegen eine 
Tendenz (vertreten u.a. vom Tübinger »Konkurs¬ 
buch«), die u.a. Sadomasochismus - wegen der Be¬ 
freiung aus Tabus - als positive Sclbstvcrwirkli- 
chung verkauft: »Was sich da als fortschrittlich an¬ 
bietet , ist die rationalisierte Rechtfertigung des Rück¬ 
schritts.« Reinbek 1986,267 S., 12,80 DM. 


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Kurzes 


* Erich Mühsams Grab gefährdet! ~ Noch gibt cs 
das Grab Erich Mühsams in Berlin-Dahlem. Er¬ 
reichbar ist der Wald-Friedhof bei der US-Kolonie 
am Hüttenweg mit der Linie 1 des Busverkehrs. Das 
Grab: Abt 2 A, Nr. 144. 

Doch die Einebnung ist für 1987/88 geplant. 
Wenn es nicht gelingt genügend öffentlichen Druck 


auf die Zehlendorfer CDU auszuüben, wird cs nicht 
mehr lange zu besuchen sein. 1983 hat die CDU ei¬ 
nen SPD-Antrag abgewiesen, der das Grab Erich 
Mühsams zum Ehrengrab erklären wollte, damit cs 
vor einem Verschwinden geschützt gewesen wäre. 
1984 richtete der Senat mehrere Ehrengräber ein, 
darunter auch welche in Berlin-Zehlendorf. Müh¬ 
sams Grab wurde bewußt ausgcklammcrt; die mach¬ 
tarrogante »Argumentation« der CDU zunächst: 
»in Zeiten hoher öffentlicher Verschuldung habe 
man aüch die Kosten einer Grabpflcgc zu beden¬ 
ken«; später wurden die CDU-lcr deutlicher: 
»Schließlich sei Mühsam Anarchist gewesen, (...) 
dann könne ja auch jeder Rechtsextremist kommen 
und ein Ehrengrab für sein Idol beantragen« (in die¬ 
sem Zusammenhang fiel sogar der Name von dem 
ermordeten SA-Führcr Rohm). 

Wir sollten etwas für Mühsams Grab tun! Wer 
bürgerliche Initiativen ergreifen will und kann, fin¬ 
det in diesem Fall Bündnispartner in der Zehlendor¬ 
fer SPD (in der AL?) und in der Akademie der Kün¬ 
ste. 

* Aus obigem Anlaß noch ein Hinweis: 30 Texte 
Erich Mühsams (darunter der Revoluzzer, Die Phili¬ 
ster, Anarchisterich, Sich fügen, heißt lügen, Auffor¬ 
derung zum Tanz) hat Dieter Süverkriip auf einer 
LP aufgenommen. 

SüverkrüpIWalter Andreas Schwarz: »Erich Müh¬ 
sam / Ich lade Euch zum Requiem, pläne 88502 









Bücher 


Die alte Straßenverkehrsordnung, Dokumente der 
RAF - Mil Beiträgen von W. Pohrt, K. Hartung, 
G. Gocttlc, J. Bruhn, K.H. Roth, K. Billermann 
(Edition Tiamat, Berlin 1986 , siehe auch Anzeige in 
dieser Nummer) 

Auf der Buchmesse entdeckte ich beim Tiamat-Ver¬ 
lag den gerade erschienenen Band »Die alte Stra¬ 
ßenverkehrsordnung«. Nicht, weil ich leidenschaft¬ 
licher Autofahrer bin, griff ich zu dem Buch, son¬ 
dern eine trübe Erinnerung aus fast vergessenen 
Zeiten ließ mich ein Exemplar zur Hand nehmen. 
Ich hatte anno dazumal (1971) davon gehört, daß 
Horst Mahler eine Broschüre im Knast geschrieben 
hat mit dem Titel »Die neue Straßenverkehrsord¬ 
nung«. Erst nachdem sic im linken Buchhandel be¬ 
schlagnahmt worden war, stellte sich heraus, daß 
die Täuschung gelungen war. Die neue Straßenver¬ 
kehrsordnung erschien später unter ihrem richtigen 
Titel: Ȇber den bewaffneten Kampf in Westeuro 
pa«, Autor: Kollektiv RAF. 

Die verschiedenen Beiträge des Tiamat-Bündchens 
setzen sich trotz unterschiedlicher Einschätzung zur 
Stadtguerilla aus einer gemeinsamen Erkenntnis zu¬ 
sammen: Der RAF und ihrer historischen Bedeu¬ 
tung gerecht zu werden. In diesem Sinn ist die Viel¬ 
falt der Argumentation aller Autoren, einschlie߬ 
lich einiger RAF-Dokumente vom Anfang der 70er 
Jahre, eine differenzierte Haltung gegen die in 
Buch, Film und Fernsehen rcißcrisch-hlutigc De¬ 
nunziation eines Herrn Aust. 

Die geübte Kritik an Theorie und Praxis der RAF 
und ihrer Entwicklung, überhaupt die der Protest¬ 
bewegung, wird nicht aus'dem Kontext eines impe¬ 
rialistischen BRD-Staatcs hcrausgclöst, der ohne 
Bruch nach 45 auf dem Verhältnis von sozialer 
Ausgrenzung und staatlicher Willkür, allerdings 
verfeinerter, basiert. 

Die alte Straßenverkehrsordnung ist ein akzcntucl- 
ler, politisch wichtiger Beitrag, dessen Horizont im 
Denken und Handeln in Widersprüchen subversiv 
ist, ein Versuch gegen die traditionell verdrängende 
Eindeutigkeit, die in der deutschen Geschichte »das 
Feld beherrscht«. 

Herhy Stichs 




So wenig Gustav Landauers Werk heule rezipiert 
wird, so wenig galt dies zu seinen Lebzeiten: er war 
wohlbekannt und wurde gelesen. Sein Denken, vor 
allem geprägt von Pierre Joseph Proudhon, Peter 
Kropotkin und Leo N. Tolstoj, nahm Einfluß auf das 
Wirken Martin Bubcrs, Erich Mühsams, Rudolf 
Rockers, Walter Benjamins, Albert Camus’ und vie¬ 
ler anderen, auch auf diegenossenschaftlichc Sied- 
lungsbewcgung in Palästina/Isracl. [Über deren 
staatsvorbercitendc Funktion und deren rassistische 
Ausgrenzungspolitik gegenüber den Palästinensern 
wird in einem der kommenden SF anhand von Au¬ 
gustin Souchys »Reise durch die Kibbuzim« (Trolz- 
dem-Vcrlag) eine selbstkritische und von außen (Ka 
ram Kella vom Theorie und Praxis Verlag Hamburg) 
kritische Auseinandersetzung folgen; SF] 

In jüngster Zeit - seit etwa zwanzig Jahren - bc 
steht wieder ein langsam steigendes Interesse an sei 
nen Büchern und Aufsätzen, was nicht zuletzt auch 
mit der Suche nach gemeinschaftlichen Alternativen 
zur bestehenden IndustricgcscIIschaft zusammen 
hängt. 

Gustav Landauer, der am 2. Mai 1919 am Ende 
der bayrischen Rcvolutionscrcignissc auf grausame 
Weise ermordet wurde, hatte seit den neunziger Jah 
ren des letzten Jahrhunderts in Novellen, einem Ro 
man und vor allem zahlreichen philosophisch-politi¬ 
schen Essays für einen humanen, antiautoritären 
Sozialismus geschrieben. Daneben galt er als charis | 
malischer Redner. mm 

Die neueste Veröffentlichung Signatur g.I. — Gn-M|| 
stav Landauer im »Sozialist<, Aufsätze über Kultur ;JP®P 
Politik und Utopie (1892-1899), herausgegeben und'j^^ 
mit einer Einleitung von Ruth Link-Salinger (Hym-wtm 
an), Edition Suhrkamp 113, Frankfurt 1986, 377 S., 

18.-DM gibt einen umfassenden Überblick über sci-B{ 
ne politisch-publizistische Tätigkeit an der von ihm Jpi 
im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts mit-H^ 
herausgegebenen politisch-radikalen Zcitschriftfflti 
»Der Sozialist«. [Den Landauer später als anarcho-HB 
sozialistische Zeitschrift wicdcrbclcbte, SF] LicslJgB 
man diese vor annähernd einhundert Jahren vcrfaß-HB 
len, erstaunlich aktuellen Aufsätze zu tagespolili-HB 
sehen Themen, aber auch über grundsätzliche nhilo-Bi 
sophische Fragen z.B. des Anarchismus, der KulturHR 
usw., so offenbart sich das Bild eines Qucrdcnkcrs 
und unermüdlichen Aktivisten, der schon in jungen 
Jahren als einer der einflußreichsten Personlichkei- ISj 
len und philosophischen Köpfe sowohl des dcul-ü ^ 
sehen, als auch des europäischen Anarchismus im I 
msgehenden 19. Jahrhundert zu betrachten ist. { ' 

SicghcnWol/m 


Opiumkrieg 

So wie heute die drei Nachfolger der ehemali¬ 
gen IG Farben (bei uns in der Anwendung 
längst verbotene) Pestizide in die — inzwi¬ 
schen zur »3.Welt« avancierten ehemaligen 
Kolonien exportieren, um damit wertvolle 
Rohstoffe einzuhandeln, so war es vor 150 
Jahren in China das Opium, mit dessen Hilfe 
es dem westlichen Imperialismus gelang, in 
das brüchig gewordenen zweitausendjährige 
chinesische Reich cinzudringen und. cs für 
den »freien Welthandel« zu erobern. Heute 
wie damals hatten die europäischen »zivili¬ 
sierten« Nationen den alten Kulturvölkern, 
die sie mit Waffengewalt überrannten, für de¬ 
ren wertvolle Produkte (Gewürze, Porzellan, 
Seide) und Rohstoffe (Gold, Silber, Öl, Edel¬ 
hölzer) im Austausch nichts Besseres anzu¬ 
bieten als Drogen (Whiskey und Opium), 
Abfallprodukte (Glasperlen und Coca-Cola), 
Waffen, Umweltgifte und deren Produktions¬ 
stätten sowie jede Menge hierarchische Fort- 

I J Schrittsideologie, die stets im Recht des Star- 
fj keren mündete und dauerhaft die gcwachse- 
I nen sozialen Bindungen und Produktionswci- 
^ : sen zerstörte. So sicherte und sichert man sich 
||| hierzulande nun schon jahrhundertelange 
S1 Abhängigkeit und damit dauerhafte Profite. 












killl 














1 


Der österreichische Schriftsteller Rudolf 
Brunngraber (1901-1960) schildert diesen 
Prozess des Eindringens und Ausbeutens, 
durch den die Weltherrschaft des westlichen 
Kapitals erst möglich wurde, exemplarisch in 
seinem 1939 veröffentlichten - und jetzt in 
der Reihe Q vom Verlag Edition Nautilus 
(Hassestr.22 , 2000 Hamburg-80) neu aufge¬ 
legten — Tatsachenroman »Opiumkrieg«. 
Das Buch war gleich ein Renner (bis 1943 wa¬ 
ren bereits 166 000 Exemplare aufgelegt), 
was der jetzige Herausgeber Thomas Lange 
in seinem ausführlichen Nachwort zur Person 
des (der »Neuen Sachlichkeit« zuzuordnen¬ 
den) Autors und zur Tradition deutscher lite¬ 
rarischer Auseinandersetzung mit China da¬ 
mit in Zusammenhang bringt, daß die Publi¬ 
kation im 2. Weltkrieg aufgrund der Entlar¬ 
vung des englischen Imperialismus in die anti¬ 
englische Propaganda eingespannt wurde; 
wogegen sich Brunngraber, von 1934-45 
Mitglied der SPÖ, Kritiker der Februar-Mas» 
saker (1934) an der Wiener Arbeiterschaft 
und Autor des Arbeitslosenromans »Karl 
und das 20. Jahrhundert« (1932), verwahrte 
und daraufhin 1940 von der Reichsschrif- 
tumskammer ausgeschlossen wurde. 

Brunngraber schildert den Opiumkrieg 
(1840-42), dessen Ergebnisse mit dem Ver¬ 
trag von Nanjing u.a. die Abtretung von 
Hongkong und der endlich erreichte Zugang 
zum chinesischen Markt waren, als das Auf- 
einanderprallcn zweier völlig verschiedener 
Welten, in dessen Verlauf die zweckrationale 
englische Militärmaschine den Sieg davon¬ 
trägt. Am Beispiel des kaiserlichen chinesi¬ 
schen Kommissars Tschun-lin (heute: Lin Ze- 
xu), der an zwei Fronten kämpfend - gegen 
die Korruption der im Zerfall begriffenen 
Mandschu-Dynastie und gegen die respektlos 
aggressive Handelspolitik der Engländer — 
das Eindringen des Opiums aufzuhalten 
sucht, wird deutlich, wie eine Kultur von in¬ 
nen heraus zerstört wird. Die Engländer, die 
sich mit christlichem Überlegenheitsdünkel 
über die Sitten und Gesetze ihres Gastgeber¬ 
landes China selbstherrlich hinwegsetzen, 
zwingen der chinesischen Führung ihr eigenes 
militaristisches Denken und Vorgehen auf, 
wobei nach der Provokation kriegerischer 
Auseinandersetzungen mit Sicherheit der 
schlechter Bewaffnete unterliegt. 

Brunngrabcrs Roman ist aus echtem Inter¬ 
esse für die chinesische Tradition geschrieben 
und stellt sic mit viel Detailkenntnis der im¬ 
perialistischen Doppelmoral gegenüber: die¬ 
se prangerte in der englischen Heimat den 
Opiumhandel von den Kanzeln herab an, 
nutzte in China aber den willkommenen Ab¬ 
satzmarkt für die indischen Anbaugcbictc. 

Rudolf Brunngraber’s weitere Romane, 
u.a. Radium (1936), Zucker aus Cuba ( 1941), 
Der Weg durch das Labyrinth (1949), sind lei¬ 
der nur antiquarisch erhältlich, bis auf Karl 
und das 20. Jahrhundert , der 1978 unter dem 
Titel Die Zeitlawine neu aufgelegt wurde 
(Scriptor Verlag). 

Friederike Kamann 

¥ 

»Quer durch die ganze Weltgeschichte, vom ägypti¬ 
schen Pharao Ramscs I. bis Dr. Helmut Kohl aus 
Oggersheim, hat sich bisher noch jeder Staat als 
großmäuliger Versager erwiesen. In diesem 8. Jahr¬ 
zehnt meines irdischen Daseins habe ich so manche 
geistig-moralische Wende und dazugehörige Kriege 
erlebt und überlebt (es waren natürlich nur reine 
Verteidigungskriege.) Alle mir aufgezwungenen 
Staaten haben von höheren Werten nur so getrieft, 
diese aber immer und überall in Barbarei perver¬ 
tiert.« (S. 38) 


57 


In dieser direkten Sprache schrieb der 1985 in 
München verstorbene Anarchist Hans Popper sein 
»Anarchistisches Lesebuch« das nun Syma Popper 
im Verlag Klaus Guhl, Knobelsdorffstr. 8,1000 Ber - 
lin-19 hcrausgcgcbcn hat. Hans Popper macht nicht 
viele Schnörkel, er versucht so zu schreiben, als sä¬ 
ßen ihm seine Lcscr/-inncn direkt gegenüber, wenn 
er sic über Anarchismus, Staatsbrutalität oder Re¬ 
volution aufklären will. Dabei bezieht er die gängig¬ 
sten Vorurteile gegen Anarchismus (erfolglos, 
Schwärmerei, realitätsfremd usw.) gleich in seine 


Guhl-Verlag auch die Beschreibung eines Men- j 
sehen, der recht unspektakulär »seinen« Anarchis- j 
mus in sein alltägliches Verhalten umsetzen konnte. 
Popper war »nur« einmal im Knast - wegen Kriegs- I 
dicnstvcrwcigcrung in Israel nach der Staatsgrün- j 
düng; »nur« einmal im Exil - als jüdischer Sudctcn- 
dcutschcr. Er schrieb - bis zu diesem Lesebuch - j 
»nur« ein Buch über die Yishuv (freie Gcmcinschaf- j 
ten) im Israel vor der Staatsgründung. Obwohl er 
nur wenigen bekannt war und sicherlich in seinem ! 
Leben mehr Ablehnung als die Zustimmung I 



Argumentation mit ein und »beweist«, daß diese 
Vorurteile viel stärker für die HERRschendcn Zu¬ 
stände zulrcffcn als für die anarchistische Utopie. 
Aber stopp, was heißt hier »anarchistische Utopie«? 

- »Der Staat als segensreiche oder wenigstens er¬ 
trägliche Institution ist eine Utopie.« 

Das Büchlein Poppers bietet keine theoretischen 
Höhenflüge: cs ist zwar ernsthaft, aber mit einem 
Schwcijkschcn Schalk — vielleicht kein Zufall, da 
Popper in der Tschechoslowakei,aufgewachsen ist? 

- läßt er sich nicht fcstnagcln. Wie ein mittelalterli¬ 
cher Narr sagt er den Herrschenden die Wahrheit 
ohne belangt werden zu können. Und so sind auch 
seine Geschichten, er gibt sich naiv und hat Erfolg; 
sei cs wenn er einem Paßbeamtcn treuherzig sein 
Babyfoto mit nacktem Arsch hinstreckt, sei cs wenn 
cr _ obwohl für Tschechen damals verboten - in 
Ungarn ein Donauschiff verläßt, mit der Versiche¬ 
rung, die Regelung gegen Tschechen gelte nicht für 
ihn, denn »Ich bin der Popper« und damit den unga¬ 
rischen Matrosen überrumpelt und schon die Gang¬ 
way hinunter ist. 

Mit dem vorliegenden »Lesebuch« gibt der 


Gleichgesinnter erfuhr, verfolgte er seine Ideen ! 
konsequent. Nicht alle Kurzkapitel scheinen völlig \ 
gelungen, oft sind cs nur Bilder, die er erzählt und j 
von denen cr glaubt, daß sie für sich sprechen und 
die Leser zum Nachdenken anregen. Zwei gelange I 
Beispiele für seine Ernsthaftigkeit und seinen Hu- I 
mor seien noch vorgcstelll: 

»Verstand und Vernunft: der Verstand befähigt uns, j 
Atombomben zu bauen. 

Wenn wir Vernunft hätten, würden wir es unterlas- ! 
scn.« (S. 72) " ! 

Und aus dem Anhang, in dem Syma Popper I 
Briefe an Minister und deren Antworten sammelte, : 
einen Brief an Manfred Wörner vom 15.4.84: i 

Hochverehrter Bundesminister! j 

Betrifft: Aufmarschgebiet 

Leider vermisse ich in den gegenwärtig erscheinen¬ 
den Veröffentlichungen jeglichen Hinweis auf die 
Unvcrzichlbarkcit eines Aufmarschgebiets, obwohl 
diese den Herren höheren Offizieren — zu denen 
Sic als Oberstleutnant der Reserve selbst gehören - 
durchaus bekannt ist. 


. EhotoiHcrby Sachs. 

















Ich würde in aller Bescheidenheit anregen, daß 
Sic persönlich, sehr verehrter Herr Bundesminister, 
in einer weit zu verbreitenden Broschüre auf die 
Notwendigkeit hinweisen, daß wir zu allen unseren 
strategischen Überlegungen auch die Vorbereitung 
eines entsprechend großen Aufmarschgebiets zum 
dringenden Anliegen machen müssen. 

»Aufmarschgebiet« ist ein recht langes Wort. 
Um cs breiten Bevölkcrungsschichtcn näherzubrin¬ 
gen, wäre cs zweckmäßig, mit Zustimmung und 
Einwilligung der Hausbesitzer an den Häuserwän¬ 
den ein großes A im Kreis anzubringen. 

In Erwartung Ihrer geneigten Antwort verbleibe 
ich mit vorzüglichster Hochachtung Ihr sehr ergebe¬ 
ner 

Hans Popper (74) 

[Schon am 4.5.84 bekam Hans Popper Antwort aus 
dem Bundcsvertcidigungsministcrium: »Die von Ih¬ 
nen gegebenen Anregungen haben wir zur Kenntnis 
genommen und in unsere Überlegungen mit cinbc- 
zogen.«] 


archistcn Mexikos, die den Erdbebenopfer halfen 
und zur Selbsthilfe anregten) in dem Buch umzuset¬ 
zen. Seine Tätigkeit im Anarchistischen Dokumen¬ 
tationszentrum erlaubte ihm zudem das Buch her¬ 
vorragend zu illustrieren und jedem Kapitel diverse 
wcitcrgchcndc Litcralurhinwcisc beizufügen. Ge¬ 
lungen ist auch der Brückenschlag 100-jähriger Ge¬ 
schichte anarchistischer Bewegung, von Johann 
Most bis zum Kongreß in Venedig 1984, bei dem 
Horst Stowasscr selbst mit einem Referat zur zeitge¬ 
nössischen Bestimmung eines anarchistischen »Re¬ 
volutionsverständnisses« auftrat. 

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich die Subjek¬ 
tivität des Buches und cs wäre falsch zu glauben, 
daß damit ein umfassendes Bild des Anarchismus 
geboten würde. So fehlen z.B. die Auseinanderset¬ 
zungen um Feminismus und Anarchismus; ein Man¬ 
gel, den Horst Stowasscr in den Anmerkungen am 
Schluß des Buches selbst cinräumt. Es fehlen die 
Widersprüche innerhalb der Bewegung, an denen 
immer wieder um das Sclbstvcrständnis und die 


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Mit seinem Buch »Leben ohne Chef und Staat« legt 
Horst Stowasscr so etwas wie eine neue Einführung 
in Geschichte und Praxis (also nicht Theorie!) der 
anarchistischen Bewegung vor. Daneben ist cs zu¬ 
gleich ein Buch über Horst Stowasscr! 

Es ist ihm geglückt nahezu all seine Ansprüche 
(»Anarchismus für jcdcrmann/jcdcfrau«), seine hi¬ 
storischen Licblingsthemcn (»Machnobcwcgung in 
der Ukraine, anarchosyndikalistischc Massenbewe¬ 
gungen in Spanien und Argentinien), seine Ver- 
glcichsprojcktc für eine anarchistische Zukunftsper¬ 
spektive hierzulande (Communidad — Kommune in 
Uruquay und Schweden; Huehuecoyotl - Kommu¬ 
ne in Mexiko) und seine Vorstellungen von einem 
pragmatischen Anarchismus (etwa im Sinne der An¬ 


konkrete Praxis von Anarchisten gerungen wurde. 
Es fehlen selbstkritische Reflexionen über die Ursa¬ 
chen zahlreicher Niederlagen. 

Doch genau diese Fragen würden das Konzept 
Stowassers sprengen: er will - bis hin zum Schreib¬ 
st (er liefert »Stories«) - ganz einfach Anarchis¬ 
mus populär machen, gemäß der Parole »Raus aus 
dem gesellschaftlichen Ghcttodascin!« Deshalb ist 
selbst das populäre, buntscheckige und bisweilen 
allzu banale Programm des Eichhorn-Verlag , 6000 
Frankfurt-70 der richtige Ort , denn schließlich 
brachte der selbst dummdämlichc Spontisprüchc 
undähnlichcs bis in die Buchhandlungen des hinter¬ 
sten Schwarzwald-Kurorts! 


»Urlaub: Wir hungern nach Sonne und Sorglosig¬ 
keit. Wir reisen (. . .) suchen Erholung (...) für 
die Wunden der Industricgcscllschafl und produzie¬ 
ren eine neue gesellschaftliche Krankheit: Touris¬ 
mus.« So lautet der provokative Einlcitungssatz ei¬ 
nes kritischen Taschenbuchs des Iz3W-Freihurg 
»Klar, schön wär's , aber. . .«, das den Tourismus in 
der Dritten Welt in einer überarbeiteten Neuaufla¬ 
ge zum Gegenstand hat. Dabei geht es nicht nur um 
die »Traumreisen deutscher Männer« in thailändi¬ 
sche Puffs, sondern vor allem auch um den Altcrna- 
tiv-Tourismus. Aktion Dritte Welt, Pb 5328, 7800 
Freiburg, 206 S., 12,80DM. 

Streifzüge durch diese unsere elektronische Mc- 
dicnlandschaft unternimmt Rüdiger Hipp in »Böcke 
als Gärtner«. Dabei gellt um Rundfunkspraclic, 
Hintergründe der »lustigen« Jugmdmusikprogram- 
me u.a. Wcn’s interessiert, der die findet eine Un¬ 
zahl von scheinbar flotten Modcratoren-Sprüchen 
und kann dieser geballten uifzählung von Dumm¬ 
heiten nur kopfschüttelnd gegenüberstehen. Nur, 
warum all diese Blödheiten auch noch in einem ei¬ 
genen Buch festgehaiten werden müssen, ist mir 
nicht ganz einsichtig. Auch scheint mir eine andere 
Medienkritik sehr viel wichtiger: was wird verseil 
wiegen? Man/frau erinnere sich: nach Tscherno¬ 
byl gab cs nahezu täglich einen Störfall in einem 
AKW irgendwo auf der Welt; inzwischen ist wieder 
»Ruhe« cingckchrt. Nach Sandoz/Basel gab es fast 
täglich eine Chcmicgift-Einleitung in den Rhein. 
Den einzigen Schluß, den wir daraus ziehen kön¬ 
nen, ist doch der, daß beide Arten von »Unfällen« 
tatsächlich täglich »passieren«, aber nur dann be¬ 
richtet wird, wenn die Medien davon ausgehen, daß 
die Öffentlichkeit dies im Moment von ihnen erwar¬ 
tet, (und im Sinn der Herrschenden: daß eine Be¬ 
richterstattung dann sogar die Funktion hat, »Un¬ 
fälle« alltäglich zu machen, dem Skandal das außer¬ 
gewöhnliche zu nehmen.) Danach breiten sic wie¬ 
der den gnädigen Schleier des »Nicht-so-Aufbnu- 
schcns« über alles aus. Würden die »lustigen« Re¬ 
porter also konsequentere Berichterstattung betrei¬ 
ben, könnte ich auch ein paar dumme Sprüche er¬ 
tragen bzw. leiser drehen. 

Erewhon-Verlag, Justinns-Kenier-S/r. 65, 7157 

Murrhardt, 158 S., 15.- (Wer mir dafür mein Rezen¬ 
sionsexemplar abkaufen will, soll sich melden, ich 
schicke es unverzüglich portofrei!) 

Wolfgang Hang 

Das 2. Jahrbuch für gewaltfreie und libertäre Ak¬ 
tion, Politik und Kultur »Wege des Ungehorsams« 
ist erschienen. Diese qualitativ gute Buclizeitschrift 
von Anarchisten/-inncn aus der Graswurzel-Bewe- 
gung enthält Beiträge zur Gewaltlosigkeit, zur Spa¬ 
nischen Revolution, Sozialen Bewegungen, zu 
Gandhi, Autos, Auschwitz heute, Kriegsdenkmü¬ 
ler, der Startbahn West, Haymarket und zum tech¬ 
nokratischen Konservatismus. Hcrausgreifen will 
ich den Artikel Cornelia Naths »Wider die Eindi¬ 
mensionalst«, in dem sic der herrschenden Ten¬ 
denz entgegentritt, die aus den Krisen von sozialen 
Bewegungen (z.B. das Scheitern der Friedensbewe¬ 
gung) immer sehr eilfertig versucht, die Rechtferti¬ 
gung bzw. Neubegründung ihrer institutionellen 
»Rcform«-mcchanismcn ableiten wollen. Um klar 
zu machen, daß es bei den neuen sozialen Bewegun¬ 
gen nicht nur um den »Erfolg« sondern auch um ei¬ 
nen anderen Alltag geht, beschreibt sie zunächst die 
Szene und deren Mechanismen, die ein grundsätz¬ 
lich viel umfassenderes Politik- und Lebensver¬ 
ständnis beinhalten als dies Parteien (einschl. der 
GRÜNEN) im Parlamentarismus entwickeln kön¬ 
nen. Während sic ebenfalls die politische Schwäche 
vieler sozialer Bewegungen einräumt, hält sic deren 
revolutionären bzw. gcsellschaftsvcrändcrndcn 
Charakter auf kulturellen (und teils auf wirtschaftli¬ 
chen) Gebieten für erfolgreich im Sinne herrschafts- 
freier Zielsetzungen. D.h. auch, daß sie den »Pri¬ 
mat der Politik« als Bcurteilungskritcrium bestrei¬ 
tet, daß sic cs ablchnt, den persönlichen Frust über 
eine gescheiterte Zielsetzung einer Bewegung zur 
gesamtgesellschaftlichen Situationsbeschreibung zu 
erheben. 

»Der Frust nach dem politischen Mißerfolg der 
Friedensbewegung ist verständlich, ebenso, daß vie¬ 
le Aktivisten im Moment mit den GRÜNEN flirten 
- aus Mangel an vorgefertigten, konsumierbaren 
Handlungspcrspcktivcn im außerparlamentarischen 
Bereich und weil cs ja auch um (die letzten, raren) 
Arbeitsplätze und die Rechtfertigung für den Ein- 


















/ ,j*r ' J; fgft m Wm 


£dicBcwcgung^di^c» ic> RcVO ,u- 

ich, weil ihf (inwzischcn angc 

.wegung nur n< idealistisches 

ichtlich belegtes«) jo . tzt , redge- 

Icutci, von dein m CornC lia Nat 
entfernen hat.« ( s . b J h dcn sozialen 
i-^ cn r f n die wc^ng vergangen« 

;n zurcchncn, d*e Vcrsuchc weder den 

z&SHsxst&s 

unarlamcntaricr« » n ® kritische Aus 

„halte zu stoppen. l ^ l cfl i s muv« von 

Gerdr “" Z 7 ,, Sm,*r«ch«et * 

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widerspricht, daß aber w? lndus tric- und V<J 

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agüss 

Herdes SF. Wol[gaagH“"S | 






















btr. SF-21 Libertarians (Art. v. Wolfgang Haug) 

Vorauszuschicken wäre, daß die Ursprünge der Be¬ 
wegung (der Right-wing anarchists oder Liberta- 
rians) höchst suspekt sind. Sic sind vor allem aus 
Leuten zusammengesetzt, die sich 1969 aus dem re¬ 
aktionären Jugcndflügcl der republikanischen Par¬ 
tei abgcspaltcn haben (dem Young Amerievans for 
Freedom (YAF)). Sie sahen sichals Schüler der 
Freier Markt-Philosophie Ayn Rands (Rand emi¬ 
grierte 1917 aus Rußland und gewann mit ihren Bü¬ 
chern um. The Foutainhead, in denen das Schicksal 
von , Genies 1 unter der Fuchtel des Staates abgehan¬ 
delt wurde, einigen Einfluß; SF-Red.) und Gefolgs¬ 
leute des Senators von Arizona und Präsident¬ 
schaftskandidaten Barry Goldwatcr, die mit der 
klassischen konservativen Doktrin, nämlich dem 
massiven Eingreifen des Staates in das Privatleben 
der Bürger brachen. Trotzallcm griff der Disput tic- 
fcr. Während der 60er waren konservative US Jugen¬ 
dorganisationen unter dem Druck der Linken mehr 
und mehr auf eine Staatsverteidigung cingc- 
schwcnkt; teilweise aus Furcht und teilweise aus 
dem Wunsch heraus, den US-Kapitalismus in seinen 
Zielen im Ausland zu unterstützen. Dies mußte zum 
Konflikt mit Rand’s und Goldwatcr’s Anhängern 
führen. Sic sahen diese Entwicklungen als definitiv, 
nicht als taktisch; die wegen Vietnam cingcführtc 
Wehrpflicht und steigende Einkommenssteuern als 
direkten Übergriff des Staates auf den freien ameri¬ 
kanischen Bürger. Sic ärgerten sich sogar über die 
konservative Zufriedenheit, die Poläzcistaatsmctho- 
den gegenüber harten Drogen, kultureller und poli¬ 
tischer Repression von nonkonformistischen Mei¬ 
nungen oder Angriffen auf die freie Meinungsäuße¬ 
rung rechtfertigte. 


Die Dissidentengruppe suchte nach ihrer eige¬ 
nen Identität innerhalb des Durcheinanders der 
neuen politischen Tendenzen in den USA der 60er 
Jahre. Eine erste Möglichkeit, nämlich Ayn Rands 
(,Objcktivist‘-)Bcwcgung fortzusetzen, wurde ver¬ 
worfen, als diese sich für einen begrenzten Staat 
stark machten; eine ungemütliche Nähe zur politi¬ 
schen Aussage der YAF. Auch der ,Göldwatcrism 4 
erwies sich als wenig hilfreich, als dieser sich für den 
Nixon-Agnew-Wahlkampf cinspanncn ließ. Wäh¬ 
rend eines kurzen Zwischenspiels nannten sich die 
Mitglieder ,Anarcho-Kapitalistcn\ ,Rationale An¬ 
archisten' oder ,Rationale Libertäre 4 , Ühcrccin- 
stimmung wurde letztlich für den Begriff ,Right- 
wing Anarchist 1 oder kurz ,Libertarians* erzielt. 
Dennoch dauert das Vcrwirrspicl an. So taucht in 
dem Buch Dear America von Karl Hess, einem füh¬ 
renden Ideologen der Bewegung, (Hess war Reden¬ 
schreiber für die republikanische Partei , darunter für 
Gerald Ford, Barry Goldwater und Richard Nixon. 
Er verließ die Partei wegen deren Weiterforcierung 
des Vietnam Kriegs; er war danach kurzzeitig Mit¬ 
glied des SDS und sogar der 1WW, SF-Red.) die Be¬ 
zeichnung ,Lcft-wing Libertarian 4 auf; was einem 
das mulmige Gefühl verschafft, daß ddic US ,right- 
wing anarchists 4 die eigentlich positive Bezeichnung 
,Libcrtärcr 4 schon bedeutungslos gemacht bzw. aus¬ 
gehöhlt haben. 

Dieses Vcrwirrspicl entspricht der Mischung al¬ 
ler möglichen Ideen unter dem Label,right-wing an- 
archism 4 . Spannungen gibt cs u.a. zwischen dem An¬ 
satz einer ,absoluten Freiheit des einzelnen und dem 
Anspruch eine Gemeinschaft zu bilden. (. . .) Hess 
mischt Marx mit Proudhon, Mao mit Barry Goldwa¬ 
tcr, die Black Panthers mit Paul Goodman. Auffal¬ 
lend eigentlich nur, daß Kropotkin fehlt. 


Aber Hess ist nicht typisch, er steht eher für den 
linken Flügel der ,right-wing anarchist 4 . Für die 
Mehrheitsposition und den haupteinfluß stehen die 
freie Markt-Philosophen Murray Rothbard (vgl. 
Americas Great Depression; Man, Economy and 
State, SF-Red.) und Ludwig Von Mises (vgl. Human 
Action, SF-Red.) und ab und zu der konservative 
Ökonomiespezialist Milton Friedman..Aus der der 
eigentlichen anarchistischen Tradition taucht eigent¬ 
lich häufiger nur ein Name auf, der des aus dem 19. 
Jahrfiundertstammcndcn amerikanischen Libertä¬ 
ren Lysander Spooncr: Der ,anarchistische Mantel 4 
der Bewegung ist als wohl nichts weiter als Opportu¬ 
nismus; die wirkliche Philosophie, die hinter der Be¬ 
wegung steht, falls sie überhaupt eine hat, ist ein alt¬ 
modischer .Bcsitzindividualismus 4 a la John Locke. 
Wenn wir ihre Sorge um bürgerliche Freiheiten 
ernst nehmen, dürfte von ihrem politischen Ansatz 
nicht viel mehr zu halten sein, als den Versuch zu 
machen, staatliches Handeln für das Privalunlcr- 
nchmertum — möglichst reibungslos und angenehm 
“ kooperativ zu gestalten. 

Bruce Vandervort 


Weitere Anmerkung der SF-Redaktion zum Umfeld 
der Libertarians und ihrer Versuche in Kuropa Fuß 
zu fassen: 

Die bisherigen ergänzenden Informationen blieben 
nicht das einzige, das der Redaktion zu diesem The¬ 
ma zugeschickt wurde. Es fand sich auch eine Abo- 
Abbestellung mit dem Hinweis, daß cs sich nicht 
lohne, eine Zeitschrift zu lesen, die sich an den >in- 
ncr-anarchistischcn Grabenkämpfen< beteilige und 
so viel Energie und Platz vergeude, die besser den 
wirklichen Gegnern gewidmet werden. Grundsätz¬ 
lich stimmen wir dieser Haltung zu. Unsere Solidar¬ 
ität gilt allen Gruppen und Bewegungen, auch 
nicht-anarchistischcn, die sich für eine Verbesserung 
der sozialen Verhältnisse und Erweiterung von Frei- 
hcitsrcchtcn cinsetzen. Wir halten aber für allzu nö¬ 
tig, Informationen über Gruppen und Bestrebun¬ 
gen zu veröffentlichen, die im selben Namen wie wir 
- nämlich unter Anarchismus —, Inhalte vertreten 
bei denen uns - gelinde gesagt — die Haare zu Ber¬ 
ge stehen! 

Wolfgang Haug hat in SF-21 angedeutet, daß die 
Libertarians sieh organisatorisch nach Europa aus¬ 
dehnen wollen, und daß dies nicht notwendig be¬ 
deute, daß sie es unter dem Namen Libertarians ver¬ 
suchen. Inzwischen hat sieh eine erste Form gefun¬ 
den! Am 3.11.86 erfuhren die Leser der taz von ei¬ 
nem » Open Mind Festival — ein Forum für gesell¬ 
schaftliche und individuelle Evolution« in dcrSchüt- 
zcnhallc von Kerpen-Manheim (hei Köln) 
(18.ll.-23.il.). Als Veranstalter präsentierte sich 
ein Freenetwork. Erfunden hat diese Organisation 
der Belgier Andre Spies, der - um nicht uninteres¬ 
sant zu erscheinen auch gleich ein Institut (vgl. Pra¬ 
xis der Libertarians) gründete: das Welt-Harmonie 
Institut! Wir zitieren die »3 Worte lange« Zielset¬ 
zung dieses Instituts: » Harmonie schaffen« (in 
Deutsch sind s eben nur zwei Worte!). Entsprechend 
dem Vorbild der Libertarians werden in allen Län¬ 
dern Headquarters (Hauptquartiere) eingerichtet. 
Namen wollten wir auch diesmal nicht nennen, weil 
cs sich z.B. hcrausgcstcllt hat, daß manche »Haupt¬ 
quartiere« sieh recht unversehens auf der Liste fan¬ 
den, (sic hatten nur ihr Interesse an Informationen 
bekundet!) aber durch die öffentlich angekündigten 
Vorträge (s.u.) nennen sich die Personen selbst, die 
zweifellos zu der Politik des Freenetworks stehen. 
Es soll noch vorausgeschickt werden, daß diese Per¬ 
sonen nicht notwendig den Libertarians angehören, 
nahezu alle uns bekannten Mitglieder des Freenet¬ 
work stammen aus den Reihen der individualisti¬ 
schen Mackay-Gcscllschaft. D.h. wohl eher, daß 
sich die bundesdeutschen Anhänger Mackays den 
»anarchokapitalistischen« Anschauungen der Liber¬ 
tarians recht nahe fühlen. 

Angeboten wurde in Köln u.a. ein Vortrag von 
Dr. Stefan Blankcrtz (Libertarian International): 
»Noch ein Tschernobyl, wenn das Volk es wyhl« - 
Zur Kritik an der Forderung nach Volksentscheid; 
ein Vortrag John Zubcs (Sohn des Wiederbegrün¬ 
ders der Mackay-Gcscllschaft Kurt Zube) über Pu¬ 
na rchismus; 

eine Diskussion der Freenetworksidee mit Andre 
Spies, Wolfgang Scheel, John Zube, Siegfried 
Schwenke; 

ein englischer Vortrag über Rohkosternährung von 
Andre Spies; 







Bl 



General Cu st er 

eine Rehirthing-Sitzung mil Achim Wolschncr; 

ein Vortrag über Tachyon: freie Energie - Hoffnung 

für die Zukunft? von Sven Mielordt; 

einer zum Buddhismus von Elizabeth Clarkc-Ha- 

sters 

mehrere Vorträge zum Geld nach der Lehre von 5/7- 
iw Gesell (vgl. SF-13) von Siegfried Schwenke, 
Achim Wolschncr, Helmut Crcuz, Theo Mcgalli 
eine Vorstellung von Dieter Duhms Bauhüttcn-Pro- 
jekl, jener spiritualistischcn Kommune für »Liebe 
und den Aufbau von Übcrlcbcnsdörfcrn, sowie Wil¬ 
helm Reichs Orgon-Thcoric. 

Daneben und ernster zu nehmen: eine Podiumsdis¬ 
kussion zur Ökobank lind Vorträge zum Thema 
»Anarchismus und Pädagogik«. 

Besonders die Mischung zwischen individualan- 
archislischer Staatskritik und spiritualistischcn Ich- 
veränderungstheorien scheint uns der eigentliche 
Ansatzpunkt des Freenetwork. Hier wird, beein¬ 
druckt vom ehemalig großen Zulauf für Psychokultc 
a hi Bhagwan, der etwas verspätete Versuch ge¬ 
macht, die angeblich vertrocknete politische Theo¬ 
rie mit spirituellen, lebe ns re forme rischen Ideen aul¬ 
zumöbeln, sprich »ganzheitlich« zu machen. Dabei 
deutet der ganze Entwurf des Welt-Harmonie Insti¬ 
tuts doch eher auf das Computcrplanspicl wirklich¬ 
keitsfremder Intellektueller hin. Dabei allerdings 
betont einfach (in Erwartung des Masscn-Zulaufs?) 
formuliert. 


Zitat: »Das Freenetwork steht zu nichts in Opposi¬ 
tion.« (SF: Ein erstaunlicher Satz für »Anarchi¬ 
sten«, aber wohl nicht für »Harmonistcn«; doch wei¬ 
ter :) »Wir glauben, daß cs für das Individuum der 
einfachste Weg ist, die Welt zu verändern, wenn cs 
sich selbst verändert. Deshalb sind wir speziell an 
der Evolution des Selbst oder psycho-sozialcn Ent¬ 
wicklung interessiert. Viele unserer Gründungsmit¬ 
glieder sind in NEW AGE Techniken, Aktivitäten 
und Projekten beteiligt.« 

Ein paar (erlernbare) Voraussetzungen mussten 
Interessierte allerdings schon mitbringen: »Leute, 
die Harmonie schaffen wollen, müssen gewisse 
Glaubcnsvorstcllungcn über Harmonie haben, 
z.B.: Harmonie ist wünschenswert; was ist Harmo¬ 
nie und was nicht; Harmonie kann geschaffen wer¬ 
den.« Damit das ganze nicht zum unüberwindlichen 
Hindernis wird, darf aber »jeder Welt-Harmonie-In¬ 
stituts-Katalysator/Koordinator die Wclt-Harino- 

nic-lnslitut-Prinzipicn nach seinem persönlichen 
Zweck um formulieren. Die Zustimmung ist nur 
zum Namen und zum Zweck des Wclt-Harmomc-ln- 
stituts von Nöten, niemand muß definieren, was 
.Harmonie« eigentlich ist, oder gar zusl.mmcn was 


cs ist.« 

Da bleibt dem unbedarften Zeitgenossen der 
Mund offen. Entweder handelt es sich bei den ca. 30 
detailliert ausgearbeiteten Seiten des Andre Spics 
um ein grandioses Verarschungsspicl, wo einer hin¬ 
terher ein Buch veröffentlicht, etwa in dem Tenor: 
je inhaltsloser desto größer wird die Psychosckie 
hach wie dumm, sind meine Zeitgenossen; 

oder? _ _. 

Oder cs handelt sich um die bewußte Vermi¬ 
schung aller möglichen gcistc'sgcschichtlichcn Ideen 
zu einer Ich-Kult-Bcwcgung - alsRcflcx auf unsere 
Gesellschaft, die die Individuen entmachtet, atomi- 
siert und an wirklichen Entschcidungsprozcsscn hin¬ 
dert^ Also ein Reflex, der von der richtigen Ein¬ 
schätzung der gesellschaftlichen Situation, nämlich 
der Ohnmacht des einzelnen Individuums ausgeht, 
und weil er dieser Entwicklung gegenüber hilflos ist, 
sic ganz einfach nicht wahrhaben will, verdrängt?! 
Wo keine befriedigende Balance zwischen Gesell¬ 
schaft und Individuum mehr hcrgcstclll werden 
kann, wird einfach die Harmonie für den Harmo- 
nic-Wollcndcn behauptet. Die Widersprüche, etwa 
der Kapitalismus oder reale Sozialismus bleiben 
zwar, aber das persönliche Glück ist gemacht, cs 
liegt’in der langsamen »Sclbstcvolution«, einem 
Prozeß, der nie aufhörl und von dem man »beschei¬ 
den« sagt, daß man »die Wahrheit nie habe, sondern 
sic immer suche.« Stößt der »Wclt-Harmonic-Kata- 
lysator« auf Widerstand, sagt ihm vielleicht jemand, 
daß er spinne, werden ihm - ganz wie bei Bhagwan 
u a _ »Techniken« empfohlen, mit deren Hilfe sich 
dieser Widerstand brcchcn läßt (aus eigener Uner¬ 
fahrenheit mit diesen höheren Weihen, will ich das 
nicht übersetzen: »Postural Integration, Rolfing. 



Rciching, Fcldcnkrcising ctc.). Es ist wohl weniger ] 
der Widerstand des Kritikers gemeint, sondern der 
gegen den eigenen Zweifel. 

All das macht auf mich den Eindrück eines trau- j 
rigen Rettungsversuchs eines übersteigerten Indivi- , 
dualismus’, der das eigene Ich zur alleinigen Instanz 
für jede Handlung in den Mittelpunkt seiner Theo- j 
ric rückt, aber mit der Umwelt nicht klar kommt j 
und deshalb die Zuflucht in einer neuen halb religiö¬ 
sen Dcnkwclt sucht. Anstatt daß sich aus denvoffen- j 
sichtlichen Widerspruch zur Gcsamtgcscllschaft für | 
das Individuum vielfältige Anstrengungen, Kämpfe 
ctc. ergeben - will uns der Wclt-Harmonie-Klub 
wiederauf uns selbst zurückverweisen. Die bewußte 
Vermischung von Anarchismus, Wirlschaftslibcralis- ; 
mus, Buddhismus, Harmonie, Vcgctariertum, Frei- i 
geldthcoric etc. ctc. verlangt von nicht weiter vorbe- \ 
lasteten Interessierten jedenfalls Jahre, um alle Be- j 
standteile des Mischsystems überhaupt zu erlernen: I 
— sie zu systematisieren und zueinander in sinnvol- j 
len Bezug (sofern alle Teile überhaupt in sich sinn¬ 
voll sind!) zu bringen, dürfte nur wenigen vorbclial- [ 
ten sein. Die Chance der Wenigen? Zumindest hat- | 
ten sie ein neues Aktionsfeld. Uns liegt allerdings 
daran, daß möglichst niemand mit dem Freenet- j 
work , den Lihertarians, der Welt-Harmonie-Gesell- 
schaft scine/ihrc Zeit und Energie vergeudet. 


Leserbriefe < 

btr. SF-22 Linke und Ausländerpolitik (Art. v. Wolf- j 
gang Pohrt) j 

So brilliant Pohrts Ansatz auch ist. ich muß ihm an j 
einigen Punkten widersprechen. Gehen wir in der 
Geschichte zurück: 

Die Juden wären nicht ganz so übel aufgesloßen, j 
wenn cs nicht die mit Kaftan und Schabbeslockcn j 
gegeben hätte. Das waren die Jiddcn, auf die jedes J 
Kind zeigen konnte. Das heißt, cs hätte ihnen gar j 
nichts genützt, sich ,wic Opcrellenjudcn“ zu bcnch- ] 
men, im Gegenteil, das Klischee vom ,Kaflanjudcn‘ i 
wurde, in Filmen wie Jud Süß, wirkungsvoll zur4 an- i 
tisemitischcn Propaganda eingesetzt. 

Den Türken wird gerade vorgeworfen, daß sic 1 
sich nicht cinfügcn können oder wollen. Daß Stra- j 
ßcn und Stadtteile in wenigen Jahren zu Ghettos . 
werden, daran wird den Türken die Schuld gegeben. ' 
Wenn hierzulande von Ausländerfeindlichkeit j 
die Rede ist, dann sind vor allem die Türken ge- j 
meint (und in letzter Zeit die Asylanten, denen we¬ 
der eine Chance sich cinzufügen noch sich abzugren- ! 
zen gelassen ist), .deren Frauen Kopftücher tragen, j 
die in 20 Jahren keine 200 Wörter deutsch gelernt j 
haben, die auf ihren Möbeln wie auf Koffern sitzen | 
und immer nächstes Jahr zurück wollen“. 

Viele Türken sind Landarbeiter gewesen; sie sind' j 
beweglich genug, bei einem neuen Herrn, in ! 
Dcutschlandm gute Arbeit zu tun, aber auf den Zu- | 
sammenhall der Familie, der das Überleben sicher- j 
tc, angewiesen - man hat, wenn es hart kommt, im- I 
mer noch eine Kuh und eine Ziege, und einen Öl¬ 
baum im Garten. 

Wenig hört man von den Italienern. Griechen. 
Jugoslawen; die haben guten Willen bewiesen, wa¬ 
ren tüchtig und haben sich angepaßt, haben deutsch j 
gelernt und versuchen, sich wie Deutsche zu bcnch- I 
men. j 

Auch sie stehn doch, wie Pohrt sagt, in der \ 
Schlange mit den Deutschen, brauchen Arbeitsplan ' 
ze und Wohnungen, kaufen sich einen Mercedes, i 
gehn in die Disco und bevölkern die Kaufhäuser, j 
Aber sei es. weil sic meist länger hier sind, sei es. : 
weil sie, wenn Ausländer, so doch Christcnmen- j 
sehen sind,, sie werden leidlich angenommen. ( 

Es spielt etwas anderes mit hinein, das Pohrt. I 
glaube ich, übersieht. An den Japanern ist cs deut- i 
lieh zu machen: Die Japaner sind noch fremder als j 
die Türkken. Aber niemand hat etwas gegen Japa- ■ 
ner. Sie gelten als fleißug. angepaßt, sauber; man j 
sicht sic nur lernen und arbeiten, und sie fallen nicht j 
auf. Obwohl sic sich noch mehr unter sich halten als ; 
die Türken, würde niemand schmieren: .Japaner j 
raus“! j 

Dabei wissen wir über ihr Leben noch weniger j 
als über das der Türken; wir haben nicht einmal ein j 
Vorurteil davon. Wir müßten gerade gegen sie, die j 
offenbar nur Erfolg haben, fultcrncidisch sein. . 
Trotzdem erhebt niemand die Hand gegen Japaner. | 



Einer der Gründe ist: sic haben eigene Banken 
in der Bundesrepublik. Sic sind meistens Angestell¬ 
te oder Manager, sic gehören großenteils zur Elite. 
Und sic sind unauffällig genug, ihre Stellung nicht 
herauszukehren: sic werden als Konkurrenz nicht 
wahrgenommen. 

Kehren wir zu den juden zurück: die Furcht vor 
der Jüdischen Wcltvcrschwörung 4 funktionierte nur, 
weil es neben den ,Kaftanjuden‘ die ,Finanzjuden 4 
gab, die man nicht erkennen konnte und die deshalb 
umso unheimlicher waren. 

Bei den Türken gibt es nur die mit dem Kaftan. 
Für den ,armen Mann am Bosporus 4 bleibt bei aller 
Ablehnung nbedauern übrig. 

Die Japaner aber tragen Tennisdress uind Nadel- 
Streifenanzug. Sie sind überall und sic bestimmen in 
der Börscnwell mit. Dennoch kommt der gedanke 
an eine Japanische Weltvcrschwörung 4 kaum auf. 
Vielleicht weil sic uns die Chance lassen, sic den-, 
noch nicht ganz ernst zu nehmen. Vielleicht, weil 
wir immer noch im Hinterkopf haben, daß wir Euro¬ 
päer ihrer Ausbildung den letzten Schliff geben. 
Vielleicht auch, weil Japan eben doch zu weit weg 
liegt: sic sind nicht unter uns, sic sind auf Abruf hier, 
die Firmen wechseln sic alle 5 Jahre aus. 

Sic sind höflich genug, uns ihre Kultur nicht auf¬ 
zudrängen, und fallen doch unserer Kulturlosigkcil 
nicht anheim. Italiener und Griechen nötigen uns 
durch ihre Gcschäftstüchtigkcit Achtung ab. Japa¬ 
ner bewegen sich in höheren Etagen. Den Türken ist 
das alles nicht gelungen: nicht einmal ihre Kultur ha¬ 
ben sic, trotz der Ghettos bewahrt: ihre Söhne und 
Töchter stehen gegen sic auf. 

Zu Ende bin ich mit diesen Fragen nicht. Aber 
ich denke, auch diese gedanken haben neben Wolf¬ 
gang Pohrts Ausführungen Gewicht. 

Herbert Laschet, Düsseldorf 



* Durch Zufall entdeckten wir auf dem Floh¬ 
markt einen Aquareliblock mit 22 Aquarellen 
aus den ersten Tagen des Spanischen Bürger¬ 
kriegs. Nach unserer Meinung sind nur weni¬ 
ge Exemplare nach Deutschland gekommen 
und hier nie veröffentlicht gewesen. Gerade 
zum 50. Jahrestag kommt ein Flut von Litera¬ 
tur auf den Markt, doch fast nichts in Rich¬ 
tung Kunst im Spanischen Bürgerkrieg. Wir 
halten das Dokument für veröffcntlichtungs- 
würdig. Das Problem dabei ist, daß die Farbli- 
thographien zu teuer sind, um es in Eigenin¬ 
itiative zu veröffentlichen, zumal die Auflage 
gering wäre. Auch für die angesprochenen 
kleinen A-Verlage ist es zu teuer. Deshalb su¬ 
chen wir auf diesem Weg Leute, vielleicht 
auch Verlage, die Interesse hätten die Bilder 
mitzuveröffentlichen. Dabei wäre finanzielle 
Unterstützung notwendig. Hiermit rufen wir 
alle solventen Liebhaber auf sich mit uns (Ro¬ 
land und Friedhelm) über den SF in Verbin¬ 
dung zu . 

Bislang hat sich nur ein SF-Leser gemeldet 
und einige Hunderter in Aussicht gestellt , falls 
es zur Verwirklichung kommt. Deshalb wie¬ 
derholen wir den Aufruf aus Nr. 22 zusammen 
mit zwei — allerdings nur — schwarzweißen — 
Photoabzügen aus dem Kalender. 


btr. SF-21: Stammheim (Art. v. Klaus Bittermann) 

Klaus’ Analyse des Austschcn Machwerks und des 
Rummels drumherum finde ich richtig. Doch sein 
kurzer Rückblick auf die Zeit vor 10 Jahren verdient 
Kritik. Es ist einfach falsch zu sagen, »kein Mann 
der öffentlichen Rede« habe die damaligen Vorgän¬ 
ge skandalös gefunden. Erinnert sei an Peter Brück¬ 
ner oder Erich Fried. Beide übten harsche Kritik an 
der überwiegenden Mehrheit der Linken, die sich 
mit der RAF, ganz im Sinne des Staats, nicht mehr 
ausciriandcrsctztc. Zumindest in Göttingen (sicher 
auch anderswo) stellten RAF und Staat wichtige 
Punkte in den Diskussionen der Studis im Umfeld 
von Spontis und KB dar (Brückners Analysen wa¬ 
ren dabei nicht unwichtig). Schließlich wurde der 
Arbeiterkampf des KB auch nicht müde, die Morde 
von Stammheim als solche zu benennen (und das 
auch ausführlich zu belegen). 

Es gibt halt nicht »die« Linke. Für mich zeigte 
sich damlas vielmehr, wie gering dfie Zahl derjeni¬ 
gen war, die in der damaligen Hystreric einen klaren 
Kopf behielten und die wirklich bereit oder gewillt 
waren, das System hier ernsthaft infragczustcllcn. 
Das kann man von sogenannten Linken wie Jusos, 
DKPIern oder Linkslibcralcn natürlich nicht crartcn 
- in deren Bewußtsein muß sich noch verdammt 
viel ändern, das zeigen solche Situationen wie die 
damalige. 

Ich halte es für grundsätzlich falsch, bei histori¬ 
schen Darstellungen in Schwarzweißmalerei zu ver¬ 
fallen. Fortschrittliche Geschichtsbetrachtung muß 
vielmehr Brüche, Widersprüche, Gegcntcndcnzcn 
benennen - das kann dazu beitragen, unsere Ge¬ 
genwart als veränderbar wahrzunchmcn und Fehler 
nicht zu wiederholen. 

Christian Rothe, Hildesheim 



btr. SF-22 Editorial 

. . . kann dem (»Editorial einmal anders«) nur teil¬ 
weise zustimmen, liegt wohl daran, daß ich den SF 
nunmehr seit Ende 4 82 beziehe und so manches Mal 
Schwierigkeiten hatte, nicht mit dem was da so an 
Problematik, Kultur etc., aufgeführt bzw. gedruckt 
war, sondern ich stellte mir die Frage, wen könnt ihr 
damit erreichen? Was könnt ihr vermitteln, anregen. 
Ja und nun steht da viel über Kultur, Geschichte, 
Ästhetik cthischc-politische Sachen, Arbeiten etc. 
Mich quält halt die Frage, was uns der spanische 
Syndikalismus bringt ,oder CNTnach Franco eie. Ja 
klar, ist wichtig, sollte mann/frau schon wissen, nur: 
in welcher Zeit leben wir, was für soziale Brenn¬ 
punkte tauchen jetzt auf? Waskönnen wir in unserer 
Unorganisation bewirken? Inwieweit bezieht ihr die 
Jugend ein oder sind euch die Tendenzen, »Maul 
halten ist besser« entgangen? Da »müßte« wohl das 
Bewußtsein der Leute anders aufgelaut werden. 
Kultur, Geschichte, so wichtig sic sind, sind wohl da 
fehl am Platz, wo Arbeitslosigkeit, Ausländerhaß, 
Repression gegen die Bewegung sich breit machen. 
Ist es nicht schon schlimm genug, die Spaltung der 
sogenannten Linken zu sehen, wo setzen wir da an 
um die Sache »Militanz und friedliche gewaltlose 
Strukturen miteinander zu verbinden? Fragen über 
Fragen hab ich noch, aber ja, was mache ich, was 
macht ihr? 

Bernd König, Wetzlar 















j 



Redaktion Schwarzer Faden, Postfach, 7031 
Grafenau-1 

*ALTE AUSGABEN DES SF: 

Ab und zu hält sich hartnäckig das Gerücht, eine be¬ 
stimmte Nummer des SF - etwa die Kulturnummcr - 
sei vergriffen. Ursache geben linke Buchhandlun¬ 
gen, die den SF nicht nachbcstcllcn, wenn das abon¬ 
nierte Kontingent ausverkauft ist. Fordert die La- 
dcnmaehcr/innen deshalb auf, den SF nachzuor¬ 
dern; falls cs aus welchen Gründen auch immer 
nicht gelingt, wendet euch direkt an uns; gültig ist in 
jedem Fall die unten wiedergegebene Liste: alle 
dort inhaltlich wiedergegebenen Nummern sind 
noch lieferbar. 

Um neuen Abonnenten oder Interessierten die Ge¬ 
legenheit zu geben, einen besseren Einblick in unse¬ 
re bisherige Arbeit zu bekommen, machen wir fol¬ 
gendes Angebot: Für 4 alte Ausgaben schickt ihr uns 
einen 10.-DM Schein, Überweisung oder Briefmar¬ 
ken). Welche Nummern ihr haben wollt, schreibt ihr 
dabei. Zur besseren Orientierung hier die Inhaltsan¬ 
gaben, zusätzlich haben wir eine mit Anmerkungen, 
Register, Vorwort, Rezension und neuem Lay Out 
versehene NOSTALGIENUMMER (ebenfalls 10.-) 
zusammengcstcllt, die Texte aus den vergriffenen er¬ 
sten 13 Nummern (0 -12) enthält. 

Nr. 14: (64 Seiten) 

★ Arbeit, Entropie, Apokalypse und 35-Stundcn- 
wochc ★ Geheimer NATO-Stützpunkt auf den Fä- 
rörn/* Cruisc auf U-Boote - NATO-Pläne * Euro¬ 
pawahlboykott * Antipädagogik contra Libertäre 
Pädagogik ★ Gesell-Diskussion ★ Das letzte Inter¬ 
view mit Augustin Souchy; + Filmbesprechung Die 
lange Hoffnung ★ Aufruf an Anarcha-Fcministin- 
nen * Kritik an den Ökolibertären u.v.a.m. 

Nr. 15: (64 Seiten) 

★ Kulturnummcr? * FLI-Treffen (Lutter) ★ Auto- 
matisicrungsdcbattc ★ Interview mit A. Gorz ★ 
Frau-Mann-Maschinc * Hacker * Pädagogik-Dis¬ 
kussion ★ F. Ferrer * Anti-Kriegs-Muscum, ein In¬ 
terview ★ Europawahlnachschlag ★ Migros-Oppo- 
sition * Projcklcmcssc ★ Souchy: Mexiko ★ Rei¬ 
mers: Oskar Kanchl ★ Faschismus-Antifaschismus 

★ S.Gesell-Diskussion ★ Omori * Libertäre Co¬ 
mics + Venedig Vcranstaltungsplan ★ u.v.a. 

Nr. 16: (64 Seiten) 

★ Venedig-Berichte (5 Teile) * Feminismus und 
Anarchismus (Vortrag aus Venedig) ★ 1984 = Die 
Ware (J. Clark-Vortrag aus Venedig) ★ Zur Wende 

★ IWF-Krilik ★ Kolumbicn/Sclbstvcrwaltung ★ 
»Atommüllpricstcr« ★ Buko-Bcricht ★ Oskar M. 
Graf ★ »Bakuninhültc« - Erinnerungen von Fritz 
Scherer ★ Nachruf auf Otto Reimers * Stowasser- 
Prozeß ★ u.v.a. 

Nr. 17: (64 Seiten) 

★ A-Szene ★ Industrialismus-Kritik, Teil 1 (Ansatz 
von Alvin Tofflcr) ★ Sozialstaat oder Marktanarchie 

★ Bookehins Natur- und Evolutionsverständnis ★ 
Menschenrechte ★ Chilc-Widcrstandstagc * Puerto 
Rico Landbesetzungen ★ Angst des Bürgers vor 
dem Anarchismus (Casas Viejas) ★ »Nährbodenfor¬ 
schung« Neonazis ★ Spuren der Besiegten (Rcz.) ★ 
Zcitschriftcnschau ★ u.v.a.m. 

Nr. 18: (64 Seiten) (Kulturnummcr) 

★ Theater im Zeitalter totaler Mcdicnwclt ★ Vidc- 
ofronl* Kultur oder wat? * Wider die Vcrcinnah- 
mung * Über Carl Einstein; mit seiner Rede über 
Durruti ★ Das andere Amerika (Filme) ★ Jean Vigo 
(Filmemacher) ★ Streit um den CNT-Nachlaß ★ 
Tschcrnyschcwski: Verwertung von Politik und Kul¬ 
tur ★ Hcrrschaftskultur: Reise in irische Knaste ★ 
A-Szene (FLI, AFN, »Volksfront«), u.v.a.m. 

Nr. 19: (64 Seiten) 

★ Unruhen in Griechenland ★ Entstchungsgc-- 
schichte der PASOK ★ Raus aus der NATO? ★ 
Thesen für einen libertären Kommunalismus * Kri¬ 
tik der Tofflcr-Thcscn * BTX * Reise in irische 
Knaste, Teil 2 ★ Einstellung der Zeitschrift »An¬ 
schläge« * Kritik der Subkultur (Punk und Ökob¬ 
ank) ★ Anarchismus und Mystik ★ Urachcr Kom¬ 
mune 1919 ★ Frauen in der FAUD 1919-1933 ★ An- 
archafcminismus * »Liebe und Anarchie« 

Nr.20: (64 Seiten) .. j T10A 

★ Anti-NATO-Kongreß * Militarisierung der USA 
und UdSSR * Bruch mit den GRÜNEN ★ Sarc/taz- 
hh ★ Unruhen in Spanien * Interview mit Clara 
Thalmann (I) ★ Deutscher Kolonialismus ★ Bar- 
clays Anthropologicansatz ★ Postmoderne ★ Dis¬ 
kussionsteil etc. 


Nr. 21: ☆ Anarcho-Szenc ☆ Kritik an den GRÜ^ 
NEN und Selbstkritik ☆ Glotz’ Hcgcmonicmodcll 
☆ VOBO wieder neu ☆ Staatskritik ☆ Interview mit 1 
Clara Thalmann (II) ☆ Mujcrcs Libres ☆ Stamm-j 
heim - das Buch ☆ Slammheim - der Film ☆ Franzj 
Jung ☆Libertarians? ☆ Antisemitismus in der Lin-- 
ken ☆ Bookehins Kommunalismus ☆ Diskussions-j 
teil etc. i 

Nr. 22: ☆ Tschernobyl und die Asylanten ☆ Linke 
und Ausländerpolitik ☆ Das Umbauprogramm der 
GRÜNEN ☆ Offener Brief der radikalen AKW- 
Gegner ☆ A-Szcne/FLI ☆ Appclscha-Trcffcn ☆ Kol-I 
lektivicrung in Aragon ☆ Krise und Perspektiven) 
der CNT heute ☆ Fcderico Garcia Lorca ☆ Georg, 
Janlhur’s Bilder (Vierfarbdruck) ☆Unbekannte Ma-! 
rut/Traven Stories neu entdeckt, 1. Geschichte ☆ 
Die Exillitcraturrcihc bei Fischer ☆ Erich Mühsam 
(DDR) ☆ Bücher ☆ Anarchismus und Antipädago- 
gik ☆ SB-Bildungstag/Frcic Schulen-Kongreß ☆ 
Gotteslästerungsprozeß ☆ Bookehin-Diskussioni 
etc. 

| 

Spendenliste (es sind weniger geworden??)! 
aber trotzdem hilft es uns sehr: ! 

H.H., Zürich 87.-; N.H., Nürnberg 75.-;; 
F.T., München 5.-; H.F., Weil 5.-; J.L., Ep¬ 
pelheim 50.-; D.H., Hamburg 5.-; A.B., 
E'hausen 5.-; M.G., Belgien 10.-; T.L., Ber¬ 
lin 5.-; J.S., Wuppertal 5.-0! 

Zudem freuen wir uns, daß sich einige ehe¬ 
malige Mitglieder der Gruppe LAVA , Berlin 
an dem entstandenen Defizit für die AR-i 
BEIT-Sondernummcr (übrigens noch bestell-) 
bar!) beteiligen und noch beteiligen wollen, j 



Termine 


Wochenendseminar zu: Pestizide — chemi-j 
sehe Keule für Natur und Umwelt vom j 

9.1.-11.1.87: behandelt werden die vielfälti-; 
gen Formen des Exports und des Einsatzes' 
von. Pestiziden und Handlungspcrspcktiven j 
für Verbraucher und umweh- und cntwick- \ 
lungspolitisch Interessierte. Referenten: Mit-, 
arbeiter des Pcstizid-Aktions-Nctzwcrk 
Hamburg, Kosten: 40.-DM; in: Energic-und ■ 
Umweltzentrum am Deister e. V. % Am Elm- 
chenbruchy 3257 Springe!Eldagsen 

Wochenendseminar zu: Gentechnik — letzte 
industrielle Revolution vom 27.2.-1.3.87: 

' behandelt werden vor allem die Gefahren für j 
Bauern und Landwirtschaft. Referenten: j 
. Mitglieder des Gcn-ethischcn Netzwerks, 
c.V., Kosten: 70.- - 100.-DM; in: Energie-] 
und Um weltzcntnnn am Deisler c.V., s.o. \ 

Wochenendseminar zu Perspektiven des An- 1 
archismus in der BRD vom 23.1.-25.1.87: | 
diverse Themen und Arbeitsgruppen sollen- 
teilnehmen. Referenten u.a.: Horst Stowas-j 
ser, Wolfgang Haug, Ulrich Klemm. Näheres j 
(Genaue AG-Themen, Kosten, Unterbrin-j 
gung etc. bei:) Ev. Akademie Arnoldshain ,; 
6384 Schmitten-Arnoldshainy Tel. 0608413030 '• 
(Jens Harms). 

Wochenendseminar zu Themen des Spani- j 
sehen Bürgerkriegs/der Spanischen Revolu-j 
tion vom 29.1.—30.1.87 an der Uni Olden-1 
bürg. U.a. zu Frauen im Spanischen Bürger- j 
krieg (Friederike Kamann), Militarisierung! 
(Wolfgang Haug), ein ausführliches Pro-j 
gramm und andere Infos bei: Heribert Bau-' 
manriy Universität Oldenburg , Uhlhornweg ) 
49-55, 2900 Oldenburg I 


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